Sonntag, 7. Juli 2013

Last abgeben

Seelenreise vom 4. November 2011

Irgendwie war in der Dresdner Gruppe das Thema „Lasten abgeben‟ aufgekommen. Natürlich hatte Marina diese Seelenreise konzipiert, sie leitet sie ja und sprüht immer vor Einfallsreichtum, doch wie sie auf das Thema gekommen ist, weiß ich nicht. Es passte aber zu meinem Auftrag, mich von meinen Eltern zu verabschieden, wie die Faust aufs Auge.
Ich machte sie zu Hause allein, doch im energetischen Kontakt mit der Gruppe in Dresden, die sie zur gleichen Zeit durchführte.

Interessant war hier schon das Vorspiel. 16 Uhr sagte ich P., dass ich 18:15 Uhr diese Seelenreise machen will. Halb sechs rief D. noch mal an, der sagte ich das auch gleich, und sie fragte dann ab dreiviertel sogar nach, ob ich schon auflegen wolle. Und kurz vor 18 Uhr tobte P. in der Küche los, weil er seinen Tee umgeschmissen hatte, der in und unter die Schränke gelaufen war. Er hörte überhaupt nicht mehr auf zu fluchen und die Sauerei zu säubern, während seine Mutter sich, unsicher lächelnd, in den Ecken rumdrückte, so dass ich schon dachte, dann wird's wohl nichts mit dieser Seelenreise bei dieser Energie in der Wohnung.
Doch dann fiel mir ein: Das ist doch genau das Thema, um das es geht. Ich werde mich ganz sicher nicht von den Bedürfnissen oder auch Stimmungen oder Energien anderer in meinem Vorhaben beeinflussen lassen, diese Last abzuwerfen!
18:12 Uhr brachte ich ihm mein Telefon und sagte ganz ruhig Bescheid, und er reagierte ebenso ruhig und leise darauf mit freundlicher Bestätigung. Zwar störte es mich dann eine Zeitlang doch ein bisschen, dass ich ihn immer noch draußen rumwerken hörte, aber da war es zu spät, noch Ohropax zu nehmen, denn ich war schon mitten in der Reise. Lukas sagte, ich solle dableiben und mich nicht ständig veräußern, ich sei hier in Sicherheit. Und kurz darauf wurde es draußen still.

***
Nachdem ich mich entspannt und eingestimmt hatte, bat ich das Universum, die geistige Welt, mich energetisch mit dem Gruppenraum in Dresden zu verbinden. Ich war sofort dort, ich spürte die Rasseln und den Aufbau der Energiesäule durch Marina ganz intensiv.
Kaum stand ich in meiner Steppe, war auch Lukas schon da. Ich begrüßte ihn herzlich und freute mich, dass er so prompt gekommen war. „Na ja‟, sagte er. „Du willst heute eine Last abgeben, nicht?‟

Ich formulierte meine Last. Kein Individuum sein zu dürfen, nie ich selbst, mich immer anderen beugen und anpassen zu müssen. Ich zähle gar nichts, ich bin nicht wichtig, ich bin unsichtbar und werde gar nicht wahrgenommen, wichtig sind immer nur die anderen. Und dadurch wird das Leben zu Plackerei und Mühsal und verhindert meine Selbstentfaltung.
Das ist meine Last.
Diese Last spürte ich sofort als eine fürchterliche Schwere vor allem auf der Brust und der Lunge, aber auch auf den Schultern und dem Herzen, so schwer, dass ich kaum atmen konnte. Es fühlte sich an wie eine riesige Glocke aus Blei, aber eine, die nicht hohl ist innen, sondern massiv, nur die äußere Form war die einer Glocke. Ich sank unter dieser Last zusammen, gebeugt, wurde fast in die Erde gedrückt, zermalmt wie ein Insekt, ein unnützes Wesen, das man zertreten, auf das man sich drauf fallen lassen kann.
Ich sagte Lukas, ich wisse nun leider nicht, von wem ich diese Last übernommen habe, daher bitte ich ihn zu entscheiden, wer sie zurückbekommen soll, wie viel er zurückbekommen soll, wie viel das Universum oder er auflösen wollen.

Lukas sagte, ich solle mir keine Gedanken machen, ich solle mir auch niemanden vorstellen und nicht überlegen, wer es sein könne. Ich solle nur der Last nachspüren - die richtige Person werde dann kommen.
So stand ich und spürte nach. Die Bleiglocke wurde immer schwerer, ich spürte sie wirklich körperlich, es war ein entsetzliches Gewicht, ich konnte mich gar nicht mehr bewegen.
Nach einiger Zeit erschien ein junger, muskulöser Mann, nackt. Er trat mir, nach vorn gebeugt, gegenüber und hielt den Kopf mit dem dichten, blonden Haar tief gesenkt.
Dann verschwand er wieder.
Da fielen mir die Schläge ein. Schläge, Züchtigungen, körperlicher Schmerz. Wenn du nicht so bist, wie andere es wollen, wirst du geschlagen, rücksichtslos, bis zur Besinnungslosigkeit. Du wirst angeschrien, Schreie, Wut, Aggression, wie eine rasende Kreissäge. Gepeitscht, getreten und geschleudert. Und ich wurde geschleudert, immer im Kreis herum, jemand schlug und peitschte mich, dass ich durch die Gegend flog.
Also doch mein Vater? Ich weiß doch nicht, wie weit die Gewalt in dieser Familie zurückgeht. Ich weiß doch nicht einmal, woher er und seine Schwester ihre militärische Lebenseinstellung haben. Ihr Vater war Antimilitarist. Aber Lukas hatte gesagt, ich solle nicht überlegen, sondern empfinden und warten.
Wieder erschien eine gebeugte männliche Gestalt, ebenfalls ein kräftiger Mann, der war aber ganz dunkel, und ich sah ihn im Profil: Er schleppte ein Fuhrwerk, dessen Riemen ihm über die Schultern gespannt waren.
Männer. Gewalt und Männer. Sie gestatten dir nicht, ein eigenständiger Mensch zu sein. Du hast zu gehorchen, ihren Vorstellungen, ihrem Willen, ihren Launen zu gehorchen.
Wieder erschien ein kräftiger Mann vor mir, dieses Mal aber im grauen Anzug.
Die Männer, die über mich zu Gericht gesessen haben! Sie richten mich, verurteilen mich. Zu Schlägen.

Dann geschah lange Zeit nichts.

Es ist diese innere Einstellung, aus der die Schläge doch erst geboren werden.
Die gnadenlose Strenge.
Der hagere, aufrechte Saturn, der ein Lineal verschluckt hat.
Sitz gerade! Hände auf den Tisch!
Saturn ist Blei.
Es ist Opa Paul! Es ist doch und trotz allem Opa Paul. Seine Kinder sind nur seine Erfüllungsgehilfen, jeder auf seine Art.

Es erschien Opa Paul. Hager, groß, aufrecht. Ein aufrechter Mann, dem Disziplin und Beschränkung wichtiger sind als Leben.

Ich sprach zu ihm: „Lieber Opa Paul, ich gebe dir diese schwere Last zurück. Sie ist zu schwer für mich, ich will sie nicht mehr tragen. Sie gehört nämlich nicht mir, sondern dir. Bitte nimm sie zurück. Ich danke dir, dass du mir diese Erfahrung ermöglicht hast, dass ich dies daraus lernen durfte. Ich wünsche dir alles Gute!‟
Ich nahm die Glocke - sie war so schwer - und hob und schob sie unter großen Mühen zu ihn hinüber. Und Opa Paul nahm sie in Empfang und beugte sich dann darüber - ich konnte nicht mehr erkennen, was er damit machte, denn hinter ihm tauchten noch weitere Menschen auf, eine ganze Runde schattenhafter Menschen saß im Kreis um ein seltsames Lagerfeuer: Es war eine eher kleine, blasse Feuerscheibe, die sich um eine Halterung drehte, wie ein Spanferkel am Spieß - um einen Stein oder einen dicken Ast.

In den nächsten Minuten sah ich, wohin ich mich auch wandte, nur Menschen und Getriebe und Vergangenheit, Mühe und Hektik, bis Lukas mich umdrehte und mich aufforderte, mit ihm durch die Steppe zu reiten. Erst ritt ich wirklich ein Stück auf ihm, doch dann ließ er mich wieder absteigen und galoppierte vor mir her, während ich mich anstrengte, mit ihm Schritt zu halten - bis ich merkte, dass auch ich galoppierte wie ein Pferd. Zwar war ich noch ein Mensch, doch ich bewegte mich und rannte wie ein Pferd, in höchster Geschwindigkeit durch die endlose Steppe. Endlich Ruhe! Endlich Freiheit! Endlich leicht!
Der Druck von meiner Brust war fast verschwunden, es fühlte sich auf jeden Fall schon viel leichter an.

„Lukas, ich bin müde‟, sagte ich, als wir stehenblieben. „Ich bin so unendlich müde, ich möchte nur noch schlafen.‟
„Schlaf‟, sagte Lukas. „Du sollst und musst jetzt schlafen. Du musst dich erholen.‟

In der Ferne vor mir erschien mein Zukunftswesen. Ich wusste nicht, ob es meine Seele, meine Mutter oder gar ich selbst war, aber es war dreieckig und weiblich. Ich lief darauf zu, um in seinen Armen zu versinken, da verschwand es, und ich fand mich in der Oberwelt wieder, wo viele lichte Geistwesen um mich versammelt waren. Es fühlte sich an, als begrüßten oder feierten sie mich sogar.

Als der ganze Spuk verschwunden und ich wieder auf meinem alten Platz in der leeren Steppe gelandet war, setzte Lukas sich rechts von mir hin. Ich bedankte und verabschiedete mich, doch er forderte mich auf, mich noch ein kleines Weilchen neben ihn zu setzen und mir das anzuschauen. Es sah aus, als säßen wir am Rand der Welt, und vor uns dehnte sich das unendliche Universum mit den unendlich vielen Sternen darin.
Lukas gab mir einen strahlend blauen, gläsernen Stein, den sollte ich immer bei mir tragen. Er versenkte ihn schließlich in meinem Herzen. Von dort aus, das wusste ich einfach, würde er immer die Kraft der Leichtigkeit in jede Ecke meines Körpers pulsen, sobald sie gebraucht wird.

© Angela Nowicki, 7. Juli 2013

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