Donnerstag, 25. Juli 2013

Find your damned genius!

Tagebucheintrag vom 10. März 2012

Witzige Entdeckung gemacht:
Als geistiges Wesen gehöre ich natürlich in meinen Kopf, aber es muss ein Gleichgewicht da sein, d.h. ich muss zu gleichen Teilen auch körperlich und sinnlich tätig sein. Bis zur Geburt meiner Kinder war dieses Gleichgewicht auch ganz natürlich da, und vielleicht fühle ich mich heute so unvollständig, weil ich diesen natürlichen Drang zu trampen, Sport zu treiben usw. nicht mehr ausleben kann. Aber egal.

Zum ersten Mal verschob sich das Gleichgewicht mit dem ersten Kind. Und zwar zu Ungunsten des Kopfes - ich musste immer mehr in Körper und Beziehungen, Alltag hinein, dass ich schließlich regelrecht aus meinem Geist ausgesperrt blieb. Es war wie eine Vertreibung aus der Heimat. Vielleicht findet sich hier auch ein weiterer Grund für meine Alkoholsucht: Der Alkohol öffnete meinen Geist, ich durfte für zwei, drei Stunden „nach Hause‟ - und tatsächlich hat es mich ja fast immer nur zur Flasche getrieben, um wieder mal im Lesen und Schreiben schwelgen zu können, es war fast ekstatisch.
Schließlich kam der Umkehrpunkt: I am living behind a curtain... Nein, es war 1999, als ich die letzte abhängige Arbeitsstelle hinter mir ließ, als die Kinder aus dem Haus bzw. fast erwachsen waren, als endlich die Hausarbeit immer weniger wurde, da kehrte ich mit einem nicht enden wollenden Fest in meinen Kopf zurück. Und - peng! - hörte ich auf zu trinken. Vor allem, nachdem ich 2000 ein Vierteljahr lang alle Psychologie-Vorlesungen an der Uni besucht hatte, denn da war ich zum ersten Mal in meinem Leben wunschlos glücklich.
Jetzt aber schlug das Pendel zur anderen Seite aus - nämlich ab 2002 und so richtig dann ab 2004, seit ich die geistige Arbeit zum Beruf gemacht habe. Seitdem bin ich in meinem Kopf, meiner Heimat, gefangen - wie damals, als ich den PM12 hatte. Nun durfte ich nicht mehr nur endlos schreiben, lesen und denken, ich musste es auch, und das Schlimme war (und ist): Es ist eine nachschaffende geistige Arbeit, das Übersetzen, und keine schöpferische. Oder sagen wir besser: Es ist kein Selbstausdruck, und der ist für mich genauso essenziell wie das Gleichgewicht aus Geist, Körper und Sinnen.

Okay - 23 Jahre Gleichgewicht - 20 Jahre Körper-Exil - 5 Jahre Gleichgewicht - 7 Jahre Kopf-Exil - und jetzt zurück ins Gleichgewicht.

Heute:
Mein unaufhörliches Nachdenken über mich und mein Leben, mein Analysieren, Planen und meine Nonstop-Selbstgespräche - all das ist ein einziger großer Fake, eine Kompensation, eine Reaktion - es ist nicht wirklich, und es ist nicht nötig, und es hat nichts mit der Realität zu tun! - denn: Sobald ich im Gleichgewicht zwischen Kopf und Körper bin, sprich: Sobald ich erst mal den halben Tag lang wandern gehe, Yoga mache, male, aufräume, verstummt diese Dauerbeschallung in mir, und ich höre automatisch auf, über mich nachzudenken! Auf einmal bin ich still und in meiner Mitte.
DAS ERLEBE ICH SEIT VIELLEICHT VIERZIG JAHREN ZUM ERSTEN MAL!

Dann habe ich mir noch was überlegt:
Was wollte ich denn ursprünglich am meisten vom Leben? Berühmt werden? Ich wollte ein Genie sein! Nicht mehr und nicht weniger. Und das bedeutet: Ich wollte etwas machen, worin ich auf der ganzen Welt die absolut Beste bin, was sonst keiner tun könnte - wie Janis Joplin im Singen.
Jetzt ist die Frage: Worin bin ich denn die Beste? Als Kind und noch als Jugendliche und junge Frau war ich von dieser Genialität in mir total überzeugt. Und mir ist heute erst mal richtig aufgefallen, dass diese Überzeugung mittlerweile einfach weg ist - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mich überall für mittelmäßig bis bestenfalls sehr gut halte! (meine Träume von genialen Kindern!)
Nicht mal mehr in der Sprache halte ich mich für die Beste. Weder in Fremdsprachen noch im Schreiben - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mir nicht mehr zutraue, einfach mal so eine Fremdsprache zu erlernen, dass ich schon wieder Angst habe, nach England zu fahren, weil ich die Sprache nicht mal annähernd beherrsche! Und ich schäme mich dafür!
Gut, ich muss jetzt mein Genie wiederfinden. Mir schwant schon was... Jedenfalls liegt es definitiv nicht auf einem hergebrachten Spezialgebiet, wie Literatur, Lyrik, bildende Kunst, Musik, Schauspiel, Tanz, Film, Fremdsprachen oder Forschung oder auch Beratung...

© Angela Nowicki, 25. Juli 2013

Keine Kommentare: