Samstag, 1. Oktober 2011

Kapitel 6: Wrocław - Częstochowa (2)


Endlich gehen wir los auf die Wiese, wo die Messe sein soll. Unterwegs begegnet uns ein Mann, der mir bekannt vorkommt. Michał spricht ihn wegen irgendwas an. So lerne ich Pater Andrzej kennen, den Hippie-Priester. Auf der Wiese sind schon etliche Leute versammelt, immer mehr kommen an. Drei oder vier Priester stehen etwas abseits und nehmen die Beichte ab. Sie sind ständig besetzt. Wir setzen uns, und ich breite erst mal gründlich meine Klamotten aus.
Michał drückt mir eine Art Flugblatt in die Hand und übersetzt es mir mühsam:

Jesteście obywatelami narodu, którego prawodawcy tworzą dla was prawa. Prawa te nakazują abyście byli wolni w chodzeniu do szkoły do 18 roku życia, wolni w odbywaniu obowiązkowej służby wojskowej, wolni w przyglądaniu się jak waszą wolność kontroluje policjant.
A policjant, to wasz przyjaciel, który broni was przed swobodną włóczęgą, buntem i obaleniem i przed wami samymi.

Ihr seid Bürger einer Nation, deren Gesetzgeber für euch die Gesetze machen. Diese Gesetze verordnen euch die Freiheit, bis zum 18. Lebensjahr zur Schule zu gehen, die Freiheit, die Wehrpflicht abzuleisten, und die Freiheit zuzuschauen, wie die Polizei eure Freiheit kontrolliert.
Die Polizei aber ist euer Freund und Helfer, der euch vor dem freien Umherziehen schützt, vor Meuterei und Umsturz und vor euch selbst.


Ich tausche noch mal Geld, auch wieder eins zu sechs. Da sehe ich Andrzej, von dem ich voriges Jahr das Peace-Abzeichen bekommen habe. Er war ein Junkie und auf dem Weg zurück in die Entzugsklinik, in der er seit einiger Zeit lebte. Ich hatte ihn dorthin begleitet. Ich rufe ihn, und er begrüßt mich überschwänglich. Doch ich habe den Eindruck, dass er nicht so genau weiß, wer ich bin. Er nennt mich auch bei einem ganz anderen Namen. Ich sage ihm, ich sei Neila, aber er geht nicht weiter darauf ein. Er müsse schnell mal woanders hin, er käme gleich wieder, sagt er. Ich unterhalte mich mit den anderen, schreibe Michał den Text von Gerhard Schönes Schlaflied auf und übersetze ihn. Michał ist laufend verschwunden. Dann kommt Andrzej tatsächlich wieder. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er sich doch noch an mich zu erinnern scheint. Er ist noch in der Klinik, in zwei Monaten kann er aber nach Hause. Schön, sage ich, dann bist du frei. Er sagt: "Ich bin frei."
Irgendwie beeindruckt mich das.

Als so ziemlich alle eingetrudelt sind, beginnt die Messe. Zuerst singen wir mit Pater Andrzej "Alleluja", "Matka, która wzsystko rozumie" und vieles mehr. Dazwischen werden Souvenirs verteilt: ein Zettel mit dem Titel "Akt oddania się Matce Bożej" (ein Mariengebet) und ein kleines, ovales, silbernes Marien-Amulett der Matka Boska Częstochowska. Dann beginnt der Gottesdienst. Ein Priester predigt. Er erzählt den Leuten von ihrer Stellung und Aufgabe und von ihren Schwierigkeiten in der Gesellschaft. Zum Schluss stehen wir alle, sprechen die Liturgien, und plötzlich erheben sich alle Hände zum Victoria-Zeichen. Dann noch einmal: Hunderte von Siegeszeichen, und ein tausendstimmiges "Hej!" fliegt über die Stadt. Da ist es bei mir wieder, dieses überwältigende Gefühl der Gemeinsamkeit, wie eine große Familie sind wir, und ich habe Millionen Freunde...

Die Messe ist vorbei, es wird schon dunkel, aber alle bleiben noch, unterhalten sich, spielen Flöte, Gitarre oder Mundharmonika, tauschen Adressen. Da kommt Wolf wieder. Er hat Helmut nicht gefunden:
"Die sitzen sicher in irgend'ner Kneipe und lassen sich volllaufen! Der verfluchte Schweinehund, und ich renn mir die Beine aus dem Leib!"
Ich strolche mit ihm noch ein bisschen durch die Gegend, er verabschiedet seine beiden Liesen, dann erzählt er mir von dem Yogi. Derselbe, von dem Helmut schon letztes Jahr so viel erzählt hatte. Wolf hat mit ihm gesprochen, ziemlich lange. Er sei kein Yogi, zwei Übungen nur beherrsche er. Er sei sehr glücklich, denn diese Yoga-Übungen hätten es ihm ermöglicht, seinen Gesichtsausdruck vollkommen zu beherrschen, außerdem habe er jetzt ganz gesunde Zähne und fühle sich überhaupt kerngesund, er sei nie mehr krank, er fühle sich prächtig und freue sich sehr darüber. Er könne dazu noch seine Hunger-, Hitze- und Kältegefühle weitgehend beherrschen. In Frankreich soll er studiert haben, habe eine Wohnung in Wrocław und eine in Przemyśl. Beide Adressen hat er Wolf gegeben, dazu noch die Skizze des Weges zu einer Kommune in den Bieszczady, und der gibt mir das jetzt alles zum Abschreiben. Wolf ist wahnsinnig begeistert von diesem Yogi, er schwärmt regelrecht. Besonders gefällt ihm, dass der Yogi keine Religion hat, er stehe über allem, und dass er immer mit einem strahlenden Lächeln zu sehen sei.
"Alles ist gut", soll er geäußert haben.
Ich erzähle Wolf wiederum, dass die Grundausbildung in Rothenburg wahrscheinlich aufgelöst werden soll, und den ganzen Quatsch aus dem Martinshof. Das schockt ihn doch ein bisschen. Dann die einmalige Reaktion: Wenn sie ihn aus der Ausbildung schmeißen, geht er nach Polen. Wenigstens erst mal für ein Jahr. Ich lache mir bald die Seele aus dem Leibe und könnte ihm am liebsten um den Hals fallen. Wir verabschieden uns noch von Michał und gehen langsam runter zum Zelt der Deutschen.

Vor dem Zelt brennt ein Feuer, und als Ersten erblicke ich: Helmut! Die Begrüßungszeremonie kann ich weglassen, ich finde dafür sowieso keine Worte. Er kann's gar nicht fassen, dass ich da bin, tausendmal stoßen wir uns an und brechen in Lachen aus, er zeigt mir stolz die Armkette aus meinen Holzperlen, er hat sie jetzt auf Wildlederband aufgezogen, und stellt mich gerührt den anderen vor: Das sei die Neila, und, zu mir gewandt: Sie hätten den anderen schon die ganze Zeit viel über Siglind und mich erzählt. Es ist eine schöne Überraschung für mich: Zählen sie mich also auch zu den besten Freunden, sind wir jetzt vier?
Da fordert mich der eine mit der Gitarre auf, mal ins Licht zu kommen. Nun erkenne ich ihn auch: Es ist der Typ, den ich mit seiner Freundin in Karl-Marx-Stadt an der Autobahn getroffen habe. Sie wollten in die Tatra. Jetzt sind sie durch mich nach Częstochowa gekommen. Wir singen noch lange. Eins von den beiden Mädchen setzt sich zu Wolf. Sie kommt mir bekannt vor. Woher sie komme, frage ich sie. Aus Oberhof. Ich weiß Bescheid, und auch sie erkennt mich mit großem Hallo wieder. Auf dem Weg von Wandersleben nach Zella hatte ich sie getroffen. Sie hatte mir die Adresse ihrer Schwester in Oberhof gegeben: Mutesius, Kindergarten. Wir lachen.
Später setzt sich noch ein Pole dazu, einer von den Leuten. Er unterhält sich mit Wolf, und durch ihn kommen wir drei zu einer Penne. Oben ist ein Lagerfeuer, an dem noch einige Jugendliche von der Wallfahrt sitzen und singen. Wir gehen erst mal mit dem Polen mit zu ihrem Zelt. Dort sitzt eine ganze Meute und unter ihnen Pater Andrzej. Im Zelt können wir nicht mit schlafen, es ist kein Platz mehr, doch Andrzej hat was für uns. Er bringt uns in das Haus, wo die Wallfahrt immer schläft, in den Keller. Dort liegen schon an die vierzig oder fünfzig Hippies auf der Erde und auf Tischen. Helmut ist beim Lagerfeuer oben geblieben, Wolf und ich wollen ihn jetzt holen. Helmut will noch bleiben, er hat keine Lust, schon zu schlafen. Aber Wolf ist müde. So gehen wir wieder runter. Auf halbem Weg überleg ich's mir: Ich möchte eigentlich auch noch oben bleiben. Ich gehe wieder zu den anderen. Helmut lacht und freut sich. Ein polnisches Mädchen lädt mich mit einer Handbewegung ein, mich auf das Motorrad zu setzen. Kaum sitze ich, kommt ein Bulle und bittet uns auseinanderzugehen. Es sei schon spät, und alle wollten schlafen. So singen wir noch ein letztes Lied, dann geh ich mit Helmut runter.
Ich muss seinen Schlafsack mit beanspruchen, weil bei mir alles noch nass ist. Er willigt ohne Weiteres ein. Drunter legen wir meine Plane, auf den Schlafsack noch meine Decke, das ist zwar auch alles noch feucht, aber besser als gar nichts. Meine Hosen sind überhaupt noch kein bisschen trockener geworden. So liege ich auf dem harten Erdboden in nassen Hosen, in klamme Klamotten eingewickelt, schmutzig, mit einem ekelhaften Geschmack im Mund, dass ich mich selbst anstinke, und von allen Seiten zieht es, weil Helmut im Schlaf die ganze Decke für sich beansprucht. Außerdem drängt er mich laufend von der Plane runter, dass ich wie eine Sardine gequetscht werde; es ist schon so eng genug. Ich kann lange nicht einschlafen, und wenn ich schon mal schlafe, werde ich jede halbe Stunde wieder wach. Das erste Mal wünsche ich mir aus tiefstem Herzen, jetzt bei Mutter zu sein und sauber und mit geputzten Zähnen in ein frisch bezogenes, warmes Bett kriechen zu können...

2 Kommentare:

Herbert hat gesagt…

In Frankreich soll er studiert haben, habe eine Wohnung in Wrocław und eine in Przemyśl. (...)Besonders gefällt ihm, dass der Yogi keine Religion hat, er stehe über allem, und dass er immer mit einem strahlenden Lächeln zu sehen sei. "Alles ist gut", soll er geäußert haben.
NA DAS IST DOCH NICHT ETWA ZENEK ZEGARSKI-WSKAZÓWA? (NENNT SICH HEUTE DAMIAN ZEN). HIER FOTOS VON DAMALS: http://dziecikwiaty.pl/coppermine/thumbnails.php?album=71&page=2

magaluisa hat gesagt…

Genau der. :) Hübsches Bild.
Ich habe gerade seine Facebook-Seite gefunden: http://www.facebook.com/zzegarski