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Sonntag, 19. Februar 2017

Rotkäppchen

Auf der Suche nach Märchenreisen fand ich ein großes Gebäude, ähnlich einem weitläufigen Gymnasium, mit hier Treppen hoch und dort Treppen runter, verwinkelt und unüberschaubar. Man wies mich in den rechten Flügel. Dort thront ein futuristisch anmutendes Empfangspult unter einer Glaskuppel, rund und riesig, und reihum sitzen Beamte, die die Passierscheine zu den Märchen ausstellen - oder verweigern. Ein katzenartiges Wesen mit einem Blick, der mir das Herz in die Hose rutschen ließ, fragte ungeduldig, was ich wolle.
"Ich möchte gern ein Märchen besuchen", sagte ich schüchtern.
"Welches?"
Die Katze schien nicht viel Zeit zu haben und schon gar keine, um sie an mich zu verschwenden.
Ich überlegte kurz.
"Rotkäppchen."
Das war eins der Märchen, deren Bedeutung ich bisher nie so richtig erfassen konnte. Im Gegensatz zu Aschenputtel oder Dornröschen zum Beispiel.
Ohne weitere Fragen drückte mir die Katzenfrau einen Zettel in die Hand mit der Aufschrift Rotkäppchen und winkte mich zu einem der gläsernen Fahrstühle weg.

Der Fahrstuhl benahm sich zunächst ganz manierlich, will sagen: Er fuhr nach oben. Dann aber drehte er durch und sauste kreuz und quer durch das ganze Gebäude, nach vorn, nach links, nach unten, hinten, rechts und wieder hoch, als sei das Gebäude im Inneren um ein Vielfaches größer als außen. Schließlich spuckte er mich vor einer schwarzen Tür aus, und mir war sofort klar, dass der Zettel, den ich erhalten hatte, der Schlüssel war: Ich musste ihn in die Tür stecken, und sie öffnete sich.

So viel zur Anreise, die wohl für alle Märchen gleich bleiben wird.
Jetzt zu Rotkäppchen.

***

Eine erwachsene junge Dame, groß, schlank, rannte mit wehenden Kleidern und Haaren durch den Wald. Ich begriff, dass sie vor dem Wolf floh. Als der Wolf aber ins Bild kam, kam mir plötzlich die Gewissheit, dass er Rotkäppchen gar nichts Böses tun will, sondern ihr nur den Wald, "seinen" Wald zeigen, wie ein fürsorglicher Lehrer oder Freund. Rotkäppchen wehrte ihn ab, riss sich los, er lief aber immer hinterher, ganz so, als wolle er sie beschützen. Mal sah ich eine sehr alte Frau am Wegrand, die sich über etwas beugte und deren Gesicht sich beim Näherkommen in einen grinsenden Totenschädel verwandelte...

Und heute Nacht begriff ich das ganze Märchen!

Nicht der Wolf ist der Böse, tatsächlich! Nicht der Wolf will Rotkäppchen fressen und die Großmutter, sondern er will Rotkäppchen retten – VOR DER GROSSMUTTER! Die Großmutter frisst das Mädchen, wie alle Großmütter und Mütter und Ahnen uns, ihre Nachkommen, immer wieder aufgefressen haben und auffressen und auffressen werden, weil der Sippengeist daraus seine Nahrung bezieht und sich am Leben erhält! Saturn frisst seine Kinder, und wir alle trampeln wieder und wieder in endloser Verstrickung die angelegten Pfade zwischen unseren Vorfahren ab, die natürlich alles tun werden, damit wir "nicht vom Weg abkommen", das ist wohl wahr, denn das würde ihnen ja ein Opfer entführen, ihnen das Scheinleben entziehen, das nur unser Blut ihnen ermöglicht. Deshalb ermahnt die Mutter Rotkäppchen, nicht vom Weg abzukommen, damit es bloß nicht etwa auf die dumme Idee kommt, seine eigenen Wege zu gehen!

Der Wolf aber ist das wilde Tier in uns, eine animalische Kraft, die uns in unser eigenes Leben führen kann, wenn wir unsere dumme Angst vor ihr ablegen. Der Wolf will Rotkäppchen vom Weg abbringen, jawohl, nämlich vom ausgetrampelten Weg, der nicht ihrer ist. Er will ihr den Wald zeigen, die Tiefen ihrer eigenen Seele, will ihr Seelenführer sein, ihr Krafttier, ohne das sie freilich in diesen Tiefen umkommen könnte. Damit sie am Ende auf der anderen Seite des Waldes in die Welt hinausgehen und ihren eigenen Weg finden kann.
Angela Nowicki. Rotkäppchen. Digital Art. 22.02.2017.

Natürlich warnen uns unsere Mütter vor dem "bösen Wolf". Der würde ihnen ja ihr Kind entführen. Der würde es ja, Gott bewahre, zu einem selbstständigen und unabhängigen Menschen machen. Und damit ist beileibe nicht immer "der Mann" gemeint.

Ich frage mich sogar, ob nicht gar die Großmutter den Wolf gefressen hat - in Umkehrung zum Untertanengeist der Erzählung. Rotkäppchen ist dem Wolf davongelaufen, das brave, dumme Ding, aber im Bett der Hütte lag nicht der Wolf mit der Großmutter im Bauch, sondern es war das wahre Gesicht der Großmutter, das dem Mädel mit seinen "großen Ohren" und seinem "großen Maul" (die Verschlingende) Angst einjagte. Ob die jetzt den Wolf gefressen hat oder nicht, ist nicht von Bedeutung – auf jeden Fall aber hat sie das Rotkäppchen verschlungen.

Und den armen Wolf haben sie dafür zu Tode gestürzt, wie immer. Wo kämen wir auch hin, wenn uns die Sündenböcke ausgingen?

Samstag, 17. März 2012

Sisyphos

Wir alle sind Gefangene der Zeit.

Dieses idiotische Riesenbaby lauert uns am Tor des Großen Gartens auf, um jeden, der so leichtsinnig war, sich bis an die Grenzen der Ewigkeit vorzuwagen, einzufangen und unter triumphalem Gelächter zu den ungezählten anderen Figuren auf seiner Spielwiese zu schleppen.

Dort lässt uns der senile Tyrann in Reih und Glied antreten, heißt uns salutieren, essen, schlafen und kopulieren, heißt uns bis zum Umfallen Steine klopfen und daraus immer höhere Häuser bauen, die er, kaum dass sie stehen, hohnlachend mit einem Handstreich wieder zum Einstürzen bringt. Er lässt uns lieben und hassen, schaffen und vernichten, hinter bunten Fähnchen hermarschieren und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, bis er, atemlos vom hysterischen Kichern, den Schluckauf bekommt, dann wird er für gewöhnlich sentimental und räumt schon mal ein paar allzu hässliche Scherbenhaufen und ein paar gar zu verstümmelte Leichen vom Schlachtfeld, derweil wir, blicklos vor Scham, hastig unsere Wunden lecken und dankbar jedes Stück Vergessen an uns reißen, das er uns gleichgültig hinwirft. Wir vergessen gern und gründlich, denn wir ahnen, dass dies die am wenigsten schmerzhafte Möglichkeit ist, uns in unserem Kerker eine vage Illusion von Freiheit und Komfort zu erhalten. Und welcher Diktator ließe sich nicht am liebsten als der Einzig Wahre Wohltäter seiner gepeinigten, aber gehorsamen Untertanen feiern?

Und eigentlich wollen diese Sklavenseelen ja auch gar nicht wirklich frei sein. Was hieße Freiheit anderes, als sich selbst beherrschen zu müssen? Der alte Nietzsche bewahre uns vor dieser Anmaßung! Beware of the Jabberwocky, my son!

Um wie viel zufriedener könnten wir doch leben, wenn wir endlich auch diese verlogene Pose des Rebellen aufgäben und einfach nur das täten, was wir in Wahrheit wollen: uns beherrschen lassen. Die Unbelehrbaren mögen die Religionen und jede andere Art von Gläubigkeit verachten - es ist immer noch die ehrlichere Weise, sich dem Leben zu stellen, als all ihr lächerlicher Hochmut. Wer alle Herren dieser und jener Welt missachtet, bleibt dennoch bis an sein Ende ein Sklave der Zeit. Und die lässt sich nicht ungestraft missachten.

Dennoch gibt es unter uns immer wieder solche Narren, die wider bessere Vernunft glauben, nur sich selbst gehorchen zu müssen. Sie quälen sich Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang damit ab, immer neue, immer besser Fluchtwege aus Alcatraz zu finden. Sie scheuern sich die Finger blutig am Mörtel der Zeit, sie schlagen sich die Köpfe wund an den Gittern, sie entwerfen abenteuerliche Pläne, um ihren Wärter zu überlisten, und alles, was sie damit erreichen, sind nur immer grausamere Foltern nach jedem weiteren Fluchtversuch.

Würden sie nur vergessen wollen - ihr Leiden könnte ein Ende haben! Aber sie verschmähen die zynische Mildtätigkeit, sie laufen Amok gegen das Unausweichliche, denn sie wissen: Vergessen bedeutet Tod, verloren für die Ewigkeit!

Lieber zermartern sie sich Nerven und Hirn, die ehernen Gesetze der Zeit zu ergründen, denn sie glauben, die Zeit einmal mit ihren eigenen Gesetzen überlisten zu können. Sie streben danach, sich die Zeit gefügig zu machen. Sie wollen die Zeit beherrschen. Sie setzen so viel Vertrauen in ihre eigene Intelligenz, diese Toren, doch ihre Augen sind blind für die einfache Wahrheit: Die Zeit selbst ist das höchste Gesetz.

Kein verzweifeltes Aufbäumen, kein noch so klug durchdachter Plan der Gefangenen kann ihr etwas anhaben. Wer sich ihr widersetzt, wird dafür bezahlen. Und ist es denn so schlimm, was sie von uns verlangt: wieder und wieder aufzubauen, damit sie wieder und wieder zerstören kann? Den Stein den Berg hinauf zu schleppen, damit sie ihn jauchzend wieder hinunter rollen kann? Worüber sind wir so erbittert? Wer sagt, dass der Stein auf den Gipfel gehört?

Es ist ein Spiel! Also seid keine Spielverderber und lauft wieder hinunter, damit der Stein rollen kann!

Ah! Euch genügt das nicht! Ihr meint, das Leben müsse, wenn schon keinen Sinn, so doch ein Ziel haben? Ihr giert nach Dauer, nach Beständigkeit, nach Unsterblichkeit gar? Nun, so müht euch doch, den Stein festzuhalten! Ihr, die ihr in zwei Welten lebt: du verhinderter Philosoph mit einem Haushalt, einer Frau und drei Kindern! du potenzieller Landschaftsarchitekt, den die Geldsorgen ans Fließband fesseln! und du, verkannter Maler, mit dem unstillbaren Verlangen nach Geselligkeit und Schnaps - wenn ihr es nicht ertragen könnt, Verlierer zu sein, dann hört zunächst einmal auf, euch selbst zu bemitleiden! Es wird niemandem je einfallen zu zählen, wie viel Schritte ihr getan, wie viele Gedanken ihr gedacht, wie viel Kraft ihr aufgewendet habt. Was zählt - wenn denn überhaupt etwas zählt -, sind vollendete Werke und nicht die Zahl der Leichen, auf denen sie errichtet wurden.

Seid ihr bereit, zu morden für euer so hoch gepriesenes Ziel? Bereit, Liebe und Familie, Bequemlichkeit und Wohlstand, Lust und Zerstreuung hinzugeben für diese eine törichte Leidenschaft?

Nein, weicht nicht aus! Erzählt uns nicht, es sei alles nur eine Frage der Organisation (oder der sozialen Gerechtigkeit) - denn es ist eine Frage der Zeit! Eine Zeitlang mag euch das Organisieren gelingen, ihr meint, Zeit zu gewinnen - aber die nächste kleine Schwäche - eine verzeihliche Nachlässigkeit nur - und schon rollt der Stein wieder, das Spiel geht weiter, the show must go on.

Es hatte nie aufgehört. Ihr hattet nicht einmal den Schatten einer Chance.

Nein, lasst diese wichtigtuerische Geschäftigkeit! Sie passt nicht zu euch, und sie führt nur umso sicherer in die tödliche Falle. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Verzicht, die totale Verweigerung: Weigert euch konsequent, die Spielregeln einzuhalten, und versucht, euer eigenes Spiel zu spielen!

Zittert ihr nicht vor diesem Anspruch? Seid ihr tatsächlich fest entschlossen, die Hälfte eures Lebens zu opfern für die zweifelhafte Aussicht auf den Eintritt ins "Reich der Unsterblichen"? Wie groß wird eure Verzweiflung erst sein, wenn ihr erkennen müsst, dass das Opfer wertlos war, weil ihr mittelmäßiger seid, als euer Ehrgeiz wahrhaben wollte?

Vielleicht geraten euch ja eure Kinder besser als eure Bücher, werden eure bescheidenen Ersparnisse immer noch ansehnlicher sein als die von euch angelegten Gärten, wird eure Lebenslust mehr bewegen als eure Bilder? Ein halbes Leben habt ihr weggeworfen, um schließlich mitansehen zu müssen, wie euch die andere Hälfte von selbst durch die Finger rinnt. Die Zeit ist darüber hinweg gegangen.

Was ihr auch tut, woran ihr eure Hoffnung auch hängt - es gibt keinen verlässlichen Weg ans andere Ufer. Viele schon haben versucht, mit ihrer Kunst, ihrer Weisheit oder auch ihrer Liebe die rettende Brücke nach drüben zu schlagen.

Und viele werden es versuchen.

© Angela Nowicki, 1983


Samstag, 3. September 2011

HD: Die Schaltkreise, Teil 1

Die neun Zentren in der Körpergrafik des Human Design sind durch insgesamt 36 Kanäle miteinander verbunden, durch die die Lebenskraft fließt, geprägt und modifiziert wird. Diese 36 Kanäle werden in drei Schaltkreisgruppen eingeteilt, die aus jeweils zwei Schaltkreisen bestehen. Eine Ausnahme bilden die vier Integrationskanäle, die keiner Schaltkreisgruppe zugeordnet werden. Die Kanäle werden nach den beiden Toren benannt, die sie miteinander verbinden: Kanal 1/8 z.B. verbindet Tor 1 im G-Zentrum mit Tor 8 im Kehlzentrum.

Jedem Element im Human Design ist außerdem ein Schlüsselwort zugeordnet, dass dessen Funktion prägnant umreißt und beim Studium hilft, sich alle Elemente thematisch gut einzuprägen. Auch bei der Deutung ist die Arbeit mit Schlüsselworten äußerst hilfreich. Bevor ich die Schaltkreise vorstelle, hier noch einmal im Überblick die Schlüsselworte für die Zentren, über die ich ja bereits ausführlich geschrieben habe:

  • Wurzelzentrum: Motor & Druckzentrum – existenzieller Druck, Trieb, Stress
  • Sakralzentrum: Motor – Lebenskraft, Energie, Ausdauer, Sexualität
  • Milzzentrum: Wahrnehmungszentrum – Instinkt, Intuition, Geschmack, Gehör, Geruch
  • Solarplexuszentrum: Motor & Wahrnehmungszentrum – Emotionen, Gefühle, Stimmungen, Sehnsüchte
  • Herzzentrum: Motor – Willenskraft, Ego, Selbstwertgefühl
  • G-Zentrum: Kompass – Selbst, Identität, Richtung, Liebe
  • Kehlzentrum: Ausdrucks- & Steuerzentrale – Kommunikation, Manifestation
  • Ajnazentrum: Wahrnehmungszentrum – Denken, Begriffsbildung
  • Kopfzentrum: Druckzentrum – geistiger Druck, Inspiration
Ajna- und Kopfzentrum bilden zusammen den Verstand.

Die drei Schaltkreisgruppen und ihre Schlüsselworte sind
  • die Schaltkreisgruppe des Stammes: gegenseitige Unterstützung
  • die Schaltkreisgruppe des Individuums: Bestärkung anderer
  • die Schaltkreisgruppe des Kollektivs: Teilen
  • Bei den Integrationskanälen geht es um die Selbstbestärkung.

DIE INTEGRATIONSKANÄLE

Für mich ist dies eine Art evolutionärer Pyramide: Ganz unten steht der Einzelkämpfer, das unbewusste ICH, das sich in noch keine Gruppe integriert hat, sondern allein um sein persönliches Überleben kämpft: das Raubtier, der Jäger. Hier regiert der bloße Instinkt: "Fressen und gefressen werden". Die Integrationskanäle kennen noch keinerlei humanitäre Rücksichten: "Jeder ist sich selbst der Nächste." Deshalb geht es hier ausschließlich um Selbstbestärkung. Wer einen definierten Integrationskanal hat, trägt eine stark ausgeprägte Selbstbezogenheit in sich – und genau das ist richtig für diesen Menschen! Natürlich modifizieren die übrigen definierten Kanäle und aktivierten Tore das Ganze noch sehr, aber hier, in den Integrationskanälen, hat der Mensch nicht nur die Veranlagung, sondern auch die Aufgabe, sich ausschließlich um sich selbst und sein Fortkommen zu kümmern. Zu dieser kleinen, archaischen Gruppe gehören die Kanäle
  • 20/10 (Kehle-Selbst) - Erwachen, ein Design der Verpflichtung an höhere Prinzipien
  • 20/34 (Kehle-Sakral) - Charisma, ein Design, wo Gedanken zu Taten werden müssen
  • 10/57 (Selbst-Milz) - Die vollendete Form, ein Design des Überlebens
  • 34/57 (Sakral-Milz) - Macht, ein Design des Archetyps
Interessant an den Integrationskanälen ist, dass sie nur vier Zentren miteinander verbinden. Der Einzelkämpfer hat keine Emotionen, kein Ego und keinen Verstand. Wenn man Ego als Sicherheitsstreben definiert, ist das noch einleuchtend; was ich allerdings nicht ganz verstehe, ist, wo der existenzielle Druck bleibt, der Kampf-, Flucht- oder Totstellreflex (Wurzel), für mich eigentlich der Inbegriff der animalischen Ebene, der diese Integrationskanäle ja zugeordnet werden. Es sei denn, ich habe hier etwas gründlich falsch verstanden. Was ich aber wieder verstehe, ist die einzige Stimme, die der Einzelkämpfer hat, und die sagt schlicht: "Ich bin." (Tor 20 im Kehlzentrum, Die Betrachtung, der Anblick) Außerdem ist dies die einzige Kanalgruppe in der Körpergrafik, die vier Tore gleichzeitig miteinander verbindet, was die Undifferenziertheit symbolisieren könnte, die hier noch herrscht.

DIE SCHALTKREISGRUPPE DES STAMMES

Irgendwann bemerkt der Einzelkämpfer, dass es viel leichter ist, in einer Gruppe zu überleben. Er schließt sich mit anderen zum Stamm (Sippe, Familie, Gemeinschaft) zusammen: das Herdentier, der Sammler. Im Stamm identifiziert sich jeder mit einem noch weitgehend unbewusst gestalteten WIR, nämlich dem Wir seiner Stammesgruppe. Das gemeinsame Interesse des Stammes ist das Überleben der Art und des Ego, das am effektivsten durch den Zusammenschluss in der Herde abgesichert werden kann. Der Stamm steht und fällt mit der gegenseitigen Unterstützung und Hilfe nach dem Motto: "Eine Hand wäscht die andere." "Wie du mir, so ich dir." (oder auch: "Auge um Auge, Zahn um Zahn.") Individualität bedroht grundsätzlich den Erhalt dieses Gemeinwohls und wird deshalb ausgegrenzt oder sogar bekämpft.

Die Schaltkreisgruppe des Stammes besteht aus
- dem Schaltkreis des Ego mit den Kanälen
  • 54/32 (Wurzel-Milz) – Umwandlung, ein Design des Getriebenseins
  • 44/26 (Milz-Herz) – Hingabe, ein Design des Unternehmers und Vermittlers
  • 19/49 (Wurzel-Solarplexus) - Synthese, ein Design der Feinfühligkeit
  • 37/40 (Solarplexus-Herz) - Gemeinschaft, ein Design des Teils, der ein Ganzes sucht
  • 21/45 (Herz-Kehle) - Geld, ein Design des Materialisten
- dem Schaltkreis des Schutzes mit den Kanälen
  • 6/59 (Solarplexus-Sakral) - Paarung, ein Design der Fruchtbarkeit
  • 27/50 (Sakral-Milz) - Erhaltung, ein Design der Pflege

Interessant am Schaltkreis des Stammes ist, dass er kein Selbst und keinen Verstand hat: G-, Ajna- und Kopfzentrum sind nicht mit einbezogen. Und er hat nur einen Kanal, der ins Kehlzentrum einmündet, d.h. der Stamm hat nur eine Artikulations- und Manifestationsmöglichkeit, und die lautet: "Ich habe." (Tor 45 Die Sammlung). Beim Ego dreht sich letztlich alles um den materiellen Besitz, der das Überleben absichern soll, und bei der Erhaltung dreht sich alles um Fortpflanzung und Brutpflege, die der Erhaltung der Art dienen.

© Angela Nowicki, 3. September 2011

Donnerstag, 25. August 2011

HD: Die Zentren - Das Wurzelzentrum

Das WURZELZENTRUM ist ein Motor, der ursprünglichste Motor, den alle Lebewesen haben: Es ist der Überlebenstrieb. Ebenso, wie die Krone, ist auch die Wurzel ein Druckzentrum, nur dass dort geistiger Druck "von oben" drückt und hier existenzieller, hormonell gesteuerter Druck "von unten". Wir leben in einem Druck-Sandwich.
Die Hormone, die dem Wurzelzentrum zugeordnet werden, sind die Stresshormone der Nebennieren, allen voran das Adrenalin. Der ursprüngliche Zustand der Wurzel ist die Ruhe (Tor 52 Das Stillehalten, der Berg) und ist die Lebendigkeit (Tor 58 Das Heitere, der See). Im Schlaraffenland würden wir unter Bäumen liegen und uns die gebratenen Würste in die offenen Mäuler plumpsen lassen, aus nie versiegenden Bächen Milch und Honig schlürfen und zufrieden in die Sonne grinsen, und das wäre so ganz nach dem Geschmack unseres Wurzelzentrums. Leider aber haben unser Verstand und unser Wille die arme Wurzel aus dem Paradies in die Welt des Schweißes im Angesicht verschleppt*), und nun melden die Rezeptoren der Milz der Wurzel Gefahr im Verzug: Fressfeinde. Hunger. Eiszeit. Wurzel an Nebennieren: Adrenalinausstoß vorbereiten! Und je nach Situation und eigener Kondition gibt es dann eigentlich nur noch drei Grundreaktionen: Kampf – Flucht – Totstellreflex.

Das ist die Domäne des Wurzelzentrums.

Da in Europa Mitte-Nord Eiszeiten aber per Fernheizung und wärmegedämmten High-Tech-Häusern ihren Schrecken verloren haben, Fressfeinde in menschlichen Ansiedlungen selten geworden sind und Hunger für die meisten Menschen mit dem wahlweisen Griff zum Portemonnaie oder in den Kühlschrank abgegessen ist, hat unser Wurzelzentrum heute kaum noch etwas zu tun. Es könnte sich nun recht eigentlich freuen und es sich ordentlich gemütlich machen, aber das kann es bei den allermeisten Menschen gar nicht mehr, zu fern ist Eden schon. Unsere Nebennieren produzieren weiterhin Adrenalin, als gälte es, Bären zu bekämpfen – nur, wohin mit dem ganzen Zeugs? Wie sagte meine weise Oma immer: Wer keine Arbeit hat, macht sich welche? Der Mensch sucht sich eben den Stress, den er braucht: produziert galaktische Mengen an Dingen, die kein Mensch braucht (und die er denen, die sie dringend brauchen, stiehlt und vorenthält), beutet andere aus und lässt sich ausbeuten (besonders Clevere, wie ich, beuten sich sogar selbst aus), hetzt von einem Termin zum nächsten, probt das Raubtierdasein bei 200 kmh auf der Autobahn, tobt durch Fitnesszentren und Überschall-Discos, und am Ende hat er den Salat, und wenn’s nur ein Burnout war, hat er noch einen Heidendusel gehabt. Dann hat die arme Wurzel wenigstens ihre Ruhe. Ein paar besonders resistente Junkies machen sogar dann noch weiter und vermarkten ihre Pleite: "Wie ich den Burnout überwand".

Wie sagte eine liebe Freundin von mir so treffend? "Man kann auch mit der eigenen Leiche hausieren gehen."

Aber wir sind abgeschwiffen, wie ein anderer lieber Bekannter von mir zu sagen pflegt. Eigentlich wollte ich doch ganz ruhig und heiter erklären, worin sich eine definierte von einer undefinierten Wurzel unterscheidet. Wenn man die Funktionsweise der Definition einmal verstanden hat, müsste das im Grunde ganz logisch sein:

Die definierte Wurzel macht sich natürlich ihren eigenen Druck (das sind die Ausbeuter und Selbstausbeuter). Sie ist relativ immun gegen fremden Druck, und wenn sie stressanfällig ist, kommt das fast immer aus einem immanenten Bedürfnis. Und den Stress, den sie sich macht, verarbeitet sie auf eine festgelegte und beständige Weise. Eine definierte Wurzel kippt nicht so leicht aus den Latschen, da muss schon viel passieren. Ich habe mich im Leben schon oft gefragt, wieso ich nicht einfach mal umkippe, wenn mir’s zu viel wird. Andere wurden krank – ich musste krank feiern.
Wenn sie aus ihrem Nicht-Selbst lebt, setzt sie mit Vorliebe andere unter Druck und verhält sich unnachgiebig gegenüber denen, die mit Stress nicht so gut umgehen können oder die schlicht überfordert sind. Das sind die Chefs, die selber schuld gewesen sind, wenn ich krank feiern musste.

Die undefinierte Wurzel wiederum ist offen für jede Art von Druck und nicht selten sogar süchtig nach dem Adrenalin-Kick, den ihr andere bescheren müssen, weil sie keinen beständig arbeitenden Stressmechanismus hat. Oder sie lässt sich, wenn sie aus ihrem Nicht-Selbst lebt, von anderen derart mit Arbeit zuballern, dass sie nur noch arbeitet und arbeitet, um den Stress endlich loszuwerden. Wie? Natürlich unter Stress, die Natur liebt Ironie.
Es ist kein Problem, sich unter Druck setzen zu lassen, solange man sich damit wohl fühlt. Wie jeder weiß, gibt es Disstress und Eustress, und die Wurzel braucht neben der Ruhe eben auch Lebendigkeit. Hier muss nun wieder die innere Autorität auf den Plan treten, denn nur sie kann zuverlässig entscheiden, welcher Stress für ihren Besitzer Eu oder Dis ist.

Das Wurzelzentrum kann keine Autorität sein. Vielleicht ganz gut so.

*) Eine ungeheuer interessante Interpretation der Schöpfungsgeschichte, des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies anhand der Kabbalah findet sich bei Peter Gienow, Homöopathische Miasmen: Die Sykose. Philosophisch anspruchsvolle, aber über die Maßen lohnende Lektüre!

© Angela Nowicki, 25. August 2011

Dienstag, 26. Juli 2011

HD: Die Zentren - Der Verstand

Unser innerer Energiefluss im Körper verläuft zwischen feinstofflichen Energiezentren. Am populärsten sind solche Zentren aus der indischen Chakralehre. Sie kennt unzählige kleinere Chakras, die im ganzen Körper verteilt sind, doch nur sieben Hauptchakras:
  1. Wurzelchakra (Muladhara)
  2. Sakralchakra (Svadhisthana)
  3. Nabelchakra (Manipura)
  4. Herzchakra (Anahata)
  5. Kehlchakra (Vishuddha)
  6. Stirnchakra (Ajna)
  7. Kronenchakra (Sahasrara)
Alle Chakras haben drei gemeinsame Aufgaben. Sie dienen
  • der Aufnahme energetischer Einflüsse von innen und außen,
  • der Verarbeitung und
  • der Weiterleitung dieser Energien.

Das Human Design System hat, neben den Hexagrammen des I Ging und den astrologischen Planeten, auch diese Lehre von den Energiezentren in seine Synthese übernommen. Laut der Kosmologie des HD waren wir tatsächlich einmal siebenzentrige Wesen, haben uns jedoch seit dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zu neunzentrigen Wesen entwickelt. Diese Mutation der Menschheit ist noch nicht ganz abgeschlossen, doch tragen wir heute bereits neun Energiezentren in uns. Sie heißen
  1. Wurzelzentrum
  2. Sakralzentrum
  3. Milzzentrum
  4. Solarplexuszentrum
  5. Herzzentrum
  6. G-Zentrum
  7. Kehlzentrum
  8. Ajnazentrum
  9. Kopfzentrum
Auch wenn die Namen teilweise mit denen der Chakras übereinstimmen und es auch sonst viele Entsprechungen zwischen beiden gibt, sollte man als Anfänger im Human Design besser erst einmal alles beiseite legen, was man über die Chakras weiß, denn das HD ist ein eigenständiges Divinationssystem mit eigenen Definitionen und Gesetzmäßigkeiten. So hat es zum Beispiel auch sein eigenes I Ging erschaffen, das "Rave I Ching", dessen Texte speziell auf seine Bedürfnisse und die unserer heutigen Zeit zugeschnitten sind. Es ist immer besser, jedes System als geschlossenes Ganzes zu behandeln und nicht Äpfel und Birnen miteinander zu mischen.

Auch im Human Design dienen die Zentren im Prinzip den gleichen Zwecken wie die altbekannten Chakras. Sie sind zudem über eine festgelegte Anzahl und Anordnung von Kanälen miteinander verbunden, deren Einmündungen in die Zentren Tore genannt werden – das sind die Hexagramme des I Ging. Den generellen Unterschied zwischen definierten und undefinierten oder offenen Zentren hatte ich bereits in der Einführung ins Human Design beschrieben. Ein Zentrum, in dem Tore aktiviert sind, das aber an keinen definierten Kanal angeschlossen ist, heißt undefiniert – ein Zentrum mit ausschließlich offenen Toren ist ein offenes Zentrum. Solche Feinheiten sind jedoch zunächst unerheblich.

Die Zentren im Human Design haben unterschiedliche Funktionen. Es gibt vier Motoren (Wurzel, Sakral, Solarplexus, Herz), drei Wahrnehmungszentren (Milz, Solarplexus, Ajna), zwei Druckzentren (Wurzel, Kopf) und ein Ausdruckszentrum (Kehle).

Das KOPFZENTRUM ist ein Druckzentrum. Es sucht nach geistiger Inspiration und übt, wenn es sie gefunden hat, Druck auf das Ajna aus, damit es sie verarbeitet. Auf der körperlichen Ebene ist ihm die Zirbeldrüse zugeordnet.
Die meisten Menschen haben ein offenes Kopfzentrum, nur bei knapp einem Drittel der Menschheit ist es definiert. Wer ein definiertes Kopfzentrum hat, interessiert sich nur für seine eigenen Fragen. Es gibt ganz bestimmte Dinge, die ihn inspirieren, der Rest ist ihm gleichgültig. Solche Menschen sind dazu da, andere zu inspirieren. Ein offenes Kopfzentrum ist das, wonach es sich anhört: Es ist offen für alle Inspirationen und somit eben auch für solche, die eigentlich gar nichts mit ihm zu tun haben. Es ist anfällig für Konditionierung von außen und wird sich oft immer gerade für das interessieren, womit sich ein definiertes Kopfzentrum in seiner Nähe beschäftigt. Konditionierung an sich ist weder gut noch schlecht, natürlich kann man sich von anderen inspirieren lassen. Wenn das dann aber in einen noch viel stärkeren geistigen Druck ausartet, als die definierten Kopfzentren ihn je aufbauen können, Ideen zu verarbeiten oder Fragen zu beantworten, die einem im Grunde gar nichts bringen, dann ist das quälend und führt einen von sich SELBST weg.

Das ist übrigens ein Mechanismus aller offenen Zentren: Da sie unbeständig arbeiten, erzeugen sie einen starken Sog, eine Anziehungskraft für die ihnen entsprechende Energie von außen. Diese Energie verstärken sie dann um ein Vielfaches, ganz wie ein elektrotechnischer Verstärker. Der betroffene Mensch merkt dabei oft nicht, dass es zum großen Teil gar nicht seine eigene Energie ist, die in ihm einen solch immensen Druck erzeugt, er hält sie für seine. Daher kommt es, dass viele Einsteiger ins Human Design ihre Definitionen zunächst einmal vehement zurückweisen: "Wieso sind es nicht meine eigenen Emotionen? Ich bin doch der emotionalste Mensch der Welt!" Ja, so wirkt er auch, aber nur, weil sein offenes Emotionszentrum, ohne dass er sich dessen bewusst ist, eben ständig alle verfügbaren Emotionen aus der Umgebung ansaugt, um das Vielfache verstärkt und als seine eigenen wieder ausgibt. Deshalb wirken z.B. Menschen mit einem offenen Emotionalzentrum meist viel emotionaler als die mit einem definierten.
Das ist das Geheimnis der Anziehungskraft. In einem in sich geschlossenen System fließt der Strom ruhig und gleichmäßig, er kann höchstens einmal blockiert werden. Sobald das System sich jedoch für alle möglichen Zuströme öffnet, kommt es automatisch zu Turbulenzen, Stauungen und viel heftigeren Bewegungen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal nachdrücklich betonen, dass es im Human Design keine Wertungen gibt. Ein definiertes Zentrum ist nicht besser und nicht schlechter als ein offenes, es funktioniert nur anders. Aber es funktioniert genau so, wie der jeweilige Mensch es braucht, wie es für ihn richtig ist. Jede Seite hat ihre Vorzüge und ihre Gefahren, ihre Selbst- und ihre Nichtselbst-Strategie.
Die Nichtselbst-Strategie des offenen Kopfzentrums besteht darin, dass es eine starke Unruhe erzeugt, um sich von dem geistigen Druck zu befreien, den es von anderen aufnimmt, und das meist, indem es versucht, Antworten auf Fragen zu finden, die für seinen Eigentümer völlig bedeutungslos sind. Seine Selbst-Strategie würde dann lauten: Respektiere die Fragen anderer, du bist aber nicht verpflichtet, sie zu beantworten.

Das AJNAZENTRUM ist ein Wahrnehmungszentrum. Es beobachtet, analysiert, kategorisiert und erforscht – kurzum: Es denkt. Es verarbeitet die Inspirationen, die das Kopfzentrum ihm liefert. Die ihm entsprechende Drüse auf der körperlichen Ebene ist die Hirnanhangsdrüse.
Wenn das Kopfzentrum definiert ist, ist immer auch das Ajnazentrum definiert, denn eine Definition entsteht ja durch einen definierten Kanal, und das Kopfzentrum ist mit keinem anderen Zentrum verbunden, das es definieren könnte, außer mit dem Ajna. Andersherum gilt das nicht: Das Ajna kann auch vom Kehlzentrum aus definiert werden. Hier ist die Verteilung in der Bevölkerung annähernd gleich: Etwas mehr als die Hälfte hat ein definiertes, etwas weniger als die Hälfte ein offenes Ajnazentrum.
Das definierte Ajna hat eine festgelegte Art zu denken. Sein Verstand ist wie ein Computer im Dauerbetrieb. Die Bahnen auf den Leiterplatten liegen fest, und das System ist zuverlässig am Verarbeiten, Auswerten und Speichern aller Daten, mit denen es gefüttert wird, immer der gleiche Ablauf. Solche Menschen sind oft die geborenen Troubleshooter (oder die inkarnierten Erbsenzähler). Das offene saugt Informationen auf wie ein Schwamm und ist im Denken sehr flexibel. Gerade hier wird besonders gut deutlich, dass ein definiertes Zentrum nicht zu einer Überlegenheit auf seinem Gebiet prädestiniert. Ob das Ajna definiert oder offen ist, sagt noch nichts über die Intelligenz eines Menschen aus, im Gegenteil: Viele hoch intelligente Menschen sind das, gerade weil sie geistig so offen und beweglich sind. Die Gefahr sitzt woanders: Offene Ajnas sind sich ihrer geistigen Resultate immer unsicher und neigen daher oft dazu, diese Verunsicherung durch eine betonte Scheinsicherheit zu kompensieren. Das ist hier die Nichtselbst-Strategie des offenen Zentrums. Man versucht, sich selbst und andere ständig davon zu überzeugen, dass man sich dessen, was man weiß oder herausgefunden hat, absolut sicher sei. Die Selbst-Strategie ist ganz einfach: Deine Unsicherheit ist nichts Negatives, sondern zeugt von Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, also freu dich darüber!

Kopf- und Ajnazentrum bilden zusammen den Verstand. Seit der Renaissance erleben wir eine Aufwertung des rationalen Denkens, die, wie jede einseitige Entwicklung, schließlich in eine Überbewertung mündete. Wohin diese intellektuelle Arroganz uns geführt hat, muss man wohl niemandem mehr erklären.
Jeder komplexere Organismus braucht, um überhaupt handlungsfähig zu sein, eine innere Instanz, die die oberste Entscheidungsgewalt hat – die innere Autorität. Die haben wir mittlerweile fast einmütig dem Verstand übergeben. Das Problem ist nur, dass der dafür gar nicht geschaffen ist. Der Verstand ist visuell, er weiß (und glaubt) letztendlich nur, was er sieht. Unser visuelles Wahrnehmungsspektrum jedoch ist extrem eingeschränkt. Wir sehen keine Funkwellen, wir sehen keine elektromagnetischen Wellen. Die meisten Informationen, die im Universum existieren, können wir nicht sehen. Unsere visuelle Kapazität ist physisch begrenzt, was bedeutet, dass die Begriffsbildung begrenzt ist. Unter anderem deshalb ist der Verstand allein nicht in der Lage, uns durchs Leben zu führen. Er ist zu begrenzt.
Wenn wir den Verstand aber zur inneren Autorität erheben – indem wir, wie es immer noch fast überall propagiert wird, unsere Entscheidungen auf der Grundlage rationaler Informationen, Analysen und Prognosen treffen –, riskieren wir Fehlentscheidungen, kurzsichtige Entscheidungen, Entscheidungen, die anderen schaden usw. und, daraus folgend, Enttäuschungen und Misserfolge am laufenden Band.
Der Verstand ist keine Autorität, kann keine sein, das macht ihn jedoch nicht überflüssig. Er ist ein Beobachter und Informant, ein hervorragendes Werkzeug, mit dem wir arbeiten und große Werke schaffen können – solange wir dem Werkzeug nicht die Entscheidung überlassen, was mit dem Werk zu geschehen habe. Oder, wie Reiner Kunze es in seinem wundervollen Gedicht "Die Liebe (ist eine wilde rose in uns)" ausdrückte:

Der verstand
ist ein messer in uns,
zu schneiden der rose
durch hundert zweige
einen himmel

Für die wahre und richtige innere Autorität gibt es im Human Design fünf andere Kandidaten: das Solarplexuszentrum, das Sakralzentrum, das Milzzentrum, das Herzzentrum und das G-Zentrum. Und es gibt sogar Menschen, die keine innere Autorität haben. Davon dann mehr in den Beschreibungen der betroffenen Zentren.

© Angela Nowicki, 26. Juli 2011

Sonntag, 24. Juli 2011

Als das Wünschen noch geholfen hat

Vor anderthalb Jahren bekam ich eine Einladung zur ARGE, weil ich in einer so genannten Bedarfsgemeinschaft lebe. Ich bin beruflich selbstständig und brauche keine Unterstützung vom Staat, aber da lässt mir das Sklavengesetzbuch seit Jahren keine Wahl – mitgehangen, mitgefangen, haben sich die Autoren wohl gedacht. Ich hatte bereits Erfahrung aus einer früheren Gefangenschaft, und diese Erfahrung war alles andere als angenehm. Ich meine, wenn ich meinen Lebensunterhalt selbst verdiene, nur eben nicht in der Lage bin, noch eine weitere Person locker mit zu ernähren, wenn ich voll arbeite, meinen Urlaub aber beim Amt genehmigen lassen muss, ja sogar die Stadt nicht über Nacht verlassen darf, ohne mich abgemeldet zu haben – wie nennt man denn das? Wenn ich zudem Eingliederungsvereinbarungen unterschreiben muss, in denen ich mich verpflichte, alles zu tun, um unsere Hilfsbedürftigkeit zu beenden, sprich: einen Job zu suchen, von dem ich Zwei ernähren kann – DAS ist nun wirklich absurd, denn DEN Job würde ich vielleicht sogar nehmen, wenn es ihn gäbe...
Egal, jedenfalls ging das jetzt wieder los. Ich hatte einen furchtbaren Horror vor diesem Tag, und in den letzten fünf Tagen ging es mir richtig schlecht. Ich schlief schlecht, bekam Migräne, Herzklopfen und rutschte langsam, aber sicher auf eine Depression zu.

***

Zunächst mal machte ich eine Seelenreise zu meinem Krafttier mit der Frage, wie ich mich bei dem Gespräch am besten verhalten solle.
Dann fiel mir ein, was ich erst kürzlich übers Wünschen gelesen hatte. Ich hatte diese "Wünsche ans Universum" immer mit spöttischer Skepsis bedacht. Das Universum ist doch keine Geschenkboutique. Mein Paradebeispiel war: Was ist, wenn zwei sich etwas wünschen, was sich gegenseitig ausschließt? Dann hat das Universum ein Problem.
Aber es war der Strohhalm in meiner Verzweiflung. Es gibt ein paar Grundregeln:

1. Man kann sich nur für sich etwas wünschen, niemals für andere und auch nichts, in das andere dann involviert würden. (z.B.: "Ich will mit meinem Partner nach Australien reisen!" – schmeiß den Partner raus, dann klappt’s vielleicht auch mit Australien.)
2. Wünsche funktionieren nur, wenn sie als Gewissheit formuliert werden, also nicht: "Ich möchte morgen fit sein" (dann möchte man morgen auch nur fit sein), sondern: "Ich bin morgen fit" (oder "werde fit sein" – dann ist man fit).
3. Man muss schon ein bisschen energetische Arbeit vorher leisten. Einfach mal so nebenbei einen Wunsch in den Briefkasten werfen, bringt’s wohl auch nicht.
4. Wenn der Wunsch abgeschickt ist, muss man ihn vollständig loslassen – möglichst nicht zweifeln, am besten gar nicht mehr dran denken.

Gesagt, getan. Drei Tage lang ging ich geistig mit der Vorstellung schwanger, wie ich mir den Ablauf des Gesprächs am Freitag aus tiefstem Herzen wünschen würde. Am vierten Tag zog ich mich für längere Zeit zurück, konzentrierte mich voll auf diese Vision, steckte meine gesamte geistige Kraft hinein, hielt sie eine Weile – und schrieb sie liebevoll, mit bunten Farben und ein paar hübschen Schnörkeln verziert, auf eine weiße Karte:
Ich komme am Freitag bei der ARGE zu einem anderen Fallmanager, der vernünftig und verständnisvoll ist.
Noch eine kurze Konzentration – dann zündete ich die Wunschrakete, faltete die Karte zusammen und steckte sie weg.

Nun ja, mit dem Loslassen ist das aber so eine Sache. ICH konnte es nicht. Ich versuchte wirklich mein Bestes, doch am Abend steckte ich ganz tief im Stimmungsloch, und am nächsten Morgen stand ich in einer Verfassung auf, als werde ich gleich zur Schlachtbank geführt. Ich war mir sicher, dass das Wünschen gar nichts helfen würde, und anderthalb Stunden vor dem Termin erschien mir meine Vision schon als völlig abartig und unvorstellbar.

Aber wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Morgen am nächsten. Als ich es gar nicht mehr aushalten konnte und bereits zu zittern und zu schwitzen begann, legte ich alles weg, setzte mich hin und nahm meine Desperado-Haltung ein: "Sollen sie mit mir machen, was sie wollen, mir ist alles egal." In diesem Moment fiel die ganze Spannung von mir ab, und schon nach kurzer Zeit war ich ruhig genug, um vor dem Aufbruch noch einmal zu meditieren.

Ich schaltete Meditationsmusik ein und ging in mein Herz-Chakra. Mein goldener Schwan war sofort zur Stelle. Er führte mich hinaus aus dem Tempel, und dort visualisierte ich, wie ich mir den Termin bei der ARGE wünsche:
einen neuen Fallmanager – eine Frau – sie ist nett – verständnisvoll – sagt, dass sie mich in Ruhe lassen wird – ist intelligent und vernünftig...

***

Als ich losging, war ich wie verwandelt. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Zum ersten Mal seit einer Woche sah ich das auch wieder, spürte es, konnte den frischen Wind, die übermütige Sonne, den Duft der frischen Blätter und die Koloratur-Arien der völlig durchgeknallten Vögel mit allen Sinnen genießen. Von der Bushaltestelle zum Amt hüpfte ich fast, was ein erbaulicher Anblick gewesen sein muss.

Ich bekam einen neuen Fallmanager.
Es war eine Frau.
Sie war nett.
Verständnisvoll.
Sie sagte, sie werde mich selbstverständlich in Ruhe lassen, solange ich für meinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann, ich könne ja nichts für meine Situation.
Sie war intelligent und vernünftig.


Wie war das?
Das Perfide an der Logik ist, dass sie absolut fehlerfrei und dennoch falsch sein kann.
Ich glaube wieder an Geschenkboutiquen.

© Angela Nowicki, 24. Juli 2011

Mittwoch, 6. Juli 2011

Plädoyer für die Amoral

Was ich am Human Design von Anfang an geliebt habe, war der Slogan "No choice". Gut, er ist ein bisschen übertrieben, natürlich haben wir die Wahl, wie wir uns verhalten, ob wir das, was wir sind, akzeptieren und ausleben oder nicht. Nur sind wir halt etwas, eine ganz bestimmte, einzigartige genetische Definition, und da hört unsere Wahlfreiheit auf. Und wir haben auch keine Wahl, was die Gestalt unseres Lebens angeht. Ob wir unsere Bedürfnisse befriedigen, unsere Wünsche erfüllen, unsere Ziele erreichen oder nicht, das hängt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nun mal nicht von uns ab.
Mir gefiel im Human Design der Vergleich mit dem Fahrzeug, einen ähnlichen Vergleich habe ich vor Jahren schon bei dem Astrologen und Psychotherapeuten Peter Orban gelesen, da war es ein Zug: Unser Körper ist unser Fahrzeug, in dem wir durchs Leben fahren. Aber wir sind nicht der Fahrer, auch wenn es uns oft so vorkommt. Für den Fahrer hat das HD einen Magnetischen Monopol in uns ausgemacht, also unsere innere Führung, die nicht identisch ist mit unserem selbstreflektierenden Bewusstsein. DAS ist nur der Fahrgast. Und der sitzt nicht im Taxi. Der Fahrer fährt uns nach einer auf einer höheren (oder tieferen) Ebene geplanten Route, und somit ist das Klügste, was wir tun können, uns entspannt zurückzulehnen und alles, was uns auf dieser Reise begegnet, interessiert zu beobachten. Kamera und Tagebuch sind dabei praktisch.
Selbst wenn wir unser "Design leben" (übrigens ein furchtbares Wort, es hat im Deutschen nun mal eine viel engere Bedeutung als im Englischen – könnte man sich hier nicht auf ein anderes einigen, "Anlage" zum Beispiel?), was im HD allenthalben fast schon missionarisch repetiert wird, wenn wir der Strategie unseres Typs und unserer inneren Autorität folgen, wird nicht alles automatisch "gut" in dem Sinne, dass sich das Leben plötzlich unseren Vorstellungen von ihm anpasst. Die Route ändert sich deswegen nicht, da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Es hilft uns nur, die Fahrt zu genießen, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist doch eine ganze Menge.

Und das hat mir im HD von Anfang an richtig gut gefallen. Dass der Mensch nicht korrigiert werden muss, sondern lernen kann, sich und sein Leben anzunehmen, wie es ist. Eine große und schwere Aufgabe, aber wenigstens eine mit realen Erfolgsaussichten.
Anscheinend hatte ich diese Wahrheit wieder mal vergessen, als ich die letzten Sätze über das Kopfzentrum schrieb. Es gibt kein "soll" und "darf nicht", niemand muss irgendetwas tun. Man macht es sich nur etwas gemütlicher, wenn man sich mit einem offenen Kopfzentrum nicht dauernd mit fremden Themen beschäftigt, das ist alles. Aber man stirbt auch nicht, wenn man es tut. Und es gibt mit Sicherheit eine Menge Leute, die dazu bestimmt sind, sich mit fremden Fragen zu beschäftigen. Sie werden glücklicher sein, wenn sie sich nicht damit identifizieren, sicher, aber wenn sie es tun, geht die Welt auch nicht unter, vor allem, wenn sie sich dessen bewusst sind. Und wenn nicht – so what. Wir sind hier, um Erfahrungen zu sammeln.

Eigentlich wollte ich mir etwas anderes von der Seele schreiben, was aber gar nicht so weit weg vom amoralischen Imperativ liegt. Mir war gestern ein Artikel einer von mir ansonsten sehr geschätzten HD-Analytikerin aus den USA aufgestoßen, in dem sie ganz offensichtlich das Multidimensional Human Design, eine Weiterentwicklung von Eleanor Haspel-Portner, attackierte (der Artikel ist schon über acht Jahre alt, deshalb will ich nicht weiter darauf eingehen, vielleicht denkt die Frau heute ja schon ganz anders).
Da war es wieder: "Keep it simple!" Ich habe den Satz auch schon gelesen, aber da ging es nach meinem Verständnis darum, dass ein Analytiker seinen Kunden nicht mit einer Flut nutzloser Details überhäuft, die dem am Ende sowieso nichts bringen. Hier jedoch war eher die "reine Lehre" gemeint. Ich bin da ein bisschen empfindlich, denn ich habe diesen sinnlosen Kampf der Puristen gegen die Reformer schon in der Astrologie, der Homöopathie und was weiß ich wo verfolgen dürfen. Ich meine, ich habe eine Riesenachtung vor Ra Uru Hu, dem Begründer – oder soll ich besser sagen "Empfänger" – des Human Design, und bedaure es unendlich, dass ich mittlerweile keine Gelegenheit mehr haben werde, ihn persönlich kennen zu lernen, da er leider vor Kurzem verstorben ist. Doch ist es nicht so, dass solche Schismen immer dann entstehen, wenn eine Lehre entweder zu starr geworden ist oder den veränderten Ansprüchen nicht mehr genügt? Das Leben mutiert nun mal ständig, das ist doch erfreulicherweise sogar ein Grunddogma des Human Design.
Eleanor ist eine ungeheuer tiefgründige Denkerin. Sie hat das System um ein Vielfaches komplexer gemacht, damit sicher auch komplizierter, aber – es funktioniert! Es funktioniert sogar noch besser als das ursprüngliche System. Und das ist für mich das einzige Wahrheitskriterium.

Einige der ursprünglichen Protagonisten haben nach meiner Beobachtung leider eine ganze Serie von "Gebeten" entwickelt, die genau dem widersprechen, was sie immer so begeistert verkünden: der Vielfalt. "Es gibt immer ein Dies und ein Das", wie Ra zu sagen pflegte. Nicht jeder ist dazu "designt", es simpel zu halten. Das ist nur ein "Dies", und es gibt so viele "Das", die gerade die Komplexität und Tiefe brauchen, um glücklich zu sein.
Und da ich gerade so schön in Fahrt bin: Für ebensolchen Unfug halte ich es auch, ständig den Verstand zu verteufeln. Der Verstand ist niemals die innere Autorität, kein Zweifel. Die Autorität ist die innere Instanz, die die Entscheidungen trifft. Dass der Verstand keine guten Entscheidungen treffen kann, ist aber noch lange kein Grund, ihm gleich sein ganzes Spielzeug wegzunehmen. Wenn unser Ursprung gewollt hätte, dass wir nicht denken, hätte er uns vermutlich erst gar kein Großhirn verpasst. So viele Menschen arbeiten mit dem Verstand und sollen das auch tun, dazu sind sie hier, das hat rein gar nichts mit der Autoritätsfrage zu tun. Der Verstand kann ein wunderbares Werkzeug sein. Entscheidungen sind eine ganz andere Kategorie.

© Angela Nowicki, 6. Juli 2011

Dienstag, 28. Juni 2011

Gedanken zum Dienstag

Gegen den Wind will wissen, was Liebe ist. Nu, ich weiß es ja auch nicht, aber bisschen spinnen kann man immer...

Wäre zuerst die Frage: Gibt es nur eine Art von Liebe? Man hört ja immer von Mutterliebe im Unterschied zur Partnerliebe, manche Freundschaft fühlt sich sehr liebevoll an, die Christen sprechen von Nächstenliebe, und es gibt sogar Leute, die überall ein Häufchen Liebe und Licht hinterlassen (oder es zumindest behaupten). Sind alle diese Lieben im Grunde das Gleiche? Wenn ja, müsste ihnen ja auch die gleiche Funktionsweise zu Grunde liegen. Und der gleiche Zweck (Teleologie).

Sieht aber nicht so aus.

Gegensätze ziehen sich an

Bei der erotischen Liebe dreht sich doch letztlich alles um Sex. Oder etwa nicht? Also um Fortpflanzung. Oder was sonst? So ist er doch gedacht gewesen, der Sex, und deshalb macht er auch solchen Spaß, weil Fortpflanzung für die Art das Wichtigste überhaupt ist. Ohne die Fähigkeit zum Orgasmus (und wenn Männer nicht ständig an A&T denken würden, jawoll!), wären wir längst eine Randbemerkung der Geschichte. Arterhaltung erfordert Anpassungsfähigkeit. Anpassungsfähigkeit erfordert ständige Mutation, und die ist nur gewährleistet, wenn ständig frisches Blut in die Sippe strömt. Das nennt man dann Biodiversität. Darum beruht erotische Liebe auf der Anziehung des Andersartigen. Dessen, was NICHT ICH (oder WIR) ist.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Man stelle sich aber mal vor, ständig mit jemandem zusammenleben zu müssen, der komplett anders ist als man selbst. Bisschen anstrengend, oder? Ach, wenn es nur ein bisschen anstrengend wäre… Ich denk mal, daran scheitern seit der Romantik und der Einführung der Lebensabschnittspartnerschaft immer mehr Beziehungen. Weil Liebe nur zu oft auf Erotik reduziert wird. Und ist denn Erotik überhaupt Liebe? Wenn man eine Landschaft liebt oder ein Musikstück, hat das mit Fortpflanzung eher nichts zu tun. Man liebt, was einen anspricht, was eine Saite in einem zum Erklingen bringt. Diese Saite muss man aber schon haben, damit sie erklingen kann. Folglich liebt man in Wirklichkeit das Gleichartige, das, was ICH (oder WIR) ist. Das ist die Grundlage jeder Freundschaft, ohne die auch keine Partnerbeziehung oder Ehe auf Dauer funktioniert.

Das wäre mein Antwortvorschlag auf Gegen den Winds Frage, warum der Wunsch nach Kontakt mit einer bestimmten Person vorhanden ist (wenn er nicht auf sexuellen Motiven beruht): Man sucht nach Bestätigung (da haste auch deine Teleologie) seiner selbst. Ich glaube auch, dass eine reine Freundschaft nicht funktionieren kann, wenn man zu verschieden ist. Die Hohe Schule der Toleranz, die auch die Andersartigkeit des anderen voll würdigt, beherrscht ja kaum ein Mensch vollkommen, denn Andersartigkeit stößt immer auch irgendwo ab. Man dürfte keine Selbstbestätigung brauchen, mit einem Wort: Man müsste ein Heiliger sein. Und ich bezweifle, dass das ein anstrebenswertes und überhaupt realistisches Ziel ist, solange wir noch nicht mal unsere eigene Natur ganz verstehen.

Die Mutterliebe, die ich allgemeiner vielleicht als fürsorgliche Liebe bezeichnen möchte, stammt aus derselben genetischen Quelle wie der Drang nach Fortpflanzung: der Erhaltung der Art. Es ist schlicht Brutpflege. Menschen können es sich nicht leisten, Kinder in die Welt zu setzen und sie sich selbst zu überlassen. Fische brauchen keine Mutterliebe. Und ich wage mal eine vielleicht etwas provokante These: Nächstenliebe ist nur erweiterte Brutpflege. Da verlagert man die (vielleicht fehlende oder kaputte) genetische Familie eben auf die ganze Menschheit.

Ich denke, die scheinbar umgekehrte Liebe zu den Eltern ist wieder etwas anderes. Hier geht es wohl eher um eine seelische Stütze, ein Sicherheitsbedürfnis, das gleiche, das viele Menschen in die Arme von Lehrern, Gurus und Religionen treibt. Oder Psychologen.

Die Licht-und-Liebe-Fraktion lasse ich weg, ich glaube jedoch, dass es schon so etwas wie universelle Liebe gibt. Das ist einerseits das Wirken der universellen Gesetze (die postuliere ich hiermit), also das "Schicksal" persönlich, und andererseits deren Annahme durch den einzelnen Menschen. Kann man das überhaupt als Liebe bezeichnen? Mit Gefühlen hat die schließlich herzlich wenig zu tun, umso mehr aber mit Anziehung. So, wie ein Magnet Eisenspäne, ein Vakuum Materie oder der Heinz im Winter seine langen Unterhosen anzieht. Ich will mal nicht sagen, dass das seelenlos ist, so empfindet man das vielleicht, wenn man Seele mit Gefühlen verwechselt.

"Nach müde kommt blöd", wie meine Tochter immer sagt, deshalb höre ich hier auf. Wissen tu ich gar nix. Werd ich auch nie. Zudem ist Denken überflüssiger Luxus, wenn es nicht hilft, besser auf der Erde zurechtzukommen. Macht aber manchmal einfach Spaß. Damit gebe ich meine Gedanken zum Abschuss frei.

© Angela Nowicki, 28. Juni 2011