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Donnerstag, 3. Mai 2012

graswurzelträume

weites land
horizont schwindet
tief beugt sich gras unterm wind
graswurzelträume
trägt die nacht

© Angela Nowicki, 2. Mai 2012

Montag, 13. Februar 2012

Die dritte Alternative

Einer hat überlebt.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.

Einer ist krepiert.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.

Ich schaffe das nicht.
Sagst du.

© Angela Nowicki, 13. Februar 2012

Freitag, 6. Januar 2012

Aufgetaucht im neuen Jahr

Liebe Marina,
liebe Marta,
lieber Herbert,
liebe Gegen den Wind,
lieber Norman,
liebe Hanna,
lieber Alex
und alle Ungenannten und Unbekannten,

ich wünsche uns allen ein Jahr voller Fantasie und Tatkraft, Liebe und Schöheit, in dem alles neu werden möge!

Wie schrieb mir doch kürzlich meine Geografie studierende Nichte: "Laut dem was ich bis jetzt über den Klimawandel gelernt habe, wird die Welt 2012 nicht aus diesem Grund untergehen."
Na, da können wir ja beruhigt sein.

Ich habe jetzt auf den Tag genau zwei Monate lang nichts mehr geschrieben, versunken im Strudel der Familienereignisse, als da wären Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, Besuche, Besuche, Besuche, der übliche Kreislauf, netterweise mal ohne Krankheit und Tod. Jetzt bin ich wieder aufgetaucht und gedenke, mich eine Zeitlang über Wasser zu halten. Aber der Blog gefällt mir so nicht mehr. Kraut und Rüben, und ich sehe nicht mehr ein, warum die Rübenfreunde sich erst hektarweise durch Kraut wühlen sollten. Ich glaube, ich werde ihn splitten, wahrscheinlich in Human Design, Seelenreisen und Literatur, three Earhtly Branches of one Heavenly Stem, das gebe ich dann aber rechtzeitig bekannt.

Für heute nur ein kleines Gedicht, zu dem mich Alays Bild inspirierte, das ich mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentliche:



Dies war: Zurückgekehrt in ihre Stadt,
Fand alle Türn verschlossen sie, ihr Haus
Bewohnt von Fremden, denen fremd auch sie.

Verlorn der Schlüssel, der nun Heimatlosen
Blieben nur Roms jahrtausendalte Straßen,
Durch die sie nächtens irrt, wie jene Falter,
Die, angelockt vom Licht, in ihm verbrennen.

Und, ungesehn von ihr und allen andern,
Im tiefen Dunkel einer Gasse,
Lehnt ein Pagliaccio müd sich an die morschen Mauern
Und streift die Maske vom Gesicht.

Palazzo

Palazzo von Alayna A. Groß, Acryl auf Leinen

© Angela Nowicki, 9. November 2011

Freitag, 21. Oktober 2011

Allein

Du bist allein

Allein heißt
Die Schmerzen ausbreiten
Auf weißen Laken und sitzen
Sitzen, bis der letzte Schrei verstummt
Auch dann noch

Allein heißt
Fremd sein im eignen Heim
Fremd in bodenlosen Städten
Dieses Fremdsein in den Poren sammeln
Bis es dir selbst fremd ist

Allein heißt
Immer nur geboren werden
Und nie sterben
Immer nur ankommen
Und nie gehn
Heißt verdammt sein
Zur Frage
Mit der ewig gleichen Antwort

Du bist allein

Die Schmerzen hinterlassen Flecken
Das Heim hat keinen Namen
Das Kind ist ein Krüppel
Angekommen
Im unerbittlichen
Ich

© Angela Nowicki, 2002

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Kapitel 7: Ungarn zu zweit (2)


Nun, zumindest, was Srüne und Zoli betraf, blieb es am Ende nicht dabei, aber das war völlig in Ordnung. Die drei Jungs waren wirklich der Anstand in Person. Die beiden blieben zwei ganze Wochen bei ihnen und nochmals zwei Tage bis zur Heimkehr nach ihrem Abstecher nach Miskolc, und keiner wurde je aufdringlich, sondern alle drei, mit Zolis Bruder gelegentlich auch vier, kümmerten sich so hingebungsvoll um ihre Sommergäste, dass man denken musste, sie hätten sich ohne diesen Zufall mörderisch gelangweilt in diesem heißen Budapester Juli. Sie zeigten ihnen die herrlichste Stadt der Welt, kletterten auf die Fischerbastei, führten sie in echte ungarische Restaurants mit Zigeunermusik aus, fütterten sie mit Weintrauben en masse, eiskalter Coca Cola und köstlichem Traubisoda, entführten sie in eine borozó, eine echte ungarische Weinstube, außerhalb der Stadt, die in einem riskanten Heimritt auf dem Rücksitz der reichlich abgefüllten Easy Rider endete, noch nie hatte Neila solche Angst gehabt, und in der zweiten Woche packten sie sie, dieses Mal nüchtern, wieder mit Sack und Pack auf die Motorräder und fuhren mit ihnen ins Wochenendhaus von Lacis Eltern am Velencer See, der auf halbem Weg zwischen Budapest und dem Balaton liegt.

Ein weiß getünchtes Lehmhaus, kühl in der Hitze, spartanisch, aber sauber, sie aßen das himmlischste aller Brote – riesige, dicke Scheiben frischen ungarischen Weißbrots, das nach Wein und Sonne schmeckt - mit Schmalz, Tomaten und Paprika, Überraschungspaprika, denn unter den normalerweise milden Schoten konnte sich schon mal eine extrem scharfe finden, das merkte man erst, wenn es zu spät war – immer nur Brot, Schmalz, Tomaten und Paprika, und es wurde ihnen nie zu viel. Sie badeten stundenlang im ruhigen, klaren See, der zwar genauso flach und warm war wie der Balaton, dafür aber fast tourifrei, und philosophierten und lachten die Nächte durch.

Nun, so ähnlich lief es in Ungarn überall. In Miskolc hatte Neila eine Adresse, Lajos, den sie im Vorjahr bei den Weltfestspielen in Berlin kennen gelernt hatte. Der Briefwechsel war nach drei Monaten sanft eingeschlafen, und unsere beiden Heldinnen gedachten, Lajos zu überraschen. Es öffnete eine Großmutter, die mit Bedauern und großen Augen verkündete, Lajos sei leider bei der Armee, aber sie sollten doch erst einmal reinkommen und etwas essen, und sicher bräuchten sie auch eine Übernachtung, also vorwärts – sie ließ den Mädchen gar keine Zeit zum Diskutieren, sondern zog sie einfach in die Küche, platzierte sie am Tisch und trug Essen auf. Ein gelernter Deutscher, egal, ob Ost oder West, ist in solchen Situationen, wenn er sie zum ersten Mal erlebt, zunächst einmal so geplättet, dass ihm Widerstand gar nicht in den Sinn käme.
"Das hier ist Lajos‘ Bruder, Károly. Der wird euch morgen die Stadt zeigen", verfügte die Großmutter. Károly freute sich wie ein Schneekönig und lief wirklich drei Tage lang mit ihnen durch die anheimelnde Stadt Miskolc, machte mit ihnen einen Abstecher ins Bükk-Gebirge, zeigte ihnen den Lillafüred-Wasserfall und das Schloss Andrássy in Tiszadob, das für jeden Tag des Jahres ein Fenster, für jede Woche des Jahres ein Zimmer, für jeden Monat des Jahres einen Turm und für jede Jahreszeit einen Eingang hat, wie Károly stolz erklärte, und schleppte sie zum glorreichen Schluss noch in einen Plattenladen, in dem es WESTPLATTEN gab! Srüne und Neila schlug das Herz höher als die Geldbörse. Bei Srüne reichte es für Crosby, Stills, Nash und Young und bei Neila für John Lennon und Joan Baez. Das waren ihre ersten "richtigen" Schallplatten.

Auf dem Rücktramp nach Budapest wollten die beiden jungen Männer, die sie mitnahmen, Neila um nichts in der Welt glauben, dass sie keine Ungarin sei.
"Aber doch, ich bin Deutsche!"
"Niemals! Kein Deutscher spricht so akzentfrei ungarisch. Du kommst vielleicht aus Deutschland, aber du bist Ungarin."
Srüne wurde als Zeugin nicht akzeptiert, erst Neilas Personalausweis ließen sie gelten, wunderten sich aber weiter: "Du hast aber bestimmt ungarische Vorfahren..."
"Nichts dergleichen, urdeutsch und doof", lachte Neila.
Auch Srüne war wie verwandelt. Vor einem halben Jahr, als die Studienbewerbungen abgeschickt werden mussten, hatte sie sich für Rumänien entschieden, weil sie aus einer Französischklasse kam, denn sie folgerte, eine Sprache aus der gleichen Sprachfamilie würde leichter zu erlernen sein. Um Gottes Willen nicht nach Ungarn, das ist ja eine ganz fremde Sprache!
Diese ganz fremde Sprache hatte sie innerhalb von drei Wochen ohne besondere Sprachbegabung so gut gelernt, dass sie gegen Ende ihrer Ferienreise fast keine Dolmetscherin mehr gebraucht hätte. Als solche hatte ihr Neila allerdings eine Menge Vergnügen mit der betulichen, präzise artikulierenden ungarischen Sprache und ihren breiten, strahlenden Vokalen bereitet, besonders in Miskolc, wenn Károly - "Kaaaroj" - um eine "Kaaaro" bat...
"Warum habe ich nur Rumänien genommen? Ungarn - das wär's gewesen!" seufzte Srüne auf der Heimfahrt, nachdem sie sich für immer aus Zolis Umarmung gelöst hatte...

* * *

Sommer! Weißt du noch den Tag, als sie sagten, sie laden uns ein?
Sommer! Ach, wir mussten lachen. Schnell betrinkt man sich an diesem Wein.

Abend. Rasch noch ein paar Blicke in den Spiegel: Gut sahen wir aus.
Gut genug, um sich zu verlieben? Warum nicht? Kühl war es vorm Haus.

Feuer, roter Wein und Küsse. Viel zu schnell ging doch die Zeit vorbei.
Feuer. Heiße, wilde Flammen. Einen Sommer lang waren wir frei.

Liebe, schönster Traum des Lebens. Wie wird das Erwachen für uns sein?
Liebe. Niemals wird sie enden, schließt auch einst nur Stille sie in sich ein.

Text: Angela Nowicki, inspiriert von
Titel und Musik: Omega együttes "Emlék (Csenddé vált szerelem)"

Dienstag, 27. September 2011

Angst

Warum möcht ich denn jetzt gehen, und woher kommt diese Angst,
diese Unruhe, das Zittern in den Händen?
Warum bin ich wie gelähmt? Warum krieg ich nichts zu Stande?
Ach, mit Schnaps kann ich mich nicht mal mehr betäuben!

Was bedroht mich?
Wer bedroht mich?
Ich spüre die Dämonen hier und seh sie nicht.

Weiter hoff ich auf den Anfang, auf den nächsten, mir geschenkten,
denn so viele schon hab ich kaputt getreten.
Weiter bin ich unersättlich, und kein Ende ist zu sehen.
Niemand zieht den Schlussstrich unter meine Pleite.

Was erhält mich?
Wer erhält mich?
In diesem Halb, in diesem schalen Dämmerlicht?

Nicht Abend und nicht Morgen, aber ständig Abend-Morgen -
und ich halt das aus!
Nicht oben und nicht unten, aber immer hoch und runter -
und ich halt das aus!
Kein Gott hat mich gesegnet und kein Teufel mich geholt,
und ich habe
Angst.

© Angela Nowicki, 1986

Samstag, 10. September 2011

Schweigen

Nur Schweigen ist in mir
Sonst nichts
Das Dröhnen des Tages
Die Angst
Der Schmerz
Verstummen vor meiner Haut Glätte
Erreichen nicht mehr mein Herz
Und es bleibt Schweigen
Sonst nichts

© Angela Nowicki, 1981

Mittwoch, 31. August 2011

Unser Prominenter Junge (Teil 1)

Tonight I cried
She said wait
I’ll go with you
through the forests through the snow
kept waiting and waiting and waiting so badly so long
Now she’s gone
through the forests through the snow
with everyone
but me

Crying in the void tears
don’t drop down can’t get rid of them
I’m swimming
swimming in my own womb’s amniotic fluid
it’s okay don’t wait don’t stay but

tonight I cried
He said stay
I’ll be with you
understanding and defending
kept staying and staying and staying so stupidly long
Now he’s apart
understanding and defending
everyone
but me

forsaken
forsaken
forsaken
left alone

***

Schon seit dem Morgen ist das ganze Haus auf den Beinen. Es wird geputzt und gewaschen, gekocht und gebacken. Der Hausherr selbst richtet das Gästezimmer her, Marmara putzt die Kerzenleuchter, Irene staubt die Wände ab und hängt neue Bilder auf. Auf dem Ehrenplatz rechts über dem Esstisch blickt jetzt das hübsche, etwas leere Gesicht, in dem die Augen vielleicht ein wenig zu sehr glitzern, eines etwa vierzehnjährigen Jungen auf die noch imaginären Gäste herab. Er lächelt, und Irene lächelt zurück. Unser Junge! Vor acht Jahren hat er das Haus verlassen, um die Welt zu erobern. Und heute kommt Er zurück. Jetzt heißt Er nur noch: Unser Prominenter Junge.

Gegen Mittag reißt Irene sich aus der allgemeinen Aufbruchsstimmung los. Es ist ein Getuschel und Geplapper, ein Gewusel aus erhitzten Gesichter und strahlenden Augen. Jeder einzelne der Bewohner hüpft vor aufgeregter Vorfreude auf den seltenen und mittlerweile erlesenen Gast wie ein Ball durchs Haus. Ja, jetzt ist Er erlesen, Er hat die Welt erobert, und sogar die Nachbarn neiden ihnen das unverdiente Glück, einen so berühmten jungen Mann als einen der ihren empfangen zu dürfen, so als habe jeder von ihnen seinen Beitrag zu dessen Erfolg geleistet und sei nicht zufällig nur ein Hausmitglied.
Irene aber lächelt. Wenn überhaupt jemand, dann hat wohl sie in der Tat einen Anteil an Seinem Erfolg. Wer hat Ihm über die Jahre hinweg in ungezählten Briefen und Emails, in manchmal stundenlangen Telefongesprächen beigestanden durch all die Tiefen, die Seinem jetzigen Höhenflug vorausgegangen sind, und, oh, es waren mehr Tiefen als Höhen, es waren fast nur Tiefen, wer wüsste das besser als sie. Eigentlich weiß es in diesem Haus nur sie. Er weiß, was Er mir schuldet, denkt sie. Ich war immer da, wenn Er mich brauchte, und selbst dann, wenn Er mich nicht brauchte, selbst dann war ich da. Er wusste das. Er konnte sich bedingungslos auf mich verlassen. Ich war Ihm Mutter, Freundin und Ratgeberin. Und nun kommt Er heim, und wieder ist Irene die einzige im Haus, die ahnt - nein, die weiß, warum Er wirklich kommt. Zeit, den alten Rollen eine neue hinzuzufügen. Er kommt, um ihr zu sagen...
Mit gespielter Ungehaltenheit reißt Irene sich aus ihrem Tagtraum und zupft ihr blassgrünes Musselinkleid zurecht. Das kennt Er natürlich nicht; sie ist gespannt, was Er dazu sagen wird. Es steht ihr besonders gut; mit ihrem sandfarbenen Haar sieht sie darin reizend aus, auch das weiß sie. Doch sie hat jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, sie hat noch eine wichtige Besorgung vor sich. Etwas ganz Besonderes.

Vom Bus aus muss sie noch ein ganzes Stück bis zu ihrem Verlag laufen. "Ihr" Verlag – auch davon weiß Unser Prominenter Junge noch nichts. Sie ist nicht untätig gewesen, sie war nicht nur die Unbekannte hinter dem Großen Mann, sie hat selbst Karriere gemacht, wenn auch natürlich nicht so eine atemberaubende wie Er.
Im Foyer gibt es zwei Schalter. Am linken berät ein Mann, dort drängt sich schon eine kleine Schlange. Der rechte Schalter ist leer, aber dunkel. Irene ist enttäuscht, weil sie sich anstellen muss. Da sieht sie auf einmal, dass rechts doch eine Frau hinter dem Fensterchen sitzt, und als sie sich dem Schalter nähert, geht auch das Licht drin an. Offenbar sparen sie nur Strom. Es dauert eine Weile, bevor sie ihr Anliegen vorbringen kann, denn immer wieder wird die Angestellte von drinnen gerufen, oder jemand drängt sich draußen neben Irene mit einer kurzen, doch wichtigen Frage. Als sie endlich ihr Stichwort los wird, steht die Angestellte auf, kommt heraus und führt sie durch mehrere lange Flure zu einer Bank vor einer Sporthalle. Dies sei der beste Ort, um ihr Anliegen zu bearbeiten, sagt sie. Auf weiteren Bänken hinter ihnen sitzt Publikum. Die Angestellte nimmt mit ihren Unterlagen ihr gegenüber Platz und erzählt zunächst des Längeren von Büchern anderer Verlage, die bei ihrem Verlag erscheinen.
Als sie endet, sagt Irene: "Ihr Verlag hat schon ein Buch von mir herausgegeben..."
"Nein, hat er nicht", unterbricht die Frau sie.
"Gut", wirft Irene rasch ein, "Ihr Verlag gibt selbst nichts heraus, das weiß ich doch. Aber er hat mein Buch..."
"Hat er nicht!"
"Ja, in Ordnung!" Irene wird ungeduldig. "Dann bin ich wohl die Herausgeberin oder was auch immer. Jedenfalls hat Ihr Verlag mein Buch veröffentlicht."
"Ja", lächelt die Frau und sieht sie fragend an.
"Und jetzt möchte ich gern die Dienste des Verlages in Anspruch nehmen", lächelt Irene zurück und beruhigt sich wieder.
"Ja, bitte! Welche?"
"Ich möchte eine Wellnessgymnastik kaufen und..."
"Ja, gern. Welche?"
"Also, die normale, wissen Sie? Bloß nichts Kompliziertes, Anspruchsvolles, haben Sie Erbarmen mit mir! Etwas ganz Simples für Hausfrauen!" Sie lacht, weil sie die musternden Blicke der anderen spürt. Es ist ihr etwas peinlich, das gesagt zu haben. "Und ich möchte das Ganze als Gutschein für zwei Personen."

Diesen Gutschein hat Irene mit größter Sorgfalt ausgesucht, er ist etwas ganz Besonderes. Aber Unser – nein, ihr! – Prominenter Junge ist ja auch etwas ganz Besonderes. Nun sitzt Er im Salon, umringt vom Hausstaat, und hält Hof.
"Ist Er nicht reizend?" flüstert Marmara, als sie an Irene vorbeihuscht, die gerade zur Tür hereinkommt.
Reizend! Irene verdreht die Augen und äfft Marmara im Stillen nach: "Ister nicht raiiizend?" Was für ein verstaubtes Wort!
Marmara ist immer ihre Rivalin gewesen. Wenn sie zusammen in einem Raum sind, scharen sich die Männer nur um Marmara, so, als gäbe es gar keine Irene. Irene, die Unsichtbare. Irene, der gute Kumpel. Irene, die Vernünftige. Sie sehen sie an – wenn sie sie überhaupt ansehen! – wie einen Schrank, in den man seine überflüssigen Sachen hineinstopft, ehe man auf Reisen geht: "Er ist geräumig, nicht? Und er war so billig!" Und dann verschwinden sie mit Marmara. Marmara, die Schöne. Marmara, die Verführerische. Zugegeben, Marmara ist schön. Sie hat eine starke, sinnliche Ausstrahlung. Doch das ist doch alles nur körperlich – wo bleibt die Seele, wo der Geist? Irene ist vielleicht nicht ganz so schön, aber immerhin leidlich hübsch, und sie ist warmherzig, einfühlsam und klug.
Die alte Missie sagt immer: "Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel." Der zwölfjährigen Irene leuchtete das ein: Es gibt also genauso viel Deckel wie Töpfe, sie müssen sich nur finden. Logik war immer Irenes Stärke. Vier Jahre später begann sie, sich zu fragen, wieso es dann beim Topf Marmara stets einen Deckelauflauf gab, während für sie keiner übrig blieb. Das war unlogisch. Irene verstand die Welt nicht mehr.
Doch nicht genug, dass Marmara schön ist, sie weiß auch noch, dass sie es ist. Und sie bildet sich etwas darauf ein. Das sind die Schlimmsten. Als Irene einmal mit ihr die Straße entlang ging, drehte sich ein junger Mann nach ihnen um und pfiff leise.
"Was wollen die denn alle nur von mir?" stöhnte Marmara mit schlecht gespieltem Überdruss.
‚Mein Gott‘, schrie es in Irene, ‚wie kann man nur so von sich eingenommen sein!‘ Woher wollte Marmara wissen, dass der Pfiff nur ihr galt? Vielleicht hatte ja einmal ein Mann Irenes innere Schönheit erkannt? Diesen Gedanken verwarf sie schnell wieder, aber vielleicht hatte er beide gemeint? Im Grunde aber wusste Irene, dass Marmara genau wusste, wer gemeint war. Und das war der größte Schmerz.

Mittwoch, 17. August 2011

Spiritual Fantasy

Eigentlich fällt mir das aus dem Konzept, nur Eigenes zu veröffentlichen, doch weil's grad so schön passt, ich diesen Song so liebe und er für Deutsche auf youtube leider nicht zu haben ist, hier der Text:

Humanity grew weary
Of it’s doubtful state of mind.
So it summoned from far and called from near
All the wise men thought to be sincere
To heal it's wounds and make it whole
And to lead the way back to the soul.

The charlatans they stayed behind
To count their bags of gold.
And some stayed away as if to say:
“I know that my way's the only way!”
Afraid to learn they may be wrong
They preach their nothingness at home.

But the wise men came together with the hope to free mankind
Of the rubbish that had gathered in god's name,
To embrace and trust each other in the search for the supreme.
And they found that all their teachings were the same.

And when at last the word went round
That all were one and all,
Many returned to seek the light,
Nobody claimed that he was right.
It's sad to know it's just a song.
To dream and hope still can't be wrong.

Steppenwolf "Spiritual Fantasy"
vom Album Steppenwolf the Second, 1968

Damit es wenigstens zur Hälfte am Konzept bleibt, hier meine freie Übersetzung – keine Nachdichtung, daher im Fließtext:

Überdrüssig ihrer geistigen Unsicherheit, lud die Menschheit alle Weisen von fern und nah, die ihr aufrichtig dünkten, ein, dass sie ihre Wunden heilen und und sie den Weg zurück zur Seele führen mögen.
Die Scharlatane blieben im Hintergrund und zählten ihre Säcke voller Gold. Und mancher hielt sich abseits, als wolle er sagen: "Nur mein Weg ist der einzig richtige!" Aus Angst zu erkennen, sie könnten sich irren, predigten sie ihre Banalitäten daheim.

Aber die Weisen versammelten sich in der Hoffnung, das Menschengeschlecht von dem Plunder zu befreien, den es in Gottes Namen angehäuft hatte. In der Hoffnung, sich auf der Suche nach dem Höchsten zu verbünden und einander zu vertrauen.

Und sie erkannten, dass sie im Grunde alle dasselbe lehrten.

Als sich die Botschaft endlich herumsprach, dass alle Menschen samt und sonders eins sind, kehrten viele um, um zum Licht zu streben, und niemand bestand mehr darauf, Recht zu haben.

Schade, dass dies nur ein Lied ist, doch
es kann ja nicht schaden, zu träumen und zu hoffen.


Montag, 15. August 2011

Der Spiegel

Blickend nach vorn
Erkennen wir nur, was hinter uns liegt
Die Zukunft ist ein Spiegel
Dahinter verbirgt sich
Unser Gott

So
Geht er vor uns her
Zu ebnen den Weg
Seine Spur drauf zu hinterlassen
Die wir nicht sehen
Denn

Immer laufen wir dem Spiegel nach

© Angela Nowicki, 1980

Montag, 8. August 2011

Angst

die nerven kreischen
flackert
das leben
bricht durch die stille
der jagende puls

angst - wovor?

in unbestimmte weiten
treibt wimmerndes fühlen
vor jeder neuen minute
steht die angst
flüstert warnend ihre träume
ins blut
unverrückbar erscheint jede frage
nach: wohin?
und: wie lang?
ort und zeit
unsrer selbstsucht

© Angela Nowicki, 1980

Freitag, 5. August 2011

Kapitel 1: Kuhfraß - Oder-Neiße-Friedensgrenze

oder
Wenn man nur lange genug nach Osten geht, kommt man auch in den Westen

Diese Geschichte ist keine Reportage. Es ist ein Konglomerat aus eigenen und fremden Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten, politischen Fakten, Fiktion und Träumen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, Einrichtungen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt, wenngleich natürlich auch nicht zufällig. Wenn sich jemand angesprochen fühlt, wird das schon seinen Grund haben.

***

Irgendwann kotzte alles sie an, da hat sie heimlich sich aufgemacht.
Jeans und Parka zog sie sich an, und ihre Plane war ein Zelt für die Nacht.
Ach, was hast du für Illusionen, Mädchen, überleg doch mal:
Willst in der Welt vor der Welt weglaufen und wohin, ist dir egal.

Die Beskiden waren ihr Ziel, da wollte sie schon immer hin.
In der Wildnis mit den Hippies leben, das allein hatte für sie noch Sinn.
Wildnis! Das sind doch nur Illusionen, Mädchen, überleg doch mal:
Dafür sind wir längst viel zu zivilisiert, und wie du’s schaffst, ist dir egal.

***

Neila war immer so gewesen: kopfüber rein in die emotionale Welle und durch. Und wenn es schiefging? Es gab kein Schiefgehen für Neila. "Was geschieht, ist gut", war ihre Devise. Wenn sie liebte, war es toll, wenn sie litt, war es eine weitere Erfahrung, und wenn sie umgekommen wäre? Sie riskierte es.
"Hast du denn überhaupt keine Angst?" hatte eine Kollegin viele Jahre später einmal gefragt, als Neila sich nach der Spätschicht aufmachte, allein den weiten Weg durch eine dunkle Kleingartensiedlung nach Hause zu gehen. Doch, klar hatte sie Angst. Vor Schlägen. Vor Nachtfaltern. Vor Bloßstellung. Auch vor der Dunkelheit, aber da hatte sie schon ganz andere Wege hinter sich.

In den Siebzigern, als sie noch alles vor sich hatte, da war die unerträglichste Angst die, die Welt nicht zu sehen. Nichts zu erleben, für immer eingesperrt zu bleiben in den Achtstundentag in einem Kollektiv der sozialistischen Arbeit plus kollektive Freizeitgestaltung, fünfundvierzig Jahre in immer demselben Beruf bis zur Rente in der Gartenzwergkolonie "Heimaterde", in einem braunkohlestinkenden Land ohne Farbe mit dem täglich grüßenden Murmeltier, Big Brother Watching und der Polizei, deinem "Freund und Helfer, die ist immer auf der Wacht, ob ich gehe oder stehe, ob es Tag ist oder Nacht. Neulich war sie auch beim Trampen mit dabei...", hatte Gerhard Schöne gesungen, als er noch kaum bekannt war und in Outsiderkreisen auf zigmal überspielten Tonbändern kreiste. Später, als er schon bekannt war und im Fernsehen auftreten durfte, sang er trotzdem noch:
So also ist nun das Leben, wenn alles glatt abläuft nach Plan:
Schmerzarme Geburt, Krippe, Schule, dann Lehre mit Moped und ‚Zahn‘.
Was soll ich noch schaffen, noch kaufen?
Was fehlt noch zum Glück und zum Spaß?
Ist denn schon alles gelaufen – oder fehlt da noch was?
Ach, da fehlte so gut wie alles, und Neila beschloss, nichts sei gelaufen.

An einem kalten Donnerstagmorgen im März 1977 zog sie sich Jeans und Parka an, packte ihren Rucksack, schnallte die Plane drauf und schlitterte von ihrem einsamen Bungalow am Waldrand, in dem sie allein eine Betriebswohnung des Pflegeheims, in dem sie arbeitete, bewohnte, den steilen Hang durch den Wald zur Landstraße runter und... Ich hätte jetzt zu gern geschrieben: streckte den Daumen in den Wind, aber das kam erst später. Von Kuhfraß bis Rudolstadt musste man laufen, wenn nicht zufälligerweise der Bus oder das einzige Auto am Tag vorbeiknatterte.

Menschen, die nicht in der DDR gelebt haben, muss ich hier kurz etwas erläutern: Was Neila tat, war strafbar. In diesem Staat konnte man nicht einfach "der Arbeit fern bleiben" und womöglich noch verschwinden. Man riskierte damit keine Kündigung, das wäre für manchen sogar eine wünschenswerte Option gewesen, sondern weitaus Schlimmeres: Man riskierte die ganze Palette "erzieherischer Maßnahmen" der proletarischen Überwachungsdiktatur, von denen eine "Aussprache im Kollektiv" noch das Geringste war, bis hin zum Knast.

Neila riskierte zur Anklage wegen "arbeitsscheuen Verhaltens" und möglicher "Republikflucht" natürlich auch noch eine Vermisstenanzeige, aber so weit dachte sie damals beim besten Willen nicht. Man kann ja nicht an alles denken.

Republikflucht? So weit ging Neilas Furchtlosigkeit nun auch wieder nicht, dass sie ernsthaft erwogen hätte, sich in den Stacheldraht nach Westen zu stürzen. Die Erde ist rund. Wenn man nur lange genug nach Osten läuft, kommt man auch irgendwann im Westen an. Außerdem kannte Neila schließlich eine ganze Schar Hippies in Polen, allen voran die aus der Kommune in Caryńskie in den Ostbeskiden, genauer: den Bieszczady. Seitdem sie im Vorjahr auf ihren Tramps dort einmal gelandet war, träumte sie davon, sich für immer dort niederzulassen. Vielleicht. Also hielt sie in Rudolstadt nun endlich Nase und Daumen in den Wind und wandte sich gen Osten.

Ungeachtet des sie von da an ständig begleitenden Gefühls, gehetzt zu werden, verlief der Tramp außergewöhnlich hindernisfrei. Am Nachmittag war sie in Görlitz. Hier erreichte die Angst ihren Höhepunkt; sie war soeben dabei, die Oder-Neiße-Friedensgrenze zu überschreiten. An sich kein Problem, sollte man denken, schließlich gab es seit fünf Jahren den visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und Polen. Doch beim Grenzübertritt erhielt man einen Sichtvermerk in den Personalausweis, und das visafreie Aufenthaltsrecht in Polen erstreckte sich für DDR-Bürger nur auf 30 Tage. Dass Neila nicht vor hatte wiederzukommen, wusste natürlich zunächst niemand, doch immerhin rechnete sie damit, schon jetzt polizeilich gesucht zu werden.
Als die Sparkassenangestellte in Görlitz sie komisch anschaute, nachdem sie ihr ihren Auszahlungsauftrag über 700 Mark - ihr ganzes Vermögen - vorgelegt hatte, durchfuhr sie deshalb ein heißer Schreck, und sie glaubte schon, entdeckt worden zu sein, noch bevor sie überhaupt richtig abgehauen war.
"Sie dürfen höchstens 500 Mark auf einmal abheben", schnappte die Dame, als sei sie persönlich beleidigt worden.
Neilas Herz begann zu rasen. Bloß nicht auffallen! Die Tarnkappe, wo ist meine Tarnkappe? Fahrig kritzelte sie einen neuen Auftrag über die erlaubten 500. Bekam ihr Geld. Tauschte 400 in Złoty um. Verließ die Kasse fluchtartig. Hechtete über die Grenze.

Polen! Der "kleine Westen", wie er von vielen Abenteuer suchenden Jugendlichen aus der DDR genannt wurde. Für Neila war jede erste Stunde in Polen ein Rausch. Es roch anders. Es klang anders. Es lag ein anderes Licht auf der Welt, Herbstfarben, warme Farben, Grün und Gold und der Geruch nach Weizen (wieso ausgerechnet Weizen?) und scharfem Tabak, das war Polen. Der Mensch entspannte sich, er pfiff auf kollektive Normen und staatliche Vorschriften, er ließ sich von seinen Fantasien treiben und selbstredend auch von Illusionen, er öffnete sein Herz und sein Haus. Und er saß auf dem Boden. Jedenfalls, wenn er jung war und lange Haare hatte.

Polen. Endlich frei.

Erinnerungen stiegen auf. Im Vorjahr hatte sie diese Grenze barfuß "überschritten" und damit einige eigenartige Erlebnisse provoziert.

Montag, 1. August 2011

Trilogia dolorosa

Anelito

Die Last ist schwer, und der Weg ist weit, so weit. Traurig neigen sich die Bäume am Wege, schon hat der späte Wind ihnen die Blüte genommen, auch die Frucht hat er ihnen genommen, schon, schon. Ganz violett ist der Himmel vor Trauer, aber nun ist diese Trauer ruhig, fast keine Tränen hat sie mehr, diese Trauer, ja, auch die letzte Träne wird der Wind ihr nehmen. Leise seufzend neigt das hohe Gras sich unter dem tränenlosen Himmel - da ist keine Klage und auch keine Verzweiflung; einst war der Schmerz, aber nun ist nur Stille.

Einst war da auch Liebe, und sie war schön und jung, und sie war voll Eifer. Alle freuten sich an ihr, alle bewunderten sie, alle glaubten an sie: die Bäume, der Himmel, das hohe Gras. Sie war die Hoffnung aller, denn Frucht erhoffte sich von ihr die dürre Erde, Trost der gebeugte Strauch, eine Hütte der verlorene Weg.

Aber die Liebe ist müde geworden, denn jung war sie, und vielleicht ist sie auch ein wenig eitel geworden, denn sie war wohl sehr schön, und ihr Eifer ist zerbrochen. Zerbrochen ist der Krug, die Scherben hat der Wind verstreut. Der späte Wind hat sein Urteil gesprochen, höhnisch und laut hat er gesprochen: Ich bin es, der nie müde wird, ich bin es, auf den ihr hoffen sollt, denn ich allein bleibe, es bleibt nur der Wind.

Wo ist die Blüte, wo ist die Frucht, wo ist Trost, wo die Hütte? Es bleibt nur der Wind.

Und der Wind wird vergehen - wo bleiben dann wir? Im verwelkten Gras, im verdorrten Baum, im toten Himmel. Weit ist der Weg, und die Last ist schwer, so schwer. Noch weint der Himmel, noch trauern die Bäume, noch seufzt das Gras.


Disperata

Die drei erscheinen wieder im Fenster vor uns. Mit MPs bewaffnet. Zwei Männer und eine Frau. Die sind doch krank! Soziopathen. Wie die Jungs aus dem Jugendclub. Trotzdem hat Neila nicht damit gerechnet, dass sie ernst machen. Der Erste schoss ziemlich schnell. Ihrem Gefährten in den Unterschenkel. Der brüllte. Neila bekam Panik. Ihr wurde auf einmal bewusst, dass sie auf der Stelle erschossen werden konnte.

Als die Schlacht entbrannte, liefen wir weg. Jeder ballerte gegen jeden. Die Guten gegen die Bösen. Blut spritzte in Fontänen auf beiden Seiten. Gedärme quollen. Dann ein bestialischer Schrei: "Neeein!!! Margret!!! Neeeeeein!!!"

Sie hatten die Beste von uns einfach abgeknallt. Wir rannten hin. Wollten sie bewahren. Heulten wie die Tiere. Wir müssen uns retten. Liefen wieder weg. In den Unterschlupf.

Eine kommt, aus deren Schläfen Blutströme schießen wie aus vielen Spundlöchern. Eine von denen. Doch danach fragt keiner. Sie lehnt sitzend an einer Wand. Ihre ausgestreckten Beine in einer tiefen Blutpfütze. Es ist eine von den Harten. Sie lacht und hält ihr Gewehr auf dem Schoß. Dann taucht sie ihren Finger in die Blutlache auf ihren Unterschenkeln. Neila lernt, dass Blut hellrot und dick wie Sirup ist. Keiner kann helfen. Auf das Schlachtfeld fallen zerfetzte Leichen. Sie ersaufen in einem Meer aus sirupdickem Blut.


Andante morendo

Draußen ist die Welt heil und kühl.
Wo kommen wir her?
Was ist uns geschehen?
Wir sehen Menschen. Menschen in Bob-Gestalt. Große, runde Metallkäfer, die auf gewundenen Bob-Bahnen umhersausen. Sie sind heil und kühl.
Da ist unsere Mutter. Da ist unser Enkel.
Da sind wir, und die ganze stille Welt ist nichts als Mütterlichkeit.

Mutterbobs.

Tacet

© Angela Nowicki, 1. August 2011

Donnerstag, 28. Juli 2011

Warten

sich ganz in sich zusammenziehen
sitzen
jeder muskel in alarmbereitschaft
jede pore ein ohr
wie haut auf erkaltender milch
gerinnt das leben der atem
eine zitternde säule
bereit zum sprung auf das

Jetzt!

das noch immer nicht kommt
immer noch nicht kommt...

© Angela Nowicki, 1978

Samstag, 23. Juli 2011

Liedchen

Fragt nicht immer nach Vergangnem,
Nach missratner Illusion.
Das, was war, lasst friedlich ruhen,
Denn wir haben nichts davon.
Fragt nicht immer, was ich dachte.
Gebt euch nicht zum Richter her
Über die Person von gestern,
Denn die bin ich heut nicht mehr.

Fragt nicht immer nach der Zukunft,
Nach noch unerfülltem Traum.
Das, was kommt, lasst ruhig kommen.
Habt ein wenig mehr Vertraun.
Fragt nicht, wo ich bleiben werde.
Stellt euch nicht so wissend hin
Über die Person von morgen,
Die ich heute noch nicht bin.

Lieber fragt nach jetzt und heute,
Danach, was wir haben hier.
Was geschieht, das lasst geschehen.
Davon letztlich leben wir.
Fragt mich lieber, was ich liebe.
Drüber richten sollt ihr nicht.
Euch bleibt einzig überlassen,
Mich zu mögen
Oder nicht.

© Angela Nowicki, 1976

Samstag, 16. Juli 2011

You never can tell

You never can tell what a thought will do
In bringing you hate or love –
For thoughts are things, and their airy wings
Are swifter than carrier doves.

They follow the law of the universe -
Each thing creates its kind,
And they speed o'er the track to bring you back
Whatever went out from your mind.

Ella Wheeler Wilcox (1850 - 1919)


Du weißt nie, was ein Gedanke bewirkt,
Wenn Hass oder Liebe er bringt.
Gedanken sind Dinge, und ihre Schwingen
Sind flinker, als Brieftauben sind.

Sie folgen dem universellen Gesetz,
Das Gleiches zu Gleichem gesellt.
Sie eilen hinaus und bringen nach Haus,
Was ausgesandt ward in die Welt.

Nachdichtung: Angela Nowicki, 16. Juli 2011

Mittwoch, 13. Juli 2011

Nachtlied

Schon fällt Dunkel auf die große Stadt.
Müde wird der Lärm, der Tag ist satt.
Langsam zieht er sich zurück, und es wird kalt.
Nur der Wind, der aus den Steppen kommt, macht niemals Halt.

An der Haustür steht die Hanna Cash.
Niemand fragt sie, wo sie schläft heut Nacht,
so wie sie auch keinem Antwort gäb darauf.
Nur dem Steppenwind erzählt sie, was sie manchmal braucht.

Jeder hat ein Bett, so soll es sein,
und ein Dach, und es gibt Mein und Dein.
An nichts fehlt es uns und keiner, der verliert.
Nur der Wind der Steppen weiß, wer, wenn es Nacht wird, friert.

Ach, der Wind, er mag wohl weise sein.
Er sah Menschen jubeln, Menschen schrein.
Alles, was die Kreatur zum Vorschein bringt,
alles nahm er in sich auf und schweigt davon und singt.

***

Lang schon schweigt sie still, die große Stadt.
Niemand regt sich mehr, kein Stein, kein Blatt.
Hanna Cash geht müden Schritts hinab zum Wald.
Und der Wind, der aus den Steppen kommt, macht niemals Halt.


© Angela Nowicki, 1977

Dienstag, 5. Juli 2011

telefonpause

ich weiß gar nicht ob
ich jetzt noch mit dir reden möchte
nachdem du mich zurückwarfst
in die schlacht meines namens

die schlacht ist entschieden
der feind singt im käfig droben
mir fehlt ein stück vom körper
und ich weiß nicht mal welches

zu viele worte verschossen
dir unbewaffnet gegenüberzutreten
könnte mich mein leben kosten
lieber geh ich mein herz suchen

© Angela Nowicki, 2002