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Dienstag, 28. Januar 2014

Clara


Da war ich. Irrte über die britische Steilküste. Spürte den kurzen Rasen unter meinen nackten Füßen. Bis das Kind erschien.
Vorher sah ich mehrere Bilder. Das erste war ein Glaskrug mit ganz klarem Wasser darin. Ich trank davon, wusch mir damit Hände und Arme, Gesicht und Augen, schüttete es mir über den Kopf. Am Körper fühlte sich das Wasser leicht ölig an.
Später sah ich eine Gestalt im schwarzen Umhang, die von einem Maibaum herunterrutschte. Der Maibaum blieb, die Gestalt verschwand.

Das Kind war heute ein kleines bisschen größer und dünner, sein Haar nicht mehr ganz so verfilzt, dafür länger, und es war deutlich sanfter.
„Natürlich, es geht weiter. Gut, dass du gekommen bist‟, begrüßte es mich. „Da machen wir doch zuerst mal ein Lagerfeuer.‟
Mit groben Holzscheiten entzündete es ein kleines Feuer auf der Klippe über der Irischen See, und dann fragte es mich, wo Lukas sei.
„Ich weiß nicht, er ist einfach nicht aufgetaucht. Ich habe ihn aber auch nicht gerufen, weil ich dachte, wir brauchen ihn nicht.‟
„Doch, dein Pferd sollten wir schon dabei haben‟, entgegnete das Männchen.
Ich wollte loslaufen, um Lukas zu suchen, doch der Kleine meinte, es sei sinnvoller, hier am Lagerfeuer zu bleiben und ihn zu rufen, so werde er uns am leichtesten finden.

Während wir auf Lukas warteten, fragte ich das Kind, ob es uns bei der Wiederholung meiner Kindheit und Jugend denn gelingen werde, es zu befreien.
„Ich bin doch frei‟, erklärte es nachdrücklich. „Ich bin nicht dein Kind. Ich bin dein befreites Kind!‟
Dann erschien Lukas.
„Es ist besser, wenn du erst zu unserem alten Treffpunkt in der Steppe kommst und mich dort rufst und suchst‟, sagte er sanft zu mir und nahm am Feuer Platz.
Ich umarmte ihn zärtlich, und Lukas sagte: „Du bist am Ende deiner Transformation angekommen. Bald wirst du mich nicht mehr brauchen.‟

Das Kind zog einen großen goldenen Kreis um mich und meinen Maibaum, an dem viele bunte Bänder flatterten. Im daran anstoßenden Kreis erwartete ich meinen Urgroßvater Alwin, doch dann stand dort eine ältere Frau, und das war meine Urgroßmutter Clara.
Zunächst einmal bat ich die geistige Welt um Beistand, dann begrüßte ich Clara und erklärte ihr, dass ich für die Erfahrungen dankbar sei, die ich mit ihren Lasten gemacht habe, dass es aber nicht meine Lasten seien und ich sie ihr jetzt zurückgebe. Ich wünschte ihr Segen auf ihrem weiteren Weg und sagte, ich gehe von nun an meinen.
Als Nächstes mussten die Lasten zurückgegeben werden. Längere Zeit fühlte ich genau, Stück für Stück in meinen Körper hinein. Ich spürte etwas in meinem gesamten Unterleib, in der linken Brust und in der Kehle. Vor mir erschien ein kleiner, vollgepackter Rucksack. Ich schob ihn bis zu Clara hinüber und sah dann zu, wie er ihr aufgeschultert wurde. Dann jedoch erschien hinter ihr eine große Gestalt, die ihr diesen Rucksack abnahm und damit fortging.
Nun ging es ans Hauptwerk: Verstrickungen suchen, lösen, auflösen und die Schnittstellen heilen. Ich suchte, und den Rest machte wieder das Kind mit seinem blauen Lichtschwert.
Mit Clara war ich wesentlich stärker verstrickt als mit August, meinem Ururgroßvater. Zuerst fand ich eine Nabelschnur, die von ihrer rechten Brust ausging. Die größte und stärkste aber ging von ihrer linken Brustwarze aus, und diese Brustwarze war völlig verunstaltet, eine große knotige Wucherung. Dort blieb nach der Abtrennung auch eine große offene Wunde zurück, für deren Heilung das blaue Licht sehr lange brauchte. Bei mir saßen die Verbindungen alle zwar in derselben Körperregion, aber nicht an genau derselben Stelle wie bei ihr.
Nachdem etliche einzelne Stricke zwischen uns erfolgreich entfernt worden waren, trat ich aus mir heraus und schaute uns beide von der Seite an. Da erst entdeckte ich ein regelrechtes Geflecht zwischen unseren Körpern, das sie eng aneinander band. Jetzt ging das Kind mit dem blauen Licht pauschal von der Seite an dieses Geflecht heran. Es durchtrennte sie einfach mit einem langsamen Schnitt durch die Mitte von oben nach unten und löste dann erst die Schnüre in ihrer Gesamtheit auf und heilte die Wunden.
Noch einmal sah ich mir das Ganze von außen an. Und wieder waren wir miteinander verflochten, jetzt allerdings schon mit viel feineren Fäden und nicht so vielen. Noch einmal wiederholte das Kind die Ablösungsprozedur, und erst dann waren wir endgültig getrennt, und ich konnte keine Verbindungen mehr finden.

„Wasser‟, sagte das Kind nach kurzer Überlegung. „Clara gehört ins Wasser.‟
Wir legten ihren leblosen Körper auf eine große Plane und trugen ihn zum Strand hinunter. Dort übergaben wir ihn dem Meer, wo er sich vor unseren Augen in recht kurzer Zeit rückstandslos auflöste.
„Geh in Frieden!‟ rief ich ihr hinterher.



Natürlich musste auch ich jetzt ins Wasser. Ich lief weit hinein ins Meer und tauchte und schwamm und spritzte und wurde immer übermütiger, bis das Kind mich ans Ufer rufen musste, sonst würde ich wohl jetzt noch schwimmen.
Als ich herauskam, trug das Kind auf einmal einen leuchtend roten Flanellschlafanzug mit lauter bunten Bildern drauf. Es führte mich zu dem knorrigen Baum, und auch ich bekam einen solchen Schlafanzug, in dem ich sofort wieder zum Kind wurde. Ich tanzte mit dem Kobold, wir tollten und lachten wie die Wilden und vergaßen die Zeit dabei, bis wir erschöpft und immer noch lachend neben dem Lagerfeuer niedersanken.
 

Samstag, 12. Oktober 2013

Elfe

Elfe
Acryl auf Malkarton mit Leinen
2012


© Angela Nowicki, 12. Oktober 2013

Donnerstag, 25. Juli 2013

Find your damned genius!

Tagebucheintrag vom 10. März 2012

Witzige Entdeckung gemacht:
Als geistiges Wesen gehöre ich natürlich in meinen Kopf, aber es muss ein Gleichgewicht da sein, d.h. ich muss zu gleichen Teilen auch körperlich und sinnlich tätig sein. Bis zur Geburt meiner Kinder war dieses Gleichgewicht auch ganz natürlich da, und vielleicht fühle ich mich heute so unvollständig, weil ich diesen natürlichen Drang zu trampen, Sport zu treiben usw. nicht mehr ausleben kann. Aber egal.

Zum ersten Mal verschob sich das Gleichgewicht mit dem ersten Kind. Und zwar zu Ungunsten des Kopfes - ich musste immer mehr in Körper und Beziehungen, Alltag hinein, dass ich schließlich regelrecht aus meinem Geist ausgesperrt blieb. Es war wie eine Vertreibung aus der Heimat. Vielleicht findet sich hier auch ein weiterer Grund für meine Alkoholsucht: Der Alkohol öffnete meinen Geist, ich durfte für zwei, drei Stunden „nach Hause‟ - und tatsächlich hat es mich ja fast immer nur zur Flasche getrieben, um wieder mal im Lesen und Schreiben schwelgen zu können, es war fast ekstatisch.
Schließlich kam der Umkehrpunkt: I am living behind a curtain... Nein, es war 1999, als ich die letzte abhängige Arbeitsstelle hinter mir ließ, als die Kinder aus dem Haus bzw. fast erwachsen waren, als endlich die Hausarbeit immer weniger wurde, da kehrte ich mit einem nicht enden wollenden Fest in meinen Kopf zurück. Und - peng! - hörte ich auf zu trinken. Vor allem, nachdem ich 2000 ein Vierteljahr lang alle Psychologie-Vorlesungen an der Uni besucht hatte, denn da war ich zum ersten Mal in meinem Leben wunschlos glücklich.
Jetzt aber schlug das Pendel zur anderen Seite aus - nämlich ab 2002 und so richtig dann ab 2004, seit ich die geistige Arbeit zum Beruf gemacht habe. Seitdem bin ich in meinem Kopf, meiner Heimat, gefangen - wie damals, als ich den PM12 hatte. Nun durfte ich nicht mehr nur endlos schreiben, lesen und denken, ich musste es auch, und das Schlimme war (und ist): Es ist eine nachschaffende geistige Arbeit, das Übersetzen, und keine schöpferische. Oder sagen wir besser: Es ist kein Selbstausdruck, und der ist für mich genauso essenziell wie das Gleichgewicht aus Geist, Körper und Sinnen.

Okay - 23 Jahre Gleichgewicht - 20 Jahre Körper-Exil - 5 Jahre Gleichgewicht - 7 Jahre Kopf-Exil - und jetzt zurück ins Gleichgewicht.

Heute:
Mein unaufhörliches Nachdenken über mich und mein Leben, mein Analysieren, Planen und meine Nonstop-Selbstgespräche - all das ist ein einziger großer Fake, eine Kompensation, eine Reaktion - es ist nicht wirklich, und es ist nicht nötig, und es hat nichts mit der Realität zu tun! - denn: Sobald ich im Gleichgewicht zwischen Kopf und Körper bin, sprich: Sobald ich erst mal den halben Tag lang wandern gehe, Yoga mache, male, aufräume, verstummt diese Dauerbeschallung in mir, und ich höre automatisch auf, über mich nachzudenken! Auf einmal bin ich still und in meiner Mitte.
DAS ERLEBE ICH SEIT VIELLEICHT VIERZIG JAHREN ZUM ERSTEN MAL!

Dann habe ich mir noch was überlegt:
Was wollte ich denn ursprünglich am meisten vom Leben? Berühmt werden? Ich wollte ein Genie sein! Nicht mehr und nicht weniger. Und das bedeutet: Ich wollte etwas machen, worin ich auf der ganzen Welt die absolut Beste bin, was sonst keiner tun könnte - wie Janis Joplin im Singen.
Jetzt ist die Frage: Worin bin ich denn die Beste? Als Kind und noch als Jugendliche und junge Frau war ich von dieser Genialität in mir total überzeugt. Und mir ist heute erst mal richtig aufgefallen, dass diese Überzeugung mittlerweile einfach weg ist - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mich überall für mittelmäßig bis bestenfalls sehr gut halte! (meine Träume von genialen Kindern!)
Nicht mal mehr in der Sprache halte ich mich für die Beste. Weder in Fremdsprachen noch im Schreiben - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mir nicht mehr zutraue, einfach mal so eine Fremdsprache zu erlernen, dass ich schon wieder Angst habe, nach England zu fahren, weil ich die Sprache nicht mal annähernd beherrsche! Und ich schäme mich dafür!
Gut, ich muss jetzt mein Genie wiederfinden. Mir schwant schon was... Jedenfalls liegt es definitiv nicht auf einem hergebrachten Spezialgebiet, wie Literatur, Lyrik, bildende Kunst, Musik, Schauspiel, Tanz, Film, Fremdsprachen oder Forschung oder auch Beratung...

© Angela Nowicki, 25. Juli 2013

Samstag, 20. Juli 2013

Herzenswärme spüren

Seelenreise vom 3. Februar 2012

Ich erwachte auf dem Berg in Tintagel, ganz nahtlos. Nackt, eingehüllt in warme Decken. Lukas stand vor mir und schlug, wie rituell, die Decken auf: erst rechts, dann links. Ich stand auf, und er fragte: „Wie geht es dir heute, nachdem du deine Sünde abgewaschen hast?‟ Er war auf einmal seltsam ernst.
„Sünde?‟ fragte ich. „Davon war eigentlich gar nicht die Rede... Aber klar, Schuld ist immer auch Sünde... Seit einer Stunde etwa geht es mir etwas besser.‟
Ich bat darum, die Wärme meines Herzens spüren zu dürfen.
„Dann zieh dich besser erst mal an‟, schmunzelte Lukas. Ich war ja noch nackt.
Ich zog meine normalen Hausklamotten an. Als ich mir gerade mein dunkelblaues T-Shirt überstreifte, meinte Lukas: „Zieh doch mal schöne Kleider an!‟
Da sah ich sie: Ein Stück weiter lagen die total ausgeflippte, leuchtend grüne Samtpluderhose und der Sari, die ich mir in Leipzig im Tranquillo gekauft hatte, für später, wenn ich mal freier bin... Ich zog sie an, dazu rote, flache Schnallenschuhe. Der herrlich rot-bunt gemusterte Sari war zu einer Tunika vernäht worden, die ich vorn zuknöpfen konnte. Darunter trug ich ein noch längeres, ockerfarbenes Shirt, fast schon ein Kleid. Es war ganz verrückt: Ich hatte auf einmal aufgesteckte Zöpfe wie ein Mädchen. Darüber zog ich mein rot-gelb-grün gestreiftes Stirnband. An meinen Armen erschienen ganz viele silberne Armreifen, die klimperten, ich trug einen Haufen Hippieketten und lange Ohrringe mit vielen Kettchen. Aber da tanzte ich schon. Mal sah ich mich von außen, mal war ich in mir drin, immer im Wechsel. Ich sah, wie ich tanzte, eine Zigeunerin, ein wildes Weib, und ich tanzte selbst. Einen Stammestanz, einen Fruchtbarkeitstanz, verschiedene Figuren, hüpfend, stampfend, steppte, meine Arme tanzten, meine Finger schnippten. Schließlich tanzte ich in immer engeren Kreisen, und Lukas sagte: „Grabe dich in dein Herz hinein!‟
Mein Herz, das war die Erde, die kornische Erde, die englische. Ich grub mich immer tiefer tanzend in diese Erde hinein, bis ich in einer Parallelwelt herauskam. Die gleiche Szenerie: der Berg in Tintagel, aber es war Nacht, und überall, auf allen Bergspitzen und Landzungen über der Keltischen See brannten riesige Feuer. Bevor ich die Feuer sah, hatte ich einen offenen Kamin in einem großen englischen Landhaus gesehen. Es war, als ob all die großen Feuer von diesem Kaminfeuer gezündet worden wären. Überall tanzten und standen Menschen an den Feuern, Menschen, die, wie ich spürte, genau wussten, was diese Nacht und diese Feuer bedeuteten: Es waren Beltane-Feuer, und sie wurden entzündet, um die lange, kalte Nacht des Winters zu vertreiben.
Erst tanzte ich quer durch die Landschaft, von einem Feuer zum anderen. Dann kam ich zurück auf unseren Berg am Artus-Schloss und trat an dieses eine Feuer. Ich öffnete meinen Körper vorn wie einen Schrank und nahm ein Stück vom Feuer in mich auf. Als ich meinen Körper wieder geschlossen hatte, brannte und wärmte das Beltane-Feuer in mir drin weiter, so dass ich leuchtete wie eine Fackel und Wärme ausstrahlte, wohin ich auch kam.
Das war meine Herzenswärme.

Ich sah mehrere Gesichter vor mir, von alten und jungen Menschen, armen, gewöhnlichen Menschen, die es schwer im Leben haben, aber ein gutes Herz.
Und dann sah ich in einer Veranda einen Haufen großer Blumentöpfe mit Pflanzen drin. Eine war ein Oleander. Ich nahm die Töpfe an mich und wurde flugs in meine Steppe versetzt. Dort grub ich Pflanzlöcher und pflanzte die Sträucher und Blumen ein, in einer lockeren Reihe, und diese Reihe führte in Richtung England.
Als alles gepflanzt war, öffnete ich wieder mein Herz-Chakra, es fuhr seine Gießrinne aus, so dass ich alle Pflanzen, einschließlich der ersten Blumen, die ich früher schon dort gepflanzt hatte, richtig einwässern konnte. Dieses Mal loderte aber auch das Beltane-Feuer aus meinem Herzen und verbreitete Wärme und Licht in diesem Teil der Steppe.
Hängematte! Hier muss irgendwo eine Hängematte hin, aber es gibt keine Bäume. Schon grub ich wieder Gruben und pflanzte eine Linde und eine Lärche mitten in die Steppe. Wenn sie groß sind, kann ich dazwischen eine Hängematte aufspannen. Noch einmal begoss, wärmte und erhellte ich die Linde, die Lärche und auch die Birke, die vor langer Zeit schon ein Stück weiter weg auf eine Anhöhe gepflanzt hatte.
Ich konnte gar nicht wieder aufhören zu gießen, verschwendete mein Herzenswasser über die ganze Steppe - und da geschah ein Wunder: Der Himmel verfinsterte sich mit stürmenden, violetten Wolken, und es setzte ein ein wahrer Monsun ein: Es regnete über der Steppe wie in der Regenzeit über der Wüste, der Regen peitschte den Sand und Staub auf, und überall schossen wie durch Zauberei die wunderschönsten, exotischsten Blumen, Gräser und Grünpflanzen hervor! Schließlich bildete sich sogar ein kleiner Teich! Und eine Hand kam aus dem Nichts und streckte sich nach meiner aus.
Auf einmal stand ich in einer regelrecht tropischen Landschaft voller verschiedener Palmen, üppiger Gewächse und farbiger Blumen mit dem Teich in der Mitte, und alles troff von warmer Feuchtigkeit.

Als ich mich verabschiedete, dachte ich nur kurz: „Eine Brücke von hier nach England‟ - und schon erhob sich eine riesige, weit gespannte Regenbogenbrücke über einen Abgrund oder Kanal hinweg, die überall mit kleinen, bunten Blumen besteckt war.

© Angela Nowicki, 19. Juli 2013

Donnerstag, 18. Juli 2013

Schuld abwaschen

Seelenreise vom 2. Februar 2012

Ich stand in der Steppe zwischen zwei hohen Steinen, die aussahen wie eine Art Eingangstor. Während der Einleitung galoppierte Lukas immer schemenhaft weg von mir. Dann war er da. Und wieder: Gerade, als ich meine Bitte zu formulieren begann, sah ich vor meinem geistigen Auge eine Holztruhe, schwer von alten, dunklen Münzen. Ich nahm sie, und Lukas sagte sofort: „Öffne sie.‟
Es waren ganz viele dunkle Münzen drin, aber auch tausenderlei Schätze. Ich sah Zeichnungen und Gemälde, ein kleines Buch, in dunkelroten Samt eingebunden, mit Goldbeschlägen, Mengen zierlichen Schmucks in allen Farben, eine Waldlichtung, eine sich entfernende, strahlend gelbe Postkutsche... Unheimlich viel! Es war, als entfalte sich vor meinen Augen eine Schatztruhe voller Farben, Formen, voll leuchtender Schönheit.
Lukas sagte: „Das alles sind deine Verdienste!‟
Er stand hinter mir und redete ununterbrochen, fast hypnotisierend auf mich ein: Das sind deine Verdienste, du hast all das erschaffen, all die Schönheit! Ich wendete ein, dass das Ich doch angeblich gar nicht wiedergeboren werde. Da sagte Lukas etwas Bemerkenswertes: So kompliziert und so einfach, um das Geheimnis des Seins zu verstehen, könne der Mensch gar nicht denken. Es sei alles wahr, und die Wahrheit sei so einfach, dass sie viel zu kompliziert für unsere Auffassungsgabe sei. Das hier sei mein, das seien meine Werke, ich sei unendlich reich, und das sei so, basta.
„Du warst immer gut‟, behauptete Lukas. „Du warst nie schlecht oder verdorben, du warst schon immer eine hohe, gute Seele, die alles getan hat, was in ihrer Macht stand.‟

Während ich mich an den Kostbarkeiten erfreute, standen wir auf einmal auf dem Berg in Tintagel über der Keltischen See.
„Geh jetzt und wasche deine Schuld ab‟, sagte Lukas lächelnd. Ich hatte diese Bitte noch gar nicht vorgetragen, er wusste, weshalb ich gekommen war. Ich stieg hinunter an den Strand und lief langsam ins Wasser. Ganz ausgiebig wusch ich zuerst meine Füße, dann die Unterschenkel, die Oberschenkel, die Genitalien, dann lief ich so weit ins smaragdfarbene Wasser hinein, dass ich ganz untertauchte, und wusch mit aller Gründlichkeit Bauch, Brust, Rücken, Arme, Gesicht, Kopf und Haare ab. Und die Hände, vor allem die Hände!
Während dieser Reinigung stand Lukas überlebensgroß draußen am Ufer und lachte. Er lachte wie ein Wissender, aus ganzem Herzen, gutmütig, aber sehr spöttisch, und er lachte über mich. Er rief immer wieder, es gebe keine Schuld, Schuld sei nur ein Konstrukt der Menschen, aber ich solle sie ruhig abwaschen. „Wasch deine Schuld ab, ja, wasch sie ab!‟ lachte er.
Dann zog ich in einzelnen Schubladen nacheinander alle inneren Organe heraus. Sie lagen jedes in seiner Schublade, und ich wusch sie rundherum gründlich ab: mein Herz, die Lunge ganz gründlich, ganz lange, die Nieren, die Därme, mein gesamtes Gehirn, um auch alle Schuldgedanken abzuwaschen.
Nun wusch ich auch alle meine Chakras aus. Interessant war, dass immer die Entsprechnungschakras gleichzeitig ansprangen: Als ich das Wurzelchakra wusch, wusch ich automatisch auch gleichzeitig das Kronenchakra usw.
Während ich mich so langsam und gründlich von aller Schuld reinigte, begann das Meer schmutzig zu schäumen, und die Schaumbläschen stiegen als dichte Wolken winziger Insekten auf. Da kamen die wilden Weiber.

Zuerst schwamm eine kleine, dicke, fast puttenartige, nackte Frau auf einem großen Delphin an mir vorbei. Später erschien eine hochgewachsene, gotisch wirkende Königin und schließlich eine Riesin - ein riesiges, fülliges, vollbusiges Weib mit lachenden, wilden Augen und wilden, roten Haaren. Alle drei schwammen im Kreis um mich herum und lösten die winzigen Insekten einfach auf. Dann nahmen sie mich in ihren Kreis hinein, wir hielten uns an den Händen und tanzten im Kreis durch die Keltische See.
„Wir wilden Weiber sind stark‟, jubelte die Riesin, so laut, dass man es wohl in ganz England hören musste. „Wir kennen keine Angst! Wir sind keine feigen Duckmäuser, die ständig ängstlich besorgt sind, dies zu lassen und jenes zu tun, um nur nicht krank zu werden und zu sterben! Wir haben keine Angst - wir leben!‟ lachte sie wild und triumphierend.
Zum Schluss sagten sie, ich solle nun gehen. Am Strand drehte ich mich um und winkte ihnen, und dann wickelte Lukas fürsorglich ein großes, weißes Handtuch um mich und führte mich wieder nach oben auf den Berg. Er legte mich ins Gras, wickelte mich in warme Decken ein und sagte beruhigend, ich solle jetzt schlafen.

© Angela Nowicki, 18. Juli 2013

Dienstag, 13. September 2011

Annäherung der Tiere

Ein kleines Haus in Südengland. Durch die Terrassentür im Living Room blickt man hinaus auf die Wiese im Garten und an dessen Ende auf das nächste kleine Haus. Dahinter bezeichnet ein schmaler blauer Streifen die uferlose Ferne.
"Jetzt sind wir hier", sagt Neila zu Leo und Barbara. "Ich glaube immer noch, ich träume."
Draußen schlägt der Hund an.
"Ha! Ein Einbrecher", ruft Leo und lacht, und die beiden Frauen stimmen ein. "Der soll nur kommen", kichert Barbara. "Bei unserem Hund kommt der nicht rein."
Neila aber sieht keinen Hund draußen. Sie drückt ihre Nase an der Glastür platt: weit und breit kein Hund. Sie denkt: ‚Ja, wenn es kein Hund ist, der bellt, dann sind wir es wohl.‘ Gleich stimmt sie in das Gebell ein, mit besonderem Eifer, denn es soll ja kräftig sein und gehört werden.
Als sie jedoch noch einmal nach links zur Hauswand schaut, bleibt ihr Blick an etwas hängen, das sehr wohl wie ein Tier aussieht. Sie blickt angestrengt hinüber. Es ist kein Hund, aber es ist ein Tier. Es ist nicht richtig zu sehen, weil es zum Teil von der Hauswand verdeckt wird, doch dann erkennt Neila das Hinterteil eines Kälbchens.
"Hey, kommt mal her!" ruft sie aufgeregt. "Jemand hat uns ein Kälbchen vor die Tür gelegt!"
Barbara kommt sofort gerannt, Leo schlurft hinterher. Neila hat die Terrassentür geöffnet, und nun stehen alle im Garten um ein Kälbchen herum, das wer weiß woher kommt, und sind sprachlos.
Barbara findet als Erste die Sprache wieder: "Vielleicht ist es krank?"
Das bringt die drei in Bewegung. Leo greift sofort zu und hilft dem Kälbchen auf die Füße. Sie führen es ins Haus. Das Maul des Kälbchens steckt in einer Papptüte. Neila erschrickt, und auch Barbara macht ein besorgtes Gesicht und sagt: "Tierquälerei." Doch dann sehen sie durch den Spalt an der Seite der Tüte sein rosa Maul, das ganz zufrieden und fröhlich mit ihnen zu sprechen beginnt.
"Wenn ich mich etwas hinlegen dürfte?", sagt das Kälbchenmaul. "Auf der Wiese war es eigentlich ganz angenehm. Dort könnte ich mich ausruhen, bis ich wieder ganz gesund bin, und Gras habe ich auch, nur ab und zu ein Schälchen Wasser wäre wirklich freundlich."
Im Übrigen spricht es natürlich englisch.
Neila, Leo und Barbara führen das Kälbchen wunschgemäß wieder zurück auf die Wiese, in die kühle englische Sonne, damit es sich auskurieren kann, und auch ein Schälchen Wasser findet sich. Wieder im Haus, setzen sie sich zusammen und beraten, und am Ende der Beratung beschließen sie, das Kälbchen zu behalten, denn Kälbchen sind schöne Tiere, und vielleicht könnte es ihnen einst sogar Milch geben.

Am Nachmittag ist Neila auf dem Heimweg vom Theater. Sie steht gerade mit Bobby, einem Freund aus ihrer Theatergruppe, an der Bushaltestelle, als ein Mann ein Pferd an ihnen vorüber führt. Als er näher kommt, macht sich das Pferd plötzlich los und kommt, wie von einem Magneten angezogen, direkt auf Neila zu. Sie ist zunächst etwas verwirrt, doch das Pferd bleibt bei ihr stehen. Es macht den Anschein, als fühle es sich zu ihr gehörig. Der Mann ist längst weitergegangen, er hat sich nicht einmal umgeschaut.
Es ist ein schlankes Pferd mit dunkelbraunem, glänzenden Fell und heller Mähne, ein wunderschönes Pferd, kräftig und gesund. Bobby fragt, was sie mit dem Pferd jetzt machen wolle.
"Wenn es meint, dass es zu mir gehört, dann soll es auch bei mir bleiben", beschließt Neila. Am Ende freut sie sich und findet das Ganze völlig in Ordnung.

Nun sind sie erst zwei Wochen in England und haben neben dem kleinen Häuschen mit dem Blick auf die uferlose, blaue Ferne schon ein Kälbchen und ein Pferd, und nun fragt Neila ihre Familie, ob sie sich noch eine Kuh kaufen wollen. Das jedoch lehnen alle ab, und auch Neila findet schließlich, das sei zu viel. Sie wollen immerhin keinen Bauernhof anlegen und täglich mit den Hühnern aufstehen, um die Tiere zu füttern. Eine kurze Zeit lang stellt sie sich diese Situation vor, und ihr wird klar, dass sie nie ein Tier schlachten würden. Wozu dann also die Kuh? So viel Milch brauchen sie ja gar nicht.

© Angela Nowicki, 16. September 2010

Mittwoch, 24. August 2011

Eine andere Unterwelt

Lost in the Kornish Night

Im Mai 2010 haben wir seit unseren Jugendtramps innerhalb des Ostblocks und unseren üblichen Aufenthalten bei der Familie in Polen unsere erste "richtige" Auslandsreise unternommen. Wir waren in Südengland und Cornwall. Die britischen Inseln waren schon seit mehreren Jahren zum Land meiner Träume geworden, und der erste Besuch dort hat alle Erwartungen noch übertroffen. Diese Reise gehört zu den schönsten und einschneidendsten Erlebnissen in meinem Leben und war eine Art Zäsur - auch in Bezug auf meine Seelenreisen.

Vor dem Zubettgehen mache ich eine stille Seelenreise. Ich suche nach meinem Krafttier, das mich zu meinem Heiler führen soll. Mittlerweile habe ich begriffen, dass mein Heiler nicht mein Lehrer ist, sondern nur meine Beschwerden heilt. Unter dieser neuen Voraussetzung will ich endlich wieder etwas für mein rechtes Knie tun und natürlich auch für meinen gebrochenen Arm.
Der alte Zugang zur Unterwelt scheint jedoch endgültig verschwunden zu sein. Ich sehe heute auch kaum einmal deutliche Bilder, nur das Gefühl, in der kornischen Nacht auf einem Hügel zu stehen, ist sehr intensiv. Doch es erscheint kein Tier, nur viele Fragmente von Eulen, Raubvögeln, Löwen, Schildkröten und Stachelschweinen, die sofort wieder verschwinden. Ich bin durch einen Felsspalt, wie St Nectan’s Glen, in die Unterwelt gestiegen, die dieses Mal kein Tunnellabyrinth war, sondern eine halsbrecherische Kletterpartie an Felswänden.

Mein neues Krafttier

Seit Cornwall komme ich nicht mehr auf meine Lichtung zurück. Jeder Versuch, in die Unterwelt zu gelangen, verlief bislang sehr verwirrend, teils mit vielen, aber unverständlichen Bildern, teils bildlos. Vor über einer Woche war ich beim Einschlafen ins Feenland geraten, und eine Elfe führte mich auch. Diese Reise war voller beeindruckender Bilder, die ich aber leider schon wieder vergessen habe.

Dieses Mal weder Trommel noch Stille, sondern Le Chant à l’infini von Hildegard von Bingen. Der Engelsgesang versetzt mich schon nach kurzer Zeit in eine ideale Berglandschaft, in der ich mich beheimatet fühle. Nach längerer Wanderung gelange ich an eine Höhle in einem Felsen, aus der der Gesang hervordringt. Der Eingang gleicht dem in eine Kathedrale. Er führt mich in eine riesige Halle mit verglaster Decke, ähnlich einem Viktorianischen Bahnhof. Dort singt der unsichtbare Engel.

Und auf einmal ist die Schildkröte da – sichtbar und unverwechselbar. Schon oft meinte ich auf den letzten Reiseversuchen, eine Schildkröte zu sehen, doch ich habe das Bild immer verworfen – vielleicht, weil ich das Gefühl hatte, meinem Stachelschwein "untreu" zu sein? Dieses Mal ist sie nicht mehr zu übersehen. Auch sie zeigt sich in gewisser Weise verspielt, aber mehr auf eine hemdsärmelig-grantige Art. Sie leckt mir das Gesicht und setzt sich dann gemächlich in Bewegung.

Über einen kurzen Gang, der einige Fuß über dem Boden in den Felsen hinein führt, kommen wir in einer anderen Welt – der Unterwelt – heraus. Über der Erde wallt eine helle Masse, die an Wolken erinnert, aber viel dichter ist. Ich frage die Schildkröte, was das sei, und sie sagt:
"Das sind Träume."
"Träume in der Unterwelt?"
Ja, man träumt so allerhand, nicht wahr?
Endlich mal ein Krafttier, das mit mir spricht!
Auf meine Frage nach ihrem Namen wendet sie kurz den Kopf und blickt wieder nach vorn:
"Nenn mich Hulda, wenn du willst."

Vor uns steht eine riesige menschliche Gestalt.
"Wer ist das?" frage ich Hulda.
"Deine Kraft", antwortet sie.
Meine Kraft setzt sich an den rechten Wegrand und schaut mürrisch und ein bisschen bedrohlich drein. Im Sitzen ist sie immer noch viel größer als ich.

Dann erscheint links ein riesiges Auge in den Wolken.
"Was ist das für ein Auge?"
"Du bist nicht allein", sagt Hulda.

Ich will nicht mehr weitergehen und bitte Hulda, zu mir zu kommen. Ich frage sie nach meinem Stachelschwein. Erst will sie nicht so richtig mit der Sprache heraus, meint dann aber, es sei alles in Ordnung.
"Warum kommt es nicht mehr?" frage ich.
Hulda zögert eine Weile. Dann wirft sie im Umdrehen hin:
"Das ist deine Welt."
Ich erkläre ihr, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, dem Stachelschwein untreu geworden zu sein, doch sie geht gar nicht richtig darauf ein:
"Ich werde auch fortgehen", nuschelt sie und: "Du änderst dich."

Eine letzte Frage brennt mir noch auf der Zunge:
"Schildkröte, kannst du mir sagen, warum du zu mir gekommen bist? Was du mir geben willst?"
Wieder scheint es, als habe sie keine Lust, mir diese Frage zu beantworten. Dann baut sie sich vor mir auf und meint beiläufig:
"Schaff dir erst mal so einen Panzer an!"
Das klang nicht sonderlich ernst, eher, als wolle sie mich in ihrer ruppigen Art veralbern. Schließlich jedoch fragt sie mich:
"Du liebst doch Schildkröten. Warum?"
"Oh... ich finde Schildkröten einfach schön... Sie sind uralt, weise und unendlich würdevoll. Ihre Schönheit liegt in ihrer Weisheit und Würde, genau."
Es ist, als zucke Hulda mit den Schultern und teile mir telepathisch ein lakonisches "Na, bitte!" mit.

Ich will zurück, die Eindrücke genügen mir fürs Erste. Ohne dass ich etwas gesagt habe, kehrt Hulda wortlos um und geleitet mich wieder in die Halle. Mir fällt auf, dass ihre ruppige Art nicht gerade das ist, was ich momentan emotional brauche.
"Hulda", klage ich traurig, "bin ich liebenswert?"
Da dreht sie sich zu mir um, streckt ihren faltigen Hals ganz lang nach vorn, schürzt die Lippen und gibt mir einen Kuss auf den Mund. Dabei hat sie plötzlich ein Hütchen auf. Das Ganze wirkt so urkomisch, dass ich ganz übermütig werde.
"Du kommst wieder", sagt Hulda, als ich mich verabschieden will.

Ich verlasse den Felsen und vertiefe mich noch viele Minuten lang in das unendliche Bergpanorama, das sich draußen vor meinen Augen erstreckt.

© Angela Nowicki, 8. Juni und 2. Juli 2010

Freitag, 29. Juli 2011

A day in the life

... well, I just had to laugh...

Bin aus England mit einem Gipsarm zurückgekommen. Meine Hausärztin schickt mich zum Chirurgen. Dort heißt es, ich solle heute noch ab halb fünf zur Gipskontrolle kommen. Nach vier fahre ich mit dem Bus hin. Die Schnürsenkel hat mir meine Tochter zugebunden, weil ich wegen des Dauerregens keine Sandalen anziehen kann. Ich stelle mir eine Absage vor à la: "Ich kann heut nicht kommen, weil ich meine Schuhe allein nicht zu kriege."

Nach einer Stunde Warten werde ich zu einem rosa Chirurgen gerufen, der wie Quaster von den Puhdys aussieht und sich auch benimmt wie ein DJ.
"Setzen Sie sich!"
Da steht kein Stuhl.
"Sind Sie zur Notaufnahme gekommen?"
"Keine Ahnung, wo ich bin, ich bin zum ersten Mal bei Ihnen."
Er wendet sich dauerbrummelnd an die ältere, weiß gekleidete Schwester im Raum:
"Was soll denn das jetzt… jetzt ist aber mal gut… ich kann doch nicht alles machen… jetzt soll ich auch noch einen Speichenbruch…"
Auf diesem Gemurmel rudern beide aus dem Zimmer. Vorn an der Rezeption kommt es zum Stau mit Strudeln. Dann fließt alles, heiter sprudelnd, das Wehr hinunter, zurück zu mir:
"Wissen Sie, wir machen das jetzt am besten so: Wir machen den Gips einfach ab…"
… die Schere attackiert bereits…
"… der stabilisiert ja überhaupt nichts – hier!"
Triumphierend lässt er die Gipströte um meinen Arm schlabbern.
"Kein Wunder, wenn alles anschwillt…"
Zum ersten Mal seit einer Woche sehe ich meinen nackten Arm wieder. Ellenseitig beult eine dicke Schwellung am Handgelenk nach außen, und zwei riesige Blutergüsse funkeln mich in allen Farben an. Mein erster Gedanke aber ist:
"Waschen!"
Während ich zum Waschbecken gehe, verlustiert sich der Chirurg mit dem englischen Protokoll:
"A dog!" gluckert er.
"Jumped up…", kichert er.
"Pushed her!"verkündet er, mich anstrahlend, mit gar nicht mal so üblem englischen Akzent.
Dann schickt er mich zum Röntgen eine Etage tiefer.

Wieder sitze ich mit zwei weiteren Kandidaten eine Stunde lang im Wartezimmer, bis die Orthopädin ihre Sprechstunde beendet und die Schwester Zeit zum Röntgen hat. Ich bin die Letzte. Auf dem Rückweg schaue ich das Foto an. Ich kann keinen Unterschied zum englischen von vor fünf Tagen sehen. Sieht eigentlich ganz gut aus.

Obwohl die inzwischen rosa-blond gewordene Schwester oben an der Rezeption meint, ich käme sofort als Nächste dran (also nichts mit kurz Runtergehen und Rauchen), warte ich nochmals zwanzig Minuten, bis ich ganz allein im Wartezimmer sitze. Quaster hüpft fröhlich vorbei:
"So, jetzt kommt noch die Frau da dran."
Er blubbert ein Weilchen an der Rezeption weiter und nimmt mich endlich mit. Auch ihm gefällt, was er sieht, nur mit der seitlichen Aufnahme ist er nicht zufrieden, weil der Aufnahmewinkel nicht ganz stimmt. Dann geht er wieder fünf Minuten blubbern. Die letzten Sprechblasen spülen ihn zurück ins Zimmer:
"Im Westen isses immer wärmer. Im Osten is immer Scheißwetter."
Vor dem Gipsen diskutieren die zwei verbliebenen rosa Schwestern die Schlauchbreite und die neuen Gipsverbände. Quaster schreibt lustig vor sich hin.
"Gibt’s Probleme?"
"Nein."
Er hält’s aber doch nicht aus, muss mitdiskutieren. Endlich bekomme ich meinen Gips. Im Prinzip genauso wie in Cornwall, nur länger bis zur Ellenbeuge…
"Aber aufpassen, dass es nicht piekt!"
… und vorn bis über die ersten Fingerglieder, fester und mit dickerer und breiterer Gipslage. Quaster und die Schwarzhaarige sind stolz wie die Amseln auf ihren Gips. Allerdings fehlt die Ausbeulung am Gelenk. Während er aushärtet, muss ich die Handfläche auf eine Flasche legen und Ellenbogen und Handballen auf die Unterlage drücken. Die Schwarze macht ein wenig Smalltalk mit mir. Sie klopft an den Gips:
"Sehen Sie? Schon hart."
Sie kramt in einer Schublade und zeigt mir ein paar strahlend blaue Binden:
"Was halten Sie davon?"
Nicht übel. Am Ende bekomme ich sogar noch eine schwarze, ordentlich breite Schlinge, die nicht mehr in den Nacken schneidet. Wieso wissen die Allgemeinmediziner davon nichts? Die Schwester dort wollte wissen, was ich denn sonst haben wolle außer einem zusammengeknoteten Dreiecktuch.

Ich soll übermorgen ohne Termin zur Gipskontrolle kommen und am Dienstag früh – seeehr früh! – zur Chirurgin. Natürlich ist mir der Bus vor der Nase weggefahren, und ich bin über den ganzen Berg nach Hause gelaufen.

© Angela Nowicki, 3. Juni 2010

Dienstag, 21. Juni 2011

Warten auf England nach der Vollendung

Ich will nach England ziehen. Das ist mein Traum. Eigentlich spricht alles dagegen: die Finanzen, die 86-jährige, alleinstehende Tante, der angesammelte Müll von 30 Jahren... Aber wenn es sein soll, wird es sein. Klausbernd Vollmar hat so eine (oder so eine ähnliche) herrliche Begründung gegeben: "Wer in Deutschland alt wird, wird bieder. Wer in England alt wird, wird exzentrisch. Ich mag nicht bieder werden."

Nun habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein Schicksal immer sofort präzise reagiert. Im Multidimensional Human Design bin ich ein Manifestierender Generator. Eigentlich heißt es da, diese Typen müssten erst reagieren und dann agieren, aber ich habe für mich festgestellt, dass der erste Schritt sehr wohl von mir ausgehen muss (manifestierend), worauf ich eine Reaktion bekomme, die mir zeigt, ob ich mit dieser Aktion zu dieser Zeit richtig liege, und darauf muss oder kann ich dann entsprechend reagieren.

Vorigen Freitag habe ich die Initiative ergriffen und nach Miethäusern in England gesucht. Sofort fand ich eine wunderbare Seite mit massenhaft Angeboten und sogar ganz vielen, die ich bezahlen könnte. "Ja!" sprach das Schicksal offensichtlich. Und nun ist das Dilemma da, die Hindernisse haben sich noch nicht in Wohlgefallen aufgelöst. Mein nächstes Klärungsprojekt heißt also: "Umzug nach England in diesem Jahr?"

Mein erster Schritt war gestern das I Ging. Klare Fragestellung und: "Was rätst du mir?" Ich habe noch nie eine so klare Antwort von meinem geliebten Orakel erhalten:

  63 - Nach der Vollendung
                     wandelt sich auf Linie 2 in
                                                      5 - Das Warten


Nach der Vollendung bezeichnet einen Höhepunkt, eine Situation, die sich nicht mehr verbessern kann. Versuchte man, jetzt noch einen draufzusetzen, käme es zum Kollaps. Es ist ein fragiles Gleichgewicht, ein vollendeter Streichholzturm, ein fertiges Bild - Hände weg! Jetzt noch eine Bewegung, noch ein Pinselstrich, und alles war für die Katz. Man muss wissen, wann man aufhören muss.

Linie 2 zeichnet eine Frau, die ihren Wagenvorhang verliert. "Lauf ihm nicht nach! Am siebenten Tag bekommst du ihn." Der Wagenvorhang gleicht der vereitelten Absicht. Sie ist aber mitnichten vereitelt, sondern verzögert sich nur. Es wird die Zeit kommen, sogar bald, da das Vorhaben durchführbar sein wird. Linie 63.2 sagt: "Du kannst jetzt nichts tun, doch gedulde dich und warte auf die rechte Zeit."

Folgerichtiger könnte sich das Ganze nicht wandeln: Hexagramm 5 - Das Warten! Das Warten ist hier kein Nichtstun, sondern erfordert die aktive Vorbereitung bei gleichzeitiger Gelassenheit, bis die Zeit reif ist. Wer das Warten aktiv nutzt, wird dann bereit sein für die Wandlung. Wer sich zurücklehnt, wird den Zug verpassen.

Fazit: Dieses Jahr wird mich Chemnitz noch nicht los (et vice versa). Aber ich sollte fleißig weiter Häuser suchen, die Wohnung entmüllen... By the way: Wäre es nicht ein Idealzustand, nur so viel zu besitzen, wie in einen Rucksack passt?

© Angela Nowicki, 21. Juni 2011