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Sonntag, 19. Februar 2017

Rotkäppchen

Auf der Suche nach Märchenreisen fand ich ein großes Gebäude, ähnlich einem weitläufigen Gymnasium, mit hier Treppen hoch und dort Treppen runter, verwinkelt und unüberschaubar. Man wies mich in den rechten Flügel. Dort thront ein futuristisch anmutendes Empfangspult unter einer Glaskuppel, rund und riesig, und reihum sitzen Beamte, die die Passierscheine zu den Märchen ausstellen - oder verweigern. Ein katzenartiges Wesen mit einem Blick, der mir das Herz in die Hose rutschen ließ, fragte ungeduldig, was ich wolle.
"Ich möchte gern ein Märchen besuchen", sagte ich schüchtern.
"Welches?"
Die Katze schien nicht viel Zeit zu haben und schon gar keine, um sie an mich zu verschwenden.
Ich überlegte kurz.
"Rotkäppchen."
Das war eins der Märchen, deren Bedeutung ich bisher nie so richtig erfassen konnte. Im Gegensatz zu Aschenputtel oder Dornröschen zum Beispiel.
Ohne weitere Fragen drückte mir die Katzenfrau einen Zettel in die Hand mit der Aufschrift Rotkäppchen und winkte mich zu einem der gläsernen Fahrstühle weg.

Der Fahrstuhl benahm sich zunächst ganz manierlich, will sagen: Er fuhr nach oben. Dann aber drehte er durch und sauste kreuz und quer durch das ganze Gebäude, nach vorn, nach links, nach unten, hinten, rechts und wieder hoch, als sei das Gebäude im Inneren um ein Vielfaches größer als außen. Schließlich spuckte er mich vor einer schwarzen Tür aus, und mir war sofort klar, dass der Zettel, den ich erhalten hatte, der Schlüssel war: Ich musste ihn in die Tür stecken, und sie öffnete sich.

So viel zur Anreise, die wohl für alle Märchen gleich bleiben wird.
Jetzt zu Rotkäppchen.

***

Eine erwachsene junge Dame, groß, schlank, rannte mit wehenden Kleidern und Haaren durch den Wald. Ich begriff, dass sie vor dem Wolf floh. Als der Wolf aber ins Bild kam, kam mir plötzlich die Gewissheit, dass er Rotkäppchen gar nichts Böses tun will, sondern ihr nur den Wald, "seinen" Wald zeigen, wie ein fürsorglicher Lehrer oder Freund. Rotkäppchen wehrte ihn ab, riss sich los, er lief aber immer hinterher, ganz so, als wolle er sie beschützen. Mal sah ich eine sehr alte Frau am Wegrand, die sich über etwas beugte und deren Gesicht sich beim Näherkommen in einen grinsenden Totenschädel verwandelte...

Und heute Nacht begriff ich das ganze Märchen!

Nicht der Wolf ist der Böse, tatsächlich! Nicht der Wolf will Rotkäppchen fressen und die Großmutter, sondern er will Rotkäppchen retten – VOR DER GROSSMUTTER! Die Großmutter frisst das Mädchen, wie alle Großmütter und Mütter und Ahnen uns, ihre Nachkommen, immer wieder aufgefressen haben und auffressen und auffressen werden, weil der Sippengeist daraus seine Nahrung bezieht und sich am Leben erhält! Saturn frisst seine Kinder, und wir alle trampeln wieder und wieder in endloser Verstrickung die angelegten Pfade zwischen unseren Vorfahren ab, die natürlich alles tun werden, damit wir "nicht vom Weg abkommen", das ist wohl wahr, denn das würde ihnen ja ein Opfer entführen, ihnen das Scheinleben entziehen, das nur unser Blut ihnen ermöglicht. Deshalb ermahnt die Mutter Rotkäppchen, nicht vom Weg abzukommen, damit es bloß nicht etwa auf die dumme Idee kommt, seine eigenen Wege zu gehen!

Der Wolf aber ist das wilde Tier in uns, eine animalische Kraft, die uns in unser eigenes Leben führen kann, wenn wir unsere dumme Angst vor ihr ablegen. Der Wolf will Rotkäppchen vom Weg abbringen, jawohl, nämlich vom ausgetrampelten Weg, der nicht ihrer ist. Er will ihr den Wald zeigen, die Tiefen ihrer eigenen Seele, will ihr Seelenführer sein, ihr Krafttier, ohne das sie freilich in diesen Tiefen umkommen könnte. Damit sie am Ende auf der anderen Seite des Waldes in die Welt hinausgehen und ihren eigenen Weg finden kann.
Angela Nowicki. Rotkäppchen. Digital Art. 22.02.2017.

Natürlich warnen uns unsere Mütter vor dem "bösen Wolf". Der würde ihnen ja ihr Kind entführen. Der würde es ja, Gott bewahre, zu einem selbstständigen und unabhängigen Menschen machen. Und damit ist beileibe nicht immer "der Mann" gemeint.

Ich frage mich sogar, ob nicht gar die Großmutter den Wolf gefressen hat - in Umkehrung zum Untertanengeist der Erzählung. Rotkäppchen ist dem Wolf davongelaufen, das brave, dumme Ding, aber im Bett der Hütte lag nicht der Wolf mit der Großmutter im Bauch, sondern es war das wahre Gesicht der Großmutter, das dem Mädel mit seinen "großen Ohren" und seinem "großen Maul" (die Verschlingende) Angst einjagte. Ob die jetzt den Wolf gefressen hat oder nicht, ist nicht von Bedeutung – auf jeden Fall aber hat sie das Rotkäppchen verschlungen.

Und den armen Wolf haben sie dafür zu Tode gestürzt, wie immer. Wo kämen wir auch hin, wenn uns die Sündenböcke ausgingen?

Donnerstag, 25. Juli 2013

Find your damned genius!

Tagebucheintrag vom 10. März 2012

Witzige Entdeckung gemacht:
Als geistiges Wesen gehöre ich natürlich in meinen Kopf, aber es muss ein Gleichgewicht da sein, d.h. ich muss zu gleichen Teilen auch körperlich und sinnlich tätig sein. Bis zur Geburt meiner Kinder war dieses Gleichgewicht auch ganz natürlich da, und vielleicht fühle ich mich heute so unvollständig, weil ich diesen natürlichen Drang zu trampen, Sport zu treiben usw. nicht mehr ausleben kann. Aber egal.

Zum ersten Mal verschob sich das Gleichgewicht mit dem ersten Kind. Und zwar zu Ungunsten des Kopfes - ich musste immer mehr in Körper und Beziehungen, Alltag hinein, dass ich schließlich regelrecht aus meinem Geist ausgesperrt blieb. Es war wie eine Vertreibung aus der Heimat. Vielleicht findet sich hier auch ein weiterer Grund für meine Alkoholsucht: Der Alkohol öffnete meinen Geist, ich durfte für zwei, drei Stunden „nach Hause‟ - und tatsächlich hat es mich ja fast immer nur zur Flasche getrieben, um wieder mal im Lesen und Schreiben schwelgen zu können, es war fast ekstatisch.
Schließlich kam der Umkehrpunkt: I am living behind a curtain... Nein, es war 1999, als ich die letzte abhängige Arbeitsstelle hinter mir ließ, als die Kinder aus dem Haus bzw. fast erwachsen waren, als endlich die Hausarbeit immer weniger wurde, da kehrte ich mit einem nicht enden wollenden Fest in meinen Kopf zurück. Und - peng! - hörte ich auf zu trinken. Vor allem, nachdem ich 2000 ein Vierteljahr lang alle Psychologie-Vorlesungen an der Uni besucht hatte, denn da war ich zum ersten Mal in meinem Leben wunschlos glücklich.
Jetzt aber schlug das Pendel zur anderen Seite aus - nämlich ab 2002 und so richtig dann ab 2004, seit ich die geistige Arbeit zum Beruf gemacht habe. Seitdem bin ich in meinem Kopf, meiner Heimat, gefangen - wie damals, als ich den PM12 hatte. Nun durfte ich nicht mehr nur endlos schreiben, lesen und denken, ich musste es auch, und das Schlimme war (und ist): Es ist eine nachschaffende geistige Arbeit, das Übersetzen, und keine schöpferische. Oder sagen wir besser: Es ist kein Selbstausdruck, und der ist für mich genauso essenziell wie das Gleichgewicht aus Geist, Körper und Sinnen.

Okay - 23 Jahre Gleichgewicht - 20 Jahre Körper-Exil - 5 Jahre Gleichgewicht - 7 Jahre Kopf-Exil - und jetzt zurück ins Gleichgewicht.

Heute:
Mein unaufhörliches Nachdenken über mich und mein Leben, mein Analysieren, Planen und meine Nonstop-Selbstgespräche - all das ist ein einziger großer Fake, eine Kompensation, eine Reaktion - es ist nicht wirklich, und es ist nicht nötig, und es hat nichts mit der Realität zu tun! - denn: Sobald ich im Gleichgewicht zwischen Kopf und Körper bin, sprich: Sobald ich erst mal den halben Tag lang wandern gehe, Yoga mache, male, aufräume, verstummt diese Dauerbeschallung in mir, und ich höre automatisch auf, über mich nachzudenken! Auf einmal bin ich still und in meiner Mitte.
DAS ERLEBE ICH SEIT VIELLEICHT VIERZIG JAHREN ZUM ERSTEN MAL!

Dann habe ich mir noch was überlegt:
Was wollte ich denn ursprünglich am meisten vom Leben? Berühmt werden? Ich wollte ein Genie sein! Nicht mehr und nicht weniger. Und das bedeutet: Ich wollte etwas machen, worin ich auf der ganzen Welt die absolut Beste bin, was sonst keiner tun könnte - wie Janis Joplin im Singen.
Jetzt ist die Frage: Worin bin ich denn die Beste? Als Kind und noch als Jugendliche und junge Frau war ich von dieser Genialität in mir total überzeugt. Und mir ist heute erst mal richtig aufgefallen, dass diese Überzeugung mittlerweile einfach weg ist - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mich überall für mittelmäßig bis bestenfalls sehr gut halte! (meine Träume von genialen Kindern!)
Nicht mal mehr in der Sprache halte ich mich für die Beste. Weder in Fremdsprachen noch im Schreiben - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mir nicht mehr zutraue, einfach mal so eine Fremdsprache zu erlernen, dass ich schon wieder Angst habe, nach England zu fahren, weil ich die Sprache nicht mal annähernd beherrsche! Und ich schäme mich dafür!
Gut, ich muss jetzt mein Genie wiederfinden. Mir schwant schon was... Jedenfalls liegt es definitiv nicht auf einem hergebrachten Spezialgebiet, wie Literatur, Lyrik, bildende Kunst, Musik, Schauspiel, Tanz, Film, Fremdsprachen oder Forschung oder auch Beratung...

© Angela Nowicki, 25. Juli 2013

Sonntag, 21. Juli 2013

Warmer Entzug?

Tagebucheinträge vom 31. Januar - 3. Februar 2012

Eine schlimme Woche liegt hinter mir - und das war nun meine ersehnte Urlaubswoche. Während es am Montag noch mal richtig steil bergauf ging, stürzte ich am Dienstag in ein abgrundtiefes Loch, mitten in meine Ängste hinein, und seitdem versuche ich mühselig, wieder herauszukrabbeln, bin aber immer noch nicht draußen.
Ich muss sagen, der Auslöser war wohl erst das Buch von Stefan Back, das ironischerweise den Titel trägt „Ohne Angst Nichtraucher werden‟. Ich habe erst am Donnerstag mitgekriegt, was für massive Ängste der Typ schürt, der behauptet, Ängste abzubauen. Ja, er versucht die Angst vor dem Aufhören abzubauen, aber womit? Mit der Angst vor tödlichen Erkrankungen! Er will den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, und das geht ja nun gar nicht. Noch niemand hat aus Angst heraus etwas wirklich Gutes, Bleibendes geschaffen!

Am Dienstag ging es mir noch gut, weil ich hoffte, dass mich der Galeriebesuch oben hält. Aber dann versuchte ich dauernd, nicht zu rauchen - ging nicht - dann nur paffen - und das Ergebnis war, dass mein Kopf sich derart aufs Rauchenwollen fixierte und in diesen Gedanken stabil einklinkte, dass ich sogar noch mehr rauchte als sonst! Und dazu als Begleitmusik die steigende Angst vor einem Emphysem! Hmmm, lecker! So macht das Leben Spaß!

Am Mittwoch schien es ein wenig aufwärts zu gehen, ich war nicht mehr so nervös und getrieben, aber der seelentechnische Ablauf in Bezug aufs Rauchen war derselbe wie am Vortag.

Am Donnerstag wurde es richtig schlimm. Ich fand es einfach lächerlich, dass ich unter einer massiven Entzugsdepression leide, wo ich noch gar nicht aufgehört habe zu rauchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass der Entzug praktisch schon jetzt stattfindet, ein „warmer‟ Entzug, nämlich der Entzug im Kopf, und wenn der geschafft ist, werde ich einfach nicht mehr zu rauchen brauchen - wie damals beim Trinken. Ich will auf keinen Fall einen Willensakt veranstalten, weil ich auf keinen Fall will, dass Zigaretten immer eine Bedrohung für mich darstellen. Ebenso, wie ich kein Alkoholiker mehr bin, will ich auch „kein Raucher mehr‟ werden und nicht „trockener Raucher‟.

Aber heute tobten meine beiden Ängste, die ich als zwei gegeneinander kämpfende, da widersprüchliche Ängste erkannte: die Angst vor Haltlosigkeit einerseits, die mich am Aufhören hindert - und die Angst vor dem Schuldigwerden (Versagen) andererseits, die mich am Rauchen hindert. So ist es nun so, dass ich nicht aufhören, aber auch nicht mehr normal rauchen kann - nach jeder Zigarette fühle ich mich Scheiße, wie ich mich aber auch Scheiße fühle, wenn ich nicht rauche - also grundsätzlich Scheiße. Ich würde das nun aber eigentlich nicht als Depression bezeichnen, denn hier wird ja nichts unterdrückt - es ist in Wahrheit das Gegenteil einer Depression: Die Ängste sind ausgebrochen und mir mehr als bewusst, und ich sitze in der Mitte zwischen ihnen, mitten auf dem Schlachtfeld zwischen den Fronten und kann gar nicht mal auf sie reagieren. D.h. ich kann gar nicht anders als reagieren, denn außer Rauchen und Nichtrauchen gibt es ja keine Alternative - tue ich das eine, schlägt die andere Angst zu et vice versa.
Und so endete ich heute als ein einziges Angst- und Krampfbündel. Bis ich es nicht mehr aushielt und MET machte. Sechsmal. Angefangen mit „Ich habe Angst, mit dem Rauchen aufzuhören‟ bis hin zu „Ich habe eine Scheißangst loszulassen‟ - da heulte ich Rotz und Wasser, und es hatte sich eine Menge gelöst - ich ging eine rauchen mit dem tiefen Gefühl, dass alle piepegal ist. Vor allem war mir eine mögliche tödliche oder irreversible Krankheit egal geworden, und das war wohl der größte Fortschritt.
Dann rief ich meine Freundin an. Natürlich brach mein ganzes Elend aus mir raus, und sie sprach lange mit mir darüber und sagte, ich sei keineswegs ein Versager, sondern, im Gegenteil, ein prachtvoller Mensch, der in seinem Leben bereits erfolgreich alles erreicht habe, was seine Bestimmung gewesen sei - sie sagte, ich habe so außergewöhnlich viele und schwere Lasten von meiner Familie übernommen und keine davon an meine Kinder weitergegeben, und wenn ich sie verletzt habe, dann nur, weil ich nicht anders konnte. Auf jeden Fall habe ich immer gekämpft und mein Bestes gegeben und nie aus Bosheit heraus gehandelt.
Danach war der Spuk ein paar Stunden lang vorbei, ich atmete auf. Ich stand sogar schon vor dem Balkon, kehrte aber um und zog mich wieder aus, weil ich keinen Sinn in einer Zigarette sehen konnte. Im Laufe des Abends wurden die Ängste zwar wieder lauter, aber ich hatte etwas sehr Wertvolles gefunden: das MET.

Am Freitag hatte ich früh einen Termin zur Blutabnahme bei meiner Hausärztin. Erst kurz vor dem Mittagessen merkte ich, dass ich das Frühstück völlig vergessen hatte, ich hatte nicht mal ans Essen gedacht. Dafür rutschte ich im Laufe des Tages wieder sanft in meinen Angstkrampf rein. Vor allem die Rufe des Wilden Weibes in meiner gestrigen Seelenreise wirken schon, zumindest überzeugen sie mich geistig derart, dass die Schuld- und Versagensängste unmerklich leichter werden. Der Angstkrampf ist auch längst nicht mehr so schlimm wie gestern, aber es ist nun schon der dritte Tag, an dem mir eine Stunde Schlaf fehlt und ich das auch merke. Ich bin hundemüde. Ich hatte den ganzen Tag zu tun, mich irgendwie seelisch einigermaßen gerade zu halten.

Am späteren Abend schlug alles um. Ich war halb zehn noch eine rauchen, und auf einmal war ich sicher, das nicht mehr zu brauchen. Ich hatte nach Kräuterzigaretten gegoogelt und Hunderte von begeisterten Berichten in einem Forum gelesen, wo aber eigentlich alle schrieben, der Entzug sei so hart geworden, dass sie schon deshalb nie wieder rauchen würden, um sich das nicht noch mal anzutun. Gleichzeitig priesen sie in Lobgesängen die Kräuterzigaretten, ohne die sie es nicht geschafft hätten. Da kam ich ins Grübeln: Also, einen harten Entzug kriege ich auch ohne den Kräuterersatz hin. Machen diese Leute sich nicht ganz gewaltig was vor? Sie rauchen Monate oder Jahre nach dem „Aufhören‟ immer noch - nur eben Kräuterzigaretten, die zwar kein Nikotin, dafür aber allemal noch ca. 3 mg Kondensat drin haben! Ich frage mich, wozu man dann mit dem Rauchen aufhört, wenn man sich die Lunge weiter mit Teer vollkleistert? Dann ist das Nikotin doch völlig schnurz! Abhängig sind sie doch trotzdem noch - der eine mehr, der andere weniger, aber gar nicht mehr rauchen taten die wenigsten - wie im richtigen Leben. *lol*
Vor allem aber juckte es mich irgendwann, dieses „aaah, was habe ich gelitten‟, „aaah, was war der Entzug hart, nie wieder!‟ Ich dachte, ich würde mich am liebsten hinstellen und schulterzuckend verkünden, dass der Entzug eigentlich total easy ist: Ich habe keine körperlichen Beschwerden (worüber etliche klagten), ich habe nicht mal seelische Beschwerden - außer dem ständigen Gedanken an die Zigarette, d.h. eigentlich ans „Rausgehen und eine Rauchen‟ - na, und? Gedanken sind doch keine Beschwerden. Ich redete mir voller Überzeugung ein, dass Aufhören überhaupt kein Ding sei - jedenfalls nicht für mich - und das war der Wendepunkt.
Erst mal rauchte ich die nächste Zigarette erst nach zweieinhalb Stunden, und auch da überlegte ich, ob ich das nicht lieber lasse. Ok, ich hab eine dreiviertel Stunde später noch die letzte auf dem Küchenbalkon geraucht. Es geht einfach darum, und das ist mir das Wichtigste:

ICH WILL MICH ZU NICHTS ZWINGEN. WENN ICH DAS TUE, WIRD DAS BEDÜRFNIS NIE AUFHÖREN, DANN WERDE ICH IMMER „TROCKENER RAUCHER‟ SEIN.

ICH WILL, DASS MIT DER ZEIT DAS BEDÜRFNIS EINFACH NACHLÄSST, SO WIE BEIM ALKOHOL. DASS ICH IRGENDWANN VON SELBST KEINEN BOCK MEHR HABEN WERDE ODER MICH DAVON MEHR ABGESTOSSEN ALS ANGEZOGEN FÜHLE - DANN WERDE ICH AUCH NICHT MEHR RAUCHEN. UND ZWAR VON SELBST.

Keine Angst. Kein Zwang. Angst ist ja auch immer Zwang. Das ist das Wichtigste.
Der Rest spielt sich im Kopf ab, und genau da arbeitet es ja seit Montag so heftig.

© Angela Nowicki, 20. Juli 2013

Dienstag, 16. Juli 2013

Die sieben Urängste

Tagebucheintrag vom 18. Januar 2012

Was sind meine Ängste, die mich am Leben hindern?
Ras Angstzuordnungen im HD überzeugen mich gar nicht. Welchen gravierenden Unterschied soll es zwischen der Angst vor dem Versagen und der vor Unzulänglichkeit geben? Die Angst vor Unzulänglichkeit ist eine Angst vor dem Versagen. Und die Angst vor Verantwortung ebenso!
Die dritte. Angst vor der Vergangenheit? Was kann einem die Vergangenheit denn tun? Und wenn sie was tut, dann ist das, was sie tut, der Auslöser für die Angst und nicht die Vergangenheit selbst.
Dasselbe betrifft die Zukunft. Zukunft ist nur ein Ort, auf den Ängste projiziert werden, nicht der Grund einer Angst selbst. Das wären dann Überlebensängste (Angst vor dem Tod, vor Krankheit), Verarmungsängste etc.pp. - alle Ängste können auf die Zukunft projiziert werden.
Und die Angst vor Autoritäten? Warum hat man Angst vor denen? Das ist eine Bestrafungsangst, und die wiederum beruht wahrscheinlich auf der Angst vor Ablehnung oder vor körperlichem Schmerz. Nun sitzt die Angst vor Ablehnung im HD in Tor 43, das ist ein intellektuelles Tor, eine intellektuelle Unruhe. Angst vor Ablehnung aber ist ursprünglich eine emotionale Angst.

Das Problem ist, dass, wenn die Leute schon mal Ängste als notwendiges Entwicklungspotenzial ansehen (und nicht als Krankheit an sich oder etwas, was weggemacht werden kann), dann verheddern sie sich in Quartär- und noch weiter untergeordneten Ängsten, und kaum jemand versucht mal, zum Grund durchzudringen und das ganze archetypisch zu sehen. Das ist die Schwäche der meisten Menschen - und meine spezielle Stärke: zum Grund durchzudringen und zwar bis zum letzten Grund! Das Tor der Tiefe, Tor 48, in dem meine Design-Sonne steht - meine Strahlkraft. In diesem Sinne ist es wirklich ein logisches Tor. Es hat ebenso viel mit erbarmungslosem Denken zu tun wie mit Tiefgründigkeit.

Da finde ich eine ganze mediale Bibliothek von Hasselmann/Schmolke bei amazon, u.a. die sieben Urängste. Das sieht schon ganz gut aus - ist zwar auf den ersten Blick nicht so bedingungslos logisch wie der Riemann, dafür aber um Welten wahrer in der Sicht auf diese Ängste.

Ich allerdings denke, dass eine Angst nie primär ist. Sie ist immer an ein Bedürfnis gekoppelt, und das ist primär. Angst ist immer nur der Schutzmechanismus zur Bedürfnisbefriedigung und als solcher gesund.
Neurotisch wird sie, wenn sie vom Bedürfnis abgekoppelt wird. Bei Maslow finden wir 5 Grundbedürfnisse, später hat er wohl noch eins draufgesetzt. Die physischen Bedürfnisse, die ich Überlebenstrieb nennen würde, brauchen die Angst vor dem Tod als Absicherung. Die Sicherheitsbedürfnisse die Angst vor Unsicherheit bzw. Veränderung (s. Riemann - zwanghafter Typ). (Hier passt die Verantwortung mit rein!) Die sozialen Bedürfnisse brauchen die Angst vor Ablehnung (Riemanns depressiver Typ), die Individualbedürfnisse die Angst vor Versagen und die Selbstverwirklichung die Angst vor Einengung oder Unfreiheit (schizoider Typ bei Riemann). Zur Transzendenz könnte dann noch die Angst vor Sinnlosigkeit oder Leere passen (Riemanns hysterischer Typ?). Aber noch eins fehlt.

Was sagen Hasselmann/Schmolke?
  • Angst vor Unzulänglichkeit = Selbstverleugnung
  • Angst vor Lebendigkeit = Selbstsabotage
  • Angst vor Wertlosigkeit = Märtyrertum
  • Angst vor Unberechenbarkeit = Starrsinn
  • Angst vor Mangel = Gier
  • Angst vor Verletzung = Hochmut
  • Angst vor Versäumnis = Ungeduld
Die Begriffe hinter dem Gleicheitszeichen sind die Kompensationsmechanismen. Erinnert teilweise an die sieben Todsünden.

© Angela Nowicki, 15. Juli 2013

Die 20 Ängste des Human Design


In der Körpergrafik des Human Design gibt es drei „Angstzentren‟, und das sind die drei Wahrnehmungszentren:
  1. Die instinktive Wahrnehmung des Milzzentrums ist an die instinktiven, die existenziellen Ängste gekoppelt.
  2. Die (bei den meisten Menschen erst ansatzweise ausgebildete) emotionale Wahrnehmung des Solarplexuszentrums ist an emotionale Ängste gekoppelt, die als emotionale Nervosität bezeichnet werden.
  3. Die intellektuelle Wahrnehmung des Kopfzentrums (Ajna) ist an intellektuelle Ängste gekoppelt, die als geistige Unruhe beschrieben werden.
Das Milz- und das Solarplexuszentrum enthalten je 7 Tore (Ging-Hexagramme), das Kopfzentrum enthält 6. Jedem dieser Tore wird eine dieser verschiedenen Ängste zugeordnet. Dies nun sind die 20 Angsttore des Human Design:

MILZ
Tor 18 – Angst vor Autoritäten
Tor 28 – Angst vor dem Tod
Tor 32 – Angst vor Versagen
Tor 50 – Angst vor Verantwortung
Tor 44 – Angst vor der Vergangenheit
Tor 57 – Angst vor der Zukunft
Tor 48 – Angst vor Unzulänglichkeit

SOLARPLEXUS
Tor 30 – Angst vor dem Schicksal
Tor 55 – Angst vor der Leere
Tor 49 – Angst vor der Natur
Tor 6 – Angst vor Nähe
Tor 37 – Angst vor Tradition
Tor 22 – Angst vor Stille
Tor 36 – Angst vor Unzulänglichkeit (? – ich weiß nicht, ob es sich hier um einen Druckfehler handelt, da die Unzulänglichkeit bereits im Milzzentrum auftaucht; angesichts des traditionellen Titels dieses Hexagramms im I Ging, „Die Verfinsterung des Lichts‟, wäre eher Angst vor Dunkelheit naheliegend, oder – angesichts des Titels dieses Tors im HD, „Krise‟ – Angst vor Krisen bzw. Katastrophen. Logisch ist das alles nicht – s. Folgepost „Die sieben Urängste‟)

KOPF
Tor 47 – Angst vor Sinnlosigkeit
Tor 24 – Angst vor Unwissenheit
Tor 4 – Angst vor dem Chaos
Tor 11 – Angst vor Dunkelheit (i.S.v. Ungewissheit)
Tor 43 – Angst vor Ablehnung
Tor 17 – Angst vor Infragestellung

© Angela Nowicki, 14. Juli 2013

Mittwoch, 3. Juli 2013

Was sagt das I Ging?


Am 18. Oktober 2011 legte ich das I Ging zur Frage:

Warum halte ich insgeheim die Bedürfnisse aller Menschen für wichtiger als meine? Woher kommt diese Person in mir, die meine Individualisierung verhindert? Wieso bin ich klein und darf das nicht?

Als Ausgangssituation fiel Hexagramm 44 - Das Entgegenkommen
Das dunkle Prinzip (Yin auf Platz 1 ganz unten) drängt sich heimlich und unerwartet von innen und unten her wieder ein, nachdem es beseitigt war. Dass die fünf Yang darüber dem Yin bedingungslos vertrauen, zeigt an, dass ihre Anima beziehungslos ist, d.h. sie wissen den Wert des weiblichen Prinzips nicht einzuordnen.
--> Leichtfertigkeit: Das Gemeine kann sich nur deshalb frech eindrängen, weil das Starke, Lichte es für harmlos hält und mit ihm spielt.
--> Der schmale Grat zwischen Kompromiss und Autorität: Ein gegenseitiges Entgegenkommen der füreinander bestimmten und aufeinander angewiesenen Prinzipien ist nötig.
Rat: Stehe offen zu deinen Überzeugungen und Wünschen und vertreibe auf diese Weise zerstörerische Versuchungen!

Das Zeichen wandelt sich auf Linie 2
Das niedere Element wird hier nicht vergewaltigt, aber unter sanfter Kontrolle gehalten. Dann ist nichts Schlimmes zu befürchten. Nur muss man dafür sorgen, dass es nicht mit Fernerstehenden zusammenkommt, weil es, losgelassen, seine schlechten Seiten ungehemmt entfalten würde.
Ist es mit Fernerstehenden zusammengekommen?
„Wenn andere aufmerksam werden...‟ - Schwachpunkte, Schwächen darf man nicht erkennen lassen.
--> Ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ich klein bin. Es ist das Kind in mir, das muss ich sanft unter Kontrolle halten.
„Bewährungshelfer entlassener Sträflinge‟ - wen hat man mir da untergeschoben?
a) Die 2. Linie steht zentral im unteren Halbzeichen des Sanften, d.h. ich versuche, das Kranke am eindringenden Yin zu verstehen.
b) Sie steht auf dem milden Yin-Platz 2, weiß daher um das Schuldigwerden.

Im Human Design gehört Hexagramm 44 zum Schaltkreis des Stammes (Sippe, Familie). Außerdem sitzt es im Milzzentrum = Instinktversagen („den Braten nicht gerochen haben‟) --> führt zu Krankheit
Zellgedächtnis, (Angst vor der) Vergangenheit
Es ist das Tor der Wachsamkeit.

Die Ausgangssituation wandelt sich damit in Hexagramm 33 - Der Rückzug
Ziehe dich statt dessen zurück und suche die Befriedigung in dir selbst.
Die untersten beiden Linien hängen sich an, lassen sich mitziehen oder mitschleppen. Sie bedeuten den fatalen, dunklen und primitiv gebliebenen Saurierschwanz, den die Yang-Linien als Schattenanteil unsichtbar hinter sich her ziehen.
Rat: Aktiver Rückzug und Umwandlung einer schwachen Position in eine Stärke.

Im HD gehört Hexagramm 33 zum Kehlzentrum und zur Vergangenheit und ist damit eine Stimme, die sagt:
„Ich erinnere mich.‟
Das Kind in mir kann sich an mein Erwachsenen-Ich anhängen, kann sich aber auch an alle äußeren Autoritäten - und das sind alle Menschen - klammern!

SCHLUSSFOLGERUNG
Es ist mein schwaches und unreifes inneres Kind, das überall nach einer Autorität sucht, an die es sich klammern kann. Mein bewusstes Ich ist zu weich und zu sehr von Schuldgefühlen besetzt, um ihm eine Autorität sein zu können. Es gibt der eindringenden kindlichen Schwäche nach, die sich wiederum an äußere Autoritäten klammert --> „die Bedürfnisse aller anderen‟. Deshalb „bin ich klein und darf das nicht‟.
Das Ging rät mir nun, mich total in mich zurückzuziehen und die Vergangenheit aufzuarbeiten, damit ICH endlich zur Autorität für mein inneres Kleinkind werden kann.


© Angela Nowicki, 3. Juli 2013

Freitag, 21. Juni 2013

Absturz und Aufstieg und alles nur im Kopf

Tagebucheintrag vom 14. September 2011

Liebe als Pflicht.
Ich fühle mich von Familie, Bekannten, Job und Alltag dauernd unter Druck gesetzt.
Ich bin im falschen Leben. Am falschen Ort. In der falschen Gruppe. Im Joch.
Mein Seelenhaus steht über einem Abgrund und hat ein völlig zerstörtes Dachgeschoss.
Wiederkehrende Träume: Babys (extrem oft). Verstorbene Eltern. Liebe zu einem Fremden.

Heute kam die totale Krise. Augenmigräne, Ischialgie. Abends in einer regelrechten Zwangsjacke aus Nervosität, Anspannung und Ablehnung. Das erreichte seinen Gipfel, als ich überlegte, was ich tun könnte, und nur Lust hatte, meine Träume und Seelenreisen auf Symbole hin zu analysieren. Da bin ich schon nach kurzer Zeit fast ausgeflippt vor Nervosität und Unerträglichkeit des Immergleichen. Ich hätte gern geschrieben, doch mir fiel einfach nichts ein! Ja, zum ersten Mal seit Beginn des Schreibens hatte ich das totale Gefühl, nicht wirklich schreiben zu können und nie etwas zu Stande zu bringen. Die totale Blockade. Ich klopfte mir drei Runden lang kräftig die Meridiane auf der Suche nach Inspiration. Anschließend wurde ich ganz allmählich immer ruhiger, und das war ein gutes Gefühl.

Und nachts wurde ich um 3 Uhr wach und explodierte vor Sinnlichkeit, Lebenslust und Spielfreude, der totale Künstler, der Mercurius, brach aus! Ich haute mir Alan Price auf dem mp3-Player rein und tanzte auf dem Küchenbalkon! Dabei stellte ich mir vor, wie ich Theater spiele, Theater schaffe - es war aber ein inhaltsloser Druck, nur die Form drückte wie wild, so dass es mich fast zerriss, ohne dass ich auch nur die leiseste Idee bekommen hätte, WAS ich eigentlich darstellen möchte. Die Form drückte derart, dass ich mich in einen anderen Menschen verwandelte, einen bunten, tanzenden, über alles lachenden, alles verspottenden, auf jedem Schritt Kunst zaubernden, selbst im tiefsten Alltag völlig aus dem Alltag ausgeflippten. Das bin ich! So will ich sein! Ja, das wurde dann aber schnell richtig schmerzhaft, richtig unerträglich, dieser Druck, ich dachte, ich explodiere, weil ich eben keine Ideen dazu hatte. Da suchte ich etwas, was mich wieder runterbringen könnte, und das war Borges. Ich las mehrere Erzählungen von ihm, bevor ich einschlief, und fand diesen Schriftsteller genial. So genial, dass ich wieder das Gefühl bekam, nichts zu können...

Das Ganze war vor einer Woche losgegangen, und zwar witzigerweise nicht auf der geistigen, sondern der körperlichen Ebene. Alles war wunderbar gewesen, bis mein Ischiasnerv sich aus unerfindlichen Gründen einklemmte und nicht wieder los kam. Ein glatter Beweis dafür, dass wir alle nur Spielfiguren sind, wir setzen niemals Ursachen, können wir gar nicht. Wie literarische Figuren denken, reden und handeln nach dem Willen ihres Autors. Und auf die körperliche Verkrampfung folgte am Abend und am nächsten Tag erst die geistige: Ich begann, seit langer Zeit wieder zu powern. Fünf Tage lang, bis gestern. Litt dabei furchtbar und brach gestern Abend völlig zusammen. Körperlich und geistig.
Darauf folgte rasch die wunderbare Heilung, die aber nur eine Verlagerung auf der körperlichen Ebene zu sein schien: Heute hatte ich dann Augenmigräne. Lag den ganzen Tag erschöpft unter einem Berg von Schutt und glaubte, erst morgen wieder zu leben anfangen zu können. Ein Tag Aufschub. Als die Migräne nachließ, rasselte erst der ganze Schutt, die ganzen Trümmer runter auf meine Nerven und meine Seele. Als hätte die Migräne noch eine Art Schutzschild gebildet. Der war dann weg, und ich lag mehrere Stunden lang verschüttet und brüllend vor Seelenschmerz. Oder Geistesschmerz. Und mit der Erinnerung daran, dass ich nur eine Geschichtenfigur bin, löste sich der ganze Schutt auf und ich stieg steil in den Himmel wie ein Heliumballon, dem in der Nacht plötzlich ein versiegelter Motor platzte, so dass er zu rasen begann und mich außerhalb jeder Kontrolle in einer derart wilden Jagd über die Himmel jagte, dass ich schließlich nur noch runter wollte. Da kam ich runter, sicher, sanft, aber doch schmerzhaft. Unten war auch nicht das Ziel, auch wieder nur eine Ruhepause.

Und jetzt hoppele und holpere ich mit stotterndem, erschöpftem Motor über den Acker und weiß nicht, wo ich bin und wie es weitergehen soll...

© Angela Nowicki, 21. Juni 2013

Montag, 29. August 2011

HD: Die Zentren - Das Solarplexuszentrum

Das SOLARPLEXUSZENTRUM wird auch Emotionszentrum genannt, denn hier ist der Sitz der Gefühle. Es nimmt unter den Zentren eine Sonderstellung ein. Zum einen, weil es eine Doppelfunktion hat: Es ist sowohl ein Motor, wie das Wurzel-, das Sakral- und das Herzzentrum, als auch ein Wahrnehmungszentrum, wie Milz und Verstand. Eine Sonderstellung nehmen auch Kehl- und G-Zentrum ein: Die Kehle ist der Knotenpunkt, die Schaltzentrale, an der alle Energien von innen nach außen drängen, um sich zu manifestieren. Und das G-Zentrum ist unsere innere Führung und gehört damit keiner Gruppe von Zentren an (Druck, Wahrnehmung, Motor), sondern ist einfach nur für unser SEIN zuständig.

Das Emotionszentrum wiederum hat durch seine Doppelfunktion mit den meisten Zentren etwas gemeinsam. Seine Sonderstellung basiert darauf, dass es das Energiezentrum ist, in dem die Mutation der Menschheit vom sieben- zum neunzentrigen Wesen stattfindet, die bald abgeschlossen sein wird.
Noch vor wenigen Jahrhunderten war das Emotionszentrum ein reiner Motor; der Mensch wurde sozusagen blind von seinen Emotionen getrieben, wie ein kleines Kind. Es genügt, ein paar gute historische oder historisch unterlegte Romane aus der Zeit vor dem 17. Jahrhundert zu lesen, um das vollauf bestätigt zu finden. Ein Buch, das ich besonders empfehlen möchte, ist Der Rote Löwe von Mária Szepes. Wenn man leidlich sensibel ist und versucht, sich in die Dramen jener vergangenen Zeiten hineinzuversetzen, hält man die emotionale Intensität und Zwanghaftigkeit als Mensch der Neuzeit nur schwer aus. Der Grund dafür ist nicht etwa unsere scheinbar höhere intellektuelle Intelligenz! Jedenfalls nicht an erster Stelle. Es ist die Tatsache, dass unser Solarplexus seitdem eine emotionale Wahrnehmung entwickelt hat und damit mehr und mehr fähig wurde, sich emotional in seine Umwelt hineinzuversetzen, Mitgefühl und Sensibilität zu entwickeln. Das ist die Intelligenz des Emotionszentrums: die emotionale Intelligenz.

Gefühle haben grundsätzlich einen Wellencharakter, und die emotionale Welle bewegt sich in einem steten Auf und Ab, zwischen Hoch und Tief, Ekstase und Verzweiflung, Freude und Schmerz. Es gibt drei verschiedene Wellenformen, die den einzelnen Toren des Emotionszentrums zugeordnet werden. Da diese emotionale Welle aber ein Naturgesetz repräsentiert, also nie aufhören kann, sich zwischen zwei Polen zu bewegen, kennt sie keine Wahrheit im Augenblick. Ein Gefühl steht in jedem Augenblick immer an einem bestimmten Punkt innerhalb seiner Welle, der im nächsten Moment schon nicht mehr wahr ist, weil die Welle sich weiterbewegt hat. Jeder Mensch mit einem definierten Emotionszentrum weiß das nur zu gut: Was ihn heute begeistert, interessiert ihn in einer Woche vielleicht gar nicht mehr; Beziehungen oszillieren zwischen Liebe und Hass – wo liegt die Wahrheit? Es gibt keine.
Im Emotionszentrum gibt es keine Wahrheit, sondern Klarheit. Und die findet sich erst im Nachhinein, manchmal Tage, Wochen oder sogar Monate später, je nach Frequenz der jeweiligen Welle, wenn das Gefühl die ganze Welle durchlaufen hat. Dann kristallisiert sich heraus, was man gegenüber einer Sache, einem Vorhaben oder einem Menschen wirklich fühlt.

Wer ein definiertes Emotionszentrum hat, hat immer eine emotionale Autorität, ganz egal, welche Zentren sonst noch definiert sind. Auch dies ist ein Ausdruck der Sonderstellung dieses Zentrums und seiner Bedeutung für unsere Entwicklung, die zu emotionaler Weisheit hin strebt. Definierte Emotionszentren sind ihrer emotionalen Welle ausgeliefert, sie ist ein fester Bestandteil ihres Seins, den sie nie los werden. Dazu gehören auch die emotionalen Ängste, die sich immer durch Nervosität bemerkbar machen. Für diese Menschen beruht die Weisheit, die sie erreichen können, auf ihrer emotionalen Tiefe und Klarheit. Dazu jedoch müssen sie erst den Durchlauf ihrer Welle abwarten, bevor sie eine Entscheidung oder ein Urteil treffen. Spontaneität kann hier fatale Folgen haben, es sei denn, die Person hat zusätzlich noch ein definiertes Milzzentrum UND es handelt sich um eine unwesentliche Entscheidung.
Ein emotionaler Generator muss der geduldigste Mensch auf Erden sein, denn er muss nicht nur abwarten, um reagieren zu können, sondern noch zusätzlich zu emotionaler Klarheit gelangen, bevor er sich auf etwas Wichtigeres einlässt. Er hat schon lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, endlich ist sie da, und sein Sakralzentrum kann endlich grünes Licht geben: "Hmmm! Darauf habe ich jetzt richtig Lust!" Es schickt ihm einen ordentlichen Energieschub – und er darf noch immer nicht loslegen! "Stopp!" sagt seine emotionale Intelligenz gnadenlos. "Jetzt bist du begeistert – aber was ist morgen? Erst mal drüber schlafen, mein Lieber!" Und wenn er nur einmal drüber schlafen muss, hat er richtig Glück gehabt.

Wenn es darum geht, etwas in Angriff zu nehmen, mag es schon schwer sein, so viel Geduld aufzubringen. Manchmal geht es aber auch um die Einschätzung eines Ereignisses. Angenommen, ein anderer Mensch hat dich verletzt. Nun sind emotionale Autoritäten in ihrer Wahrnehmung nicht die Schnellsten. Nur die Milzwahrnehmung funktioniert im Augenblick. Die intellektuelle Wahrnehmung ist von der Zeit unabhängig, aber die emotionale Wahrnehmung funktioniert nur im Nachhinein: Wahrgenommen werden kann hier immer nur die Vergangenheit. So passiert es oft, dass ein solcher Mensch verletzt wird und gar nichts davon merkt. Er lacht vielleicht darüber wie über einen guten Witz. Erst am nächsten Tag überfällt ihn plötzlich die volle Breitseite: "Was hat der da gesagt?! Das ist ja eine Unverschämtheit!" Einen Tag lang bohrt jetzt die Verzweiflung oder die Wut in ihm, einen Tag lang würde er das A... am liebsten erwürgen.
Wenn er sich jetzt hinsetzt und dem A... eine gepfefferte Mail schreibt, wird er das aber mit großer Wahrscheinlichkeit bald bitter bereuen!
Denn schon am zweiten Tag schlägt seine emotionale Welle zum Gegenpol um, und der andere tut ihm auf einmal schrecklich leid, er hatte ja Recht, er wollte ihm doch nur helfen, er selber ist das A... und möchte nun am liebsten sich dafür erwürgen, dass er gestern den anderen erwürgen wollte!
Wenn er sich jetzt hinsetzt und dem A... eine reuige Mail schreibt, wie Recht er doch mit seiner Kritik hatte und wie dumm es doch von ihm selbst war, darüber zu lachen, wird er das ebenfalls bald bereuen!
Erst am dritten Tag – ganz unversehens – sind sowohl Wut als auch Reue verschwunden, und unser Emotionssurfer steht geläutert am Strand, blickt auf die Wellen hinaus und weiß auf einmal klar und deutlich, was da wirklich gelaufen ist. Er fühlt die verborgenen Motivationen des anderen und parallel dazu seine eigenen und weiß jetzt, was er bereit ist, an Kritik einzustecken und was nicht und welche Art der Kommunikation für ihn die richtige ist.
"Drei Tage" ist hier nur ein Beispiel; wie lange ein Wellendurchlauf dauert, kann niemand sagen, das ist von der Welle selbst, von der Situation, auf die sie sich bezieht, und von der Person abhängig.

Allen emotionalen Autoritäten sei daher ans Herz gelegt: Reagiere nie aus einem Impuls heraus! Als emotionaler Generator weiß ich, wovon ich spreche.

Aus dem Nicht-Selbst leben Menschen mit definiertem Solarplexus, wenn sie
- Entscheidungen mit dem Verstand treffen (das betrifft natürlich alle Menschen, nicht nur emotionale),
- ihre Gefühle ignorieren oder rationalisieren,
- versuchen, spontan oder impulsiv zu leben und zu reagieren,
- ihre eigenen Gefühle unterdrücken und sich von den Gefühlen anderer "anstecken" lassen. (Um gar nicht konditionierbar zu sein, müsste ein Zentrum alle seine Tore aktiviert haben.)

Ein undefiniertes Solarplexuszentrum ist normalerweise, solange es für sich allein und bei sich ist, ruhig und gelassen. Interessanterweise halten diese Menschen sich selbst oft für die emotionalsten Wesen überhaupt, und sie wirken auch auf andere so! Es erfordert eine lange und aufmerksame Selbstbeobachtung, um herauszufinden, dass es immer die Gegenwart oder der Einfluss anderer ist, der sie zur Drama-Queen mutieren lässt. Mit ihrem offenen Zentrum nehmen sie ständig fremde Gefühle auf und verstärken sie, bis sie davon explodieren. Und der Irrtum liegt dann nur darin, dass sie sie für ihre eigenen Gefühle halten. Ihr Emotionszentrum ist allerdings nicht für solche steten und intensiven Gefühlswellen ausgelegt. Alle stärkeren Emotionen – Konflikte, Wut, Trauer, Begeisterung, Aggressionen – greifen diese Menschen viel stärker an als solche mit definiertem Solarplexus. Sie reagieren darauf, indem sie alles versuchen, um starken Gefühlen aus dem Weg zu gehen und Konflikte zu vermeiden.
Ihre große Stärke ist ihre Empathie. Wie ein undefiniertes Ajna die Gedanken anderer "lesen" kann und eine undefinierte Milz instinktiv spürt, wie es dem anderen geht, so kann ein undefiniertes Emotionszentrum die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen und sich ganz leicht in sie einfühlen. Darin liegt ihre potenzielle Weisheit, die sie erreichen können, wenn sie erkennen, dass es fremde Gefühle sind, und sich selbst davon distanzieren.

Ich schätze, Buddha hatte ein undefiniertes Solarplexuszentrum, denn es ist der Buddhismus, der alle Gefühle als krank machend bewertet - ja, auch Freude! - und Erlösung durch Loslösung und Leerwerden sucht. In der Tat ist das ein erstrebenswertes Ziel – aber nur für undefinierte Emotionszentren. Einem definierten Solarplexus dürfte es schwer fallen, das überhaupt zu verstehen, doch selbst wenn – er braucht es gar nicht erst zu versuchen, denn er kann aus seiner emotionalen Welle nicht raus. Für ihn liegt die Erlösung in der Akzeptanz seiner Emotionen, in der Erkenntnis seiner emotionalen Tiefe und im Bewusstsein, dass kein einzelnes seiner Gefühle jemals die Wahrheit ist, alle zusammen aber eine wunderbare Klarheit ergeben können.

Auf der körperlichen Ebene sind dem Solarplexuszentrum übrigens eine ganze Reihe von Organen und Drüsen zugeordnet: zunächst einmal verständlicherweise das gesamte Nervensystem, von dem der Solarplexus, das "Sonnengeflecht", ja ein Teil ist, des Weiteren die Nieren ("Das geht mir an die Nieren!"), die Bauchspeicheldrüse, ein zentrales Verdauungsorgan ("Das muss ich jetzt erst einmal verdauen!"), die Prostata und die Lunge.
Nieren und Lunge dienen beide der Reinigung unseres Körpers von unverwertbaren Stoffwechselprodukten. Ebenso muss es eine emotionale Hygiene geben: Emotionen werden verdaut, und was dann an nicht Verwertbarem übrig bleibt, muss ausgeschieden werden (loslassen!). Wenn wir diese Hygiene vernachlässigen, so dass sich zu viel unverdaute Gefühle in der Psyche anzustauen beginnen, erinnert unser Unbewusstes uns an diese Notwendigkeit mit den berüchtigten "Toiletten-Träumen"! Und eine der besten Methoden, negative Emotionen zu bereinigen, ist eine Atemkorrektur: Bauchatmung üben! Aus eigener Erfahrung kann ich die segensreichen Wirkungen der Atemübungen des Kriya Yoga empfehlen, das Pranayama. Für Anfänger eignen sich die Wechselatmung und die Vollatmung am besten.

© Angela Nowicki, 29. August 2011

Dienstag, 16. August 2011

HD: Das Sakralzentrum und die inneren Autoritäten

Das SAKRALZENTRUM ist ein mächtiger Energiewirbel, ein Generator, der alle eingehenden Impulse und eingespeisten Energien verarbeitet, in die benötigte Energieart umwandelt und diesen "Strom" zur Nutzung bereit stellt. Als einer der vier Motoren in der Körpergrafik ist es das Zentrum der Lebenskraft, der Sexualität, der Fruchtbarkeit und der Ausdauer. Folgerichtig sind diesem Zentrum auf der körperlichen Ebene die Fortpflanzungsorgane zugeordnet und von den Hormondrüsen die Eierstöcke und die Hoden.

Das definierte Sakralzentrum hat etwas ganz Besonderes: eine Stimme. Es ist die berühmte "Bauchstimme", die den Generator leitet – der natürlich seinen Namen von seinem definierten Sakralzentrum erhalten hat, denn bei wem dieses Zentrum definiert ist, der ist immer ein Generator. Für diese Menschen ist es von zentraler Bedeutung, geduldig warten zu lernen, bis ihnen etwas entgegenkommt, worauf sie reagieren können. Das Sakralzentrum ist kein aktives, sondern ein reaktives Zentrum! Die Bauchstimme antwortet mit einem spürbaren und spontanen "Hmmm!" für ja oder "Ä-ä!" für nein, das sich auch als Gefühl des Hingezogen- oder Abgestoßenwerdens in Bezug auf die fragliche Angelegenheit äußern kann.

Hier berühren wir bereits die zweite Kategorie des Human Design. Die erste waren die bereits besprochenen Typen, die zweite ist die innere Autorität. Wie ich bereits an anderer Stelle schrieb, hat jeder Mensch eine innere Instanz, die dafür ausgelegt ist, die für seine Entwicklung vorteilhaftesten Entscheidungen zu treffen. Ich habe auch schon dargelegt, warum dies niemals der Verstand sein kann. Es gibt insgesamt sechs verschiedene Autoritäten, und wer welche hat, hängt davon ab, welche Zentren in seiner Körpergrafik definiert bzw. nicht definiert sind.

1. Ist das Solarplexuszentrum definiert, haben immer die Emotionen die innere Autorität, ganz gleich, welche Zentren sonst noch definiert sind. Worauf die emotionale Autorität beruht, werde ich im Kapitel über das Solarplexuszentrum erklären.

2. Ist das Solarplexuszentrum undefiniert, aber das Sakralzentrum definiert, dann handelt es sich um eine sakrale Autorität, gleich welche Zentren sonst noch definiert sind. Das bedeutet: Ein Generator kann nur zwei Autoritäten haben – entweder er ist ein emotionaler oder ein sakraler Generator. Bei einem sakral gesteuerten Generator hat die innere Autorität die engste Beziehung zum Typ, d.h. hier trifft alles zu, was bereits über den Typ des Generators geschrieben wurde: Er muss, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, "warten – reagieren – handeln". Er muss warten, bis eine Entscheidung fällig wird, darauf seine Bauchstimme reagieren lassen, der er dann, wenn irgend möglich, in seiner Entscheidung folgen sollte.

3. Sind Solarplexus- und Sakralzentrum undefiniert, und ist das Milzzentrum definiert, dann handelt es sich um eine Milzautorität, die im Kapitel über das Milzzentrum besprochen werden wird. Auch hier spielt es keine Rolle, welche der restlichen Zentren sonst noch definiert sind.

4. Sind Solarplexus-, Sakral- und Milzzentrum undefiniert, und ist das Herzzentrum definiert, dann ist das eine Ego-Autorität. Dies ist die Autorität der Willenskraft. Hier geht es, im Gegensatz zum Selbst des G-Zentrums, um die materiellen, weltlichen Ziele des Ich oder Ego. Das Ego will die Kontrolle über die materielle Ebene des Seins haben, und dazu gehört sowohl eine funktionierende Gemeinschaft als auch der persönliche und gemeinschaftliche Besitz oder der persönliche Status innerhalb dieser Gemeinschaft: "Ich bin der Boss." "Das ist meine Familie / unser Haus." "Ich bin der Erste."
Im Hinblick auf die Autorität bedeutet das, dass ein solcher Mensch die Willenskraft haben muss, zu seinen Entscheidungen zu stehen und sie bis zum Erfolg oder Misserfolg durchzuziehen. Darüber darf man gar nicht diskutieren müssen. Dieser Mensch muss in der Lage sein, nachdrücklich und mit aufrichtiger Überzeugung zu sagen: "Das ist etwas für mich. Ich tue es." Die Ego-Autorität darf sich nicht auf Gefühle, Bauchstimmen oder Ahnungen verlassen, denn die dafür zuständigen Zentren sind bei ihr ja undefiniert und daher unzuverlässig. Die Entscheidungsgewalt liegt also bei einem unmissverständlichen: "Ich will." (Sturzhelm und Ellbogenschützer sind immer nützlich.)
Je nachdem, über welche Kanäle das Herzzentrum definiert ist, kann es sich um einen Manifestor oder einen Projektor handeln, deren jeweilige Strategie zusätzlich berücksichtigt werden muss. Der Manifestor hat es am einfachsten: Er braucht nur andere darüber zu informieren, was er sich vorgenommen hat, und kann gleich loslegen. Der Projektor hingegen muss auf Anerkennung und Einladung warten, bevor er seinen Willen durchsetzen kann.

5. Ist das G-Zentrum definiert, während alle Zentren darunter undefiniert sind, haben wir es mit einer Selbst-Autorität zu tun. Was über dem G-Zentrum definiert ist, spielt keine Rolle. Solch ein Mensch ist immer ein Projektor, da ja kein Motor mit der Kehle verbunden sein kann und auch das Sakral-Zentrum undefiniert sein muss. Die Selbst-Autorität ist im Grunde ein Autopilot. Diese Menschen müssen keine Entscheidungen aufgrund ihrer emotionalen Klarheit, ihrer Bauchstimme, ihrer Intuition oder ihres Willens treffen – sie müssen eigentlich überhaupt keine Entscheidungen treffen, denn sie haben nur eines zu tun: das, was sie tun. Im Selbstzentrum sitzt, wie wir wissen, der Magnetische Monopol, unser Chauffeur, der uns durchs Leben fährt. Wenn der auch noch die Entscheidungsgewalt hat, braucht der Fahrgast nicht einmal darüber nachzudenken, was er tun soll; er kann sich einfach zurücklehnen und sich "durchs Leben kutschieren lassen". Wenn die Entscheidung einer Selbst-Autorität in Frage gestellt wird, hat sie normalerweise eine Menge rationaler Rechtfertigungen dafür parat – aber Gedanken treffen schließlich keine Entscheidungen. Vielleicht hat sie sich aber auch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht und antwortet: "Ich weiß nicht, es war einfach das Richtige." Sehr dubios...
Das Mantra für einen Menschen mit Selbst-Autorität ist Shakespeares wundervoller Hamlet-Vers:

Dies über alles: Sei dir selber treu,
Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,
Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

6. Nun gibt es jedoch noch die seltenen Fälle, in denen keines der genannten Zentren definiert ist. Diese Menschen haben keine innere Autorität. Es kann sich hier nur um einen geistigen Projektor oder einen Reflektor handeln: Beim geistigen Projektor ist mindestens eines der drei Zentren über dem G-Zentrum (Kehl-, Ajna- und/oder Kopfzentrum) definiert, der Reflektor ist, wie bereits unter den Typen beschrieben, vollständig offen. Beide Typen haben aber in Bezug auf ihre Entscheidungsfindung die gleiche Strategie: Sie müssen einen Mondumlauf, also ungefähr 28 Tage lang, warten. Das mag in unserer schnelllebigen Zeit utopisch erscheinen, dieses Dilemma betrifft aber nicht nur Reflektoren; unser gesamtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist der Feind des Selbst, daher bleibt es niemandem, der nach Selbsterfüllung strebt, erspart, seinen eigenen, fast immer dornenreichen Weg zu finden und zu gehen, indem er herausfindet, wo er Kompromisse eingehen muss, kann und will und wo er bereit ist, auf bestimmte Vorteile der materiellen Welt zu verzichten.
Wichtig ist es für diese Menschen auf jeden Fall, sich für jede größere Entscheidung so viel Zeit zu nehmen, wie nötig ist, und sich bewusst zu werden, dass alles, was schnellere Entscheidungen erfordert, einfach nichts für sie ist. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es sich dabei nicht selten schon um von Natur aus unentschlossene Menschen handelt. Wer mit ihnen essen geht, sollte sich am besten den ganzen Tag frei nehmen und sich vorher schon satt essen, sonst ist er verhungert, wenn sie sich endlich dazu durchgerungen haben, ihre Bestellung aufzugeben. Die Natur in ihrer unendlichen Weisheit sorgt offensichtlich schon von vornherein dafür, dass jeder die besten Voraussetzungen für ein Leben gemäß seiner Bestimmung mitbringt, eine Erfahrung, die ich bereits aus der Münchner Rhyhtmenlehre, der astrologischen Schule von Wolfgang Döbereiner, kenne.
In diesen – idealerweise – vier Wochen sollten diese Menschen so oft und so viel wie möglich mit anderen über die betreffende Angelegenheit sprechen und auch besonders darauf achten, was sie sich selbst sagen hören. Reflektoren und geistige Projektoren sind dazu veranlagt, ihre verschiedenen inneren Erfahrungen zu einem Ganzen zusammenzufassen und ihre Entscheidungen aus der Gestalt dieser Synthese heraus zu fällen.

Um auf das definierte Sakralzentrum zurückzukommen, bleibt zu sagen, dass diese Menschen – also Generatoren – wie Dampflokomotiven sind: Sie brauchen lange, um in Fahrt zu kommen (beim Manifestierenden Generator geht es allerdings schneller), aber wenn sie einmal auf Touren sind, sind sie nicht mehr aufzuhalten und haben einen unglaublich langen Bremsweg. Deshalb ist es für Generatoren so wichtig, mit jeder größeren Entscheidung lange genug zu warten und auch wirklich auf ihre Bauchstimme zu hören, damit sie sich nur auf Projekte und Beziehungen einlassen, die eine lustvolle Erfahrung für sie sind und bleiben. Denn für sie gilt: einmal drin – immer drin. Wenn sie etwas anfangen, müssen sie es bis zum Ende durchziehen, und Enden können auch bitter sein.
Lebt das definierte Sakralzentrum aus seinem Nichtselbst, dann wartet es nicht auf Resonanz ("Ich muss doch endlich etwas tun!"), verwickelt sich in die falschen Erfahrungen und bleibt am Ende erschöpft, frustriert und von anderen ausgenutzt auf der Strecke.

Das undefinierte Sakralzentrum steht nicht unter solchem Druck, produktiv zu sein, wie die Generatoren. Es kann viel leichter alle Fünfe grade sein und andere für sich arbeiten lassen, gerät daher auch nicht so leicht in Gefahr, sich ausnutzen zu lassen. Aber, wie alle undefinierten Zentren, entwickelt es natürlich auch einen starken Sog, der Konditionierungen anzieht.
Die Nichtselbst-Strategie des undefinierten Sakralzentrums ist daran zu erkennen, dass der Mensch sich von anderen (Generatoren, natürlich) mitreißen lässt, weil er meint, er müsse genauso produktiv und ausdauernd sein wie sie. Ein offenes Sakral hat aber gar keine eingebaute Bremse, daher wissen diese Menschen einfach nicht, wann sie aufhören müssen. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Total-Burnout.

Die richtige Strategie ist sowieso immer dieselbe, egal, ob definierte oder undefinierte Zentren: Halte dich an deinen Typ, folge deiner inneren Autorität und versuche nicht zu sein, was du nicht bist.

© Angela Nowicki, 16. August 2011

Donnerstag, 11. August 2011

Human Design: Buchempfehlung

Wer einigermaßen des Englischen mächtig ist, dem empfehle ich dringend Chetan Parkyns Buch Human Design – Discover the Person You Were Born To Be. Es ist das Beste, was mir bislang untergekommen ist. Auf der verlinkten amazon-Seite findet sich auch eine ausführliche Rezension von mir.

Ich habe lange gezögert, mir ein Buch zum HD zu kaufen, nicht zuletzt wegen der teils astronomischen Preise der bei der IHDS angebotenen Literatur. Die Bücher deutschsprachiger Autoren sind auch nicht gerade billig, davon gibt es meines Wissens bisher aber nur zwei von Peter Schöber zu den Zentren und den Typen und Autoritäten, worüber man ohnehin schon eine Menge guter Texte im Internet findet. Auch zu Schaltkreisen, Kanälen und Profilen findet der zu Beginn genannte Interessent mittlerweile genügend kostenlosen Lesestoff. Was mir vor allem fehlte, waren ausführlichere und verständlichere Beschreibungen der einzelnen Tore als im Rave I Ching.
Das gibt es nun endlich "all in one" in Chetans Buch. Es enthält umfangreiche, nach gesonderten Kapiteln geordnete Beschreibungen zu den neun Zentren (allgemein, definiert, undefiniert), den fünf Typen (der Manifestierende Generator ist als gesonderter Typ beschrieben), den sechs Autoritäten, den 36 Kanälen und den 64 Toren, geordnet nach ihrer Lage in den Zentren, und einer kurzen zusätzlichen Beschreibung am Ende jedes Zentrums, was es bedeutet, wenn dieses Zentrum offen ist, also gar kein Tor aktiviert hat. Und das alles für einen ungewohnt niedrigen Preis.
Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, waren weder Preis noch Umfang, sondern die Präzision der Aussagen – darüber habe ich in meiner amazon-Besprechung eingehend geschrieben. Das meiste, was ich bisher gelesen hatte, war gut, manches sogar sehr gut, aber Chetans Beschreibungen treffen durchweg einfach ins Schwarze. Ich habe mich noch nie so erkannt gefühlt – bei jedem "meiner" Tore, Kanäle, Zentren usw. ging mir ein durchdringendes Licht auf: "Aha! Das ist das! Ja, das kenne ich, exakt so ist es – und so hängt das also zusammen!"

Wenn man die Interpretationen und Ratschläge des Autors dazu liest, denen man immer sein tiefes, liebevolles Menschenverständnis anmerkt, und die Wesenszüge in einen Zusammenhang bringt, versteht man schon sehr bald, worauf man ganz praktisch im täglichen Leben zu achten hat, um inneren Frieden finden zu können. Ich zum Beispiel bin ein Generator mit bekannter Strategie. Wie aber klappt’s am besten mit der Strategie? Ist ja auch nicht ganz so einfach, sich von jetzt auf gleich hinzusetzen und zu warten und immer typgemäß zu reagieren, nur weil man das gelesen und eingesehen hat, nicht wahr? Nun, der Dreh- und Angelpunkt des Generators ist doch sein Sakralzentrum, also müssen die dort aktivierten Tore und definierten Kanäle für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Bei mir ist im Sakral unter anderem Tor 5, das Tor der Festen Rhythmen, aktiviert. Das bedeutet, dass ich meine Strategie am besten leben kann, wenn ich meinem eigenen festen Lebensrhythmus folge. Ich habe es geprüft und für richtig befunden: Sobald ich chaotisch in den Tag hinein lebe (und solche Anwandlungen habe ich oft, besonders, wenn ich ganz generator-nichtselbstmäßig erschöpft bin), werde ich sofort aus dem Fluss geschleudert und furchtbar unzufrieden. Dann springt umgehend die Denkmaschine an ("Der Verstand ist nie die innere Autorität!"), und mittlerweile weiß ich: Sobald ich mich dabei ertappe, dass ich schon wieder endlos darüber nachdenke, wie ich mein Leben besser organisieren könnte, mache ich was falsch. Es erfordert oft ein bisschen Disziplin und Überwindung der Unlust, im Rhythmus zu bleiben, aber wenn man weiß, dass das für einen überlebenswichtig ist, geht es auch – und trägt tausendfach Früchte.

Als illustratives Beispiel möchte ich mit der überaus freundlichen Genehmigung des Autors hier meine Übersetzung seiner Beschreibung des Kanals 29/46 veröffentlichen, denn mit dem hat es mittlerweile für mich eine besondere Bewandtnis. Ich hatte am 5. August im ersten Teil meiner Erzählung Mundtot machen ganz arglos die Heldin Neila charakterisiert. Am 6. August traf Chetan Parkyns Buch bei mir ein. Ich fiel fast vom Stuhl, als ich dort die Beschreibung zu diesem Kanal las – und sah, dass Neila genau diesen Kanal definiert hat!
Dieser Kanal verbindet Tor 29, das Tor des Jasagens ("Das Abgründige"), im Sakralzentrum, mit Tor 46, dem Tor der Zielstrebigkeit ("Das Empordringen"), im Selbstzentrum, und er wird Kanal der Entdeckung genannt, ein Design, Erfolg zu haben, wo andere versagen.
Zitat von mir:
Neila war immer so gewesen: kopfüber rein in die emotionale Welle und durch. Und wenn es schiefging? Es gab kein Schiefgehen für Neila. "Was geschieht, ist gut", war ihre Devise. Wenn sie liebte, war es toll, wenn sie litt, war es eine weitere Erfahrung, und wenn sie umgekommen wäre? Sie riskierte es.
Und hier Chetan Parkyns Beschreibung dieses Kanals:
"Achtung, hier kommt der Wirbelwind! Das Leben wird interessant, also schnall dich an und halt deinen Hut fest!" Wenn jemand so etwas sagt, kann man sicher sein, dass gerade jemand mit dem Kanal der Entdeckung die Bühne betreten hat und das Potenzial mitbringt, den Erfolg anzuziehen.
Du bist jemand, der dazu bestimmt ist, in die Entdeckungen des Lebens einzutauchen – wenn du es schaffst, dich der dazugehörigen Erwartungen zu entledigen. Heutzutage will jeder eine Erfolgsgarantie haben, bevor er sich auf etwas einlässt, aber mit diesem Kanal bist du dazu veranlagt, dich in etwas hineinzustürzen, ohne nachzudenken, und den Wert in der Erfahrung selbst zu sehen. Dann aber passiert etwas Wundervolles: Der Erfolg findet ganz von selbst zu dir! Es ist, als habe das Universum mitbekommen, dass du um der bloßen Erfahrung willen dabei bist, und möchte dich mit dem belohnen, was das Leben dir zugedacht hat. Es weiß nämlich, dass im Sakral für dich das natürliche Potenzial verborgen liegt, Erfolg zu haben, wo andere versagen. Häng dir diesen Leitsatz an deiner Tür oder über deinem Schreibtisch auf: "Ich habe Erfolg, wo andere versagen."
Die Wahrheit über diesen Kanal ist: Wenn du dich auf die richtigen Menschen und Projekte einlässt, ist nur der Himmel die Grenze. Doch hierin liegt der Schlüssel: Die Aktivierung dieses Kanals im Selbst bedeutet, dass du dir darüber klar sein musst, was du tust, und dass du es mit Leidenschaft tust. Dann erzeugt die machtvolle Mischung aus Lebenskraft und der Liebe zum physischen Tanz des Lebens solch einen Wirbelwind und solch eine Hingabe, dass ein Versagen gar nicht in Frage kommt. Sobald deine Bauchstimme dir bestätigt, dass du loslegen kannst, kannst du deine Uhr wegschmeißen, weil du zu einer alles verzehrenden Verkörperung dessen wirst, was du tust, und dich in dieser Erfahrung verlierst. Nichts kann dich mehr ablenken. Der Kanal der Entdeckung ist dazu bestimmt, Erfolg zu haben, denn mit dieser seltenen Kombination von Energie und Leidenschaft, die dich innerlich antreibt, kannst du dein Ziel gar nicht verfehlen.
Es ist ein unvergesslicher Anblick, wenn du dich total in einer Erfahrung auflöst, und deine Partner müssen lernen, diese alles verzehrende Seite an dir zu schätzen. Ich vergleiche das mit dem mystischen Tanz eines wirbelnden Derwischs. Er fängt langsam an, doch mit zunehmendem Tempo der Musik dreht sich der Derwisch schließlich so schnell, dass der Tänzer verschwindet und zum Wirbel selbst wird.
Dieser Kanal ist einer der vier "tantrischen" Kanäle. Der Begriff "Tantra" wird häufig mit Sex assoziiert, doch in Wirklichkeit ist es das Potenzial, Energie aus einer niederen in eine höhere Form zu verwandeln. Mit diesem Kanal verwandelst du das Gewöhnliche in das Außergewöhnliche. Aus diesem Grund suchen zahllose Menschen deinen Impuls, um ihre eigenen Raketen starten lassen zu können. Höre auf deine Bauchstimme, um dich richtig auf ausgewählte Erfahrungen einlassen zu können, und stürze dich immer nur in eine Erfahrung auf einmal. Wenn du das tust, wird ein Leben voll erfüllender Entdeckungen und Erfolge immer in greifbarer Nähe sein.
Bleibt zu hoffen, dass sich bald ein deutschsprachiger Verlag findet, der in eine gute Übersetzung investiert. Ich würde sie mit Freuden übernehmen.

© Angela Nowicki, 11. August 2011

Sonntag, 7. August 2011

HD: Die Zentren - G-Zentrum und Herzzentrum

Das G-ZENTRUM ist der Mittelpunkt der Persönlichkeit. G steht für "Gravitation", "Geometrie" oder auch "Gott". Es ist das Zentrum des Selbst, das den Magnetischen Monopol beherbergt, die Kraft, die uns als Persönlichkeit zusammenhält und die Unterscheidung des Ich vom Du ermöglicht, der Ursprung aller Differenzierung. Hier entspringt die Polarität, in der wir alle leben, denn jedem "Mein" steht ein "Dein", jedem "Hier" ein "Dort" gegenüber. Aus der Spannung zwischen Hier und Dort ergibt sich die Richtung, und so finden wir im G-Zentrum nicht nur unsere Identität, sondern auch unsere ganz persönliche Richtung im Leben. Unterscheidung ermöglicht aber nicht nur Identität und Richtung, sondern auch Liebe, denn Liebe braucht ein Du, auf das sie sich richten kann. Somit ist das G- oder Selbstzentrum unser innerer Kompass, der uns die Richtung unseres Lebenswegs und unserer Liebe anzeigt.

Auf der körperlichen Ebene sind diesem Zentrum die Leber und das Blut zugeordnet. Die Leber ist unsere innere Entgiftungsstation, denn Gifte sind Stoffe, die nicht zu uns gehören und uns daher schaden. Das beinhaltet keine Wertung, denn was dem einen Lebewesen schadet, kann einem anderen wiederum nützen. Auch auf der psychologischen Ebene geht es im G-Zentrum darum zu wissen, was gut und was schädlich für das Selbst ist. Als Richtung: Welche Orte sind gut für mich, wo will ich leben? Als Liebe: Welche Menschen sind gut für mich, mit wem will ich eine Beziehung haben? Und was als schädlich für das eigene Selbst erkannt wird, wird ausgegrenzt.

Wer ein definiertes G-Zentrum hat, weiß, wer er ist, wohin er geht und was und wen er liebt. Diese Menschen haben ein ausgeprägtes und beständiges Identitätsgefühl, von dem sie nie lange abirren können, ohne Ängste und Frustration zu entwickeln. Im Theater wäre das der Charakterdarsteller. Oft spüren sie ihr Leben lang eine Art innerer Führung in sich, die etwas Religiöses an sich hat, selbst wenn sie nicht an eine höhere Wahrheit glauben.

Ein undefiniertes G-Zentrum ist wie ein Fischer, der am Meeresufer sitzt und jedesmal etwas anderes aus dem Wasser zieht: einen Aal, einen Hering, eine Flunder, eine alte Wurzel, eine Blechdose, eine Nixe... unendlich viele Identitäten, und er kann in jede davon hineinschlüpfen, ohne sich damit identifizieren zu müssen. Er spielt Rollen, und das wäre im Theater dann der Schau-Spieler im ursprünglichen Sinn. Im Grunde weiß solch ein Mensch nicht, wer er wirklich ist, wohin er gehört und wer zu ihm passt. Das kann verwirrend sein und ihn so orientierungslos machen, dass er davon krank wird. Andererseits birgt diese Offenheit aber auch ein ungeheures Potenzial in sich: das Potenzial der "sieben Leben". Wer in jedem Augenblick in jede Rolle hineinschlüpfen kann, kann eine ungeheure Menschenkenntnis und Lebensweisheit erwerben.
Wenn ein Mensch mit einem undefinierten G-Zentrum aus seinem Nichtselbst lebt, versucht er mit allen Mitteln, seine Identität, seine Richtung und seine Liebe festzulegen und zu kontrollieren. Da das aber eine Verstandesentscheidung ist, wird sie falsch für ihn sein. Er wird am falschen Ort leben, den falschen Zielen folgen, die falsche Rolle spielen und mit den falschen Menschen zusammen sein. Das gilt übrigens auch für das definierte G-Zentrum, wenn es seiner inneren Führung nicht vertraut.
Natürlich hat auch jedes undefinierte G-Zentrum einen Magnetischen Monopol, aber einen mit einer ungleich größeren Toleranz als das definierte. Diese Menschen sind dazu da, sich des Selbst gewahr zu werden, das Selbst identifizieren zu können, denn sie werden das Selbst aufgrund ihrer Offenheit in allen möglichen Spielarten erfahren. Das ist ihre Strategie, während das definierte Selbst nur sich selbst leben kann und nichts sonst.

***

Mit dem HERZZENTRUM treffen wir auf den ersten Motor unter den Zentren. Es ist der Motor der Willenskraft. Das Herzzentrum wird auch Ego-Zentrum genannt, denn es ist der Knotenpunkt des Schaltkreises des Ego, der zur Schaltkreisgruppe des Stammes gehört. Hier geht es darum, sich in der materiellen Welt durchzusetzen, zu überleben, sich mit seinen Nachbarn und Verwandten zusammenzuschließen, um sich gegenseitig beim Überleben in der Welt zu unterstützen. Es ist der berühmt-berüchtigte Herdentrieb, und der basiert eindeutig auf dem Ego jedes einzelnen Mitglieds der Gemeinschaft. Dem Ego sind höhere Ideale fremd; globale Fragen, Politik, Philosophie, Kunst usw. interessieren es nur, wenn sie ihm eine praktische Lösung bieten, wie es selbst und die Egos seines Stammes täglich satt werden, gesund bleiben und Spaß haben können. Im Gegensatz zu manchen Mystikern glaube ich nicht, dass das Ego etwas ist, was überwunden werden muss. Es ist einfach eine biologische Notwendigkeit, ohne die wir in der Materie nicht überleben könnten. Wie überall, kommt es auf das feine Gleichgewicht zwischen den Kräften, die Homöostase, an. Wer das Ego überwindet oder abtötet, fliegt automatisch aus der Materie – aber da ich ein offenes Ajnazentrum habe, weiß ich natürlich nichts mit Gewissheit.

Dem Herzzentrum sind auf der körperlichen Ebene mehrere Organe zugeordnet, jedem der vier Tore eines: Magen, Herz, Gallenblase und Thymusdrüse. Wer ein starkes Ego hat, entwickelt auch einen starken Willen, er kann sich durchsetzen in der Welt, und das stärkt wiederum das Selbstwertgefühl. Wie man also sieht, kann man die Zentren des Human Design nur bedingt mit den Chakras vergleichen, denn das Herzchakra stimmt am ehesten mit dem G-Zentrum überein, während das Herzzentrum einen Teil der Funktionen des Nabelchakras zu übernehmen scheint.

Ein definiertes Herzzentrum hat eine jederzeit einsatzbereite Willenskraft zur Verfügung und ein stabiles Selbstwertgefühl. Beim Umgang mit der materiellen Welt, mit Geschäften und Vereinbarungen folgt es festen und bewährten Methoden. Wenn ein solcher Mensch etwas verspricht, kann er es auch einhalten, und wenn er sich etwas vornimmt, kann er es auch erreichen, ganz gleich, wie viel Zeit und Kraft es erfordert. Das sind die Menschen, die von heute auf morgen mit dem Rauchen aufhören können – und dann leider dem Rest der Welt im Brustton der Überzeugung verkünden, mit ein bisschen gutem Willen gehe alles. Wie so viele Einseitigkeiten stimmt natürlich auch diese nur bedingt – nämlich nur für Menschen mit einem definierten Herzzentrum, und das sind gerade einmal 35% der Menschheit.

Ich habe schon mehrmals gelesen, ein Mensch mit einem undefinierten Herzzentrum sei willensschwach. Das stimmt so natürlich nicht. Ebenso, wie ein undefiniertes Ajnazentrum nicht dumm und ein undefiniertes Kehlzentrum nicht stumm ist, hat auch ein undefiniertes Herzzentrum einen Willen, ein Ego und ein Selbstwertgefühl. Ein offenes Zentrum hat nie mit dem Mangel oder einer Schwäche der ihm zugeordneten Kräfte zu tun, sondern nur mit deren Verfügbarkeit und Verlässlichkeit. Es wäre also richtiger zu sagen: Ein undefiniertes Herzzentrum kann sich auf seinen Willen nicht verlassen. Deshalb sollten diese Menschen nie etwas versprechen – sie wissen nie, ob sie es auch einhalten können! Genau deshalb fällt es ihnen auch viel schwerer als den definierten, das Rauchen aufzugeben oder sonst etwas zu erreichen, was vielleicht keinen starken, aber auf jeden Fall einen ausdauernden und zuverlässigen Willen erfordert.
Was aber macht ein solcher Mensch, wenn er aus seinem Nichtselbst lebt? Aufgrund seines schwankenden Selbstwertgefühls glaubt er, sich selbst und anderen ständig etwas beweisen zu müssen. Dass er erreichen kann, was er sich vornimmt. Dass er zuverlässig ist und seine Versprechen hält. Dass er sich durchsetzen kann und überhaupt der große Zampano ist. Es ist offensichtlich, dass hier das Versagen vorprogrammiert ist und das Selbstwertgefühl am Ende ganz im Keller landet. Das ist ein wichtiger Ursprung von Depressionen.
Die richtige Strategie für das undefinierte Herzzentrum lautet: Du musst niemandem etwas beweisen! Deine scheinbare Inkonsequenz und Durchsetzungsschwäche ist in Wirklichkeit etwas sehr Wertvolles, nämlich eine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Umstände und Bedingungen, die das definierte Zentrum nicht hat.
Ein definiertes Herzzentrum ist wie ein Baum: Er trotzt dem Sturm viele Jahrhunderte, doch wenn er einmal bricht, ist er verloren.
Ein undefiniertes Herzzentrum hingegen ist wie das Gras: Es ist so biegsam, dass kein Sturm ihm je etwas anhaben kann. Je tiefer er es beugt, umso höher richtet es sich jedesmal wieder auf.

© Angela Nowicki, 7. August 2011

Sonntag, 31. Juli 2011

Reise ins Nabelchakra

Als ich anfing, meine Chakras zu "bereisen", behalf ich mir zunächst mit der Vision eines festen Ortes, von dem aus ich Zugang zu allen Chakras hatte. Und zwar stieg ich im Inneren eines hohen Turms nach oben bis in einen großen, runden Vorraum mit sieben Türen. Jede Tür führte in ein anderes Chakra. Ich fand es bemerkenswert, dass ich durch jede Tür einen Raum betrat oder auch mehrere Räume hintereinander, wie im Sakralchakra, dass also jedes meiner Chakras ein richtiger Raum mit Fußboden, Decke, Wänden, Fenstern und Türen war – mit Ausnahme meines Wurzelchakras. Dort stiegen nur einzelne Bilder aus der Ortlosigkeit auf, was ja schon eine Menge aussagt.

***

Als ich zum ersten Mal mein Nabelchakra besuchte, betrat ich also wieder einen Raum, und auch dessen linke Wand wurde, wie in meinem Sakralchakra, von einem großen Fabrikfenster eingenommen. Als ich an dieses Fenster trat, blickte ich in einen Hof hinein, der von riesigen Häusern und noch riesigeren Bäumen eingeschlossen wurde.

Vor mir war alles dunkel, die zwei Bilder, die ich dann sah, wirkten eher wie Phantome. Das erste war ein Wehr, über das jedoch kein Wasser floss, sondern Öl, und das zweite war ein grob behauener Einbaum mit einem roten Plastiksitz drin.

Nachdem die Bilder wieder verschwunden waren, entdeckte ich in der rechten hinteren Ecke einen Durchgang nach draußen. Ein schmaler Feldweg führte an einem Waldrand zur Linken entlang, und rechts zog sich sanft eine große Wiese abwärts. Nach wenigen Schritten bemerkte ich, dass der Weg immer schlammiger wurde. Gleichzeitig ragten in immer dichteren Abständen lange, schwarze und nadelspitze Dornen aus der Erde hervor. Ich lief noch ein Stück weiter, doch schließlich war der Boden schon so sumpfig, dass es kein Vergnügen mehr war weiterzugehen. Vor allem aber die bedrohlichen Dornen, die so spitz waren, dass ich fürchten musste, bei einem unbedachten Schritt von ihnen aufgespießt zu werden, und die sich in immer düstereren Ansammlungen auch in den Wald hinein erstreckten, schreckten mich so ab, dass ich umkehrte und das Chakra verließ.

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Nach meiner Erfahrung ist gerade dieses Nabelchakra bei vielen Menschen, besonders aber bei Frauen, ein Problembereich. Hier sitzen nämlich unser Ich-Gefühl und unsere Willenskraft, es ist ein emotionales Macht- und Durchsetzungszentrum, der Sitz der persönlichen Autorität. Die Durchsetzung an sich findet im Kehlchakra statt, aber im Nabelchakra hat sie ihre Wurzeln: Wir können in der Welt nur so viel von uns verwirklichen, wie wir uns innerlich als Persönlichkeit stark, kompetent und sicher fühlen. Daher sind wir hier auch am empfänglichsten für Fremdbesetzungen und Manipulationen durch andere Menschen: Wer in seiner physischen Mitte nicht gefestigt ist, wer sich selbst "klein" fühlt oder klein macht, der lädt automatisch andere zu Übergriffen ein, die sich dann mit ihrem Willen in unserem Nabelchakra einhaken können.

Diese Haken kann man auf einer Reise ins Nabelchakra sehen, wofür mein "Reisebericht" das beste Beispiel bietet: die langen, spitzen Dornen. Sie waren schwarz, und alles, was in solchen inneren Bildern schwarz ist, verweist auf eine Energie, die nicht gut für uns ist. Dort setzt auch die Heilung an. Man kann auf einer Heilreise ins Nabelchakra diese fremden Haken vorsichtig lösen und herausziehen, aber bitte nie im Zorn, nie im Groll! Was andere uns "angetan" haben, ist immer etwas gewesen, was wir für unsere Entwicklung und Selbsterkenntnis brauchten. Und wenn es noch so schmerzhaft war – ohne diese Erfahrung wären wir heute nicht, wer wir sind; ohne unsere Schmerzen hätten wir nichts über uns selbst gelernt. Heilung hat nichts mit Rache zu tun und – auch wenn das vielleicht manchen verwundern mag – nichts mit Vergebung, sondern mit Einsicht. Heilung ist Bewusstwerdung. Wenn also andere Menschen uns durch Schmerzen zur Bewusstwerdung verholfen haben, haben sie damit letztlich zu unserer Heilung beigetragen. Und sobald wir das wissen, können wir die schwarzen Haken aus uns entfernen und sie mit einem Dank an ihren Absender zurückgeben.

© Angela Nowicki, 31. Juli 2011

Dienstag, 26. Juli 2011

HD: Die Zentren - Der Verstand

Unser innerer Energiefluss im Körper verläuft zwischen feinstofflichen Energiezentren. Am populärsten sind solche Zentren aus der indischen Chakralehre. Sie kennt unzählige kleinere Chakras, die im ganzen Körper verteilt sind, doch nur sieben Hauptchakras:
  1. Wurzelchakra (Muladhara)
  2. Sakralchakra (Svadhisthana)
  3. Nabelchakra (Manipura)
  4. Herzchakra (Anahata)
  5. Kehlchakra (Vishuddha)
  6. Stirnchakra (Ajna)
  7. Kronenchakra (Sahasrara)
Alle Chakras haben drei gemeinsame Aufgaben. Sie dienen
  • der Aufnahme energetischer Einflüsse von innen und außen,
  • der Verarbeitung und
  • der Weiterleitung dieser Energien.

Das Human Design System hat, neben den Hexagrammen des I Ging und den astrologischen Planeten, auch diese Lehre von den Energiezentren in seine Synthese übernommen. Laut der Kosmologie des HD waren wir tatsächlich einmal siebenzentrige Wesen, haben uns jedoch seit dem 18. Jahrhundert mehr und mehr zu neunzentrigen Wesen entwickelt. Diese Mutation der Menschheit ist noch nicht ganz abgeschlossen, doch tragen wir heute bereits neun Energiezentren in uns. Sie heißen
  1. Wurzelzentrum
  2. Sakralzentrum
  3. Milzzentrum
  4. Solarplexuszentrum
  5. Herzzentrum
  6. G-Zentrum
  7. Kehlzentrum
  8. Ajnazentrum
  9. Kopfzentrum
Auch wenn die Namen teilweise mit denen der Chakras übereinstimmen und es auch sonst viele Entsprechungen zwischen beiden gibt, sollte man als Anfänger im Human Design besser erst einmal alles beiseite legen, was man über die Chakras weiß, denn das HD ist ein eigenständiges Divinationssystem mit eigenen Definitionen und Gesetzmäßigkeiten. So hat es zum Beispiel auch sein eigenes I Ging erschaffen, das "Rave I Ching", dessen Texte speziell auf seine Bedürfnisse und die unserer heutigen Zeit zugeschnitten sind. Es ist immer besser, jedes System als geschlossenes Ganzes zu behandeln und nicht Äpfel und Birnen miteinander zu mischen.

Auch im Human Design dienen die Zentren im Prinzip den gleichen Zwecken wie die altbekannten Chakras. Sie sind zudem über eine festgelegte Anzahl und Anordnung von Kanälen miteinander verbunden, deren Einmündungen in die Zentren Tore genannt werden – das sind die Hexagramme des I Ging. Den generellen Unterschied zwischen definierten und undefinierten oder offenen Zentren hatte ich bereits in der Einführung ins Human Design beschrieben. Ein Zentrum, in dem Tore aktiviert sind, das aber an keinen definierten Kanal angeschlossen ist, heißt undefiniert – ein Zentrum mit ausschließlich offenen Toren ist ein offenes Zentrum. Solche Feinheiten sind jedoch zunächst unerheblich.

Die Zentren im Human Design haben unterschiedliche Funktionen. Es gibt vier Motoren (Wurzel, Sakral, Solarplexus, Herz), drei Wahrnehmungszentren (Milz, Solarplexus, Ajna), zwei Druckzentren (Wurzel, Kopf) und ein Ausdruckszentrum (Kehle).

Das KOPFZENTRUM ist ein Druckzentrum. Es sucht nach geistiger Inspiration und übt, wenn es sie gefunden hat, Druck auf das Ajna aus, damit es sie verarbeitet. Auf der körperlichen Ebene ist ihm die Zirbeldrüse zugeordnet.
Die meisten Menschen haben ein offenes Kopfzentrum, nur bei knapp einem Drittel der Menschheit ist es definiert. Wer ein definiertes Kopfzentrum hat, interessiert sich nur für seine eigenen Fragen. Es gibt ganz bestimmte Dinge, die ihn inspirieren, der Rest ist ihm gleichgültig. Solche Menschen sind dazu da, andere zu inspirieren. Ein offenes Kopfzentrum ist das, wonach es sich anhört: Es ist offen für alle Inspirationen und somit eben auch für solche, die eigentlich gar nichts mit ihm zu tun haben. Es ist anfällig für Konditionierung von außen und wird sich oft immer gerade für das interessieren, womit sich ein definiertes Kopfzentrum in seiner Nähe beschäftigt. Konditionierung an sich ist weder gut noch schlecht, natürlich kann man sich von anderen inspirieren lassen. Wenn das dann aber in einen noch viel stärkeren geistigen Druck ausartet, als die definierten Kopfzentren ihn je aufbauen können, Ideen zu verarbeiten oder Fragen zu beantworten, die einem im Grunde gar nichts bringen, dann ist das quälend und führt einen von sich SELBST weg.

Das ist übrigens ein Mechanismus aller offenen Zentren: Da sie unbeständig arbeiten, erzeugen sie einen starken Sog, eine Anziehungskraft für die ihnen entsprechende Energie von außen. Diese Energie verstärken sie dann um ein Vielfaches, ganz wie ein elektrotechnischer Verstärker. Der betroffene Mensch merkt dabei oft nicht, dass es zum großen Teil gar nicht seine eigene Energie ist, die in ihm einen solch immensen Druck erzeugt, er hält sie für seine. Daher kommt es, dass viele Einsteiger ins Human Design ihre Definitionen zunächst einmal vehement zurückweisen: "Wieso sind es nicht meine eigenen Emotionen? Ich bin doch der emotionalste Mensch der Welt!" Ja, so wirkt er auch, aber nur, weil sein offenes Emotionszentrum, ohne dass er sich dessen bewusst ist, eben ständig alle verfügbaren Emotionen aus der Umgebung ansaugt, um das Vielfache verstärkt und als seine eigenen wieder ausgibt. Deshalb wirken z.B. Menschen mit einem offenen Emotionalzentrum meist viel emotionaler als die mit einem definierten.
Das ist das Geheimnis der Anziehungskraft. In einem in sich geschlossenen System fließt der Strom ruhig und gleichmäßig, er kann höchstens einmal blockiert werden. Sobald das System sich jedoch für alle möglichen Zuströme öffnet, kommt es automatisch zu Turbulenzen, Stauungen und viel heftigeren Bewegungen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal nachdrücklich betonen, dass es im Human Design keine Wertungen gibt. Ein definiertes Zentrum ist nicht besser und nicht schlechter als ein offenes, es funktioniert nur anders. Aber es funktioniert genau so, wie der jeweilige Mensch es braucht, wie es für ihn richtig ist. Jede Seite hat ihre Vorzüge und ihre Gefahren, ihre Selbst- und ihre Nichtselbst-Strategie.
Die Nichtselbst-Strategie des offenen Kopfzentrums besteht darin, dass es eine starke Unruhe erzeugt, um sich von dem geistigen Druck zu befreien, den es von anderen aufnimmt, und das meist, indem es versucht, Antworten auf Fragen zu finden, die für seinen Eigentümer völlig bedeutungslos sind. Seine Selbst-Strategie würde dann lauten: Respektiere die Fragen anderer, du bist aber nicht verpflichtet, sie zu beantworten.

Das AJNAZENTRUM ist ein Wahrnehmungszentrum. Es beobachtet, analysiert, kategorisiert und erforscht – kurzum: Es denkt. Es verarbeitet die Inspirationen, die das Kopfzentrum ihm liefert. Die ihm entsprechende Drüse auf der körperlichen Ebene ist die Hirnanhangsdrüse.
Wenn das Kopfzentrum definiert ist, ist immer auch das Ajnazentrum definiert, denn eine Definition entsteht ja durch einen definierten Kanal, und das Kopfzentrum ist mit keinem anderen Zentrum verbunden, das es definieren könnte, außer mit dem Ajna. Andersherum gilt das nicht: Das Ajna kann auch vom Kehlzentrum aus definiert werden. Hier ist die Verteilung in der Bevölkerung annähernd gleich: Etwas mehr als die Hälfte hat ein definiertes, etwas weniger als die Hälfte ein offenes Ajnazentrum.
Das definierte Ajna hat eine festgelegte Art zu denken. Sein Verstand ist wie ein Computer im Dauerbetrieb. Die Bahnen auf den Leiterplatten liegen fest, und das System ist zuverlässig am Verarbeiten, Auswerten und Speichern aller Daten, mit denen es gefüttert wird, immer der gleiche Ablauf. Solche Menschen sind oft die geborenen Troubleshooter (oder die inkarnierten Erbsenzähler). Das offene saugt Informationen auf wie ein Schwamm und ist im Denken sehr flexibel. Gerade hier wird besonders gut deutlich, dass ein definiertes Zentrum nicht zu einer Überlegenheit auf seinem Gebiet prädestiniert. Ob das Ajna definiert oder offen ist, sagt noch nichts über die Intelligenz eines Menschen aus, im Gegenteil: Viele hoch intelligente Menschen sind das, gerade weil sie geistig so offen und beweglich sind. Die Gefahr sitzt woanders: Offene Ajnas sind sich ihrer geistigen Resultate immer unsicher und neigen daher oft dazu, diese Verunsicherung durch eine betonte Scheinsicherheit zu kompensieren. Das ist hier die Nichtselbst-Strategie des offenen Zentrums. Man versucht, sich selbst und andere ständig davon zu überzeugen, dass man sich dessen, was man weiß oder herausgefunden hat, absolut sicher sei. Die Selbst-Strategie ist ganz einfach: Deine Unsicherheit ist nichts Negatives, sondern zeugt von Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, also freu dich darüber!

Kopf- und Ajnazentrum bilden zusammen den Verstand. Seit der Renaissance erleben wir eine Aufwertung des rationalen Denkens, die, wie jede einseitige Entwicklung, schließlich in eine Überbewertung mündete. Wohin diese intellektuelle Arroganz uns geführt hat, muss man wohl niemandem mehr erklären.
Jeder komplexere Organismus braucht, um überhaupt handlungsfähig zu sein, eine innere Instanz, die die oberste Entscheidungsgewalt hat – die innere Autorität. Die haben wir mittlerweile fast einmütig dem Verstand übergeben. Das Problem ist nur, dass der dafür gar nicht geschaffen ist. Der Verstand ist visuell, er weiß (und glaubt) letztendlich nur, was er sieht. Unser visuelles Wahrnehmungsspektrum jedoch ist extrem eingeschränkt. Wir sehen keine Funkwellen, wir sehen keine elektromagnetischen Wellen. Die meisten Informationen, die im Universum existieren, können wir nicht sehen. Unsere visuelle Kapazität ist physisch begrenzt, was bedeutet, dass die Begriffsbildung begrenzt ist. Unter anderem deshalb ist der Verstand allein nicht in der Lage, uns durchs Leben zu führen. Er ist zu begrenzt.
Wenn wir den Verstand aber zur inneren Autorität erheben – indem wir, wie es immer noch fast überall propagiert wird, unsere Entscheidungen auf der Grundlage rationaler Informationen, Analysen und Prognosen treffen –, riskieren wir Fehlentscheidungen, kurzsichtige Entscheidungen, Entscheidungen, die anderen schaden usw. und, daraus folgend, Enttäuschungen und Misserfolge am laufenden Band.
Der Verstand ist keine Autorität, kann keine sein, das macht ihn jedoch nicht überflüssig. Er ist ein Beobachter und Informant, ein hervorragendes Werkzeug, mit dem wir arbeiten und große Werke schaffen können – solange wir dem Werkzeug nicht die Entscheidung überlassen, was mit dem Werk zu geschehen habe. Oder, wie Reiner Kunze es in seinem wundervollen Gedicht "Die Liebe (ist eine wilde rose in uns)" ausdrückte:

Der verstand
ist ein messer in uns,
zu schneiden der rose
durch hundert zweige
einen himmel

Für die wahre und richtige innere Autorität gibt es im Human Design fünf andere Kandidaten: das Solarplexuszentrum, das Sakralzentrum, das Milzzentrum, das Herzzentrum und das G-Zentrum. Und es gibt sogar Menschen, die keine innere Autorität haben. Davon dann mehr in den Beschreibungen der betroffenen Zentren.

© Angela Nowicki, 26. Juli 2011