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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Kapitel 8: Ungarn allein

oder
Sonnenuntergang über San Francisco


Nach diesem Sommer wechselte Srüne zur Vorbereitung auf ihr Aulsandsstudium an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, und Neila wollte den Traum ein Jahr später allein wiederträumen, bevor sie sich mit Billy zur Hippiewallfahrt aufmachte. Sie hatte auch dieses Mal keine Adressen, aus unerfindlichen Gründen hatten sie mit den Jungs keine Adressen getauscht, oder sie hatten sie verloren, nur Srüne hatte noch einen kurzen Briefwechsel mit Zoli gehabt, aber Srüne war nicht mehr da. Doch solche Unsicherheiten hinderten Neila in jenen Jahren keineswegs daran, sich einfach mit Rucksack und Daumen im Wind an die Straße zu stellen. Das war das schönste Leben, das sie sich vorstellen konnte: morgens noch nicht wissen, wo man abends schläft. Sie hatte ihr Visum und ihr Abitur in der Tasche und eine vage Aussicht auf ein neues Leben im Brüder- und Pflegehaus Martinshof, Rothenburg bei Niesky, als sie im Juli 1975 nach Budapest aufbrach.

Die erste Nacht im Böhmerwald hatte ihr der Tscheche beschert, der sie kurz nach der Grenze via Prag eingeladen hatte. Als es dunkel wurde, war er in den Wald gefahren und zudringlich geworden, so dass Neila nichts anderes übrig geblieben war, als ihm ihr Knie zwischen die Beine zu rammen, schleunigst das Auto zu verlassen und das Weite zu suchen. Sie war schon eine Weile auf der Straße unterwegs, als er an ihr vorbei fuhr. Sie hob den Blick nicht, lief stur weiter. Doch die Straße blieb leer, weit und breit kein Auto mehr. Wohl oder übel breitete sie neben einer Kreuzung, im Schutz eines großen Gebäudes, das da ganz allein im freien Feld stand, vielleicht eine Fabrik, ihre Armeeplane unter einem Mast aus. Sie erwachte in der Morgendämmerung, lag auf dem Rücken, öffnete die Augen - und erstarrte: Direkt über ihr ragte ein Galgen auf. Der Mast, unter dem sie sich schlafen gelegt hatte, endete in einem kurzen Querbalken, an dem ein großer Haken schaukelte. Hastig packte sie ihre Sachen zusammen und suchte das Weite.

Am späten Vormittag, noch ohne gefrühstückt zu haben, fuhr sie in Prag ein. Jeder hungrige oder auch durstige Tramper landete dort irgendwann auf dem Wenzelsplatz, so auch Neila. Staubbedeckt ließ sie sich auf dem Wenzelsdenkmal nieder und zog ihre Karo aus der Tasche. Die Streichhölzer waren ihr ausgegangen. Sie schaute sich um. Ein paar Meter vor ihr bewunderte ein kraushaariger junger Mann den historischen Platz. Er gefiel ihr, noch mehr aber gefiel ihr das grün-weiß-rote Flaggenzeichen an seinem Rucksack. Ein Ungar, wie schön!
Dass er kein Ungarisch verstand, verblüffte sie. Die Flagge? Sie versuchte es auf Deutsch. Er schüttelte den Kopf. Auf Polnisch. Russisch? Er lächelte und schüttelte. Also gut, wozu war man in einer Französischklasse: "Parlez vous français?" Er parlierte! Er gab ihr Feuer, hockte sich fröhlich neben sie aufs Denkmal, und sie radebrechten. Woher er komme, sie habe gedacht, er sei Ungar, die Flagge auf seinem Rucksack... Er lachte: "No, no, no Hungría – Méjico!" Neila blieb vor Schreck der Mund offen stehen: Mexiko! Sie war mir nichts, dir nichts einfach mal so einem Amerikaner in die Arme gelaufen? Der auch noch zwei Sprachen sprach? Mit dem Französisch klappte es nur äußerst mühselig, irgendwie schienen acht Jahre Schulunterricht doch nicht zu genügen, wenn man die Sprache nie in der Praxis anwenden kann. Spanisch konnte sie nicht. Zaghaft wagte sie ein: "Do you speak English?"
"Oh Jesus!" rief der Typ wie vom Donner gerührt und rutschte eine Stufe tiefer. "Why didn’t you tell straightaway?"

Mike kam aus Kalifornien - "San Francisco" - "Oooh", schmachtete Neila -, war der Sohn mexikanischer Einwanderer und von Beruf Lehrer. Er trampe allein durch Europa, sei schon in Wien, München und Berlin gewesen, auch Ostberlin, und nun wolle er sich die herrliche Stadt Prag anschauen. In Ostberlin, erzählte er, seien die Menschen viel, viel offener und freundlicher als in Westdeutschland und Westberlin. Neila schielte ihn skeptisch an, so etwas wollte sie damals nicht glauben. Sie holte ihren Konsumkuchen aus dem Rucksack, ein staubtrockenes Quadrat Fabrikstreuselkuchen, in der Assiette gebacken. Sie schämte sich, Mike so etwas anbieten zu müssen, doch der überschlug sich vor Begeisterung, mmmh, schmeckt der gut! Nun ja, ebenso wenig, wie Neila sich freundliche Ostdeutsche vorstellen konnte, kannte sie die brutale angelsächsische Höflichkeit. Sie schielte skeptisch.

Einen halben Tag lang lief und fuhr sie mit Mike durch die goldene Stadt. Eingeklemmt in einer Straßenbahn, fragte sie ihn, welches eigentlich seine Muttersprache sei. "Englisch, Spanisch und Französisch."
"Okay, aber in welcher Sprache fällt es dir am leichtesten zu sprechen?"
„Englisch und Spanisch... und Französisch."
Neila war ratlos. Dann hatte sie die Erleuchtung: "Aber in welcher Sprache träumst du?"
"Englisch und Spanisch."
An einem Markstand kaufte Mike eine Riesentüte Pfirsiche. Neila hatte sie nicht mal angeschaut, für solchen Luxus hatte sie kein Geld. Mike hingegen verteilte seine Kronen nach rechts und links und bedachte nicht zuletzt auch sie großzügig damit. Auf ihre Frage, ob Lehrer in den USA so viel verdienen, erklärte er ihr den Zwangsumtausch für Westtouristen, der nicht rücktauschbar war. Da waren Pfirsiche, Eis und Cola, geteilt mit einer netten Ostdeutschen, doch eine lohnende Investition.
Sie schlenderten, Pfirsiche mampfend, am Moldauufer entlang und zählten einander ihre Lieblingsbands auf.
"Jethro Tull!" rief Neila.
"Oh!" entzückte sich Mike. "Ich war voriges Jahr bei ihrem Konzert, da hat Ian Anderson die ganze Zeit auf einem Bein Flöte gespielt!"
"Aaah! Das hätte ich zu gern gesehen! Wo sind die denn aufgetreten? War das in San Francisco?"
"Ja! Warst du schon einmal in San Francisco?"
Sie starrte ihn entgeistert an. Wollte er sie auf den Arm nehmen?
"Dann musst du unbedingt einmal nach San Francisco kommen! Es gibt nichts Schöneres als einen Sonnenuntergang über dem Pazifik!" Er war stehen geblieben, hatte die Arme ausgebreitet und strahlte sie pazifisch an.
Neila lachte sarkastisch: "Klar, ich komme."

Am Nachmittag brach sie nach Budapest auf. Mike hatte es sich nicht nehmen lassen, sie auf die Piste zu begleiten. Die war gespickt mit Trampern. Zu Mikes Verwunderung stellte sich Neila brav hinten an. Er erwies sich als exzellenter und äußerst unterhaltsamer Trampgenosse. Er wollte nicht gehen, bevor er sie nicht sicher in einem Auto Richtung Budapest untergebracht hatte, und dafür zog er alle Register, während Neila am Straßenrand hockte und Tränen lachte. Ein dicker Skoda brauste an ihnen vorbei. Mike schickte ihm, wie ein Derwisch auf der Fahrbahn tanzend, eine Auslese köstlicher englisch-spanischer Flüche hinterher.
"Aber der hatte doch keinen Platz mehr, der war voll", presste Neila halb erstickt hervor.
"Na und?" Mike zuckte mit den Schultern und riss die Augen auf. "Der hat doch einen Kofferraum. Da kriegt er mindestens noch drei von euch unter."
Neila quietschte vor Vergnügen. "Davon hab ich immer geträumt: im Kofferraum nach Ungarn! Und was mach ich, wenn die Polizei reinguckt?"
"Na, was schon? Du lachst sie freundlich an und rufst...“ - beide Hände fuchtelten aufgekratzt das Victory-Zeichen in die Luft: "Haaa-aaaiii!"

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Kapitel 7: Ungarn zu zweit (2)


Nun, zumindest, was Srüne und Zoli betraf, blieb es am Ende nicht dabei, aber das war völlig in Ordnung. Die drei Jungs waren wirklich der Anstand in Person. Die beiden blieben zwei ganze Wochen bei ihnen und nochmals zwei Tage bis zur Heimkehr nach ihrem Abstecher nach Miskolc, und keiner wurde je aufdringlich, sondern alle drei, mit Zolis Bruder gelegentlich auch vier, kümmerten sich so hingebungsvoll um ihre Sommergäste, dass man denken musste, sie hätten sich ohne diesen Zufall mörderisch gelangweilt in diesem heißen Budapester Juli. Sie zeigten ihnen die herrlichste Stadt der Welt, kletterten auf die Fischerbastei, führten sie in echte ungarische Restaurants mit Zigeunermusik aus, fütterten sie mit Weintrauben en masse, eiskalter Coca Cola und köstlichem Traubisoda, entführten sie in eine borozó, eine echte ungarische Weinstube, außerhalb der Stadt, die in einem riskanten Heimritt auf dem Rücksitz der reichlich abgefüllten Easy Rider endete, noch nie hatte Neila solche Angst gehabt, und in der zweiten Woche packten sie sie, dieses Mal nüchtern, wieder mit Sack und Pack auf die Motorräder und fuhren mit ihnen ins Wochenendhaus von Lacis Eltern am Velencer See, der auf halbem Weg zwischen Budapest und dem Balaton liegt.

Ein weiß getünchtes Lehmhaus, kühl in der Hitze, spartanisch, aber sauber, sie aßen das himmlischste aller Brote – riesige, dicke Scheiben frischen ungarischen Weißbrots, das nach Wein und Sonne schmeckt - mit Schmalz, Tomaten und Paprika, Überraschungspaprika, denn unter den normalerweise milden Schoten konnte sich schon mal eine extrem scharfe finden, das merkte man erst, wenn es zu spät war – immer nur Brot, Schmalz, Tomaten und Paprika, und es wurde ihnen nie zu viel. Sie badeten stundenlang im ruhigen, klaren See, der zwar genauso flach und warm war wie der Balaton, dafür aber fast tourifrei, und philosophierten und lachten die Nächte durch.

Nun, so ähnlich lief es in Ungarn überall. In Miskolc hatte Neila eine Adresse, Lajos, den sie im Vorjahr bei den Weltfestspielen in Berlin kennen gelernt hatte. Der Briefwechsel war nach drei Monaten sanft eingeschlafen, und unsere beiden Heldinnen gedachten, Lajos zu überraschen. Es öffnete eine Großmutter, die mit Bedauern und großen Augen verkündete, Lajos sei leider bei der Armee, aber sie sollten doch erst einmal reinkommen und etwas essen, und sicher bräuchten sie auch eine Übernachtung, also vorwärts – sie ließ den Mädchen gar keine Zeit zum Diskutieren, sondern zog sie einfach in die Küche, platzierte sie am Tisch und trug Essen auf. Ein gelernter Deutscher, egal, ob Ost oder West, ist in solchen Situationen, wenn er sie zum ersten Mal erlebt, zunächst einmal so geplättet, dass ihm Widerstand gar nicht in den Sinn käme.
"Das hier ist Lajos‘ Bruder, Károly. Der wird euch morgen die Stadt zeigen", verfügte die Großmutter. Károly freute sich wie ein Schneekönig und lief wirklich drei Tage lang mit ihnen durch die anheimelnde Stadt Miskolc, machte mit ihnen einen Abstecher ins Bükk-Gebirge, zeigte ihnen den Lillafüred-Wasserfall und das Schloss Andrássy in Tiszadob, das für jeden Tag des Jahres ein Fenster, für jede Woche des Jahres ein Zimmer, für jeden Monat des Jahres einen Turm und für jede Jahreszeit einen Eingang hat, wie Károly stolz erklärte, und schleppte sie zum glorreichen Schluss noch in einen Plattenladen, in dem es WESTPLATTEN gab! Srüne und Neila schlug das Herz höher als die Geldbörse. Bei Srüne reichte es für Crosby, Stills, Nash und Young und bei Neila für John Lennon und Joan Baez. Das waren ihre ersten "richtigen" Schallplatten.

Auf dem Rücktramp nach Budapest wollten die beiden jungen Männer, die sie mitnahmen, Neila um nichts in der Welt glauben, dass sie keine Ungarin sei.
"Aber doch, ich bin Deutsche!"
"Niemals! Kein Deutscher spricht so akzentfrei ungarisch. Du kommst vielleicht aus Deutschland, aber du bist Ungarin."
Srüne wurde als Zeugin nicht akzeptiert, erst Neilas Personalausweis ließen sie gelten, wunderten sich aber weiter: "Du hast aber bestimmt ungarische Vorfahren..."
"Nichts dergleichen, urdeutsch und doof", lachte Neila.
Auch Srüne war wie verwandelt. Vor einem halben Jahr, als die Studienbewerbungen abgeschickt werden mussten, hatte sie sich für Rumänien entschieden, weil sie aus einer Französischklasse kam, denn sie folgerte, eine Sprache aus der gleichen Sprachfamilie würde leichter zu erlernen sein. Um Gottes Willen nicht nach Ungarn, das ist ja eine ganz fremde Sprache!
Diese ganz fremde Sprache hatte sie innerhalb von drei Wochen ohne besondere Sprachbegabung so gut gelernt, dass sie gegen Ende ihrer Ferienreise fast keine Dolmetscherin mehr gebraucht hätte. Als solche hatte ihr Neila allerdings eine Menge Vergnügen mit der betulichen, präzise artikulierenden ungarischen Sprache und ihren breiten, strahlenden Vokalen bereitet, besonders in Miskolc, wenn Károly - "Kaaaroj" - um eine "Kaaaro" bat...
"Warum habe ich nur Rumänien genommen? Ungarn - das wär's gewesen!" seufzte Srüne auf der Heimfahrt, nachdem sie sich für immer aus Zolis Umarmung gelöst hatte...

* * *

Sommer! Weißt du noch den Tag, als sie sagten, sie laden uns ein?
Sommer! Ach, wir mussten lachen. Schnell betrinkt man sich an diesem Wein.

Abend. Rasch noch ein paar Blicke in den Spiegel: Gut sahen wir aus.
Gut genug, um sich zu verlieben? Warum nicht? Kühl war es vorm Haus.

Feuer, roter Wein und Küsse. Viel zu schnell ging doch die Zeit vorbei.
Feuer. Heiße, wilde Flammen. Einen Sommer lang waren wir frei.

Liebe, schönster Traum des Lebens. Wie wird das Erwachen für uns sein?
Liebe. Niemals wird sie enden, schließt auch einst nur Stille sie in sich ein.

Text: Angela Nowicki, inspiriert von
Titel und Musik: Omega együttes "Emlék (Csenddé vált szerelem)"

Samstag, 8. Oktober 2011

Kapitel 7: Ungarn zu zweit

oder
Anstand muss sein


Jazz nad Odrą! "Du bist gerade richtig gekommen", sagten die Wrocławer Freunde. Neila freute sich. Da hatte sie tatsächlich einen guten Riecher gehabt, eingedenk dessen, dass sie von diesem Festival bisher noch nie gehört hatte. Jazz an der Oder, das jährliche internationale Jazzfestival. Hier traf sich die Welt, hier hatten schon Stars gespielt, und hierher kamen die Langhaarigen aus aller Herren Länder, selbst wenn es nur die der kommunistischen Herren waren, ein kleines Hippietreffen.
Am ersten Abend spielte Buddy Rich. Neila war nicht begeistert. Dafür umso mehr von dem Pickup mit der Aufschrift Florida, Sunshine State. Sehnsüchte wurden wach. Und Erinnerungen an ihren Solotramp nach Ungarn vor zwei Jahren.

* * *

Sie hatte gerade das Abi in der Tasche, da hieß es, die Stones spielen in Warschau. Wer würde da noch lange überlegen – auf nach Warschau! Später hieß es, es habe Zoff mit den kommunistischen Machthabern gegeben, vielleicht auch einen Drogenskandal, aber am Ende war alles nur ein Gerücht gewesen. Aber es gibt eine Hippiewallfahrt in Polen! Eine echte Hippiewallfahrt? Das ist ja fast noch besser als die Stones! Neila und ihre Freundin Billy beschlossen, zu den Hippies zu trampen. Hippies! So etwas gab es in der DDR eigentlich gar nicht, vielleicht in Berlin, aber in der Provinz blühte die Blueserszene, da gab es nur Kunden oder Tramper. Von dem, was Neila sich unter Hippies vorstellte, unterschieden sie sich zunächst einmal durch ihre Uniform: Jeans, Jesuslatschen, Parka und Hirschbeutel. Und an Stelle der unerreichbaren Drogen tranken sie Bier oder billigen Rotwein. Stierblut oder Rosenthaler Kadarka. Vor allem aber hatten echte Hippies Fantasie und träumten sich ihre Welt, während die deutschen Kunden in der Woche brav arbeiten gingen oder sich mehr oder weniger vernünftig in die soziale Ethik der protestantischen Kirche einreihen ließen. Neila verabredete sich mit Billy für den 1. August auf dem Bahnhof in Görlitz. Vorher wollte sie allein nach Ungarn trampen.

* * *

Sie war im Vorjahr mit Srüne dort gewesen. Einfach losgefahren, ohne Adresse und mit einem mehrere hundert Quadratkilometer großen Ziel: Budapest. Erst unterwegs hatten sie sich überlegt, wie sie es anstellen wollten, eine Übernachtung zu finden. Die ansonsten so nüchterne Srüne hatte eine ziemlich abgefahrene Idee: "Wenn wir aus dem Zug aussteigen, fragst du einfach die ersten Leute, die uns über den Weg laufen, nach einer billigen Unterkunft." Neila war die Dolmetscherin.

Als sie nach der über zwölfstündigen Fahrt endlich den Keleti pályaudvar erreichten, öffneten sich ihnen die Tore ins Dorado. Alles war so hell, so bunt, so anders und so aufregend, dass sie vor Herzklopfen blind quer über den halben Bahnhof stolperten und staunten, bis Srüne wieder zur Vernunft kam und Neila anstieß: "Wollten wir uns nicht eine Penne suchen?" Und wie es dem Gott der Reisenden gefiel, trieb er ihnen das Opferlamm in Gestalt dreier hübscher, junger Ungarn vor die Nase. Es könnte wohl ein kleiner Schacher im Spiel gewesen sein, denn bei den ungewohnten Menschenmassen war es nicht so ganz einfach, sich auf den Ersten zu einigen, doch wie dem auch sei - es war das beste Opferlamm, das ihnen begegnen konnte. Die drei Hübschen gerieten in keine kleine Verlegenheit, drehten und wendeten sich und warfen einander verstohlene Blicke zu, bevor sie mit größtem Bedauern verkündeten, sie wüssten leider kein Hotel, dass billig und nicht überfüllt sei, schaut, lányok*), es ist Hochsommer, Urlaubszeit, die ganze Welt kommt nach Budapest, aaaber... wenn es ihnen nichts ausmache... es träfe sich gerade ganz wunderbar, dass Zoli sturmfreie Bude, sprich: ein sturmfreies Einfamilienhaus habe, und es wäre ihm eine unaussprechliche Ehre, die deutschen Gäste beherbergen zu dürfen, bis sie sich in Ruhe nach einem Hotelzimmer umgesehen hätten...
Da standen die drei, Zoli, Laci und Pista, und sahen sie erwartungsvoll an, und Neila und Srüne sahen sich an, und ihr Blick sagte: ‚Wahnsinn! Aber Anstand muss sein.‘ Also wandte sich Neila wieder an die Burschen mit einer freundlichen Ablehnung, aber das gehe nun wirklich nicht, dass junge Mädchen zu wildfremden Männern... Kein Mann hat je unschuldiger ausgesehen als unsere drei Husaren, als sie entrüstet versicherten, sie hätten nie etwas Derartiges im Sinn gehabt, es sei reine Gastfreundschaft und werde das auch bleiben, nem probléma, csak nyugalom**)!

*) Mädchen
**) Kein Problem, nur keine Bange!

Samstag, 1. Oktober 2011

Kapitel 6: Wrocław - Częstochowa (2)


Endlich gehen wir los auf die Wiese, wo die Messe sein soll. Unterwegs begegnet uns ein Mann, der mir bekannt vorkommt. Michał spricht ihn wegen irgendwas an. So lerne ich Pater Andrzej kennen, den Hippie-Priester. Auf der Wiese sind schon etliche Leute versammelt, immer mehr kommen an. Drei oder vier Priester stehen etwas abseits und nehmen die Beichte ab. Sie sind ständig besetzt. Wir setzen uns, und ich breite erst mal gründlich meine Klamotten aus.
Michał drückt mir eine Art Flugblatt in die Hand und übersetzt es mir mühsam:

Jesteście obywatelami narodu, którego prawodawcy tworzą dla was prawa. Prawa te nakazują abyście byli wolni w chodzeniu do szkoły do 18 roku życia, wolni w odbywaniu obowiązkowej służby wojskowej, wolni w przyglądaniu się jak waszą wolność kontroluje policjant.
A policjant, to wasz przyjaciel, który broni was przed swobodną włóczęgą, buntem i obaleniem i przed wami samymi.

Ihr seid Bürger einer Nation, deren Gesetzgeber für euch die Gesetze machen. Diese Gesetze verordnen euch die Freiheit, bis zum 18. Lebensjahr zur Schule zu gehen, die Freiheit, die Wehrpflicht abzuleisten, und die Freiheit zuzuschauen, wie die Polizei eure Freiheit kontrolliert.
Die Polizei aber ist euer Freund und Helfer, der euch vor dem freien Umherziehen schützt, vor Meuterei und Umsturz und vor euch selbst.


Ich tausche noch mal Geld, auch wieder eins zu sechs. Da sehe ich Andrzej, von dem ich voriges Jahr das Peace-Abzeichen bekommen habe. Er war ein Junkie und auf dem Weg zurück in die Entzugsklinik, in der er seit einiger Zeit lebte. Ich hatte ihn dorthin begleitet. Ich rufe ihn, und er begrüßt mich überschwänglich. Doch ich habe den Eindruck, dass er nicht so genau weiß, wer ich bin. Er nennt mich auch bei einem ganz anderen Namen. Ich sage ihm, ich sei Neila, aber er geht nicht weiter darauf ein. Er müsse schnell mal woanders hin, er käme gleich wieder, sagt er. Ich unterhalte mich mit den anderen, schreibe Michał den Text von Gerhard Schönes Schlaflied auf und übersetze ihn. Michał ist laufend verschwunden. Dann kommt Andrzej tatsächlich wieder. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er sich doch noch an mich zu erinnern scheint. Er ist noch in der Klinik, in zwei Monaten kann er aber nach Hause. Schön, sage ich, dann bist du frei. Er sagt: "Ich bin frei."
Irgendwie beeindruckt mich das.

Als so ziemlich alle eingetrudelt sind, beginnt die Messe. Zuerst singen wir mit Pater Andrzej "Alleluja", "Matka, która wzsystko rozumie" und vieles mehr. Dazwischen werden Souvenirs verteilt: ein Zettel mit dem Titel "Akt oddania się Matce Bożej" (ein Mariengebet) und ein kleines, ovales, silbernes Marien-Amulett der Matka Boska Częstochowska. Dann beginnt der Gottesdienst. Ein Priester predigt. Er erzählt den Leuten von ihrer Stellung und Aufgabe und von ihren Schwierigkeiten in der Gesellschaft. Zum Schluss stehen wir alle, sprechen die Liturgien, und plötzlich erheben sich alle Hände zum Victoria-Zeichen. Dann noch einmal: Hunderte von Siegeszeichen, und ein tausendstimmiges "Hej!" fliegt über die Stadt. Da ist es bei mir wieder, dieses überwältigende Gefühl der Gemeinsamkeit, wie eine große Familie sind wir, und ich habe Millionen Freunde...

Die Messe ist vorbei, es wird schon dunkel, aber alle bleiben noch, unterhalten sich, spielen Flöte, Gitarre oder Mundharmonika, tauschen Adressen. Da kommt Wolf wieder. Er hat Helmut nicht gefunden:
"Die sitzen sicher in irgend'ner Kneipe und lassen sich volllaufen! Der verfluchte Schweinehund, und ich renn mir die Beine aus dem Leib!"
Ich strolche mit ihm noch ein bisschen durch die Gegend, er verabschiedet seine beiden Liesen, dann erzählt er mir von dem Yogi. Derselbe, von dem Helmut schon letztes Jahr so viel erzählt hatte. Wolf hat mit ihm gesprochen, ziemlich lange. Er sei kein Yogi, zwei Übungen nur beherrsche er. Er sei sehr glücklich, denn diese Yoga-Übungen hätten es ihm ermöglicht, seinen Gesichtsausdruck vollkommen zu beherrschen, außerdem habe er jetzt ganz gesunde Zähne und fühle sich überhaupt kerngesund, er sei nie mehr krank, er fühle sich prächtig und freue sich sehr darüber. Er könne dazu noch seine Hunger-, Hitze- und Kältegefühle weitgehend beherrschen. In Frankreich soll er studiert haben, habe eine Wohnung in Wrocław und eine in Przemyśl. Beide Adressen hat er Wolf gegeben, dazu noch die Skizze des Weges zu einer Kommune in den Bieszczady, und der gibt mir das jetzt alles zum Abschreiben. Wolf ist wahnsinnig begeistert von diesem Yogi, er schwärmt regelrecht. Besonders gefällt ihm, dass der Yogi keine Religion hat, er stehe über allem, und dass er immer mit einem strahlenden Lächeln zu sehen sei.
"Alles ist gut", soll er geäußert haben.
Ich erzähle Wolf wiederum, dass die Grundausbildung in Rothenburg wahrscheinlich aufgelöst werden soll, und den ganzen Quatsch aus dem Martinshof. Das schockt ihn doch ein bisschen. Dann die einmalige Reaktion: Wenn sie ihn aus der Ausbildung schmeißen, geht er nach Polen. Wenigstens erst mal für ein Jahr. Ich lache mir bald die Seele aus dem Leibe und könnte ihm am liebsten um den Hals fallen. Wir verabschieden uns noch von Michał und gehen langsam runter zum Zelt der Deutschen.

Vor dem Zelt brennt ein Feuer, und als Ersten erblicke ich: Helmut! Die Begrüßungszeremonie kann ich weglassen, ich finde dafür sowieso keine Worte. Er kann's gar nicht fassen, dass ich da bin, tausendmal stoßen wir uns an und brechen in Lachen aus, er zeigt mir stolz die Armkette aus meinen Holzperlen, er hat sie jetzt auf Wildlederband aufgezogen, und stellt mich gerührt den anderen vor: Das sei die Neila, und, zu mir gewandt: Sie hätten den anderen schon die ganze Zeit viel über Siglind und mich erzählt. Es ist eine schöne Überraschung für mich: Zählen sie mich also auch zu den besten Freunden, sind wir jetzt vier?
Da fordert mich der eine mit der Gitarre auf, mal ins Licht zu kommen. Nun erkenne ich ihn auch: Es ist der Typ, den ich mit seiner Freundin in Karl-Marx-Stadt an der Autobahn getroffen habe. Sie wollten in die Tatra. Jetzt sind sie durch mich nach Częstochowa gekommen. Wir singen noch lange. Eins von den beiden Mädchen setzt sich zu Wolf. Sie kommt mir bekannt vor. Woher sie komme, frage ich sie. Aus Oberhof. Ich weiß Bescheid, und auch sie erkennt mich mit großem Hallo wieder. Auf dem Weg von Wandersleben nach Zella hatte ich sie getroffen. Sie hatte mir die Adresse ihrer Schwester in Oberhof gegeben: Mutesius, Kindergarten. Wir lachen.
Später setzt sich noch ein Pole dazu, einer von den Leuten. Er unterhält sich mit Wolf, und durch ihn kommen wir drei zu einer Penne. Oben ist ein Lagerfeuer, an dem noch einige Jugendliche von der Wallfahrt sitzen und singen. Wir gehen erst mal mit dem Polen mit zu ihrem Zelt. Dort sitzt eine ganze Meute und unter ihnen Pater Andrzej. Im Zelt können wir nicht mit schlafen, es ist kein Platz mehr, doch Andrzej hat was für uns. Er bringt uns in das Haus, wo die Wallfahrt immer schläft, in den Keller. Dort liegen schon an die vierzig oder fünfzig Hippies auf der Erde und auf Tischen. Helmut ist beim Lagerfeuer oben geblieben, Wolf und ich wollen ihn jetzt holen. Helmut will noch bleiben, er hat keine Lust, schon zu schlafen. Aber Wolf ist müde. So gehen wir wieder runter. Auf halbem Weg überleg ich's mir: Ich möchte eigentlich auch noch oben bleiben. Ich gehe wieder zu den anderen. Helmut lacht und freut sich. Ein polnisches Mädchen lädt mich mit einer Handbewegung ein, mich auf das Motorrad zu setzen. Kaum sitze ich, kommt ein Bulle und bittet uns auseinanderzugehen. Es sei schon spät, und alle wollten schlafen. So singen wir noch ein letztes Lied, dann geh ich mit Helmut runter.
Ich muss seinen Schlafsack mit beanspruchen, weil bei mir alles noch nass ist. Er willigt ohne Weiteres ein. Drunter legen wir meine Plane, auf den Schlafsack noch meine Decke, das ist zwar auch alles noch feucht, aber besser als gar nichts. Meine Hosen sind überhaupt noch kein bisschen trockener geworden. So liege ich auf dem harten Erdboden in nassen Hosen, in klamme Klamotten eingewickelt, schmutzig, mit einem ekelhaften Geschmack im Mund, dass ich mich selbst anstinke, und von allen Seiten zieht es, weil Helmut im Schlaf die ganze Decke für sich beansprucht. Außerdem drängt er mich laufend von der Plane runter, dass ich wie eine Sardine gequetscht werde; es ist schon so eng genug. Ich kann lange nicht einschlafen, und wenn ich schon mal schlafe, werde ich jede halbe Stunde wieder wach. Das erste Mal wünsche ich mir aus tiefstem Herzen, jetzt bei Mutter zu sein und sauber und mit geputzten Zähnen in ein frisch bezogenes, warmes Bett kriechen zu können...

Sonntag, 25. September 2011

Kapitel 6: Wrocław - Częstochowa

oder
Alles ist gut


Sonntag, 15. August 76

Kurz, nachdem Leszek seine Fahrkarte geholt hat, müssen wir aufbrechen. Im Zug schlafe und wache ich abwechselnd, schaue mir den Sonnenaufgang an und träume vom warmen Tag. Wo sind deine Schuhe, fragt Leszek. Ich muss lachen.
Als wir in Opole ankommen, fühl ich mich wieder mal wie durch den Wolf geleiert.
"Mir tut alles weh." Jetzt lacht Leszek.
Auf dem Stadtplan suchen wir erst mal die Straße nach Częstochowa. Es ist die Ozimska, und bis dorthin ist ein ansehnliches Stück noch zu laufen. Doch schließlich haben wir's geschafft, sind am Ende der Stadt angelangt und stellen uns kurz hinter einer Brücke auf. Trotz oder vielleicht wegen der frühen Morgenstunde hält kein Schwein. Leszek sitzt unter einem Baum und singt die ganze Zeit - er hat eine schöne Stimme. Ab und zu lässt er auf die Autos gemünzte Bemerkungen los, wie:
(pathetisch) "Wrocław!"
(verächtlich) "Syrena!" oder
(dramatisch mit leicht komischem Einschlag) "Jedzie takim trupem, a udaje że to samochód!"*)
Auch bei mir stellt sich mit den ersten brüchigen Tönen, die meine Gesangskehle hervorbringt, ganz allmählich wieder eine Trampstimmung ein. Schließlich nimmt uns doch einer mit, allerdings nur bis Ozimek. Dort stehen wir uns die Beine in den Bauch; die Straße ist alle halbe Stunde zwanzig Minuten lang blockiert von Kirchgängern und -fahrern.
Leszek fällt plötzlich ein, dass er hier eine Bekannte hat, die er schon vier Jahre nicht mehr gesehen hat - eigentlich würde er sie gern mal besuchen. Nach drei Stunden, so gegen zehn, hab ich die Schnauze voll. Fährt denn hier kein Bus nach Częstochowa? Er weiß es zwar auch nicht genau, vor allem nicht, wann und wo, aber eine ältere Frau gibt uns wieder Kraft: Durch sie erfahren wir erst mal, dass und wo einer fährt. Auf dem langen Weg in den Ort beschließt Leszek, gleich mal dieses Mädchen zu besuchen. Vielleicht gibt sie uns etwas Geld? Ich bin nicht sehr erbaut. Ich will schnellstens nach Częstochowa, und das sag ich ihm auch. Natürlich, komm, das dauert nicht lange, dann fahren wir gleich nach Częstochowa. Ich folge widerwillig.
Zufällig treffen wir Iwona mit ihrem Bruder vor ihrem Haus - sie fällt aus allen Wolken und freut sich wie eine Schneekönigin, Leszek wiederzusehen. Na ja, verständlich, nach vier Jahren! Sie bringt uns auch zum Bus, schenkt Leszek tatsächlich 200 Złoty und wartet mit uns noch die halbe Stunde, bis der Bus nach Lubliniec kommt, und sogar noch, bis er fährt. Ich bin leicht begeistert, als sie endlich aussteigt. Es war ziemlich nervenaufreibend für mich, in dieser Verfassung - übermüdet, gereizt, abwechselnd schwitzend und frierend und mit Blasen an den Füßen - einer Unterhaltung zuhören zu müssen, von der ich nichts verstehe.
Bis Lubliniec fahren wir lange. In Lubliniec warten wir noch mal so lange, bis der Bus nach Częstochowa kommt. Und diese Fahrt ist natürlich auch nicht kürzer als die vorhergehende.

Doch endlich: Częstochowa! Mein Herz beginnt, Sechzehntel zu klopfen. Da! Die ersten Hippies! An einer Ecke stand eine kleine Gruppe. Am Bahnhof steigen wir aus. Bis zum Kloster ist es noch weit zu laufen, die Sonne brennt, das Gepäck ist schwer - ich trage die ganze Zeit schon Leszeks Tasche mit - und: Es ist fast nirgends ein Durchkommen. Die Straßen, vor allem die Allee zum Heiligen Berg hoch, sind so gerammelt voll, wie ich es noch nie erlebt habe. Heute ist bzw. war Einzug der Wallfahrt. Man kann keinen Schritt normal gehen, laufend muss man sich durchboxen, -treten und -schieben. Nach einer Stunde (!) haben wir's bis auf den Platz vorm Großen Tor geschafft. Da beginnt es zu regnen. Innerhalb von zwei Minuten hat sich das anfängliche Nieseln zum richtigen Guss entwickelt. Viele geraten in Panik, am Großen Tor setzt ein Rein- und Rausgerenne ein. Da kommen wir jetzt nicht mehr durch. Leszek hat das ebenfalls richtig erkannt, als er vorschlägt, hier stehen zu bleiben und den Regen vorbei zu lassen. Wir stellen das Gepäck an die Mauer, ich gebe ihm meine Plane zum Umhängen und ziehe selbst die Parka an.
Ja, den Regen vorbei lassen! Wir hatten angenommen, das sei nur ein vorübergehender Schauer, als es aber nach einer Stunde immer noch wie aus Eimern gießt, hab ich's dicke. Mir klappern schon sämtliche Knochen, alles, aber auch alles, ist durchgeweicht und dazu noch barfuß! Ich sage zu Leszek, komm, wir versuchen reinzukommen, koste es, was es wolle. Es kostet ganz schön was. Mindestens Kraft und Nerven wie Drahtseile. Das ganze Innengelände des Klosters ist ein einziges Chaos. Am ersten Tor geht es ja noch, aber am zweiten ist ein Stau, weil mehr durch wollen, als das Tor fassen kann, und mindestens ebenso viel zurück. Wenn man nicht Acht gibt, besteht ernsthaft die Gefahr, zertreten zu werden. Eine halbe Stunde lang kommen wir nicht mehr vorwärts. Langsam krieg ich auch mit, dass wir und alle, die rein wollen, im Unrecht sind: Das ist ein Ausgang.
Leszek ruft mich. Komm, meint er, bloß raus, das ist doch sinnlos. Da hat er Recht. Wir kämpfen uns zurück, runter vom Berg, da ist ein Café mit überdachtem Vorplatz. Es hat zwar zu, aber unter dem Dach sind wir erst mal vorm Regen geschützt, der auch allmählich nachlässt. Wir reißen uns die nassen Umhänge vom Leib, breiten das Geklitsche notdürftig aus, und ich friere wie ein Weltmeister. Die anderen Massen, die hier unterstehen, sind alle noch schön trocken, ich beneide sie. Unversehens wird mir entsetzlich schlecht, ich kriege richtige Unterleibskrämpfe, krümme mich und stöhne. Leszek schlägt vor, zu seinem Bekannten hier zu gehen. Ich frage, wohnt er weit? Ja, am anderen Ende der Stadt. Das ist mir zu viel. Ich sage, mir ist schlecht, ich kann überhaupt nicht mehr, geh nur alleine, ich finde mich schon irgendwohin. Nach einer Weile zieht er ab: Cześć, vielleicht sehen wir uns irgendwo mal wieder!

Ich habe schon ein paar Typen drüben rumlaufen gesehen, einige sahen sogar aus wie Deutsche. Mir ist eine wunderbare Idee gekommen: die Sankt-Josef-Kapelle! Dort fand doch ab und zu mal die Hippie-Messe statt. Vielleicht haben sie sie auch jetzt wegen des Regens geöffnet, und es sind ein paar Leute dort. Gedacht, getan. Zitternd, bibbernd und triefend laufe ich hoch. Mein Herz macht einen Freudensprung: Vor der Kapelle stehen die Leute! Die Kapelle ist wirklich offen! Ich gehe rein. Drin sind sämtliche Bänke vollgerammelt - mit Hippies! Es ist schön warm. Ich lasse mein Gepäck fallen, lehne mich neben die Tür und schaue mir das Ganze andächtig an. Endlich! Jetzt kann mein Festival losgehen.

Einer erzählt und gibt Anweisungen. Die Leute singen. Ich schaue nach bekannten Gesichtern aus. Eine ganze Weile entdecke ich niemanden. Da läuft plötzlich einer vor mir vorüber zur Tür: Michał!
Ich schreie: "Michał!"
Er dreht sich um, sieht mich, schreit los: "Neila!"
Wir sind vor Freude wie aus dem Häuschen, umarmen uns, lachen, singen und tanzen. Dann schleppt er mich mit hinter zu seinen Leuten. Ich erzähle ihm das Malheur mit dem Regen. Sofort packen wir alles aus, legen und hängen es zum Trocknen auf. Er gibt mir ein trockenes Handtuch, und ich trockne mich ab. Aber du bist ja barfuß! Ja, sag ich, und erkläre ihm das. Er wiederum erklärt mich für völlig verrückt, auch seine Freunde lachen. Einer konstatiert kategorisch, das Wichtigste sei, dass ich erst mal Schuhe hätte, und drückt mir auch gleich ein Paar alte blaue Turnschuhe in die Hand. Sie sind mir zwar viel zu groß, aber ich freue mich. Na, bin ich nicht wie ein Vater zu dir? Ja, sage ich, und Michał meint, er sei Vater und Mutter zugleich. Nun berichtet er erst mal, was in den Tagen hier so los gewesen ist. Drei Hare-Krishna-Tage; er ist ganz begeistert, und ich ärgere mich ein bisschen, dass ich heute erst gekommen bin. Und das Größte: Helmut und Wolf sind da, unsere beiden Freunde aus Rothenburg! Ich denke, ich höre nicht richtig. Helmut und Wolf, sagst du? Helmut und Wolf?! Ich werd nicht wieder! Und Helmut hat mir in Rothenburg noch ganz traurig gesagt, das sei das erste Jahr, in dem er nicht in Częstochowa sein werde. Und Cygan und Zawisza sollte ich grüßen! Und jetzt sind sie hier! Wo sind sie jetzt überhaupt? Sie wollten in die Stadt, sie werden im Laufe des Abends schon noch hierher kommen.

Nach einer Zeit gehen Michał und ich mal raus, um eine zu rauchen. Ich verteile meine sämtlichen Karo, die ich noch habe. Als wir wieder reinkommen, sehe ich Jacek da sitzen, mit dem ich voriges Jahr von hier nach Warschau getrampt bin. Ich stürme auf ihn zu: "Hej, Jacek!"
Er scheint nicht ganz zu wissen, wo er mich hinstecken soll, guckt mich groß an und überlegt angestrengt.
"Er kennt mich nicht mehr!" rufe ich.
Doch langsam scheint es bei ihm zu dämmern: "Doch, warte mal... letztes Jahr sind wir zusammen nach Warschau getrampt, stimmt’s?"
Der Groschen ist gefallen.
"Neila, stimmt‘s?"
Ja! Wir drücken uns die Hand, dann schiebt mich Michał schon weiter. Es dauert nicht lange, da ist die Versammlung hier drin beendet. Langsam drängt alles nach draußen. Um Michał und mich versammeln sich so nach und nach alle Wrocławer. Sie wollen heute Abend schon wieder nach Hause fahren, mit dem Zug. Erst soll aber noch eine Messe sein, auf einer Wiese hinter dem Kloster. Ich erfahre, dass die Hippies dieses Jahr aus dem Kloster vertrieben worden sind. Die Bullen hatten den Priestern ein Ultimatum gestellt. Angedroht waren Wasserwerfer und Tränengas...
Plötzlich sehe ich Wolf. Ich rase los wie eine Verrückte, schreie, auch er schreit, wir fallen uns um den Hals, wirbeln herum und können uns gar nicht wieder fassen. Ein deutsches Mädchen ist mit ihm, sie und ihre Freundin haben sie in Prag aufgegabelt. Sie kommen aus - Merseburg! Ich grinse. Aber wo ist Helmut? Weiß nicht, sagt Wolf, ich suche ihn grade. So zieht er weiter und hält nach Helmut Ausschau.

*) Fährt so eine Schrottkiste und tut, als wär’s ein Auto!

Kapitel 5: Deutsch-polnische Hochzeitspläne

oder
Die Gerade ist eine deutsche Erfindung


Die "Freunde" waren eine amorphe Truppe bunter Wrocławer Hippies, die, so kam es Neila vor, nur auf sie gewartet zu haben schienen, um auch ihr Leben so bunt wie möglich zu machen. Es waren Studenten, Schüler, Arbeiter, Arbeitslose, aber eine Stammbelegschaft war immer zur Stelle, um Neila die Stadt zu zeigen, mit ihr zu feiern, sie überallhin zu schleppen, wo es etwas Interessantes zu erfahren gab. Zunächst aber war ihr Problem das Interessanteste, und die Fantasie schlug mehrere Tage lang hohe Wellen, wie man eine flüchtige Deutsche am besten offiziell in Polen sesshaft mache.
"Du musst heiraten", konstatierte Zenek trocken.
Das aktuelle Gruppengebilde nickte tiefsinnig und atmete hörbar auf. Na klar, das ist die Lösung. Da wäre sie nicht die Erste und auch nicht die Letzte.
Heiraten. Na gut. Aber gehört dazu nicht irgendwie ein Mann?
"Wir finden schon einen, keine Sorge", beruhigte sie Zenek.
Neila glaubte ihm aufs Wort.

Zu Recht. Der Kandidat hieß Zbyszek und wurde bereits am nächsten Tag vorstellig. Er war klein, trug Bart und Brille und arbeitete in einer Bibliothek. Neila blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an, wand sich unbehaglich auf ihrem Stuhl. Sie saßen zu sechst in einem Café, und vier Gesichter starrten sie angespannt an. Nein, fünf, Zbyszek natürlich auch. Heiraten...
"Und du willst dich darauf einlassen?" fragte Neila, sich bei der leisen Hoffnung ertappend, dem Kandidaten werde plötzlich klar, worauf er sich da einlassen würde.
"Warum nicht? Ist kein Problem, mach dir mal keine Gedanken, alles bestens!" schmetterte der Kandidat mitleidlos mitten in ihre leise Hoffnung hinein. Die wurde umgehend begraben.
"Ja, dann... ja, warum nicht?"
Mindestens vier Gesichter entspannten sich zu einem breiten Lächeln.
"Ist ja egal, nicht?" Den winzigen Querschläger konnte Neila sich nicht verkneifen.
Der Kandidat parierte ihn ungerührt: "Klar. Kein Problem."
"Das muss gefeiert werden!" beschloss das aktuelle Gruppengebilde.

Und es wurde gefeiert, so was sagt ein Pole nicht zum Spaß. Am selben Abend noch trafen sich in der abgewohnten Uraltbauwohnung bei Zbyszek Apostoł, Poli, Zenek, Michał und zwei Jolkas. Eine davon war die Freundin von Zbyszeks Bruder Adaś und wohnte hier. Es wurde eine große Fete, immerhin war eine Verlobung zu feiern. Jolka Eins kochte, Zbyszek schnitt Wurst, Käse und Gurke auf, jeder hatte etwas mitgebracht, es gab Bier und billigen Wein, es gab Blues, Rock und Jazz, und es gab Geschichten, Witze, Erlebnisse, philosophische Dispute und künstlerische Diskussionen bis zum frühen Morgen.

So hätte es wohl endlos weitergehen können. Jeden Abend brachte irgendjemand etwas zu trinken mit, gute Musik, ein gutes Buch und vor allem eine unverwüstliche gute Laune. Jeden Tag schleppte jemand Neila in die Kneipe oder zu einer Schiffstour auf der Oder. Jeden Tag lud jemand anderes sie zu sich ein, machte sie mit immer neuen, immer gleich herzlichen Freunden bekannt. Zeitmangel schien hier ein Fremdwort zu sein; die Leute schienen nie arbeiten zu müssen, nie Termine zu haben, keine wichtigen Erledigungen, keine Pflichten.

Nur Jolka Eins war anders. Sie war kein Hippiemädchen, gegen eine solche Unterstellung hätte sie sich wohl lachend verwahrt. Sie war eine ganz normale junge Frau, die ihre Zukunft vermutlich in einer ruhigen Ehe mit zwei, drei Kindern, an Herd und Kochtopf sah. Aber das waren keine Sehnsüchte, dazu schien Jolka viel zu pragmatisch zu sein. Sie war Adams Freundin, also wohnte sie bei ihm, und wenn diese Wohnung täglich von fünfzig Chaoten heimgesucht wurde, dann kochte sie eben für alle, räumte ihnen kommentarlos den Dreck hinterher und feierte mit ihnen, wenn es sich so ergab. Sie schimpfte nie, sie weigerte sich nie, aber es war auch nichts Unterwürfiges an ihrem Tun. Sie war einfach da und tat, was getan werden musste, immer gut gelaunt, immer beschäftigt.
Aus irgendeinem Grund begann Neila, sich Jolka gegenüber schuldig zu fühlen, jeden Tag ein bisschen mehr. Sie konnte ihr nicht helfen, sie konnte weder kochen, noch war sie der Typ, der sich in jedem Haushalt zurechtfindet, und sie wollte es im Grunde auch gar nicht. Neila hätte selbst nicht sagen können, was es war, was ihr dieses Unbehagen verschaffte, doch es war der erste Vorbote einer inneren Seenot, die erste Welle, die das Seelendeck überspülte, die schnell weggewischt wurde und für heiteren Gesprächsstoff am Abend sorgte, nach der jedoch nie wieder Ruhe einkehrte, der weitere Wellen folgten, die nicht mehr lustig waren, bis hin zum endgültigen seelischen Schiffbruch.

Doch noch war alles bunt und laut und unbeschwert. Vor allem laut. Neila war es nicht gewöhnt, täglich von früh bis spät in Gesellschaft zu sein. Sie war eigentlich kein Gruppenmensch, sie brauchte viel Ruhe und viel Zeit für sich allein. Spätestens, als sie nach einem weiteren Tag zu fiebern begann, wurde sie abends zunehmend still, zog sich die Tarnkappe über die Ohren und verkroch sich in sich selbst. Sie hatte nicht mit der röntgenbegabten Mütterlichkeit ihrer Gastgeber gerechnet. Henas und Ewa waren zu Besuch gekommen. Henas ein Wikinger wie aus dem Geschichtsbuch, mit zusammengekniffenen, blitzenden Augen und einer großen Liebe zum Bier, Ewa eine Schönheit in Indianerkleidern und Perlenketten. Die beiden waren die Seele der Wrocławer Hippies, jeder kannte und mochte sie, es war, als ob ein beständiges Strahlen von ihnen ausgehe – wo sie auftauchten, wurde es hell und warm. Ewa hatte Medizin für Neila mitgebracht, Henas brachte ein Thermometer, Zbyszek schleppte ihren Rucksack aus Michałs Haus an, dessen Eltern nun endlich die Wahrheit über Neilas Besuch erfahren hatten und verständlicherweise sauer waren. Neila war den Leuten so dankbar, doch die Gespräche und das Lachen zerrten mittlerweile derart an ihren Nerven, dass sie Henas‘ und Ewas Strahlen gern gegen eine dunkle Höhle vertauscht hätte. Wenigstens für heute Abend. Doch nichts da. Die Tarnkappe schien defekt zu sein, alle paar Minuten wandte Ewa sich ihr in ehrlicher Fürsorge zu: "Was ist los mit dir? Geht’s dir nicht gut? Warum bist du so still?"
Neila stammelte etwas zusammen, was kein Mensch verstand und was alle nur umso besorgter machte. Sie konnte doch nicht sagen: "Lasst mich in Ruhe, wenigstens einen Abend" – oder? Es musste etwas geschehen. War nicht eine Hochzeit geplant? Sie begriff, dass die Gerade als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine deutsche Erfindung ist. Sie wurde sehr deutsch. Sie drängte darauf, sofort Nägel mit Köpfen zu machen.

Vorbei die blauen Wolken, versperrt die fantasievollen Mäander. Kein sanftes Gleiten mehr durch zeitlose Räume, kein "Jakoś to będzie – irgendwie wird’s schon werden". Es wird werden, aber nicht irgendwie, sondern so: Neila schleppte Zbyszek zum Konsulat der DDR. Stellte ihn als ihren künftigen Ehemann vor, für den sie ihre Heimat schweren Herzens verlassen müsse, und verlangte eine sofortige ständige Aufenthaltsgenehmigung für die Volksrepublik Polen.
Die Bürokratie aber ist die Schwester der Geraden. Natürlich werden Sie heiraten. Umsiedeln? Aber natürlich, selbstverständlich. Dazu brauchen Sie nur... Und es folgte der Laufzettel für mindestens einen Monat Behördengänge – in der DDR.

Die Hochzeit wurde abgeblasen. Neila geht nicht zurück. Der Kandidat trug’s mit Fassung.

Donnerstag, 15. September 2011

Kapitel 4: Keine Extrawurst für meine Tochter

oder
Warum Neila nie studiert hat


Als sie Michał im Brüder- und Pflegeheim Martinshof in Rothenburg an der Neiße kennen gelernt hatte, hatte sie dort schon längst nicht mehr gearbeitet. Neila war eine von nur zwei Schülern ihres Jahrgangs an ihrer Erweiterten Oberschule gewesen, die sich nicht für ein Studium beworben hatten. "Ich bin alt genug, um nicht mehr in den Kindergarten zu gehen", war ihre Antwort, wenn sie nach dem Grund gefragt wurde. In Wahrheit jedoch war sie nur zu eigensinnig, um Kompromisse zu machen.

Damals hatte sie davon geträumt, Musik zu machen, und deshalb sogar mit 16 noch angefangen, Klavierunterricht zu nehmen, denn Klavier war Pflichtfach bei jedem Musikstudium. Sie hatte nur fünf Jahre lang Violinunterricht gehabt und konnte ein bisschen Blockflöte und Gitarre spielen. Die jüngferliche Klavierlehrerin an der Musikschule war mit jedem Schüler oberhalb des Grundschulalters überfordert. Sie hatte sie bis zum Erbrechen stramme Pionierlieder üben lassen, doch das Üben war gleich das nächste Problem. Zu Hause hatten sie kein Klavier. Der Zufall wollte es, dass die Nachbarn unter ihnen, ein ältliches Geschwisterpaar, ihr Uraltinstrument verkauften. Niemand wusste, wann es zum letzten Mal gestimmt worden war. Das gute Stück plärrte wie eine Stummfilmbegleitung aus den Zwanziger Jahren und hatte auch schon ein paar stumme Tasten. Neila führte es jedem, der sie besuchte, mit höchstem Vergnügen wie eine Jahrmarktsattraktion vor, doch Üben machte auf dem Ding einfach keinen Spaß, ganz abgesehen davon, dass Neila zwei Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern andere Leidenschaften hatte, als auf einem plärrenden und verstimmten Klavier Pionierlieder zu üben. Deep Purple und Omega hören, zum Beispiel. Oder bunte Flicken auf ihre allererste Schweizer Feincordjeans zu nähen, als die nach einem Jahr schon dünne Stellen bekam, weil sie in der ersten Nacht darin geschlafen (sie war etwas zu eng gewesen, größere Größen gab es nicht mehr, aber eine echte Cordjeans musste man einfach haben) und sie von da an jeden Tag getragen hatte, und so und ohne FDJ-Bluse zum Kleinen Abitur zu marschieren, wo die Diskussion über ihren "Gammler-Aufzug" dann fast länger dauerte als die Prüfung selbst. Oder Jack London lesen.
"Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?" fragte ihre Klavierlehrerin nach einem verquälten halben Unterrichtsjahr säuerlich. "Sparen Sie das Geld für etwas Besseres. Sie kommen sowieso nicht durch die Jahresprüfung. Sie sind völlig unbegabt."

Da hatte ihr Violinlehrer aber vor vier Jahren noch eine ander Meinung von ihrer musikalischen Begabung gehabt, als er sie an die Spezialmusikschule in Leipzig schicken wollte, dachte Neila. Aber da war sie auch noch eine brave Pionierin gewesen, in einer Zeit, als niemand auch nur im Traum daran gedacht hätte, dass ihre Eltern sich scheiden lassen könnten. Und Neila allein bei ihrem strengen Vater bleiben würde, der die Spezialmusikschule damals abgelehnt hatte. Nicht nur die, er war weitere drei Jahre zuvor schon nicht einverstanden gewesen, Neila - auf Drängen ihrer Lehrer - ein Schuljahr überspringen zu lassen, und auch nicht damit, sie an die so genannte "Begabtenschule" zu schicken, die Schule mit erweitertem Russischunterricht.
"Keine Extrawurst für meine Tochter. Sie soll ganz normal aufwachsen, wie alle anderen Kinder", hatte der studierte Arbeitersohn entgegnet.

Nichts zeigte deutlicher, wie wenig ihr eigener Vater sie kannte, denn unter diesen "ganz normalen" Kindern und Erwachsenen hatte Neila von klein auf und bis weit in ihr erwachsenes Leben hinein gelitten. Sie war schon im Kindergarten zur Außenseiterin geworden, und nachdem sie sich zwölf Jahre lang vergeblich gemüht hatte, "dazu zu gehören", nahm sie die ihr aufgezwungene Rolle endlich bereitwillig und rebellisch an.

Deshalb hatte sie es abgelehnt zu studieren, denn wenn es Musik nicht sein konnte, dann eben gar nichts. Was sie statt dessen jedoch tun sollte, wusste sie nicht. Die "Szene", in der sie sich damals bewegte, und auch mehrere Jungs aus der Kommune, in der sie lebte, seit sie an ihrem 18. Geburtstag die Tür ihres Vaterhauses für immer hinter sich zu gemacht hatte, hatten gerade die Sozialarbeit für sich entdeckt. Immer mehr zog es in die diakonischen Einrichtungen der evangelischen Kirche.
"Ich gebe dir zwei Ratschläge", sagte Peter eines Abends in der "Kommune", einer Dreizimmerbaracke, in der, außer dem Hauptmieter Jürgen, drei Jungs und Neila mehr oder weniger illegal hausten. "Neinstedt ist voll, aber du könntest mit uns nach Rothenburg gehen. Du kannst dort in der Pflege anfangen und eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin machen. Das gibt dir Halt, und du bist dabei nicht allein, sondern wohnst mit uns allen im Brüderhaus."
Neila war immer so gewesen... Auch dieses Mal schlug die emotionale Welle spontan nach oben aus, und sie stürzte sich kopfüber hinein.
"Und der zweite Ratschlag?"
"Trinke nie mehr als ein Glas Wein am Abend."
Peter war ein moralischer Philosoph und offensichtlich auch ein exzellenter Beobachter. Neila spendierte den Zurückbleibenden eine Flasche Stierblut und ging nach Rothenburg. Aber zuerst trampte sie nach Ungarn und nach Polen.

Donnerstag, 8. September 2011

Kapitel 3: Wrocław

oder
Es gibt Dinge, die man Eltern nicht erzählen darf


Am Abend kam Neila in Wrocław an. Irgendwo am Stadtrand. Sie hatte keine Ahnung, wo Michał wohnte. Er hatte ihr in Rothenburg zum Abschied seine Adresse gegeben: "Wenn du mal wieder nach Wrocław kommst, erwarte ich deinen Besuch!" Das war weniger eine Einladung gewesen als ein Befehl. Jetzt fragte sie eine Passantin, die mit zwei Einkaufstaschen an ihr vorbeihastete, nach der Rawska. Damals verständigte sich Neila noch in einer abenteuerlichen Mischung aus Polnisch und Russisch, mit der sie aber gut durchkam.
"Oje, das ist ja am anderen Ende der Stadt!" jammerte die Frau mitfühlend. "Da müssen Sie mit der Straßenbahn..."
Offensichtlich dachte die Frau, es sei mühseliger, Neila den komplizierten Weg zu erklären, als sie einfach ein Stück zu begleiten. Dieses Phänomen war ihr auch in Ungarn schon mehrmals untergekommen: Du fragst wildfremde Leute, die mit Sicherheit nicht ausgerechnet auf dich gewartet haben, nach dem Weg - und sie lassen alles stehen und liegen und begleiten dich persönlich durch die halbe oder sogar die ganze Stadt und warten manchmal sogar noch, bis man dir an deinem Zielort die Tür geöffnet hat. Die Polin jetzt, dem Eindruck nach eine gewöhnliche Hausfrau (Mantel und Strickkappe - diese unsäglichen polnischen Strickkappen!), entschied sich für die halbe Stadt, was weit genug war, und setzte Neila schließlich zufrieden in die letzte Straßenbahn auf ihrer Route, nicht, ohne ihr vorher noch eingeschärft zu haben, an der wievielten Haltestelle sie auszusteigen habe.
"Und dort fragen Sie noch mal jemanden, ja?"
Neila versprach es ihr und bedankte sich herzlich.

Zehn Uhr abends klingelte sie an der Gartentür des schicken Einfamilienhauses in einer stillen Siedlung. Eine Minute später lag sie sich mit Michał in den Armen. Er freute sich über ihren Besuch, als sei sie der kommende Papst, aber das war bei den polnischen Hippies so üblich. Sie steigerten noch einmal, was nicht mehr steigerungsfähig erschien: die berühmte polnische Gastfreundschaft.
Freudestrahlend stellte Michał sie seinen Eltern vor, zwei wohlhabenden Architekten. Es war Neila durchaus peinlich, von der versammelten Familie gleich zum Abendbrottisch gedrängt und begeistert ausgefragt zu werden ("Wo ist meine Tarnkappe?"). Immerhin war sie auf der Flucht, und Eltern mögen noch so lieb sein - es gibt Dinge, die darf man ihnen nicht erzählen. Und wenn sie dann noch so rührend um ihren unbekannten Gast besorgt sind, fühlt es sich schon mal ungut an, sie belügen zu müssen.

Erst in Michałs Zimmer, das ihr von der ganzen Familie wie selbstverständlich zur Verfügung gestellt wurde, während Michał selbst sich ebenso selbstverständlich ausquartierte, konnte Neila ihre kurze, aber bereits einigermaßen komplizierte Geschichte loswerden. Michał staunte Bauklötzer. So radikal waren nicht mal die meisten polnischen Hippies, dass sie einfach ins Ungewisse hinein abhauten. Aber die hatten auch kein Reiseverbot - eine Sache, die Neila in Polen noch häufiger genauer erklären musste, denn die Polen konnten zwar auch nicht einfach in der Welt herumreisen, aber nur, weil sie entweder nicht genug Geld hatten oder von der ausländischen Botschaft kein Visum bekamen (weil sie nicht genug Geld hatten). Dass der eigene Staat einen einsperren konnte, selbst wenn es um den "verfaulten Westen" ging, das wollte ihnen nicht in den Kopf. Kunststück.

Nachdem Michał begriffen hatte, was für Neila auf dem Spiel stand, beruhigte er sie jedoch.
"Keine Sorge, wir finden eine Lösung für dich. Morgen treffen wir uns erst mal mit den Freunden."
Die Anspannung eines Tages fiel von Neila ab, als sie, endlich allein, ans Fenster trat und ihren Blick über Mond und Dächer gleiten ließ.

Sie war angekommen.

Dienstag, 30. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (7)


Eine dreiviertel Stunde wohl warte ich dann auf einer kalten Bahnsteigbank auf den Zug nach Wrocław. Das erste Mal macht es sich etwas unangenehm bemerkbar, dass ich barfuß bin. Mit fortschreitender Nacht wird das immer schlimmer. Das nächste Mal nehm ich doch Schuhe mit, wenigstens ein Paar Sandalen!
Bis Görlitz muss ich stehen - vor dem Klo. Zwei Polen stecken laufend den Kopf durch die Tür, um mich anzustarren. Endlich bekomme ich einen Platz. Mir gegenüber sitzt ein polnischer Herr, auf der Bank nebenan wohl eine Bekannte von ihm oder was weiß ich, auch Polin, und eine ältere Riesendame von uns. Ein bisschen Herzklopfen vor der Grenzkontrolle hab ich doch. Mein Urlaub ist morgen zu Ende. Aber alles ist ganz schnell und harmlos vorbei. Ein Blick in den Ausweis, das übliche Hinhalten zum polnischen Grenzbullen - "Bitte sehr!" - und den Ausweis zurück.

Ich bin sehr erleichtert: Jetzt fängt der Urlaub endlich an, der eigentliche Urlaub. Es wird herrlicher werden als je zuvor - Częstochowa, Jasna Góra, die Freunde, bekannte und unbekannte, alte und neue, das Fest der Hippiegeneration - ein Urlaub voller wechselnder Farben, voller Licht, das die Schatten leuchten macht. Ein Urlaub voll von Düften, seltsamen und wunderbaren Tönen und Klängen, von Wiesen und platzend vollen Straßen, staubigen Wegen und schillernden Wassern, voll von Lachen und guten Worten, gefüllt insgesamt von einem übermächtigen Gefühl der Zusammengehörigkeit und schließlich auch voller Verzweiflung über die Unvollkommenheit, die immer noch besteht, voll noch unerfüllter Wünsche und guter Vorsätze - Polen... ich träume...

Die Riesendame nebenan benimmt sich unheimlich blöd. Mit süßlich grinsenden, angeschmierten Lippen flötet sie in breitem Sächsisch dem Grenzbullen ihre persönlichen Beziehungen zu irgendwelchen hohen Tieren vor und die Vorgeschichte dieser Polenreise, was den überhaupt nicht interessiert. Sie ist unglaublich verunsichert, vielleicht denkt sie, der Bulle könnte sie einsperren, wenn er über sie nicht genau Bescheid weiß.

Zgorzelec. Erste Station. Ich ziehe mir die Strümpfe an und strecke mich auf der Bank aus. Als ich aufwache, fahren wir in Wrocław ein, und ich habe wahnsinnige Nackenschmerzen. Alles verrenkt - kein Wunder! Als ich meine Sachen zusammenpacke, richte ich meine ersten polnischen Worte an meinen Gegenüber. Ich will wissen, ob der Zug nicht vielleicht doch über Częstochowa fährt; ich habe vorher irgendwas aufgeschnappt:
"Ten pociąg nie jedzie przez Częstochowę, prawda?"
Er verneint, angenehm überrascht, und bückt sich sogar noch nach meiner runtergefallenen Flöte. Wieder barfuß, frierend, verschlafen und dennoch reichlich müde, dränge ich mich mit der Masse anderer Reisender hinaus auf den Bahnsteig.
Unten in der Bahnhofshalle spült mich die erste Freude um: Man ist in Polen, man sitzt auf dem Erdboden, vorrangig als Jugendlicher! Ein lang entbehrtes Bild. Als ich nach genauem Studium des Fahrplanes und gefasstem Entschluss, mit dem nächsten Zug halb vier nach Opole zu fahren und von dort aus, da es dann endlich hell ist, weiterzutrampen, vor dem Fahrkartenschalter stehe, fällt mir erschrocken ein, dass ich ja überhaupt noch kein polnisches Geld bei mir habe.

An der gegenüberliegenden Wand sehe ich eine Gruppe Tramper zwischen Rucksäcken auf dem Boden sitzen, einer hat eine Gitarre. Ich hocke mich zu ihnen und frage, zunächst mal auf Deutsch, ob sie mir Geld tauschen können. Es sind Polen, und der eine steigt auch interessiert auf ein Gespräch mit mir ein. Er sieht ganz niedlich aus und kokettiert ein bisschen rum. Ich krieg es fertig, 20 Mark zu tauschen, eins zu sechs, also 120 Złoty. Die Fahrkarte nach Opole kostet nur etwas über 20. Dann unterhalte ich mich die ganze Zeit mit dem niedlichen Polen, Leszek, wobei ich etwas geschockt mitkriege, dass er ein Krüppel ist: Lähmung (teilweise) der Beine. Die Krücken hatte ich anfangs nur für einen Gag gehalten.
Leszek erzählt mir, dass sie nach Silberberg wollen. Als ich ihm sage, was mein Ziel ist, wird er stutzig. Częstochowa? Er grinst: "Was ist denn in Częstochowa? Jasna Góra, das Kloster, ja?" Als ich bejahe, grinst er noch mehr: Er weiß Bescheid.
"Ich fahre zum Hippietreffen."
"Ich weiß, ich weiß..."
1972 sei er dort gewesen. Das Ganze sei es nicht wert hinzufahren, meint er. 1972 waren noch Tausende von Leuten da. Von Jahr zu Jahr sind es immer weniger geworden. Ich erzähle ihm vom vorigen Jahr und wie viele Leute wieder dort waren. Er wird nachdenklich. Plötzlich sagt er:
"Gdybym miał forsę, pojechałbym z tobą."
Wenn er genug Geld hätte, würde er mitkommen. Mensch, sag ich, wo fehlt's denn an Geld, ich hab noch fast 100 Złoty. Das erste Mal geht er nicht drauf ein. Aber nach einer Weile kommen wir auf das Thema zurück. Er schwankt noch ein bisschen, dann steht sein Entschluss fest: "Jadę z tobą. – Ich komme mit."
Fajnie! Ich freue mich. Bin ich wenigstens nicht mehr allein auf Tramp. Seine Freunde lachen und schütteln verständnislos die Köpfe: "Was willst du denn dort? Du kleiner Hippie!"
Aber sie nehmen es als selbstverständlich hin, dass jeder seiner eigenen Wege geht.

Doch es ist ja schon längst wieder ein neuer Tag angebrochen...

Freitag, 26. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (6)


Samstag, 14. August 76

Diesmal weckt mich meine Mutter. Es ist um acht, ich soll frühstücken kommen. Vertrieft räum ich das Bett weg und folge dem Ruf. Dann geht eine kleine Zeitjagd bei mir los: Die Tasche muss noch, soweit es geht, fertig werden. Mittags hab ich sie so weit, es fehlt zwar noch ein Verschluss, aber das macht nichts. Ein guter, praktischer Beutel ist mir gelungen. Mutter kocht Mittagessen, und ich packe. Die Hälfte schmeiß ich raus, trotz ihres Protests, sie habe keinen Platz. Mit jedem Gramm sparen!
Nach dem Mittagessen, gegen eins, reiße ich mich los. Länger durfte's nicht dauern, in mir kribbelte schon die Ungeduld wie ein Ameisennest. Częstochowa wartet nicht. Mutter kriegt die letzten Instruktionen, tschüss, alles Liebe und Gute bis September...

Als ich draußen bin, fühle ich mich endlich wieder frei, beruhigt - ich bin ja auf dem Weg, da kann nichts mehr schiefgehen. Auf dem Weg zur Autobahn verrenken sich wieder mal alle Karl-Marx-Städter die Köpfe. Eine ganz schön spießige Stadt! Als ich die F95 entlang laufe, steht unten schon ein Junge und trampt. Fast bin ich ran, da hält ein Auto kurz vor ihm. Ich renne los, von der anderen Seite kommt auch ein Mädchen gerannt. Der Junge wehrt mich ab:
"Wir waren aber zuerst da!"
Ich sage, ach, ihr seid wohl schon drei? Nein, zwei. Das Mädchen ist seine Frau. Na, mein ich, der kann doch drei mitnehmen, so viel Platz ist schon noch. Er nimmt auch drei mit. Bis Dresden.
Das Mädchen, Christiane, ist unheimlich aufgeschlossen und nett. Ich unterhalte mich die ganze Zeit angeregt mit ihr. Sie kommen aus Rostock. Christiane hat Ökonomie oder so was studiert, Peter, ihr Mann, studiert noch - Lateinamerikanistik.
In Dresden setzt uns der Mann an der Auffahrt Cossebaude ab, wo wir auch gleich stehen bleiben. Keiner hält, und wir schimpfen die ganze Zeit auf die ethisch verfettete Wohlstandsgesellschaft. Später kommen noch zwei Typen. Sie sind aus Döbeln und kennen natürlich Hansi; sie geben mir seine Adresse und reden auf mich ein, ich solle doch unbedingt mal nach Döbeln kommen. Aus lauter Begeisterung schenke ich ihnen die eine fast volle Schachtel Karo. Dann folgen Christiane, Peter und ich dem guten Rat der beiden Döbelner und fahren auf die Bautzener Piste am Neustädter Bahnhof.
Als Erstes male ich eine dreiviertel Stunde lang Schilder für uns beide (Gruppen). Es wird langsam dunkel, und wir erwägen schon, bald zum Bahnhof zu verschwinden und den Zug zu nehmen. Doch da hält ein Lkw - nach Bautzen, für mich. Lautstarke Verabschiedung, dann rollen wir los.

Unterwegs, kurz vor Bautzen, überholen die beiden uns doch noch - in einem feinen Pkw. Anfangs hatte ich vor, in Bautzen noch auf die Piste zu gehen, trotz der Dunkelheit. Aber als wir in Bautzen einfahren, beginnt es zu regnen. Pustekuchen! Ich disponiere um: mit dem Zug weiter. Diese Nacht wird durchgemacht, ich will keine Minute verlieren. Der gute Mann fährt mich bis vor den Bahnhof. Rennend versuche ich, nicht allzu viel abzukriegen. Der Abfahrtstafel ist nicht viel zu entnehmen. So frage ich am Schalter nach einem Zug nach Częstochowa. Die freundliche Frau hinter dem Schalterfenster weiß auch nicht besser Bescheid. Sie schiebt mir einen Auslandsfahrplan hin. Na ja, das Günstigste ist, in drei Stunden nach Wrocław zu fahren, dort werde ich weitersehen. Nach Częstochowa direkt fährt von hier gar kein Zug.

Was macht ein müder Wanderer bei so viel Aufenthalt? Er setzt sich in die Mitropa.
So auch ich. Nun muss ich vorausschicken, dass ich meine Stiefel - die einzigen Schuhe, die ich mit hatte - bei Mutter gelassen habe. Einmal war's mir zu warm dazu, zum anderen waren sie auch ganz schön kaputt und ausgelatscht. Ziehe also die ganze Zeit barfuß durch die Lande. Das hatte schon bei Christiane und Peter ein etwas verständnisloses Erstaunen ausgelöst. So sitze ich nun auch ohne Schuhe in der Mitropa. Bei der dicken Kellnerin bestelle ich ein Bier. Sie registriert das zwar, macht aber keine Anstalten, dieses auch zu holen.
"Aber Schuhe zieh'n wir ma an!"
Ich entgegne ganz arglos: "Ich hab keine."
Ihr bleibt kurz die Spucke weg: "Aber das... das geht doch nich! Das geht doch überhaupt nich! Sie könn' sich doch nich so einfach ohne Schuhe hier reinsetzen!"
Ich setze mein unschuldigstes Lächeln auf: "Doch."
Das ist zu viel für sie. Sie rotiert ab und ereifert sich pausenlos über die Tatsache, dass ich es wage, barfuß in einer Kneipe zu erscheinen, das geht doch gar nicht, wo kämen wir denn da hin, wenn das alle... Reaktion aller Anwesenden, sogar der Theken-Lady: Lächeln. Ich erwidere es gern. Mein Bier bekomm ich trotzdem.

Ach, vorhin ist mir auf dem Klo noch eine Frau begegnet, die mir wegen einer ziemlichen Überschwemmung dort ihre Schuhe borgte. Es gibt doch noch ein paar nicht ganz verdorbene Leute.

Erst sitzt ein Fahnenkumpel*) mit bei mir am Tisch, zusammen mit seiner etwas unreif wirkenden Freundin, die aus dem Geziere und Getue gar nicht wieder rauskommt. Als die beiden gegangen sind, setzt sich ein alter Herr zu mir. Er macht einen seltsamen Eindruck: ein Gesicht wie ein steinerner Wolf, sehr hager und mit einem Röntgenblick, der es einem kalt den Rücken runterlaufen lässt. Ich mutmaße: Kriminalkommissar oder Schauspieler. Mit einer schwarzen Abendtasche in der Hand setzt er sich mir gegenüber. Plötzlich beginnt er, unaufhörlich sein Portemonnaie zu suchen und sieht mich dabei immer an, dass ich fast zu glauben beginne, ich habe es gestohlen. Gleich darauf setzt sich ein Mann mittleren Alters, Arbeiter-Bürger-Typ, an unseren Tisch. Es entspinnt sich langsam eine Unterhaltung zwischen uns dreien, bei der wieder mal hauptsächlich ich das Wort führe. Es geht - worum? - natürlich ums Christentum und die Kirche. Der Alte mit dem finsteren Blick, stellt sich heraus, scheint doch nicht ganz so genialisch zu sein, wie man ihn nach dem ersten Eindruck einschätzen würde. Er weiß nicht so recht, wozu er sich bekennen soll - er war mal katholisch. Das Übliche. Ich möchte mir trotzdem vorstellen, dass sein Leben etwas außergewöhnlich verlaufen ist.

Gegen elf spazieren zwei Bullen durch den Saal. Es hat den Anschein, als wollten sie nur ein Bier trinken - doch MICH kontrollieren sie. Niemand anderen, bloß wieder mal mich. Und warum? Wird sich gleich herausstellen:
Wo ich hin will. - Nach Polen. - Nach Polen noch? - Ja, warum nicht? - Ohne Schuhe? - Ogottogott, warum denn nicht? - In Polen schneit's. - Ach so, noch gar nicht gewusst. Aber was stört denn nur die ganze Welt dran, dass ich barfuß bin? Ist denn das so schlimm? - Immerhin, etwas ungewöhnlich, nicht? - Und wenn schon. Immerhin aber auch - noch - nicht verboten, oder? - N-neeeiiin, eigentlich nicht. - Also, bitte!
Sie müssen mich wohl oder übel in Ruhe lassen. Ich trinke mein Bier aus, zahle und verschwinde.

Auf dem Klo treff ich noch mal die Frau von vorhin. Ich erzähle ihr die Sache mit den Schuhen. Sie ist die Erste, die die anderen auch nicht ganz begreift.

*) Fahne - umgangssprachlich für den Wehrdienst in der DDR

Montag, 22. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (5)


Donnerstag, 12. August 76

Ganz lieb werde ich geweckt. Regina kniet vor der Couch und ruft zärtlich: "Neila!" So stehe ich gern auf. Ich bin unerwarteterweise putzmunter und guter Laune. Das Radio spielt dufte Musik, Zähne putzen, anziehen, packen. Zwei Marmeladenstullen verdrück ich und eine Flasche Limo, rauche noch eine Semper von ihr. Kurz nach fünf gehen wir los. Sie bringt mich noch an meinen Bus, wir verabschieden uns kurz.

Ich fahre bis zur Endhaltestelle, wie Regina gesagt hat - natürlich ist das viel zu weit. Also wieder zurück. Arbeiter kommen von der Nachtschicht. Seltsam, in Jena sind die verschiedensten Dialekte zu Hause: vom rotzigsten Gassen-Hallesch über betuliches Sächsisch und feines Hochdeutsch bis zur breiten Erfurter Mundart. Auf dem Holzmarkt frage ich nach dem Bahnhof. Es ist kurios: Eine Stadt, nicht größer als Görlitz, und jedesmal bekommt man zur Antwort:
"Welcher Bahnhof?"
Aber bitte, Jena hat davon drei!
Ich sage, dass mir das egal ist, und lande auf dem Paradiesbahnhof. Dass er klein ist, macht nichts, er hat Gepäckautomaten. Ich packe ein bisschen um, schließe das Gerümpel ein und ziehe wieder los in die Stadt zur Uni.
Der Weisheitszahn wird das Hauptgebäude sein, denk ich und trete ein. Der Herr, an den ich schließlich gerate, informiert mich, dass die Fachrichtung Theologie im Hauptgebäude zu finden ist, und das ist ein anderes. Ich trabe weiter, finde auch das richtige Hauptgebäude, laufe einmal drumrum, dann weiß ich, wo's reingeht. Der Pförtner ist sehr freundlich. Er lacht mich an: Um neun wird vielleicht jemand da sein.

Also laufe ich noch ein Stück durch die Stadt, eine erste Bekanntschaft mit ihr zu schließen. Einmal kommt mir ein Tramper entgegen; ich habe ihn schon vom Bus aus gesehen. Er gefällt mir. Er sieht bald aus wie Serge, der communiste français: dünn, mächtiger Wuschelkopf, Schildmütze und Parka. Ich gehe vorbei. Vielleicht treffe ich ihn nachher noch mal, dann spreche ich ihn an, denke ich.
Zuerst gerate ich an eine katholische Kirche, die ich mir rundum anschaue. Hier oben sieht es überhaupt sehr romantisch aus; der Stadtteil gefällt mir. Ich gehe auf den Friedhof gegenüber. Er gehört zur Friedenskirche. Schön groß, schön verwinkelt, schön verwildert. Ich fühle mich wohl. Es sind auch etliche bekannte Gräber da, von Carl Zeiss zum Beispiel, einige schaue ich mir an. Dutzende von Erbbegräbnissen. Die Kirche ist auch schön, aber verrammelt. Schlüssel in der Gärtnerei, lese ich. Die Gärtnerei befindet sich in einem der durch Mauern abgegrenzten Teile des Friedhofes, in dem einige junge Burschen mit Harken und Schubkarren umherlaufen. Die Gärtner. Ich verziehe mich in einen abgelegenen Winkel gleich hinter Carls Grab. Von Gesträuch verborgen, hocke ich mich auf das Gras und spiele Flöte. Lange. Frieden rundum.

Langsam mache ich mich wieder auf den Weg. Eine alte Burgruine lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, aber es stinkt dort nur nach Hundepisse, und reinzuklettern habe ich jetzt keine Lust. So gehe ich langsam wieder hinunter in die Unigegend. Ich habe Hunger. Auf einem Marktplatz haben sie einen Haufen Stände aufgebaut. An einem werden Rostbratwürste verkauft. Ich stelle mich in die Schlange der Hungrigen. Vor mir unterhält sich eine ungarische Touristenfamilie ziemlich lautstark. Es macht Spaß, sie zu beobachten. Die Wurst ist lang und heiß und schmeckt wunderbar. Hinterher rauche ich eine und schlendere über den Platz. Ein langhaariger Typ kommt mir entgegen, ich kenne ihn irgendwoher und überlege krampfhaft, wo ich ihn hinstecken soll. Es fällt mir nicht ein. An einem anderen Stand kaufe ich mir einen Becher Limo und trinke ihn voller Gier zwischen Bier kippenden Männern gleich aus. Irgendwo kaufe ich mir noch ein Eis, setze mich in irgendeinen Park, um eine zu rauchen - Jena hat schöne Parks -, dann mach ich mich allmählich wieder zur Uni auf.
Aus dem Zimmer, an das mich der freundliche Pförtner verwiesen hat, kommt eine Frau, die ich anspreche. Sie bedauert, der Zuständige für die Theologische sei nicht da, aber wenn ich mal einen Moment Zeit hätte... Nach ein paar Minuten kommt sie wieder. Ja, Herr Sowieso möchte gern mit mir sprechen, das wird aber erst so in einer Stunde, gegen zehn.

Als ich runterkomme, beschließe ich, die Uni-Bücherei gleich gegenüber aufs Korn zu nehmen. Mit der Zeit lese ich mich fest. Als ich denke, jetzt müsste's so etwa zehn sein, trabe ich los. Noch mal hoch. Einem Mann, der in der offenen Tür steht, sage ich Bescheid, er meldet mich an. Von drin höre ich plötzlich:
"Die Studentin war für um zehn bestellt! Jetzt muss sie warten."
Es ist elf! Ich warte also noch einmal ziemlich lange, dann endlich werde ich hinein gebeten. Ein älterer, sehniger Herr mit Parteiabzeichen hört sich mein Anliegen an. Ja, da gibt es nichts anderes, als sich zu bewerben, ordnungsgemäß. Bewerbungsunterlagen bei jedem Rat der Stadt, draufschreiben, dass ich dieses Jahr eventuell noch... und dann werden wir weitersehen. Die Beurteilung des Betriebes gehört dazu. Als ich vorsichtig anfrage, ob von allen Betrieben oder nur vom letzten, ist der gute Mann etwas fassungslos.
"Ein Jahr, sagen Sie, haben Sie gearbeitet? In wie vielen Betrieben waren Sie denn da?"

Als ich wieder draußen bin, stelle ich im Kopf erst mal eine Liste auf all der Dinge, die zur Studienbewerbung gehören, die ich also jetzt so schnell wie möglich zu erledigen habe: die Formulare beschaffen beim Rat der Stadt, Passbilder anfertigen lassen, zum allgemeinen Arzt gehen wegen der Gesundheitsbescheinigung, Rothenburg, Görlitz und Radeberg wegen der Beurteilungen anschreiben, Lebenslauf und Begründung des Studienwunsches schreiben, eine Zeugnisabschrift anfertigen und auf dem Notariat beglaubigen lassen. Eine ganz schöne Stange. Etliches davon kann ich jetzt gleich machen, beschließe ich, zum Beispiel die Formulare holen, zum Arzt und zum Fotografen gehen.

Als Erstes frage ich mich zum Rat der Stadt durch. Endlich lande ich im richtigen Gebäude in der richtigen Abteilung. Es findet gerade eine Besprechung statt. Eine nette junge Frau bittet mich leise, in einer Viertelstunde wiederzukommen, sagt mir auch, an welche Kollegin ich mich zu wenden habe. Ich steige die sechs Stockwerke wieder runter. Unten setze ich mich auf die Mauer, rauche eine. Der langhaarige Typ vom Marktplatz erscheint plötzlich wieder. Er wartet gegenüber auf die Straßenbahn. Und plötzlich fällt mir auch ein, wer das sein könnte: der Kunde, der in Zella, von einem langen Wintertramp zurück, ins Kaluga kam, als ich grade mit Lutz da war. Lutz hatte ihn begrüßt, und ich hatte mich dann noch eine Weile mit ihm unterhalten. Er scheint auch auf mich aufmerksam geworden zu sein, ich traue mich dennoch nicht, rüberzugehen und ihn anzusprechen.
Nach der Zigarette geh ich wieder hoch. Die Sitzung sitzt immer noch, wird aber nach fünf Minuten endlich beendet. Die junge Frau, an die ich mich wende, sucht etwas hilflos nach den gewünschten Formularen, schließlich habe ich aber alles beisammen, außer einem Formular für die Gesundheitsbescheinigung, doch das ist ja sowieso nicht notwendig.
Unten frage ich mich nach der Poliklinik durch. Eine Straßenbahn fährt mich hin. Der praktische Arzt hat heute keine Sprechstunde, erfahre ich. Kopfschmerzen beginnen, sich anzubahnen, ich möchte zurück nach Karl-Marx-Stadt. So fahre ich mit der Bahn zum Holzmarkt und laufe zum Bahnhof. Nachdem ich mein Gepäck wieder günstmöglichst alright habe, geht's zum Bus, und der fährt mich dorthin, wo ich reingekommen bin, nach Neulobeda Ost. Ich laufe die Straße vor und trampe dabei.

Es lässt sich beschissen an: Keiner hält, obwohl der Verkehr rege ist, und die Zufahrtstraße zieht sich ganz schön hin. Endlich an der Auffahrt angekommen, setze ich mein Gepäck ab und trampe wieder. Der nächste hält. Und fährt nach Karl-Marx-Stadt. Er fährt sogar nach Dresden, aber das ist für mich noch nicht aktuell. Einen Apfel gibt er mir. Ich könnte eine Schmerztablette gebrauchen.

Karl-Marx-Stadt. Als ich die Leipziger Straße runterkomme, kontrollieren mich schon wieder die Bullen. Ich beschwere mich, ich sei schon gestern kontrolliert worden.
"Das war'n wir aber nicht."
Na gut. Ich fahre zu meiner Mutter. Nachdem ich endlich meine Schmerztablette intus habe, sitzen wir in der Küche, und ich erzähle von Jena, esse etwas. Mutter gerät wieder leicht in Hektik, als sie hört, was ich morgen noch alles besorgen muss.
"Fang nur gleich an mit dem Fragebogen, sonst schaffst du's doch nicht!"
So sitze ich dann bis zum Schluss des Fernsehprogramms an Fragebogen und Lebenslauf. Dann geht's ins Bett - wieder ein langer Tag zu Ende.

Freitag, 19. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (4)


Mittwoch, 11. August 1976

Halb fünf bin ich an der F95. Trampend laufe ich zur Autobahn. Unten hält ein Bullenwagen. Ihren Ausweis, bitte! Sie fragen viel, das Übliche. Als ich weiterlaufe, warten unten ein Junge und ein Mädchen mit Rucksäcken und erzgebirgischem Dialekt auf mich. Was die Bullen wollten. Ich beruhige sie, das Normale. Sie wollen auch nach Polen, in die Tatra. Ich erzähle etwas über Częstochowa. Sie scheinen ganz interessiert - das könnte man ja auch mal mitnehmen.
Ich laufe zur Tankstelle, recht unschlüssig, wie ich anfange, da quatscht mich ein Dicker auf dem Motorrad an. Ich sage, zum Hermsdorfer Kreuz, er macht ein Zeichen, ich solle aufsteigen. Er wolle nach Jena. Das find ich ja bombig. Aber wohin mit dem vielen Gepäck? Er hat keinen ordentlichen Gepäckträger. Erst will er dauernd ein Stück die Autobahn vorfahren, weil da keine Bullen mehr seien, und mich dort aufladen. Als ich nicht begreife wozu, nimmt er mich gleich drauf. Den Beutel auf den Motor, und die Parka klemme ich mir unter den Arm.
An der Auffahrt Glauchau tankt er erst mal. Ich warte so lange auf der Landstraße. Ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll, habe schon Angst, er lässt mich hier sitzen. Er kommt aber zurück. An einem Parkplatz hält er - der Motor muss erst abkühlen. Mir dauert das alles zu lange. Es ist schon halb acht, und dreiviertel neun fährt der letzte Zug nach Saalfeld, und wer weiß, wann der letzte Bus nach Braunsdorf geht, wo ich übernachten kann. Er meint, wir schaffen das schon noch. Wir sitzen auf einer Bank und unterhalten uns ein bisschen. Eine alte Frau schleicht über den Parkplatz und sammelt Flaschen aus den Papierkörben. Er kommt wohl viel rum, ist Landmaschinenschlosser oder so was. Da muss er auch am Wochenende arbeiten und kann sich so, genau wie wir, freie Tage sammeln. An denen setzt er sich dann auf sein Motorrad und fährt irgendwohin, was ihm gerade einfällt. Sein Hobby.
Gegen acht fahren wir weiter. Kurz hinter dem Hermsdorfer Kreuz lässt er den Motor noch mal abkühlen. Ich werde langsam kribblig. Und dann, 15 km vor Jena, noch mal. Es ist schon dunkel und meine Geduld bald am Ende. Zu allem Überfluss borgt er sich noch meine Decke aus und macht sich's im Feld bequem. Ich stehe am Motorrad und warte, warte... endlos... Ich habe das blöde Gefühl, er will was von mir. Tatsächlich ruft er mich auf einmal leise, ich solle runterkommen, er habe mir was zu sagen. Ich brülle, warum, er könne doch auch hochkommen. Darauf meint er nur, ich solle nicht so schreien. Endlich kommt er wieder hoch. Ich mache ihm den Vorschlag, doch gleich loszufahren, in Jena könne er dann den Motor abkühlen lassen, solange er will. Na ja, langsam kommt er aus der Hüfte. Er sagt, er fährt mich jetzt bis zur Abfahrt in Jena, und dann will er gleich wieder zurück nach Karl-Marx-Stadt.
"Ich denke, du wolltest nach Jena?"
Nee, wieso, er habe mir bloß einen Gefallen getan. Da fällt mir doch alles runter. Er macht auch noch mal einen Annäherungsversuch, als ich ihm aber deutlich zu verstehen gebe, dass ich darauf absolut nicht aus bin, lässt er's sein und ist eigentlich ganz okay.

An der Jenaer Abfahrt lässt er mich dann auch wirklich runter. Bis zur Stadt sind es nur ungefähr 100 Meter. Zwei Mädchen quatsche ich an, wie's zum Bahnhof geht. Dann frage ich sie nach der Zeit - es ist neun. Scheiße. Ich erzähle ihnen, dass mein Zug nun weg ist und damit die Penne und... Na, wie geht's dann zur Evangelischen Studentengemeinde? Das wissen sie nicht so genau, erklären mir aber den Weg in die Altstadt, zur Uni, während wir zum Bus vorlaufen. Auf einmal fragt die eine, wann morgen früh ein Zug nach Saalfeld gehe. Ich sage, weiß ich nicht, aber bestimmt nicht allzu zeitig. Na, meint sie, sonst könntest du auch bei mir schlafen, ich muss bloß halb fünf raus. Ich könnte sie fast umarmen, ich sage, das macht fast gar nichts, morgen früh brauche ich sowieso nicht mehr nach Saalfeld, das war bloß wegen der Penne. Schön, sagt sie, komm doch mit, ich weiß doch, wie das ist, ich trampe ja selber.
Sie heißt Regina Wolff und hat eine nett eingerichtete Neubauwohnung. Wir unterhalten uns noch ein bisschen, sie gibt mir eine Flasche Bier und raucht Karos von mir. Arbeitet bei Zeiss, Feinoptiker, ist eigentlich nicht ihre Welt. Ein duftes Mädel. Dann wasche ich mich gründlich und krieche - wer weiß, vielleicht vorläufig zum letzten Mal - in ein sauberes, frisch bezogenes Bett.
Gute Nacht. Morgen früh schmeißt du mich raus, Regina.

Sonntag, 14. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (3)


Dienstag, 10. August 76

Entgegen meinem Plan, schon am nächsten Tag nach Karl-Marx-Stadt zu meiner Mutter zu trampen, bin ich zwei Tage in Großhennersdorf hängen geblieben. Aber heute muss ich endlich weiter. Ich will noch nach Jena an die Uni, bevor ich nach Polen aufbreche.

Gegen neun werde ich in meinem Zelt in Michas Garten munter. Dieses Mal gammle ich sogar noch länger rum als gestern. Ein Flötenspiel, Zähneputzen an der Tonne - aus dem gegenüber stehenden Baum linst neugierig das Gesicht eines gar nicht mal so hässlichen Kerls. Zum Frühstück Erbsen, Äpfel, zwei Scheiben Knäckebrot und ein paar unreife Erdbeeren, eine Zigarette, später noch eine, meine Toilette befindet sich unter den Stachelbeersträuchern...
Mir ist ein bisschen schlecht. Das gibt sich aber, als ich gegen Mittag endlich - barfuß und aufgekrempelt - zur Bushaltestelle trabe. Ich habe Glück. In zehn Minuten fährt ein Bus nach Löbau. Der alte Bauer, der mir diese Auskunft gibt, ist nett. Da ziehen sie durch die Länder... Ihm gefällt das. Mir gefällt, dass es ihm gefällt. Aber die Stiefel ziehe ich dann doch lieber an für den Bus.
Er ist nicht sehr voll, und ich kriege einen Sitzplatz. Auf halber Strecke bekomme ich mit, dass er sogar nach Bautzen fährt. So löse ich in Löbau nach bis dort. Der Fahrer ist komisch; er guckt dauernd, als rede ich griechisch.

In Bautzen verrenken sich die Leute wieder mal die Köpfe nach mir. Kein Wunder: barfuß, in geflickten, hochgekrempelten Bluejeans, der orangen Hippiebluse, eine zusammengerollte Armeeplane unter dem Arm, in der anderen Hand einen nicht mehr ganz sauberen gelben Leinenbeutel und irgendwo die heruntergekommene Parka. Das junge Pärchen, das ich nach dem Weg zur Autobahn frage, reagiert nicht sehr zuvorkommend.
Das Gepäck ist ganz schön schwer und der Weg weit; ich überlege schon zum x-ten Mal, wie dieses Problem am besten zu lösen sei. Die Kneipe an der "Autobahnecke" macht erst um vier auf, jetzt ist es um drei, und ich habe Hunger. Also kauf ich mir im Konsum gegenüber ein bisschen Kuchen, eine Flasche Milch, eine kleine Flasche Apfelsaft, Zigaretten und dann ab auf die Piste. Erst mampfe ich in Ruhe, bis ich fast platze, dann geht das "Antrampen" los.

Es dauert nicht lange, da hält einer bis Dresden. Kurz vor der Auffahrt winken zwei Liesen. Ich bitte ihn innigst, doch anzuhalten, es sei ja noch Platz. Er tut es. Doch die beiden wollen nach Hoyerswerda. Schade. Er hat gedacht, ich kenne sie. Trampersolidarität scheint er noch nicht erlebt zu haben. Ein Stück weiter läuft ein Typ am Straßenrand, der ganz sicher nach Dresden will. Diesmal traue ich mich nicht mehr, ihn zum Anhalten zu bewegen. In Dresden fährt er extra wegen mir am Wilden Mann rein bis zur Ecke Döbelner Straße. Ich hab mir überlegt, erst zu Frieder zu gehen wegen der Unterlagen, die ich noch brauche, und dann mal zu Billy. Vielleicht kann ich bei ihr pennen. Unterwegs fällt mir ein, dass ja heute Dienstag und eventuell Junge Gemeinde im Weinberg ist. Frieder Burkhardt ist Jugendpfarrer dort, und ich habe bei ihm vorübergehend meine Habe eingelagert, bis ich eine neue Bleibe finde.

Auf der Wiese im Pfarrgarten hocken ein paar 14-, 15-jährige Bengels. Ich stelle mein Gepäck neben sie und bitte sie, mal 'ne Weile drauf aufzupassen. Ein sehr jungenhaft wirkendes, kleinwüchsiges Mädchen fragt nach einer Zigarette. Ich verteile Karo. Die Jungs sind begeistert. Das Mädchen fragt mich, woher ich jetzt komme, und wird nicht wieder, als sie Großhennersdorf hört. Katharinenhof? Kennst du Schwester Ruth? Doch, die ist sehr gut; mich hat sie immer gut behandelt. Ich war mal dort, vor acht Jahren. Jetzt kommt sie aus Kleinwachau und erzählt mir, wie schlecht ihre Eltern sie behandeln und im Betrieb der Meister und die Kameraden. Sie will unbedingt nach Großhennersdorf und bittet mich inständig, einen Brief von ihr, so schnell es geht, dorthin zu leiten. Ich verspreche es ihr.
Vorhin hab ich Frieder mit noch ein paar Leuten zur Kapelle hochgehen sehen. Ich denke, dass schon Gottesdienst ist, und gehe erst mal aufs Klo, dann hoch, aber alles ist verrammelt. Man hört zwar die Orgel, doch die Kapelle ist leer. Als ich wieder runterkomme, hat Erika den Brief geschrieben und gibt ihn mir zu lesen. Er ist kaum zu entziffern - ich werde für Ebs ein paar Zeilen dazu schreiben. Mit Erika gehe ich dann mal zu Barbara, Frieders Frau, hoch. Die führt mich auch gleich auf den Boden, und ich krame ein bisschen, bis ich gefunden hab, was ich suchte. Das Abizeugnis und den Lebenslauf brauche ich für die Studienbewerbung in Jena, die Beurteilungen meiner bisherigen Arbeitsstellen finde ich jetzt nicht. Ich gehe wieder runter und suche Erika. Sie hockt mit einem Jungen in Burkhardts' Kinderzimmer vor der Eisenbahn. Barbara bestätigt mir, dass heute JG ist, so gegen sieben wird's anfangen mit gemeinsamem Abendbrot.
Als wir wieder runterkommen, sind es ein paar Minderjährige mehr geworden. Ein Mädchen hat ein Kleinkind mitgebracht. Die Leute sind freundlich. Als ich grad dabei bin, meine Sachen wieder mal günstig zusammenzupacken, kommt Frieder.
"Na, du bist ja noch da."
Er ist in Schulterklopflaune und strahlt lyrisch in die Sonne. In solcher Verfassung nimmt er niemanden voll wahr und zeigt auch nicht die geringste Lust auf längere Gespräche. Ich lass ihn in Ruhe, nachdem er Erikas Klagen mit einem ironischen "So-du-hast-auch-Sorgen?" quittiert hat.
Gegen sechs schultere ich meine Bagage wieder und mache mich auf. Ein Mädchen meint, ich solle doch da bleiben, die JG fange bald an, wo ich noch hin wolle. Ich bin mir selbst nicht ganz schlüssig. Ich sage, erst mal zu meiner Freundin, mal sehen, vielleicht komm ich dann noch mal wieder. Aber kaum bin ich ein Stück vorgelaufen, packt mich der Entschluss, gleich noch auf die Piste zu fahren. Es ist noch hell, vielleicht komm ich heute noch nach Karl-Marx-Stadt.

In Cossebaude an der Piste steht schon einer, und ein anderer läuft vor mir. Der da schon steht, will nach Leipzig. Ich sage, dass ich heute aus Großhennersdorf komme...
"Ach! Aus Großhennersdorf? Zufällig warst du im Katharinenhof? Wieso haben wir uns da nicht gesehen?"
Er war ebenfalls ein paar Tage dort zu Gast bei Olaf gewesen. Da hält ein Trabi mit ungarischem Nummernschild. Ein junges Mädchen, sehr gut aussehend, Ungarin: "Karl-Marx-Stadt."
Der andere, der hinter mir stand, will ebenfalls dorthin. Also steigen wir beide ein. Gruß zurück an Olafs Kumpel, dann wende ich mich der Ungarin zu. Sie will wissen, wo in Karl-Marx-Stadt irgendeine Straße ist. Wir wissen es beide nicht, aber ich kann endlich wieder mal mein Ungarisch an den Mann bringen:
"De Karl-Marx-Stadtban lehet kérdezni rendőrt."*)
Sie zeigt sich erwartungsgemäß erfreut: "Honnan tudsz magyarul?"**)
So entwickelt sich eine kleine Unterhaltung bis Karl-Marx-Stadt, und ich stelle voller Erschrecken fest, dass von meinem Ungarisch nur knapp die Hälfte noch geblieben ist.

An der Tankstelle steigt der Typ aus und trampt weiter. Ich fahre mit nach Karl-Marx-Stadt rein. Erst mal zum Bahnhof und zur Trapo. Die gesuchte Straße ist bald gefunden, und ich bin sehr erfreut, denn sie liegt in Adelsberg, das ist auch meine Richtung.
Meine Mutter ist freudig überrascht über meinen Überfall. Sie fällt bald aus allen Wolken, als sie hört, Theologie will ich studieren. Aber irgendwie freut sie sich, hauptsächlich darüber, dass ich "nun doch endlich" studieren will. Nach Jena soll ich noch mal bei ihr vorbeikommen und berichten, unbedingt. Und bis ich wieder was habe, kann ich bei ihr bleiben. Jetzt freue auch ich mich.

*) Aber in Karl-Marx-Stadt kann man einen Polizisten fragen.
**) Woher kannst du Ungarisch?