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Mittwoch, 12. Februar 2014

Die Kapo-Deutsche vom Sozialamt

Traum vom 25. Juni 2012

Ich ließ mir einen Schein ausstellen, der mir Versicherungsleistungen verschaffen sollte, und ging damit zum Sozialamt. Als ich ankam, wollte die zuständige Sachbearbeiterin gerade Feierabend machen und gehen, doch sie kam heraus und sagte, ich habe Glück, mich nehme sie noch dran. Ich bedankte mich bei ihr und fügte hinzu, ich wisse zwar gar nicht, ob ich hier überhaupt richtig sei, aber wahrscheinlich doch, doch ja, es gehe um Sozialleistungen, das sei etwas mit einer Versicherung... ach, hier! „Hier haben Sie einfach mal die Unterlagen.‟
Sie war zuständig und bearbeitete meinen Antrag auch. Das alles dauerte ziemlich lange, und während ich am Schreibtisch stand und immer wieder andere Unterlagen aus meinem Köfferchen zu Tage fördern musste, geriet mir in der Hektik manches durcheinander. Dabei fiel mir auf, dass meine Unterlagen ziemlich zerfleddert aussahen und mein Köfferchen etwas abgewetzt, und dann fiel mir der ganze Blätterstapel auseinander und flog über den Schreibtisch. Ich benahm mich ganz typisch für mich: Ich machte Scherze, die normalerweise darauf abzielen, dass der andere darauf einsteigt und Verständnis signalisiert. „Ach, ich bin wirklich ein kleines Schlamperlein!‟
Die Frau stieg aber nicht ein. Schon ein paarmal hatte sie auf meine scherzhaften Bemerkungen überhaupt nicht reagiert, und ich begann, mich unbehaglich zu fühlen: Hat die mich jetzt nicht verstanden, oder mag sie mich nicht? Beim letzten Mal aber stimmte sie mir sogar zu: Ja, ich sei schlampig.
Das steigerte sich mehr und mehr, bis es sich zu unerträglichen Beleidigungen hochschaukelte. Ich versuchte immer wieder, die Spitzen zu nehmen, indem ich ihr suggerierte, dass sie das doch nicht ernst meine - aber sie meinte es ernst. Sie beschimpfte mich schließlich regelrecht, ich sei dreckig, ungepflegt, unordentlich, eine Schlampe und weiß der Teufel was. Da wurde es mir zu viel. Ich drehte hoch auf 180 und fuhr sie an, wie sie eigentlich mit ihren Kunden umgehe, das lasse ich mir nicht bieten… Ich wollte schon sagen, ich gehe, als mir einfiel, dass das ja nicht gut ging, denn schließlich wollte ich etwas von ihr. „Ja‟, sagte ich, „aber Sie wollen auch etwas von Ihren Kunden, wir bezahlen Sie immerhin!‟
Also, es wurde ein richtig ausgewachsenes Gebrüll, bis ich wirklich meine Sachen schnappte. Da saß die Dame mit einer Kollegin hinter einem Schalterfenster, und ich hatte das Bedürfnis, sie zum Abschied noch einmal richtig zu verletzen und suchte nach einer möglichst schlimmen Beleidigung.
„Sie... Sie Kapo-Deutsche!‟ schrie ich.
„Was bin ich?‟ fragte sie, und auch ihre Kollegin riss die Augen auf.
„Sie sind eine Kapo-Deutsche! Jawohl! Und wie!‟
Und stürmte aus dem Amt.

Drei Dinge:
Erstens überlegte ich mir beim Hinausstürmen etwas erschrocken, ob ich nicht zu weit gegangen war. Sicher, sie hatte mich grob beleidigt und ich sie nun auch, aber Kapo-Deutsche war vielleicht ein anderes Kaliber als Schlampe? Würde sie mich jetzt verklagen?
Zweitens ging sie offensichtlich davon aus, dass ihre Kunden, die Sozialhilfeempfänger, alles Asoziale seien. Sie hatte schon solche Scheuklappen ausgebildet, dass sie gar nicht mehr im Stande war, einen intelligenten Menschen zu erkennen. Das war mein größter Ärger: dass meine Intelligenz hier nichts zählte, ja, nicht einmal bemerkt wurde und mir dafür Mängel vorgeworfen wurden, die für mich überhaupt keine Rolle spielen.
Und drittens war die Frau am Anfang blond und hübsch gewesen und zum Schluss dunkelhaarig und hässlich.
 
 

Freitag, 7. Februar 2014

Die Ohnmacht


Wir waren mal in einem Café gewesen, einem Biergarten, zwei Freundinnen und ich, und hatten uns über die Regierung unterhalten, und dabei hatte eine auch von einem kürzlichen Mord erzählt.
Tage später tauchten bei mir zwei Kriminalistinnen von der Inquisition auf, um mich zu dem Mord zu verhören. Ich sagte ja, ich habe davon gehört, war aber ängstlich darauf bedacht, keine Namen zu nennen, um meine Freundin nicht zu verraten. Die hatte den Mord zwar auch nicht begangen, aber man weiß ja nie.
Die Vernehmerinnen waren erst überaus freundlich und verständnisvoll: „Nein, selbstverständlich haben Sie nichts damit zu tun, wir wollen nur einige Fragen stellen.‟
Dann jedoch unterstellte mir die eine, etwas gesagt zu haben, was ich gar nicht gesagt hatte, und als ich mich empört an die andere wandte, bestätigte die die Falschaussage ihrer Kollegin.
Da begriff ich, dass man gegen die Inquisition keine Chance hat. Wenn die wollen, dass ich die Mörderin bin, dann bin ich es auch.


Samstag, 1. Februar 2014

Nobody wants you to shine

Traum vom 11. Juni 2012

Ein Foto. Ein Foto von einer Sängerin, die Ende der 1960er sehr bekannt war. Mir fiel ihr Name nicht ein. Sie war dünn wie ein Schlauch, hatte dunkles, kurzes, auftoupiertes Haar, ein Mischlingsgesicht und zog sich gerade ein hautenges, gewirktes Schlauchkleid mit breiten Querstreifen von unten nach oben über den Körper. Sie bereitete sich in der Garderobe auf ihren Auftritt vor.
Als sie das Kleid endlich oben hatte, sagte sie, zu mir gewandt: „Nobody wants you to shine!‟
Dann legte sie den riesigen, weiten Schlauchkragen um ihren Hals zurecht.
 
 

Donnerstag, 30. Januar 2014

Orientierungsverlust


Ich bin in einer Stadt angekommen mit dem Namen Reichenbrand. Auf dem Marktplatz soll ein Raffael stehen, den will ich sehen.
Ich laufe über den schmalen Marktplatz, finde aber nichts. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Statue oder ein Gemälde sein soll, doch ich finde wirklich keinen Raffael. Laufe über eine Baustelle, quatsche mich an Marktständen vorbei - nichts. Er sollte sowieso ziemlich am Anfang stehen, das habe ich auf der Karte gesehen. Da muss ich wohl noch mal nachfragen.

Unversehens bin ich in einen Bus eingestiegen, von dem ich nicht weiß, wohin er fährt. Ich gehe davon aus, dass er mich einfach nur auf die andere Seite des Marktes bringen wird und dann zurückfährt. Ich bin zu schwach, um so weit zu laufen.
Neben mir und gegenüber sitzen zwei Männer. Als der Bus die andere Seite vom Markt erreicht, fährt er einfach weiter, eine lange, gerade Asphaltallee entlang und mitten in eine Baustelle hinein, die ein riesiger Krater ist. Es sieht aus wie ein stillgelegter Tagebau. Ich frage die Männer, wohin der Bus fahre - weit -, und rufe, da müsse ich wohl sofort aussteigen, wenn ich nicht so weit zur Stadt zurücklaufen will. Sie lachen, rufen „Ja!‟, sie sind lustig und nett.

Mitten in der Grube steige ich aus und klettere mühevoll die steile Grubenwand hoch. An dieser Seite ist der obere Rand von welligen, leuchtend roten und gelben Rändern eingefasst, die aussehen wie dick gekleisterte Ölfarbe, so:

Mit mir klettern noch viele andere die Grubenwände hoch. Es hat den Anschein, als kletterten sie um ihr Leben. Als ich den Rand schon fast erreicht habe, versperrt uns (direkt an meiner linken Seite klettert noch eine Frau) ein Rohr den Weg. Eine dicke Rohrleitung läuft am oberen Grubenrand entlang. Ich will schon aufgeben, da drücke ich gegen das Rohr, und es lässt sich ganz leicht nach links wegschieben. Der Ausstieg über den verwurschtelten Ölfarbenrand ist gar nicht schwer. Ich hatte befürchtet, mich nicht hochhieven zu können, doch ich bin ganz leicht.

Nun stehe ich oben in der diesigen, gleißenden Landschaft und überlege, in welcher Richtung wohl Reichenbrand liegt. Ich habe die Orientierung verloren.

Sonntag, 26. Januar 2014

Die Abschiedsfeier


In einem langen Gebäude feiern wir Abschied. Es sieht fast wie ein U-Boot aus: ein langer Gang, von dem rechts die Räume abzweigen.
Ich gehe in den zentralen Raum und setze mich an einen Tisch. Ist das unpassend? Werden die anderen mich ignorieren, verjagen, mit strafenden Blicken bedenken? Nichts dergleichen. Die Jungs lachten mir zu. Es sind Bekannte aus meiner Vergangenheit, Schulkameraden. Sie lachen mir zu, und manche kommen an meinen Tisch. Die Mädchen sind in Bewegung, laufen von einem Raum zum anderen, und die Jungs sitzen in den Räumen, und jeder bedenkt jeden überreich mit der gleichen freudigen Aufmerksamkeit. Niemand wird bevorzugt. Alle sind der Star.

Wieder einmal erscheint Robby mit den zertrümmerten Füßen in den glänzend braunen orthopädischen Knöchelschuhen, Robby, die Inspektorin. Sie liegt da und fragt mich nach unserer kürzlichen Vergangenheit aus. Eine Tür ist zugemauert worden. „Warum haben sie das umgebaut?‟ Der Kellereingang hat es nötig gehabt. „Aber dort unten‟ - ich weise nach links zur Kellertreppe - „ist bestimmt noch viel mehr zu tun.‟
Ich spaziere bis zum Ende des Gangs. Dort ist Schluss. Hier beginnt eine andere, eine alltägliche Welt. Das ist neu. Ich erinnere mich, dass unser U-Boot früher hier noch weiterging, noch mehr Räume hatte. Nun ja, es ist ein Abschied, wir haben wohl schon abgespeckt.

Als ich zurück in ein anderes Zimmer komme, sitzen dort ganz viele, und einer, der links mit dem Rücken zu mir sitzt, spielt Gitarre. Ein wunderschönes, gut bekanntes Stück aus der alten Zeit. Kein Blues, etwas sehr Melodisches, Melancholisches. Am U auf seiner Schulter oder an der Gitarre erkenne ich im Gitarristen Uriah. Ich setze mich und bin sehr glücklich. Ich wünsche mir zum Abschluss des Tages noch eine Affäre mit Uriah. Auch wenn er glücklich verheiratet ist.
Auch wenn ich verheiratet bin. Jake hat im Schlafzimmer eine Flasche Sherry geöffnet und gläschenweise an die Leute verteilt. Auch ich halte ein Gläschen mit Sherry in der Hand. Als Uriah Gitarre spielt, gehe ich mit Jake ins Schlafzimmer, um mir noch ein Glas Sherry zu holen. Der würzige, goldene Wein schmeckt mir so gut, dass ich Lust bekomme, mich heute Abend zu betrinken. Jake will mir das verbieten. „Ich will aber!‟ Es ist seine Flasche. Er nimmt sie mit nach draußen, und ich sorge mich, dass ich wirklich keinen Sherry mehr bekommen könnte.

Freitag, 2. August 2013

Schuld - die Befreiung

Traum vom 30. Mai 2012

Wir trafen uns mit einem Freund, der vorschlug, zu einem mit ihm befreundeten Pärchen in Halle zu gehen. An deren Haus angekommen, erschien wie aus dem Nichts plötzlich mein Vater vor der Haustür. Er war zufällig dort vorbeigekommen, und ich freute mich und begrüßte ihn. Ich sagte, ich muss los, wir wollen zu Freunden, und er sagte: „Da komme ich doch mit.‟
Wir verbrachten die ganze Nacht bei diesen Freunden in unserer alten Wohnung auf der Reilstraße. Ich weiß nur noch, dass es sehr dunkel in dieser Wohnung war, aber es war ja auch Nacht, und in allen Zimmern war eine Fete im Gang. Irgendwann verabschiedete sich mein Vater und ging.
Am Morgen standen wir, einigermaßen betrunken, wieder mit unseren polnischen Freunden auf der Straße. Ich wollte los, in meine alte Wohnung auf der Reilstraße, und drängelte, aber P. unterhielt sich immer wieder mit den anderen und achtete gar nicht auf mich. Ich wartete eine Ewigkeit, aber er reagierte gar nicht auf mich, er stieß mich weg, schüttelte mich ab, ich wurde von ihm heftig zurückgewiesen, bis ich weinte und schrie und schließlich mit ihm rangelte und ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasste. Dann ging ich allein in meine Wohnung, zutiefst verletzt. P. hätte mit mir hier sein sollen.

Ich war froh, die Wohnung leer vorzufinden. Es hätte nämlich auch mein Bruder hier sein können, aber er war nicht da. So verbrachte ich mehrere Tage in der alten Wohnung, trank ständig Wein und schlief in meinem alten Jugendzimmer und hatte zum ersten Mal das Gefühl, hier wieder richtig zu wohnen. Ich hatte beschlossen, wieder ganz hierher zu ziehen. Die Wohnung war ja unbewohnt, und all unsere alten Möbel standen noch drin.
Doch am zweiten oder dritten Morgen kam mein Bruder. Mich ärgerte das, weil ich gerade aufstehen und wieder trinken wollte. Aber ich ging hin zu ihm und fragte ihn, was mit P. los sei, warum er mich verraten habe. Mein Bruder kam nämlich von unseren Großeltern väterlicherseits, und dort war auch P. Er sagte, P. sei sauer auf mich, weil die Wohnung so heruntergekommen sei. Erst verstand ich überhaupt nichts, doch mit seiner Hilfe kamen wir schließlich dahinter, dass er die Wohnung der Freunde meinte, bei denen wir die Nacht verbracht hatten. Und in diesem Moment verschmolz P. mit meinem Vater. Und ich ging auf die Palme. Ich tobte und heulte, was das für eine Schizophrenie sei: Wieso macht er mich für die Wohnung fremder Leute verantwortlich? Er hätte doch gar nicht mit hingehen müssen! Ja, im Gegenteil, fiel mir plötzlich ein, er war ja nicht einmal eingeladen gewesen, er hatte sich selbst eingeladen! Die Wohnung und die Leute hatten ihm nicht gefallen? Was, zum Teufel, hatte das mit mir zu tun?!
Dasselbe Theater machte ich noch einmal, als ich wieder mit P. zusammentraf, doch den juckte es überhaupt nicht. Er blieb unversöhnlich, stieß mich eiskalt zurück und warf mir auch noch vor, ihn geschlagen zu haben. Er hatte einen blauen Fleck im Gesicht. Ich schrie: „Verdammt, ich habe dir eine verpasst, als wir uns geprügelt haben, was willst du eigentlich? Ich habe auch etwas abbekommen!‟

Und dann war ich mit P. bei unseren polnischen Freunden - Szenenwechsel, denn hier hatten wir wieder ein normales Verhältnis. Es war der Morgen nach der Silvesterparty, und alle hatten einen ausgewachsenen Kater. Ich auch, aber es ging zu verkraften; mir war nur im Magen sehr flau, eine heftige Magenschleimhautreizung, aber ich war auf den Beinen und konnte verreisen. Das hatten wir nämlich vor gehabt, nur wollte jetzt niemand mehr, weil manche sogar darnieder lagen oder sich übergeben mussten. Ich wunderte mich, dass ich nach so vielen Jahren wieder Silvester gefeiert hatte wie früher, nämlich mich betrunken. Umso wichtiger war es, mich rückzuversichern, dass ich nichts getan hatte, wofür ich mich schämen müsste, und dass ich nur einen leichten Kater hatte. Ich hatte also in Maßen getrunken.
Die Kinder und Enkel unserer Freunde waren auch da, nun aber hatte auch ihr jüngerer Sohn ein Kind, das ich mir entzückt zusammen mit Adam betrachtete. Es sah aus wie ein Lollipop oder eine Kinderrassel - oder auch wie ein Teletubbie: ein kugelförmiger Kopf auf einem dicken, walzenförmigen Stiel und auch noch eine Öse zum Aufhängen auf dem Kopf. Und es wirkte wie aus Plastik. Aber es war fröhlich und plapperte und nickte immer wieder mit dem Kopf. Ich fragte, wie alt die Kleine sei. „Zwei Monate‟, sagte Adam. „Und wie heißt sie?‟ „Julka.‟ „Was denn - auch Julka?! Wie eure Tochter?‟ rief ich überrascht aus. „Ja‟, sagte Adam, „aber es ist ein Junge.‟

Und dann waren noch zwei junge Frauen, eine Schwarzhaarige, die sich immer leuchtend rot kleidete und schminkte, und eine natürliche - braun oder dunkelblond, und sie hatte etwas Hellblaues an. Beide waren sehr schön, aber die Schwarzhaarige war von einer auffallenden Schönheit. Vor allem aber war sie äußerst stolz und die Würde in Person. Ausgerechnet sie aber hatte sich gegenüber der anderen etwas Schlimmes zuschulden kommen lassen.
Nach über 30 Jahren trafen sich die beiden nun wieder. Natürlich waren sie gealtert, aber sie waren immer noch strahlend schön, besonders die Schwarzhaarige, die sich immer noch rot kleidete und schminkte. Wie entsetzt war ich jedoch, als ich sah, wie die einst stolze, rote Königin gebückt und zerknittert durch die Tür in den Nebenraum schlich, die Augen niedergeschlagen oder ängstlich in der Gegend umherhuschend, und mit brüchiger Stimme grob vor sich hin brabbelte. Es war klar, dass ihre Schuld sie über die Jahre hinweg so zugerichtet hatte, und nun war sie wohl gekommen, um dem ein Ende zu setzen.
Als die Hellblaue in den Nebenraum kam, der wie eine leere Zelle aussah, gingen beide mit Messern aufeinander los. Sie hielten sich gerade in einem festen Clinch umklammert, die Messer aufeinander gerichtet, als die Rote - ich hatte es fast erwartet! - ihr Messer ganz langsam umdrehte und auf sich richtete. Und zwar auf ihren offenen Mund. Sie schob sich das Messer langsam in den Rachen, drehte sich um, und da hob wiederum die Hellblaue ihr Messer und stach es der Roten ebenso langsam in den Rücken.
Und ich dachte: Sie hat es richtig gemacht. Sie hat die Schuldige von ihrer Qual befreit.

© Angela Nowicki, 2. August 2013

Montag, 29. Juli 2013

Däumelinchen

Traum vom 22. April 2012

Alle beschäftigten sich mit Paul, und niemand nahm seine kleine Schwester wahr. Ich wunderte mich, dass das ältere Kind mehr Aufmerksamkeit erhielt als das jüngere.
Es war ein unheimlich niedliches kleines Mädchen, gerade daumengroß. Ihr Vater konnte ihrer nicht Herr werden, denn sie war dauernd verschwunden, ging ihre eigenen Wege. Ich war ständig hinter ihr her, denn ich fand, sie müsse doch etwas essen. Sie aß so wenig, zum letzten Mal hatte sie wohl frühmorgens gegessen und auch da nur eine spatzengroße Portion, und jetzt war später Nachmittag. Es war da ein Teller mit einem orangefarbenen Fruchtbrei, doch den wollte sie überhaupt nicht, sie rannte immer weg oder spuckte ihn wieder aus, wenn man versuchte, ihn ihr in den Mund zu stecken. Etwas unterhalb dieses Breis steckte aber auch noch ein leuchtend roter. Ich war überzeugt, dass sie den mochte, sie bekam ihn nur nie.
Auf einmal schlüpfte sie geschwind in eine kleine, runde Hülse, so groß wie ein Urinröhrchen, so klein war sie. Ich machte ihren Vater darauf aufmerksam: „Schau, ich glaube, sie hat sich allein schlafen gelegt.‟ Aber sie war zu unruhig, um zu schlafen - schwupp! war sie wieder weg. Wieder lief ich hinter ihr her und suchte sie, um sie zu füttern. Ich tat das, weil ich überzeugt war, dass ein Kind mindestens drei Mahlzeiten am Tag braucht und auch noch ordentliche. Seltsamerweise machte der Winzling aber den Eindruck, als brauche er eben keine drei Mahlzeiten. Der Kleinen genügten sehr seltene Spatzenportionen, wenn überhaupt. Ich begann laut zu überlegen, ob sie sich nicht von Licht ernähre. Vielleicht war es eine Elfe?
Endlich hatte ich sie und wollte ihr den roten Brei geben. Sie saß ganz erwartungsvoll da, offensichtlich würde sie endlich essen. Doch als ich ihr den Löffel in den Mund steckte, spuckte sie sofort wieder - ich hatte ihr aus Versehen den orangefarbenen Brei verabreicht. Wie ich mich auch mühte, roten Brei auf den Löffel zu bekommen - es schob sich immer der orangefarbene drauf.

© Angela Nowicki, 29. Juli 2013

Sonntag, 28. Juli 2013

Die verschollene Mutter

Traum vom 5. April 2012

Wir waren in Berlin, und dort ist meine Mutter verschollen. Als wir wieder nach Hause kamen und ich am nächsten Morgen aufstand, sah ich, dass die Wohnungstür noch sperrangelweit offen stand und das Zimmer meiner Mutter leer und ihr Bett unberührt war. Sie hätte im Verlauf des vergangenen Tages heim kommen müssen, und sie war nicht gekommen. Ich sagte zu meinem Mitbewohner: „Meine Mutter ist nicht nach Hause gekommen! Wir müssen sie als vermisst melden!‟

Und dann begann ein ewiger Gang zur Polizei, der nie vollendet, sondern durch ständig neue Ereignisse abgelenkt wurde. Einmal bemerkten wir, als wir auf die Straße meiner Kindheit kamen, eine Unruhe. Passanten starrten immer wieder irgendwohin auf der anderen Straßenseite. Dort war ein Haus eingerüstet, aber was sollte sein? Da war nichts. Erst als wir zum zweiten Mal rauskamen, sahen wir, dass ein Bauarbeiter offensichtlich vom Gerüst abgerutscht war und nun in der Luft hing und um Hilfe rief. Es war eines der alten Holzgerüste, und der Bauarbeiter hing zwischen den Streben einer diagonal nach oben führenden Leiter.
Mittlerweile war schon die nächste Nacht vergangen, und meine Mutter war noch immer nicht da. Ich begegnete im Hausflur unserem Hausbesitzer und erzählte ihm das. Selbst im Traum fragte ich mich, was das den eigentlich angehe, doch offensichtlich ging es ihn an, er konnte da wohl auch etwas unternehmen, aber der hier nahm es nur zur Kenntnis. Es war ein junger Mann, und er schien irgendwie zu unseren Freunden zu gehören.
Unterwegs in der Straßenbahn zur Polizei überlegte ich, was ich antworte, wenn sie mich fragen, warum wir die Vermisstenanzeige erst so spät aufgeben. Die richtige Antwort fiel mir zum Schluss ein: Die Polizei macht doch ohnehin nichts, bevor nicht mindestens zwei Tage vergangen sind.

Es war so, dass auch mein Mitbewohner und andere mich immer wieder von der Suche nach meiner Mutter ablenkten und ich dann irgendwann zu drängeln begann. Ich sagte, ich sei ganz sicher, dass ihr etwas passiert sei - entweder habe sie einen Unfall gehabt, oder sie habe sich verirrt in Berlin. Wir müssen sie finden!

© Angela Nowicki, 27. Juli 2013

Donnerstag, 25. Juli 2013

Find your damned genius!

Tagebucheintrag vom 10. März 2012

Witzige Entdeckung gemacht:
Als geistiges Wesen gehöre ich natürlich in meinen Kopf, aber es muss ein Gleichgewicht da sein, d.h. ich muss zu gleichen Teilen auch körperlich und sinnlich tätig sein. Bis zur Geburt meiner Kinder war dieses Gleichgewicht auch ganz natürlich da, und vielleicht fühle ich mich heute so unvollständig, weil ich diesen natürlichen Drang zu trampen, Sport zu treiben usw. nicht mehr ausleben kann. Aber egal.

Zum ersten Mal verschob sich das Gleichgewicht mit dem ersten Kind. Und zwar zu Ungunsten des Kopfes - ich musste immer mehr in Körper und Beziehungen, Alltag hinein, dass ich schließlich regelrecht aus meinem Geist ausgesperrt blieb. Es war wie eine Vertreibung aus der Heimat. Vielleicht findet sich hier auch ein weiterer Grund für meine Alkoholsucht: Der Alkohol öffnete meinen Geist, ich durfte für zwei, drei Stunden „nach Hause‟ - und tatsächlich hat es mich ja fast immer nur zur Flasche getrieben, um wieder mal im Lesen und Schreiben schwelgen zu können, es war fast ekstatisch.
Schließlich kam der Umkehrpunkt: I am living behind a curtain... Nein, es war 1999, als ich die letzte abhängige Arbeitsstelle hinter mir ließ, als die Kinder aus dem Haus bzw. fast erwachsen waren, als endlich die Hausarbeit immer weniger wurde, da kehrte ich mit einem nicht enden wollenden Fest in meinen Kopf zurück. Und - peng! - hörte ich auf zu trinken. Vor allem, nachdem ich 2000 ein Vierteljahr lang alle Psychologie-Vorlesungen an der Uni besucht hatte, denn da war ich zum ersten Mal in meinem Leben wunschlos glücklich.
Jetzt aber schlug das Pendel zur anderen Seite aus - nämlich ab 2002 und so richtig dann ab 2004, seit ich die geistige Arbeit zum Beruf gemacht habe. Seitdem bin ich in meinem Kopf, meiner Heimat, gefangen - wie damals, als ich den PM12 hatte. Nun durfte ich nicht mehr nur endlos schreiben, lesen und denken, ich musste es auch, und das Schlimme war (und ist): Es ist eine nachschaffende geistige Arbeit, das Übersetzen, und keine schöpferische. Oder sagen wir besser: Es ist kein Selbstausdruck, und der ist für mich genauso essenziell wie das Gleichgewicht aus Geist, Körper und Sinnen.

Okay - 23 Jahre Gleichgewicht - 20 Jahre Körper-Exil - 5 Jahre Gleichgewicht - 7 Jahre Kopf-Exil - und jetzt zurück ins Gleichgewicht.

Heute:
Mein unaufhörliches Nachdenken über mich und mein Leben, mein Analysieren, Planen und meine Nonstop-Selbstgespräche - all das ist ein einziger großer Fake, eine Kompensation, eine Reaktion - es ist nicht wirklich, und es ist nicht nötig, und es hat nichts mit der Realität zu tun! - denn: Sobald ich im Gleichgewicht zwischen Kopf und Körper bin, sprich: Sobald ich erst mal den halben Tag lang wandern gehe, Yoga mache, male, aufräume, verstummt diese Dauerbeschallung in mir, und ich höre automatisch auf, über mich nachzudenken! Auf einmal bin ich still und in meiner Mitte.
DAS ERLEBE ICH SEIT VIELLEICHT VIERZIG JAHREN ZUM ERSTEN MAL!

Dann habe ich mir noch was überlegt:
Was wollte ich denn ursprünglich am meisten vom Leben? Berühmt werden? Ich wollte ein Genie sein! Nicht mehr und nicht weniger. Und das bedeutet: Ich wollte etwas machen, worin ich auf der ganzen Welt die absolut Beste bin, was sonst keiner tun könnte - wie Janis Joplin im Singen.
Jetzt ist die Frage: Worin bin ich denn die Beste? Als Kind und noch als Jugendliche und junge Frau war ich von dieser Genialität in mir total überzeugt. Und mir ist heute erst mal richtig aufgefallen, dass diese Überzeugung mittlerweile einfach weg ist - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mich überall für mittelmäßig bis bestenfalls sehr gut halte! (meine Träume von genialen Kindern!)
Nicht mal mehr in der Sprache halte ich mich für die Beste. Weder in Fremdsprachen noch im Schreiben - ja, es ist so weit gekommen, dass ich mir nicht mehr zutraue, einfach mal so eine Fremdsprache zu erlernen, dass ich schon wieder Angst habe, nach England zu fahren, weil ich die Sprache nicht mal annähernd beherrsche! Und ich schäme mich dafür!
Gut, ich muss jetzt mein Genie wiederfinden. Mir schwant schon was... Jedenfalls liegt es definitiv nicht auf einem hergebrachten Spezialgebiet, wie Literatur, Lyrik, bildende Kunst, Musik, Schauspiel, Tanz, Film, Fremdsprachen oder Forschung oder auch Beratung...

© Angela Nowicki, 25. Juli 2013

Abschied vom Vater

Traum vom 2. März 2012

Mein Vater muss bald sterben. Ich muss bald sterben. Ich verabschiede mich von ihm. Mein Vater sitzt gemeinsam mit seiner Schwester und P. an einem runden Tisch. Er bastelt oder zeichnet irgendetwas, ist sehr beschäftigt. Ich verabschiede mich von ihm unter Tränen. Ich weine mir die Seele aus dem Leib, kann gar nicht wieder aufhören, er weint auch. Ich umarme ihn, sage, wie lieb ich ihn habe. Zum Schluss sage ich ihm, ich wünsche mir, dass wir uns vor dem Tod noch ein paarmal wiedersehen. Dann gehe ich durch den Flur nach draußen. Im Flur sind Menschen. Ich weine unaufhörlich. Es ist mir egal, was die anderen denken.

© Angela Nowicki, 24. Juli 2013

Montag, 15. Juli 2013

Einmal Spieletheorie, bitte!

Traum vom 11. Januar 2012

In Anwesenheit mindestens einer anderen Person erklärte ich hoffnungsvoll meinem Vater, was Spiritualität eigentlich sei. Dass sie im Grunde mit der modernen Wissenschaft übereinstimme, und die moderne Wissenschaft sei heute die Spieletheorie.
Mein Vater sah es nicht ein und attackierte mich weiterhin.

© Angela Nowicki, 13. Juli 2013

Freitag, 12. Juli 2013

Als der Wal den Tiger erschlug

Traum vom 30. Dezember 2011

Ein Hin und Her. Meine Eltern waren abends ausgegangen. Ich hatte noch eine Flasche Weißwein im Nachttisch versteckt, die wollte ich trinken, an zwei Abenden je eine halbe Flasche. Ich hatte aber immer Angst, dass mein Vater unverhofft zurückkommt. Dann sollte ich die Flasche auch lieber wieder ordentlich verstecken, damit er sie nicht sieht, falls er zufällig meinen Nachtschrank öffnet.
Mein Vater kam mit dem Auto angeprescht. Ich winkte ihm zu, aber er reagierte gar nicht auf mich. Als er sich, an der Bushaltestelle vorbei, entfernte, sah ich, dass noch weitere Personen mit im Auto saßen.

Ein Wal erschlug mit seiner Schwanzflosse einen ausgewachsenen Tiger. Beide lagen einfach so da in unserer Wohnung. P. stand mit dem Rücken zum Tiger, der sich noch bewegte, und ich vor P. Ich forderte ihn auf wegzugehen, damit der Tiger uns nicht anspringt, aber er sagte: „Der springt nicht mehr, der liegt schon im Sterben.‟
Ich sah den prächtigen, rotbraunen Tiger an. Er bewegte sich und stöhnte, als versuche er, die richtige Schlafposition zu finden. Ich war entsetzt, einem Tiger beim Sterben zusehen zu müssen. Dann streckte der Wal seinen Schwanz aus, und der Tiger lag auf diesem Schwanz und kuschelte sich immerfort hinein, gerade so, als wolle er schlafen. Er starb aber!

© Angela Nowicki, 12. Juli 2013

Donnerstag, 11. Juli 2013

Wie war mein Vater?

Traum vom 16. Dezember 2011

In einer Reihe zu zwölf oder vierzehn Männern, untergehakt wie beim Cancan, kam mein Vater mit seinen Sportkameraden zur Tür herein. Auf der Schwelle kickte er einen Fußball zum Rechtsaußen, und ließ einen flotten, lauten Spruch dazu los. Alles stand still. Der Ballempfänger suchte nach einer Entgegnung und stammelte schließlich unsicher ein paar nicht wirklich witzige Worte. Wieder stand alles still.
Ich sah das Bild und dachte, mein Vater muss die anderen doch befremdet haben mit seiner Art. Aber alles, was ich erkennen konnte, war, dass er sie verunsichert hat und sehr wohl autoritär wirkte.

© Angela Nowicki, 11. Juli 2013

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Zartheit der Fledermäuse

Traum vom 22. November 2011

Ich kam nach langer Zeit zurück in die Wohnung meiner Kindheit. Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss, fragte ich mich, ob das jetzt wirklich wahr sei und ich es nicht etwa schon wieder träume, und ich befand, es sei wirklich wahr.
Dann wunderte ich mich aber doch, dass im Flur das Licht wieder einmal nicht anging, als ich die Wohnungstür abschließen wollte. Ich hatte es erwartet, ich meine, ich hatte Licht erwartet, ohne jede Frage, und wunderte mich sehr, dass es einfach nicht angehen wollte. 'Die Birne muss kaputt sein', dachte ich. 'Ich muss P. Bescheid sagen, er soll die Birne wechseln.' Es war unangenehm, nichts zu sehen. Vor der Wohnungstür lag etwas Großes, Dunkles. Ich bekam ein wenig Angst. Was war das? Ich konnte kaum hinüber reichen, um die Tür abzuschließen.
Da streifte mich etwas. Es war der Flügel einer Fledermaus. Als ich mich umwandte, sah ich, dass mehrere Fledermäuse sich in unseren Flur verirrt hatten und nun immer wieder aufgescheucht wurden, wenn jemand sich bewegte. Eine hing mit dem Kopf nach unten. Ich versuchte, mich so unspürbar wie möglich zu bewegen, damit sie sich beruhigten und alle hinhängten, doch sie waren so empfindlich, dass sie jede Bewegung spürten. Immer mehr Fledermäuse flatterten aufgescheucht und etwas panisch durch den Flur, und es ließ sich nicht vermeiden, dass ich immer mal wieder von einer gestreift wurde, obwohl ich auswich und mich duckte.

Immer in Erinnerung bleiben wird mir das Gefühl, von einer Fledermaus gestreift zu werden. Es war so sanft und zart. Es war ein wunderschönes Gefühl.

Ich dachte, die haben doch Echolot, wieso streifen sie mich immer wieder? Und ich dachte an die Höhlen und Bunker, die von den Naturschützern verschlossen werden, damit Eindringlinge die Fledermäuse nicht verscheuchen. Wenn wir uns jetzt hier ganz normal bewegen, dann müssten sie demzufolge flüchten? Sie blieben aber. Wahrscheinlich fanden sie auch den Weg nach draußen nicht mehr.
Als ich ins Schlafzimmer kam, sah ich ein Loch in der Wand, und eine aus unserer Gruppe saß davor. Ich begriff, dass die anderen in meiner Abwesenheit aus unerfindlichen Gründen ein Loch in die Wand geschlagen hatten, das in einen Keller führte, und da sie es nicht wieder zugemauert oder wenigstens zugestellt hatten, waren die Fledermäuse auf diesem Weg hier eingedrungen. Ich schimpfte mit der Person, die dort saß, und forderte sie auf, das Loch mit mir zusammen zuzustellen. Wir versuchten, einen Schrank oder ein Bett davor zu schieben, doch es ließ sich nicht ganz verschließen.

Als ich viel später wieder ins Schlafzimmer gehen wollte, war da keins mehr. Links war das Kinderzimmer, rechts das Bad, aber geradeaus löste sich der Flur auf, und irgendwann befand ich mich draußen im Freien.

© Angela Nowicki, 9. Juli 2013

Montag, 1. Juli 2013

Das Kind, die Finsternis und Tantes Gallenwerte

Traumsequenz vom 18.-20. Oktober 2011

Heute war das obligatorische Baby, von dem ich seit Jahren träume, zum ersten Mal älter geworden! Ich habe von meinem Enkel geträumt, der plötzlich anderthalb oder zwei Jahre alt war, unheimlich gewachsen und unheimlich dünn geworden, worüber ich sehr staunte.

***

Im Klo ging das Licht nicht an. Ich versuchte es mehrmals, dachte dann, die Birne sei kaputt, und wollte Licht im Flur machen, damit ich nicht ganz im Finstern auf dem Klo sitze. Das Flurlicht ging aber auch nicht an, das zweite ebenfalls nicht, und auch in der Küche tat sich nichts. Alle Birnen kaputt? Kurz zuvor hatten die Lampen noch alle gebrannt, auch die im Klo. Und plötzlich gingen sie nicht mehr. Und ich hatte wieder einmal Angst vor der Dunkelheit.

***

Ich hatte mit meiner Tante beim Abschied verabredet, dass ich sie nicht noch einmal anrufe, da es ja schon nach sieben Uhr abends war. Dann rief sie mich doch an. Meine Tochter ging ran, und ich hörte, wie meine Tante in ihrem langgezogenen, klagenden Ton sagte: „Mich hat noch gar niemand angerufen...‟ Sofort nahm ich meiner Tochter das Telefon aus der Hand und sagte laut und ärgerlich, wir hätten das doch verabredet, dass ich nicht noch mal anrufe. Sie konnte sich nicht daran erinnern, stimmte auch nicht zu, sondern schien unzufrieden zu sein. Sie fragte - und es klang leicht pikiert -, ob ich ihre Gallenwerte wissen wolle. So, als sei in den zwei, drei Stunden, seit wir uns von ihr verabschiedet hatten, etwas Wichtiges passiert und sie wolle mir Schuldgefühle machen, weil ich nicht danach fragte.
„Nein, ich will deine Gallenwerte nicht wissen!‟ entgegnete ich.
Davon wurde zwar die Tante nicht zufriedener, doch der Traum versickerte langsam wie ein Fluss in der Wüste...

© Angela Nowicki, 1. Juli 2013

Samstag, 29. Juni 2013

Feuerlinien

Traum vom 2. Oktober 2011

Beim Aufwachen sah ich kurz eine Feuerlinie in der Steppe, ein niedriges Feuer, und ich wusste oder hörte oder dachte:

„Ein Gegenfeuer zur Auslöschung der Vergangenheit.‟


Tagebucheintrag vom 13. Oktober 2011

Und wieder runter... Gestern ging's mir so gut, als sei ich nach über drei Monaten des Schwimmens im Meer mit gelegentlichem Fast-Absaufen endlich mal kurz auf einer Insel gelandet. Dass das nur eine Insel war, sehe ich heute: Ich liege schon wieder im Meer...
Was mich vor allem fertig macht, ist, dass ich nach wie vor mich dafür entschuldige, rechtfertige, erkläre, klein mache, dass ich bin, wie ich bin. Die anderen rechtfertigen sich doch auch nicht dafür, dass sie Weihnachten brauchen! Für sie ist das selbstverständlich, DIE NORMALITÄT, das Richtige, und sie fühlen sich richtig, und ich bin falsch - wenn nicht, weil ich Weihnachten nicht will, dann, weil ich mir nicht einfach nehme, was ich will. Ha-ha! Was wäre denn, wenn ich sagen würde, ich hab die Schnauze voll, ich fahre über Weihnachten weg? Dann wäre ich trotz allem die Böse. Die Falsche, excusez-moi.

© Angela Nowicki, 29. Juni 2013

Mittwoch, 26. Juni 2013

Niemand muss erwachsen werden

Traum vom 27. September 2011

Mitten im dichten Verkehr fuhren wir mit dem Fahrrad nach Hause, meine Tochter und ich. Sie fuhr vor mir. Rote Ampel hinterm Gleisdreieck vor dem ehemaligen Sporthaus. Der Wagen vor uns hielt, meine Tochter bremste - und ich konnte nicht bremsen, weil ich den falschen, den linken Fuß oben hatte - ich kann nur mit dem rechten Fuß die Rückbremse treten. Ich fuhr auf meine Tochter auf, und im selben Moment gab es einen Knall: Ich hatte sie gegen das Auto vor ihr geschoben. Auffahrtunfall.

Erst passierte gar nichts, außer dass ich herumfuchtelte, um zu zeigen, dass ich das war. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte gar keiner was gemerkt! So aber wurde nicht nur meine Tochter, sondern auch die Fahrerin des Autos aufmerksam und stieg aus. Ich sagte, ich war das, hier ich! Ich konnte nicht mehr bremsen, bin gegen das Fahrrad vor mir gefahren. Meine Tochter bestätigte das, und die Fahrerin und ihr Begleiter freuten sich: „Na, das ist ja wunderbar, dann ist ja alles klar, wenn gleich freiwillig alle Schuldbezeugungen kommen!‟
Wir schoben unsere Fahrzeuge nach links an den Straßenrand, um den Unfall aufzunehmen. In diesem Moment dachte ich schon darüber nach, was ich denn sonst hätte tun sollen. Ich war ein wenig verblüfft, dass die beiden sich so diebisch über mein Schuldeingeständnis freuten, so als sei das nicht üblich. Ich hätte es wohl abstreiten können? fragte ich mich. Was hätte ich damit gekonnt? Letztlich war ich es doch, und es wäre eh rausgekommen, nur nach sehr viel gerichtlichem Hin und Her und Streit.
Die Frau schrieb und schrieb und untersuchte und fragte... Irgendwann fragte ich, ob ihr Schaden wirklich so groß sei, dass es sich lohne, darum so einen Aufriss zu machen. Aber ich drang mit der Frage nicht durch, und mir wurde klar, dass ich hier etwas werde bezahlen müssen, vielleicht nicht zu knapp. Doch dann fiel mir ein, dass das ja unsere Versicherung bezahlt.
Sie holte ihren Versicherungsausweis hervor, und da fiel mir ein, dass sie ja auch meinen braucht und ich gar keinen bei mir habe.
„Ooops, ich habe meinen Versicherungsausweis gar nicht bei mir‟, sagte ich. „Tut mir leid, den muss ich erst von zu Hause holen.‟ Sie lächelte und nickte.

„Zu Hause‟ war gleich nebenbei. Ich musste mich nur ein paar Schritte entfernen, und ich wusste auch, in welcher Schublade der Ausweis liegt, nur: Die Schubladen waren verschlossen, und ich hatte keinen Schlüssel dazu. Nun dachte ich fieberhaft nach, wo der Schlüssel sein könnte: Ich hatte ihn jedenfalls nicht an meinem Schlüsselbund, dabei sollte ich wohl. Lag er zu Hause irgendwo, oder trug P. ihn dauerhaft an seinem Schlüsselbund? Letzteres war am wahrscheinlichsten, er trägt ja immer alles bei sich, als sei er für alles verantwortlich. Und dann ist er nicht da oder nicht dabei, so wie jetzt, und der Rest der Welt hat das Nachsehen! Ich sah den Schlüssel ganz deutlich vor mir: ein kleiner, silberner Schlüssel, wie unser Briefkastenschlüssel.
„Tut mir leid‟, wandte ich mich wieder an die Frau. „Ich komme nicht in die Schublade mit dem Ausweis rein, ich weiß nicht, wo der Schlüssel ist. Ich werde Ihnen die Ausweisdaten mailen müssen.‟
Das war ok für sie, trotzdem rannte ich - dieses Mal mit meiner Tochter - noch eine Runde, um auszuprobieren, ob die anderen Schubladenschlüssel, die sehr wohl an ihren jeweiligen Schubladen steckten, vielleicht passten, ob es vielleicht alles derselbe Schlüssel war. Das erschien mir jedoch unwahrscheinlich - wozu hätte sonst jede Schublade ihren eigenen Schlüssel? Und so war es auch.

Ich weiß nicht, ob das eine Antwort auf eine Frage der Frau war oder ob sie aus einer kurzen Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir hervorging, aber auf einmal rief ich rechtfertigend: „Weil es jetzt überall heißt: Ja, ihr müsst erwachsen werden - hier... und dort... Ihr müsst erwachsen werden!‟
Die Frau lächelte leicht spöttisch: „Quatsch, niemand muss erwachsen werden‟, und schaute mich an. Erst viel später fiel mir ein, dass ich doch 54 bin! Was hatte sie wohl gedacht, als ich das sagte? Ich war doch nur mit meiner Tochter auf einer Veranstaltung für Jugendliche gewesen, wo es hieß, wir müssten erwachsen werden, und ich hatte dort nur eine Jugendliche spielen müssen und gespielt. Allerdings hatte ich mich in dem Augenblick, als ich das jetzt zu der Frau gesagt hatte, sehr wohl mit der Jugendlichen identifiziert und mich so gefühlt. Mir waren auch noch andere Anlässe eingefallen, zu denen es hieß, wir müssten erwachsen werden, und mir war ja erst hinterher eingefallen, dass ich doch eine alte Frau bin!

© Angela Nowicki, 26. Juni 2013

Montag, 24. Juni 2013

Meine Familie verzeiht keine Fehler

Traum vom 24. September 2011

Ich hatte meine normale Arbeit, nahm aber nebenbei noch einen Job bei Großvater Paul an. So, wie mir die Arbeit erklärt wurde, hatte ich keine Probleme damit, ich war überzeugt, alles ganz locker zu schaffen. Dann aber machte ich einen entscheidenden Fehler, für den ich überhaupt nichts konnte - ich hatte das nicht wissen können, niemand hatte mir etwas gesagt. Doch anstatt abzuwinken und ihn einfach auszubügeln - ich war ja nur freiwillige Helferin, so etwas wie eine Praktikantin -, regte sich mein Großvater furchtbar auf und sagte, der Kunde werde dann ein Wörtchen mit mir reden wollen.

Das geschah auch. Der Kunde rief mich auf dem Handy an. Erst konnte ich ihn kaum verstehen, weil es so laut im Raum war, daher bat ich ihn zu warten, damit ich das Fenster schließen könne. Dann zog er übergangslos über mich her, regte sich über meinen Fehler auf, aber das hätte ich noch klären können - wenn nicht Großvater Paul dazu gekommen wäre. Er legte sich rechts von mir auf eine Holzbank und begann, dem Kunden am Telefon Recht zu geben und mich niederzumachen.

Das war zu viel für mich. Auch hinterher noch löste keine Entschuldigung von mir das erwartete Abwinken: „Ist schon in Ordnung...‟ aus, sondern nur vorwurfsvolles Befremden. Ich geriet nach und nach in Wut und Verzweiflung, bis mir die Tränen kamen. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz, dass ich das doch nicht wissen konnte, dass keiner mir etwas gesagt habe. Paul warf mir vor, ich habe ganz am Anfang gesagt, ich schaffe das alles mit links. Ja, sagte ich, das war ja auch wahr, ich konnte doch am Anfang nicht wissen, was da auf mich zukommt, mir hätte jemand Bescheid sagen müssen, wenn etwas Ungewohntes verlangt wird, woher sollte ich das denn wissen? Außerdem, sagte ich, hat mich furchtbar verletzt, dass du mich direkt vor dem Kunden niedermachst, wie kannst du nur? Und schließlich heulte ich, wozu ich überhaupt diesen Job angenommen habe, ich habe meinen Job, ich habe das freiwillig getan, ich müsse gar nicht bei ihm hier arbeiten, wozu mache ich das überhaupt noch!

Nichts, nichts, nichts fruchtete. Und das Fruchten hätte so ausgesehen, dass Großvater Paul mir verziehen hätte. Aber meine Familie verzeiht mir wohl nicht - die Fehler, an denen ich gar nicht schuldig bin.

© Angela Nowicki, 24. Juni 2013

Sonntag, 23. Juni 2013

Vaterklärung

Traum vom 18. September 2011

Ich saß mit meiner Familie zu Tisch wie bei einer Feier. Mein Vater saß an der Stirnseite, mein Bruder links neben ihm.
Ich erzählte meinem Bruder von unserer verstorbenen Mutter. Er oder auch alle anderen hatten behauptet, sie sei so angepasst und unterwürfig gewesen, und ich musste dem im Grunde zustimmen, doch: „Manchmal war sie auch sehr eigenwillig. Zum Beispiel bei der Feststellung ihrer Pflegebedürftigkeit, da hat sie sofort und mit Spaß mitgespielt, als ich ihr einschärfte, wie sie sich verhalten solle...‟
Das erzählte ich meinem Bruder, der dazu aufgestanden war. Sofort fiel mir mein Vater ins Wort und belehrte mich scharf, dass ich sie in solchen Situationen dazu hätte anhalten müssen, sich den gesellschaftlichen Regeln anzupassen. Er putzte mich vor versammelter Mannschaft runter, dass ich meine Mutter hätte davon abbringen müssen, sich individualistisch zu verhalten. Im lauten Befehlston. Mir schwoll der Kamm.

Da schrie ich meinen Vater an, dass das alles eine große Lüge und absolut falsch sei, dass Individualismus das Beste sei, was der Mensch hervorbringen könne und so weiter. Meine Tante wand sich und versuchte, zu beschwichtigen, und mein Vater wurde auf einmal ganz still.

© Angela Nowicki, 23. Juni 2013

Samstag, 22. Juni 2013

Wie man zur Dissidentin wird

Traum vom 14. September 2011

Es war ein öffentliches Spiel, wie im Fernsehen „Wer wird Millionär?‟ oder so. Es gab mehrere Resultate, und wenn der Kandidat verlor, wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Ich hatte nicht geglaubt, dass das ernst gemeint sei. Kandidatin war ein junges, hübsches Mädchen, die ich Berenice genannt hätte, mit kinnlangem, glattem, schwarzbraunem Haar. Sie hatte verloren, und nun hieß es: „Exekution!‟
Die Verantwortlichen überlegten noch, ob sie eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren sollten oder etwas Humaneres, und ich hoffte sehr, sie würden sich für letzteres entscheiden. Sie fragten herum, wer zur Exekution käme. Die Zuschauer waren angeordnet wie ein Passbildbogen, ein großes Quadrat oder Rechteck aus lauter kleinen Feldern, in denen je ein Zuschauer saß. Es waren Fotos und gleichzeitig lebendige Menschen. Die meisten sagten ja, sie kämen, nur um sich konform zu verhalten; niemand hatte die Courage, sich zu widersetzen. Nur die eine ganz unten rechts in der Ecke, sie war entsetzt, sie schien außer mir die Einzige zu sein, die wahrnahm, was hier gleich geschehen sollte. Sie war sehr sensibel und regte sich furchtbar auf, stand auf und ging.

Und ich. Ich war schon mehrmals als Rebellin aufgefallen, als eine, die sich nicht einordnet. Auch ich sagte: „Seid ihr wahnsinnig? Ihr könnt doch nicht einfach einem Menschen den Kopf abschlagen!‟
Ich ging zu einer der Verantwortlichen hin, packte sie bei der Gurgel und rief: „Wie wäre es, wenn ich dich einfach erwürge, weil du mir nicht passt?‟
Und doch verstand niemand, was ich sagte. Es sei schließlich so üblich, und die Kandidatin sei schließlich mit dieser Möglichkeit von vornherein einverstanden gewesen, niemand werde gezwungen, an diesem Spiel teilzunehmen.
Ich sagte: „Wenn ihr sie wirklich umbringen wollt und das auch noch öffentlich, dann weiß ich nicht, was das für Menschen sind, die dabei zuschauen! Ich werde jedenfalls nicht dabei sein!‟

Ich ging weg und erfuhr im gleichen Moment, dass die Geheimpolizei mich und nun auch die andere Zuschauerin, die bereits gegangen war, sorgfältig observierte und meine Wohnung durchsuchte. Ich hörte, wie mein Partner auf die Palme ging wegen dieser Verletzung des Rechts auf die Privatsphäre und überlegte einen Moment, ob ich mich nicht auch wehren sollte. Dann aber dachte ich: ‚Das bringt überhaupt nichts. Alle finden das in Ordnung, alle halten mich für eine Verräterin, nun schon mehrfach, eine, die immer querschlagen muss. Dann sollen sie halt meine Wohnung durchsuchen, ich habe nichts zu verbergen.‘

Sehr fest und stolz, in einsamer Größe schritt ich von dannen.

© Angela Nowicki, 22. Juni 2013