Dienstag, 13. September 2011

Annäherung der Tiere

Ein kleines Haus in Südengland. Durch die Terrassentür im Living Room blickt man hinaus auf die Wiese im Garten und an dessen Ende auf das nächste kleine Haus. Dahinter bezeichnet ein schmaler blauer Streifen die uferlose Ferne.
"Jetzt sind wir hier", sagt Neila zu Leo und Barbara. "Ich glaube immer noch, ich träume."
Draußen schlägt der Hund an.
"Ha! Ein Einbrecher", ruft Leo und lacht, und die beiden Frauen stimmen ein. "Der soll nur kommen", kichert Barbara. "Bei unserem Hund kommt der nicht rein."
Neila aber sieht keinen Hund draußen. Sie drückt ihre Nase an der Glastür platt: weit und breit kein Hund. Sie denkt: ‚Ja, wenn es kein Hund ist, der bellt, dann sind wir es wohl.‘ Gleich stimmt sie in das Gebell ein, mit besonderem Eifer, denn es soll ja kräftig sein und gehört werden.
Als sie jedoch noch einmal nach links zur Hauswand schaut, bleibt ihr Blick an etwas hängen, das sehr wohl wie ein Tier aussieht. Sie blickt angestrengt hinüber. Es ist kein Hund, aber es ist ein Tier. Es ist nicht richtig zu sehen, weil es zum Teil von der Hauswand verdeckt wird, doch dann erkennt Neila das Hinterteil eines Kälbchens.
"Hey, kommt mal her!" ruft sie aufgeregt. "Jemand hat uns ein Kälbchen vor die Tür gelegt!"
Barbara kommt sofort gerannt, Leo schlurft hinterher. Neila hat die Terrassentür geöffnet, und nun stehen alle im Garten um ein Kälbchen herum, das wer weiß woher kommt, und sind sprachlos.
Barbara findet als Erste die Sprache wieder: "Vielleicht ist es krank?"
Das bringt die drei in Bewegung. Leo greift sofort zu und hilft dem Kälbchen auf die Füße. Sie führen es ins Haus. Das Maul des Kälbchens steckt in einer Papptüte. Neila erschrickt, und auch Barbara macht ein besorgtes Gesicht und sagt: "Tierquälerei." Doch dann sehen sie durch den Spalt an der Seite der Tüte sein rosa Maul, das ganz zufrieden und fröhlich mit ihnen zu sprechen beginnt.
"Wenn ich mich etwas hinlegen dürfte?", sagt das Kälbchenmaul. "Auf der Wiese war es eigentlich ganz angenehm. Dort könnte ich mich ausruhen, bis ich wieder ganz gesund bin, und Gras habe ich auch, nur ab und zu ein Schälchen Wasser wäre wirklich freundlich."
Im Übrigen spricht es natürlich englisch.
Neila, Leo und Barbara führen das Kälbchen wunschgemäß wieder zurück auf die Wiese, in die kühle englische Sonne, damit es sich auskurieren kann, und auch ein Schälchen Wasser findet sich. Wieder im Haus, setzen sie sich zusammen und beraten, und am Ende der Beratung beschließen sie, das Kälbchen zu behalten, denn Kälbchen sind schöne Tiere, und vielleicht könnte es ihnen einst sogar Milch geben.

Am Nachmittag ist Neila auf dem Heimweg vom Theater. Sie steht gerade mit Bobby, einem Freund aus ihrer Theatergruppe, an der Bushaltestelle, als ein Mann ein Pferd an ihnen vorüber führt. Als er näher kommt, macht sich das Pferd plötzlich los und kommt, wie von einem Magneten angezogen, direkt auf Neila zu. Sie ist zunächst etwas verwirrt, doch das Pferd bleibt bei ihr stehen. Es macht den Anschein, als fühle es sich zu ihr gehörig. Der Mann ist längst weitergegangen, er hat sich nicht einmal umgeschaut.
Es ist ein schlankes Pferd mit dunkelbraunem, glänzenden Fell und heller Mähne, ein wunderschönes Pferd, kräftig und gesund. Bobby fragt, was sie mit dem Pferd jetzt machen wolle.
"Wenn es meint, dass es zu mir gehört, dann soll es auch bei mir bleiben", beschließt Neila. Am Ende freut sie sich und findet das Ganze völlig in Ordnung.

Nun sind sie erst zwei Wochen in England und haben neben dem kleinen Häuschen mit dem Blick auf die uferlose, blaue Ferne schon ein Kälbchen und ein Pferd, und nun fragt Neila ihre Familie, ob sie sich noch eine Kuh kaufen wollen. Das jedoch lehnen alle ab, und auch Neila findet schließlich, das sei zu viel. Sie wollen immerhin keinen Bauernhof anlegen und täglich mit den Hühnern aufstehen, um die Tiere zu füttern. Eine kurze Zeit lang stellt sie sich diese Situation vor, und ihr wird klar, dass sie nie ein Tier schlachten würden. Wozu dann also die Kuh? So viel Milch brauchen sie ja gar nicht.

© Angela Nowicki, 16. September 2010

Sonntag, 11. September 2011

HD: Die Schaltkreise, Teil 2


Die Schaltkreisgruppe des Individuums

Aus dem Stamm heraus entwickelt sich das Individuum nicht "vom Ich zum Wir", sondern vom weitgehend unbewussten Wir zum bewussten ICH. Das lässt sich auch an der menschlichen Individualentwicklung nachvollziehen: Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich erst gegen Ende der ersten drei Lebensjahre; vorher erlebt sich das Kleinkind als noch nicht getrennt von seiner Umwelt und seinen Bezugspersonen und spricht von sich in der dritten Person. Das Interesse des Individuums sind die Selbstfindung und die Selbstverwirklichung. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, denn das Individuum erwächst ja aus dem Stamm, hat also bereits eine gemeinschaftliche Entwicklungsphase hinter sich. Es ist in der Lage, Rücksicht auf andere Individuen zu nehmen und sie durch sein Vorbild zu bestärken. Es hat allerdings nicht die Aufgabe, für andere da zu sein, sondern in erster Linie für sich selbst, allerdings ohne anderen zu schaden, nach dem Motto: "Freiheit ist immer auch die Freiheit der anders Denkenden." Deshalb ist sein Schlüsselwort nicht Selbstbestärkung, wie in der allerersten Stufe der Integrationskanäle, sondern Bestärkung anderer, weil es andere durch seinen individuellen Ausdruck darin bestärkt, ihren eigenen individuellen Ausdruck zu suchen und auszuleben. Der wahre Individualist sagt: "Seht her, Menschen, all das könnt ihr tun und noch mehr, wenn ihr euch aus dem Joch der Herde befreit und euer Selbst würdigt!"
Die Schaltkreisgruppe des Individuums besteht aus
dem Schaltkreis des Wissens mit den Kanälen
61/24 (Kopf-Ajna) - Gewahrsein, ein Design des Denkers
43/23 (Ajna-Kehle) - Strukturierung, ein Design der Individualität (Genie oder Wahnsinn)
8/1 (Kehle-Selbst) - Inspiration, ein Design des schöpferischen Rollenvorbilds
2/14 (Selbst-Sakral) - Metrum, ein Design des Schlüsselverwalters
3/60 (Sakral-Wurzel) - Mutation, ein Design der impulsiven Entwicklung
38/28 (Wurzel-Milz) - Kampf, ein Design des Eigensinns
57/20 (Milz-Kehle) - Geistesblitz, ein Design durchdringender Bewusstheit
39/55 (Wurzel-Solarplexus) - Gefühlsausdruck, ein Design der Launenhaftigkeit
22/12 (Solarplexus-Kehle) - Offenheit, ein Design der Geselligkeit
dem Schaltkreis der Zentrierung mit den Kanälen
51/25 (Herz-Selbst) - Einweihung, ein Design des Drangs, Erster zu sein
10/34 (Selbst-Sakral) - Erforschung, ein Design, den eigenen Überzeugungen zu folgen
Das Besondere an der Schaltkreisgruppe des Individuums ist, dass sie als einzige Schaltkreisgruppe alle neun Zentren miteinander verbindet. Auch dies ist für mich ein Hinweis darauf, dass das Individuum das evolutionäre Bindeglied zwischen dem Stamm und dem Kollektiv ist: Es hat ein Ego, aber auch ein Selbst und einen Verstand. Beim Wissen dreht sich alles um Selbsterkenntnis und bei der Zentrierung um Selbstfindung und Selbstverwirklichung.

Die Schaltkreisgruppe des Kollektivs

Wenn der Mensch sich selbst gefunden und verwirklicht hat, ist er in der Lage, sich wieder mit anderen zusammenzuschließen, aber dieses Mal nicht mehr in egoistischer Abhängigkeit, sondern in einer Gemeinschaft der Freien. Das Kollektiv ist keine materiell orientierte Interessengruppe, wie der Stamm, sondern eine Gruppe oder Gesellschaft, die aus Individuen besteht, die sich freiwillig für das Gemeinwohl in die Pflicht nehmen lassen, ohne ihre Individualität aufzugeben. Es ist das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Kollektiv geht es ums Teilen und Tauschen, Mit-teilen und Aus-tauschen. Vom Stammes-Attribut der Unterstützung unterscheidet sich das Teilen darin, dass es auf gleichberechtigter Basis, auf Augenhöhe, und freiwillig geschieht und dass es nicht zwingend eine Gegenleistung nach sich zieht, denn sonst wäre es ja nicht freiwillig. Wenn man von einem Stammesmenschen ein Geschenk erhält, so sollte man sich bei passender Gelegenheit besser revanchieren. Egal, was er sagt - im Stamm wird immer eine gleichwertige Gegenleistung erwartet, und schon ist man unfreiwillig in der Pflicht. Der kollektive Mensch gibt aus seiner inneren Fülle, ohne dafür etwas zu erwarten, und nimmt in Würde, ohne sich zum Geben verpflichtet zu fühlen. Letztlich geht es auch hier wieder um ein WIR, allerdings ein höheres Wir, das das Ich nicht mehr unterdrückt, weil es ohne Ich gar nicht denkbar wäre.
Irgendwie klingt das alles noch ziemlich utopisch. Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Menschheitsentwicklung noch nicht beim Kollektiv angelangt sind. Wir haben gerade den Stamm überwunden und stecken derzeit mitten in der Individualisierung, zu sehen u.a. am Untergang der Großfamilien und der Familie als "Keimzelle der Gesellschaft", dem Bedeutungsverlust der Institution Kirche, dem explodierenden Egoismus (wenn mich überhaupt etwas an der Werbung fasziniert, so ist es ihre Rolle als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen!) und seiner "Spaßgesellschaft". Egoismus im Sinne von Ich-Bezogenheit ist ein ganz natürlicher Kompensationsmechanismus auf die jahrtausendelange Verleugnung des Ich: Das Pendel muss erst genauso weit nach der anderen Seite ausschwingen, bevor es sich allmählich "einpendelt".
Die Schaltkreisgruppe des Kollektivs besteht aus
dem Schaltkreis der Abstraktion mit den Kanälen
64/47 (Kopf-Ajna) - Abstraktes Denken, ein Design der geistigen Aktivität und Klarheit
11/56 (Ajna-Kehle) - Neugier, ein Design des Suchers
33/13 (Kehle-Selbst) - Der verlorene Sohn, ein Design des Zeugen
46/29 (Selbst-Sakral) - Entdeckung, ein Design, Erfolg zu haben, wo andere versagen
42/53 (Sakral-Wurzel) - Reifung, ein Design der zyklischen Entwicklung
41/30 (Wurzel-Solarplexus) - Erkennen, ein Design der gebündelten Energie
36/35 (Solarplexus-Kehle) - Vielseitigkeit, ein Design des Hans-Dampf-in-allen-Gassen
dem Schaltkreis der Logik mit den Kanälen
63/4 (Kopf-Ajna) - Logisches Denken, ein Design der geistigen Leichtigkeit mit Zweifeln
17/62 (Ajna-Kehle) - Akzeptanz, ein Design der Nachfolge
31/7 (Kehle-Selbst) - Dominanz, ein Design der Führerschaft
15/5 (Selbst-Sakral) - Rhythmus, ein Design des Mitschwingens
9/52 (Sakral-Wurzel) - Konzentration, ein Design gerichteter Aufmerksamkeit
58/18 (Wurzel-Milz) - Urteil, ein Design der Unzufriedenheit
48/16 (Milz-Kehle) - Wellenlänge, ein Design des Talents
Das Besondere am Kollektiv ist, wie man sich schon denken kann, das Fehlen des Stammes-Ego. "Selbstlosigkeit" ist allerdings ein irreführender Begriff; das, was damit umgangssprachlich gemeint ist, müsste eigentlich "Ichlosigkeit" oder eben "Egolosigkeit" heißen. Bei der Abstraktion geht es um Erfahrungen und bei der Logik um Vorstellungen. Erfahrungen beziehen sich immer auf die Vergangenheit, die hier bewahrt und gedeutet wird (Erinnerung, Geschichte, Literatur usw.), während Vorstellungen sich immer auf die Zukunft beziehen, die hier geplant wird (Prognose, Technik, Informatik usw.).

© Angela Nowicki, 11. September 2011

Samstag, 10. September 2011

Schweigen

Nur Schweigen ist in mir
Sonst nichts
Das Dröhnen des Tages
Die Angst
Der Schmerz
Verstummen vor meiner Haut Glätte
Erreichen nicht mehr mein Herz
Und es bleibt Schweigen
Sonst nichts

© Angela Nowicki, 1981

Donnerstag, 8. September 2011

Kapitel 3: Wrocław

oder
Es gibt Dinge, die man Eltern nicht erzählen darf


Am Abend kam Neila in Wrocław an. Irgendwo am Stadtrand. Sie hatte keine Ahnung, wo Michał wohnte. Er hatte ihr in Rothenburg zum Abschied seine Adresse gegeben: "Wenn du mal wieder nach Wrocław kommst, erwarte ich deinen Besuch!" Das war weniger eine Einladung gewesen als ein Befehl. Jetzt fragte sie eine Passantin, die mit zwei Einkaufstaschen an ihr vorbeihastete, nach der Rawska. Damals verständigte sich Neila noch in einer abenteuerlichen Mischung aus Polnisch und Russisch, mit der sie aber gut durchkam.
"Oje, das ist ja am anderen Ende der Stadt!" jammerte die Frau mitfühlend. "Da müssen Sie mit der Straßenbahn..."
Offensichtlich dachte die Frau, es sei mühseliger, Neila den komplizierten Weg zu erklären, als sie einfach ein Stück zu begleiten. Dieses Phänomen war ihr auch in Ungarn schon mehrmals untergekommen: Du fragst wildfremde Leute, die mit Sicherheit nicht ausgerechnet auf dich gewartet haben, nach dem Weg - und sie lassen alles stehen und liegen und begleiten dich persönlich durch die halbe oder sogar die ganze Stadt und warten manchmal sogar noch, bis man dir an deinem Zielort die Tür geöffnet hat. Die Polin jetzt, dem Eindruck nach eine gewöhnliche Hausfrau (Mantel und Strickkappe - diese unsäglichen polnischen Strickkappen!), entschied sich für die halbe Stadt, was weit genug war, und setzte Neila schließlich zufrieden in die letzte Straßenbahn auf ihrer Route, nicht, ohne ihr vorher noch eingeschärft zu haben, an der wievielten Haltestelle sie auszusteigen habe.
"Und dort fragen Sie noch mal jemanden, ja?"
Neila versprach es ihr und bedankte sich herzlich.

Zehn Uhr abends klingelte sie an der Gartentür des schicken Einfamilienhauses in einer stillen Siedlung. Eine Minute später lag sie sich mit Michał in den Armen. Er freute sich über ihren Besuch, als sei sie der kommende Papst, aber das war bei den polnischen Hippies so üblich. Sie steigerten noch einmal, was nicht mehr steigerungsfähig erschien: die berühmte polnische Gastfreundschaft.
Freudestrahlend stellte Michał sie seinen Eltern vor, zwei wohlhabenden Architekten. Es war Neila durchaus peinlich, von der versammelten Familie gleich zum Abendbrottisch gedrängt und begeistert ausgefragt zu werden ("Wo ist meine Tarnkappe?"). Immerhin war sie auf der Flucht, und Eltern mögen noch so lieb sein - es gibt Dinge, die darf man ihnen nicht erzählen. Und wenn sie dann noch so rührend um ihren unbekannten Gast besorgt sind, fühlt es sich schon mal ungut an, sie belügen zu müssen.

Erst in Michałs Zimmer, das ihr von der ganzen Familie wie selbstverständlich zur Verfügung gestellt wurde, während Michał selbst sich ebenso selbstverständlich ausquartierte, konnte Neila ihre kurze, aber bereits einigermaßen komplizierte Geschichte loswerden. Michał staunte Bauklötzer. So radikal waren nicht mal die meisten polnischen Hippies, dass sie einfach ins Ungewisse hinein abhauten. Aber die hatten auch kein Reiseverbot - eine Sache, die Neila in Polen noch häufiger genauer erklären musste, denn die Polen konnten zwar auch nicht einfach in der Welt herumreisen, aber nur, weil sie entweder nicht genug Geld hatten oder von der ausländischen Botschaft kein Visum bekamen (weil sie nicht genug Geld hatten). Dass der eigene Staat einen einsperren konnte, selbst wenn es um den "verfaulten Westen" ging, das wollte ihnen nicht in den Kopf. Kunststück.

Nachdem Michał begriffen hatte, was für Neila auf dem Spiel stand, beruhigte er sie jedoch.
"Keine Sorge, wir finden eine Lösung für dich. Morgen treffen wir uns erst mal mit den Freunden."
Die Anspannung eines Tages fiel von Neila ab, als sie, endlich allein, ans Fenster trat und ihren Blick über Mond und Dächer gleiten ließ.

Sie war angekommen.

Montag, 5. September 2011

Unser Prominenter Junge (Teil 2)


Doch das ist nun vorbei. Nach so vielen Jahren der Demütigung ist endlich auch Irenes Tag gekommen. Ihr Deckel hat sie gefunden. Den kann Marmara gern "raiiizend" finden, wie sie will. Es ist ihr Deckel! Ein leiser Zweifel, wie der Biss einer Kakerlake, durchzuckt Irene. Passt dieser Deckel denn wirklich zu ihr? Irgendwie will es ihr nicht recht gelingen, sich und Ihn als Paar vorzustellen. Was werden die anderen sagen? "So ein ungleiches Paar, das ist doch lächerlich! Was findet Er nur an ihr? Ach was, das ist sicher nichts weiter als einer Seiner exzentrischen Scherze. Er wird sie bald fallen lassen wie eine angefaulte Kartoffel. Ja, Marmara und Er, das wäre ein schönes Paar!..." Gequält stöhnt Irene auf. Das muss ein ganzes Kakerlakennest sein! Sie kneift sich mit voller Kraft in den Unterarm und schlägt die Falltür über den verbrecherischen Gedanken zu. Ein paar Hofschranzen haben sich auf ihren Schmerzenslaut hin umgedreht und starren sie an. In ihrem Gesicht klappt ein hölzernes Lächeln auf. Unser Prominenter Junge sieht es und streckt strahlend die Arme nach ihr aus:
"Ah, da ist ja meine spezielle Freundin! Komm her, lass dich umarmen!"
Und die spezielle Freundin macht, gar nicht mehr hölzern, ihre Aufwartung.

Später gibt es eine Privataudienz, ganz allein für Irene. Nun gut, eigentlich war es ihr Vorschlag, aber das spielt keine Rolle. Sie hat ein Geschenk für Ihn, ein ganz besonderes, ausgesucht mit größter Sorgfalt. Nicht, dass es dessen bedurft hätte – das hätte ja ausgesehen, als wolle sie Ihn kaufen. Du lieber Himmel, nein, Liebe lässt sich nicht kaufen. Er weiß, was Er ihr schuldig ist. Nennen wir es also ein Geschenk aus Liebe.
Überrascht nimmt Unser Prominenter Junge den Gutschein entgegen. Sein immer noch hübsches Gesicht (Hübscher denn je! denkt Irene), in dem die Augen vielleicht ein wenig zu sehr glitzern (aber das gefällt Irene ja so) strahlt in aufrichtiger Freude über die bevorstehende Wellnessgymnastik zu zweit. Irene schwebt darüber wie ein Heliumballon. Genauso hat sie es sich vorgestellt. Deshalb kann sie gar nicht anders, als einfach loszuplappern, noch bevor Er Sein "Aber das war doch nicht nötig" zu Ende gesprochen hat, und ihm die ganze Geschichte zu erzählen, wie sie den Gutschein zusammengestellt hat (sorgfältig!), wie ihr Besuch im Verlag verlaufen ist (ihrem Verlag! In ihrer Schussfahrt fällt ihr gar nicht auf, dass er dieses Besitzwort entweder überhört oder aber nicht für wert befunden hat, darauf zu reagieren – andererseits: Hätte er eine Chance dazu gehabt? Hätte er nicht.), wie ihr merkwürdiger Schlagabtausch mit der Lektorin verlaufen ist, Wort für Wort, bühnenreif wiedergegeben, so dass es sogar Unserem Prominenten Jungen ein amüsiertes Kichern entlockt, wie sie den Gutschein bestellt hat, wohl wissend, was sie wollte. Nur ihre Hausfrauenentschuldigung streicht sie aus dem Drehbuch, das war zu peinlich.
Unser Prominenter Junge weiß, was sich gehört. Er ist ganz Ohr, zeigt sich gespannt, zeigt sich interessiert, blinzelt schelmisch an den lustigeren Stellen, schmettert ein bewunderndes "Donnerwetter!" an den heroischen und schüttelt Irene zum Schluss überschwänglich beide Hände: "Das ist ja unglaublich interessant! Wirklich sehr lehrreich für mich! Ich bin dir überaus dankbar, Irene! Du bist eine tolle Frau!" und zwinkert verschwörerisch. Und dann umarmt er den ganzen Heliumballon, der endlich im Rausch des Triumphes aus dem Zimmer schwebt. Sie hat es immer gewusst: Er weiß nicht nur, was Er ihr schuldig ist, Er liebt sie! Ja, Er liebt sie!
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle je gewesenen und werdenden Zeiten begegnen sich für einen halben Tag in einem Punkt. Einen halben Tag lang weiß Irene, was Leben ist. Irgendwann landet der Heliumballon zwar wieder, und sie entdeckt mit leichter Beunruhigung die nächste Kakerlake in Beißstellung: Unser Prominenter Junge hat kein Wort darüber verloren, wann sie denn gemeinsam zur Wellnessgymnastik gehen wollen. Kurzentschlossen erschlägt Irene das Ungeziefer. Den schmierigen, braunen Fleck wäscht sie sofort ab. Er war einfach zu überwältigt, da denkt man nicht an Termine.

Am nächsten Tag hat die Welt doch noch etwas von ihrem berühmten Gast. Das Fernsehen ist da. Der Star nach acht Jahren zum ersten Mal wieder in seiner Heimat, das bringt Einschaltquoten. Irene fragt sich, wer den Fernsehsender eingeladen haben könnte. Unser Prominenter Junge selbst? Verfolgt er damit etwa eine bestimmte Absicht? Ihr ganzer Körper steht unter Strom, als sie in den Salon geht, wo die Fernsehleute ihr Equipment aufgebaut haben. Angst sitzt im Steißbein, das weiß sie schon lange. Aber sitzt dort auch Vorfreude? Sind Angst und Vorfreude etwa dasselbe? Unser Prominenter Junge könnte vielleicht etwas darüber sagen, wer würde sich mit Lampenfieber besser auskennen als er? Vorläufig warten sie auf ihn. Irene fällt auf, dass Marmara auch noch nicht da ist. Sie erinnert sich, sie in den letzten Stunden nirgendwo gesehen zu haben. Ihre Seele hat sich im Steißbein versammelt.
Zuerst huscht Marmara in den Salon und hockt sich auf ein Sitzkissen neben dem Diwan, der für den hohen Gast reserviert ist. Wenige Sekunden später erscheint Er selbst. Alle hören mit hochroten Ohren und unterdrücktem, aufgeregtem Lachen noch einmal die ganze Geschichte wie zum ersten Mal: Wie er schon immer wusste, dass er einmal ein Star sein wird. Wie er Schule, Freunde und Vergnügen vernachlässigt habe, um sich ganz seiner Berufung zu widmen. (Hier übertreibt er, denkt Irene. Sie hat ein gutes Gedächtnis.) Wie er sein Heim und seine Mitbewohner verließ, um die Welt zu erobern. Wie er die ersten Rückschläge und Enttäuschungen erlitt – nicht viele natürlich! (Irene weiß es besser. Sie hat wirklich ein gutes Gedächtnis.)
An dieser Stelle fragt der Reporter, ob es jemanden gab, der ihn in diesen schweren Stunden unterstützt habe. Irene horcht auf. Oh ja, es gab immer Menschen, die an ihn geglaubt haben, von seiner Mission überzeugt waren. Irene hat auf einmal ein taubes Gefühl im Steißbein. Allen voran die schöne Marmara – Er winkt, Marmara setzt sich neben Ihn, Er legt Seinen linken Arm um sie. Eiskalt. Lähmung ist eiskalt, erfährt Irene. Als habe ihr jemand mit Hochdruck Eiswürfel in den Blutkreislauf gepresst. Kein Gefühl, ihr Steißbein spürt sie gar nicht mehr. Ein Raunen geht durch den Salon: Ist sie nicht wunderschön? Und sie hat...? Oder unsere treue Seele Irene – Er winkt, Irene stakt, ohne zu wissen wie, zum Diwan, fällt eckig neben Ihm nieder, während sie an nichts anderes denkt, als dass ihre vereisten Beine brechen könnten. Er legt Seinen rechten Arm um sie. Jemand – Irene hört alles nur noch wie aus weiter Ferne und versteht es nicht – fragt, ob es eine Frau in Seinem Leben gebe. Wenn er darauf geantwortet hat, hat Irene nichts gehört, sie sieht ihn ja nicht, sie versteht ja nichts, sie denkt immer nur: ‚Abgelehnt. Aussortiert.‘ Das ist der wahre Rhythmus ihres Herzens: Abgelehnt. Aussortiert. Abgelehnt. Aussortiert...

Es ist alles so schnell gegangen. Jetzt sind die Fernsehfritzen wieder fort, und Irene findet sich in ihrem Zimmer auf dem Boden wieder. Was war das? Moment... Da war dieses metallische Ziehen im Steißbein... Und dann saß Marmara neben Unserem Prominenten Jungen. Neben ihrem Prominenten Jungen, ihrem, Irenes! ‚Meiner!‘ denkt Irene kreischend. Aber ihre Gedanken laufen endlich wieder. Sie hatten sich nur verhakt. ‚Mein gott‘, denkt es wieder in normalem Tonfall, ‚was für ein aufruhr! Du bist ja hysterisch, mädel. Dann saß sie eben neben ihm, soll sie doch, sie gehört doch zum hausstaat. Sie saß doch nicht allein dort, du hast ja an seiner anderen seite geklebt, und er hat auch um dich seinen arm gelegt. Oder?‘ Ja, nur... Soll sie sitzen, darum geht es gar nicht, da war aber noch etwas anderes. ‚Und was?‘
Da war, dass Marmara eine Verräterin ist! Er hat sie zu sich gerufen, als Er gefragt wurde, wer Ihm beigestanden habe. Das heißt, auch sie hat offenbar all die Jahre Kontakt zu Ihm gehabt, und damit nicht genug, auch sie hat Ihm offenbar all die Jahre geholfen! War seine Mutter, Freundin und Ratgeberin? Und jetzt... Nein, das kann nicht sein! Er hat Marmara mir gegenüber nie erwähnt! Und auch Marmara hat mir nie etwas gesagt! Das kann einfach nicht sein! Und Er hat sie als Erste gerufen! Das kann doch nur heißen, dass sie noch mehr für Ihn getan hat als ich. Oder? Dass Er weiß, was Er ihr schuldig ist, nicht mir. Oder? Nein, nein, nein, so nicht, das ergibt keinen Sinn, ich bin doch nicht blöd, ich weiß doch, was ich spüre, das ist doch keine Einbildung, nein, nein, das hat alles eine ganz logische Erklärung. Logik ist meine Stärke.
‚Dann lass mal hören.‘
Wie ist das bei der Siegerehrung? Es geht von unten nach oben. Ha! Zuerst wird die Bronzemedaille verliehen, dann Silber und ganz zum Schluss erst Gold, das oberste Siegertreppchen, damit der Sieger den ungeteilten Applaus genießen kann. Mich hat er zuletzt genannt, weil ich die Erste bin. Logisch, oder?
Ihr Verstand verzieht die Lippen zu einem ironischen Grinsen: ‚Und? Hast du den ungeteilten Applaus genossen? Aber egal. Ist trotzdem logisch. Doch logik kann absolut fehlerfrei und dennoch falsch sein.‘
Das stammt nicht von dir.
Irene hat auf einmal das Gefühl, als seien ihr die Kakerlaken ins Hirn gekrochen.
‚Nein, haben wir irgendwo gelesen. Ist aber gut. Hast du denn gehört, was er gesagt hat, während ihr beide da schmachtend in seinen armen hingt?‘
"Er" und "Seinen"! Das wird groß geschrieben!
‚Du weißt, dass ich von großschreibung nichts halte. Also, hast du was gehört?‘
Ach, ich war doch so weggetreten. Der Schreck saß mir doch in allen Gliedern. Eiskalt übrigens, wusstest du, dass Schreck ein Sack Eiswürfel ist und Lähmung verursacht? ‚Tut er das? Du hast also nichts gehört. Ich allerdings schon. Willst du wissen...‘
"Ich sollte ein Bad nehmen. Ich bin noch ganz ausgekühlt. Jawohl, ich nehme jetzt ein Bad!" Resolut steht Irene auf, lässt ihren ironisch grinsenden Kakerlakenverstand links liegen und geht ins Badezimmer.

Samstag, 3. September 2011

HD: Die Schaltkreise, Teil 1

Die neun Zentren in der Körpergrafik des Human Design sind durch insgesamt 36 Kanäle miteinander verbunden, durch die die Lebenskraft fließt, geprägt und modifiziert wird. Diese 36 Kanäle werden in drei Schaltkreisgruppen eingeteilt, die aus jeweils zwei Schaltkreisen bestehen. Eine Ausnahme bilden die vier Integrationskanäle, die keiner Schaltkreisgruppe zugeordnet werden. Die Kanäle werden nach den beiden Toren benannt, die sie miteinander verbinden: Kanal 1/8 z.B. verbindet Tor 1 im G-Zentrum mit Tor 8 im Kehlzentrum.

Jedem Element im Human Design ist außerdem ein Schlüsselwort zugeordnet, dass dessen Funktion prägnant umreißt und beim Studium hilft, sich alle Elemente thematisch gut einzuprägen. Auch bei der Deutung ist die Arbeit mit Schlüsselworten äußerst hilfreich. Bevor ich die Schaltkreise vorstelle, hier noch einmal im Überblick die Schlüsselworte für die Zentren, über die ich ja bereits ausführlich geschrieben habe:

  • Wurzelzentrum: Motor & Druckzentrum – existenzieller Druck, Trieb, Stress
  • Sakralzentrum: Motor – Lebenskraft, Energie, Ausdauer, Sexualität
  • Milzzentrum: Wahrnehmungszentrum – Instinkt, Intuition, Geschmack, Gehör, Geruch
  • Solarplexuszentrum: Motor & Wahrnehmungszentrum – Emotionen, Gefühle, Stimmungen, Sehnsüchte
  • Herzzentrum: Motor – Willenskraft, Ego, Selbstwertgefühl
  • G-Zentrum: Kompass – Selbst, Identität, Richtung, Liebe
  • Kehlzentrum: Ausdrucks- & Steuerzentrale – Kommunikation, Manifestation
  • Ajnazentrum: Wahrnehmungszentrum – Denken, Begriffsbildung
  • Kopfzentrum: Druckzentrum – geistiger Druck, Inspiration
Ajna- und Kopfzentrum bilden zusammen den Verstand.

Die drei Schaltkreisgruppen und ihre Schlüsselworte sind
  • die Schaltkreisgruppe des Stammes: gegenseitige Unterstützung
  • die Schaltkreisgruppe des Individuums: Bestärkung anderer
  • die Schaltkreisgruppe des Kollektivs: Teilen
  • Bei den Integrationskanälen geht es um die Selbstbestärkung.

DIE INTEGRATIONSKANÄLE

Für mich ist dies eine Art evolutionärer Pyramide: Ganz unten steht der Einzelkämpfer, das unbewusste ICH, das sich in noch keine Gruppe integriert hat, sondern allein um sein persönliches Überleben kämpft: das Raubtier, der Jäger. Hier regiert der bloße Instinkt: "Fressen und gefressen werden". Die Integrationskanäle kennen noch keinerlei humanitäre Rücksichten: "Jeder ist sich selbst der Nächste." Deshalb geht es hier ausschließlich um Selbstbestärkung. Wer einen definierten Integrationskanal hat, trägt eine stark ausgeprägte Selbstbezogenheit in sich – und genau das ist richtig für diesen Menschen! Natürlich modifizieren die übrigen definierten Kanäle und aktivierten Tore das Ganze noch sehr, aber hier, in den Integrationskanälen, hat der Mensch nicht nur die Veranlagung, sondern auch die Aufgabe, sich ausschließlich um sich selbst und sein Fortkommen zu kümmern. Zu dieser kleinen, archaischen Gruppe gehören die Kanäle
  • 20/10 (Kehle-Selbst) - Erwachen, ein Design der Verpflichtung an höhere Prinzipien
  • 20/34 (Kehle-Sakral) - Charisma, ein Design, wo Gedanken zu Taten werden müssen
  • 10/57 (Selbst-Milz) - Die vollendete Form, ein Design des Überlebens
  • 34/57 (Sakral-Milz) - Macht, ein Design des Archetyps
Interessant an den Integrationskanälen ist, dass sie nur vier Zentren miteinander verbinden. Der Einzelkämpfer hat keine Emotionen, kein Ego und keinen Verstand. Wenn man Ego als Sicherheitsstreben definiert, ist das noch einleuchtend; was ich allerdings nicht ganz verstehe, ist, wo der existenzielle Druck bleibt, der Kampf-, Flucht- oder Totstellreflex (Wurzel), für mich eigentlich der Inbegriff der animalischen Ebene, der diese Integrationskanäle ja zugeordnet werden. Es sei denn, ich habe hier etwas gründlich falsch verstanden. Was ich aber wieder verstehe, ist die einzige Stimme, die der Einzelkämpfer hat, und die sagt schlicht: "Ich bin." (Tor 20 im Kehlzentrum, Die Betrachtung, der Anblick) Außerdem ist dies die einzige Kanalgruppe in der Körpergrafik, die vier Tore gleichzeitig miteinander verbindet, was die Undifferenziertheit symbolisieren könnte, die hier noch herrscht.

DIE SCHALTKREISGRUPPE DES STAMMES

Irgendwann bemerkt der Einzelkämpfer, dass es viel leichter ist, in einer Gruppe zu überleben. Er schließt sich mit anderen zum Stamm (Sippe, Familie, Gemeinschaft) zusammen: das Herdentier, der Sammler. Im Stamm identifiziert sich jeder mit einem noch weitgehend unbewusst gestalteten WIR, nämlich dem Wir seiner Stammesgruppe. Das gemeinsame Interesse des Stammes ist das Überleben der Art und des Ego, das am effektivsten durch den Zusammenschluss in der Herde abgesichert werden kann. Der Stamm steht und fällt mit der gegenseitigen Unterstützung und Hilfe nach dem Motto: "Eine Hand wäscht die andere." "Wie du mir, so ich dir." (oder auch: "Auge um Auge, Zahn um Zahn.") Individualität bedroht grundsätzlich den Erhalt dieses Gemeinwohls und wird deshalb ausgegrenzt oder sogar bekämpft.

Die Schaltkreisgruppe des Stammes besteht aus
- dem Schaltkreis des Ego mit den Kanälen
  • 54/32 (Wurzel-Milz) – Umwandlung, ein Design des Getriebenseins
  • 44/26 (Milz-Herz) – Hingabe, ein Design des Unternehmers und Vermittlers
  • 19/49 (Wurzel-Solarplexus) - Synthese, ein Design der Feinfühligkeit
  • 37/40 (Solarplexus-Herz) - Gemeinschaft, ein Design des Teils, der ein Ganzes sucht
  • 21/45 (Herz-Kehle) - Geld, ein Design des Materialisten
- dem Schaltkreis des Schutzes mit den Kanälen
  • 6/59 (Solarplexus-Sakral) - Paarung, ein Design der Fruchtbarkeit
  • 27/50 (Sakral-Milz) - Erhaltung, ein Design der Pflege

Interessant am Schaltkreis des Stammes ist, dass er kein Selbst und keinen Verstand hat: G-, Ajna- und Kopfzentrum sind nicht mit einbezogen. Und er hat nur einen Kanal, der ins Kehlzentrum einmündet, d.h. der Stamm hat nur eine Artikulations- und Manifestationsmöglichkeit, und die lautet: "Ich habe." (Tor 45 Die Sammlung). Beim Ego dreht sich letztlich alles um den materiellen Besitz, der das Überleben absichern soll, und bei der Erhaltung dreht sich alles um Fortpflanzung und Brutpflege, die der Erhaltung der Art dienen.

© Angela Nowicki, 3. September 2011

Donnerstag, 1. September 2011

Reise an die Grenze des Unbewussten

In der Berglandschaft, in der ich am Ende meiner letzten Seelenreise gelandet war, muss ich mich nur umdrehen, um wieder den Kathedralengang in den Felsen hinein zu betreten. In der großen Halle ist heute eine kreisrunde Öffnung in den Himmel geöffnet, durch die ein heller Lichtstrahl einfällt. Er endet auf dem Boden in einer Art Welle, als sei es ein Wasserstrahl, und diese Welle breitet sich in Ringen über den ganzen Boden aus. Dort wartet schon Hulda, meine Schildkröte, und sagt:
"Du bist gekommen."
Sie weiß, was ich will. Ich suche frühkindliche Erinnerungen, um meinen Glaubenssatz besser auflösen zu können, der mich am Leben hindert.
Hulda kriecht in den Lichtstrahl, wird von ihm ein Stück emporgehoben und erstrahlt in einer Aureole. Sie bietet mir an, mich auf sie zu setzen. Als mir dies schließlich gelingt, werden wir durch den Lichtstrahl nach oben gezogen und aus der Halle hinaus.

Wir stehen in einem Gebirge. Am Himmel taucht ein großer schwarzer Vogel auf, der langsam nach links hinter den Horizont verschwindet. Vor mir öffnet sich ein unendlich tiefer, dunkler Abgrund. Ich bekomme Angst. Muss ich da rein? Ja, das musst du wohl, teilt mir Hulda telepathisch mit. Aber doch nicht etwa springen? Ich versuche es mit Klettern. Das geht eine Weile gut, doch natürlich stürze ich bald ab. Ich falle und falle in Schwindel erregende, bodenlose Tiefen... erst mit dem Gesicht nach unten, dann kehrt sich die Perspektive um, und ich sehe den Felsrand oben in der Unendlichkeit verschwinden, und dann sehe ich nur noch vorbeirasende Felswände vor mir.

Ich lande im Wasser. Tiefes Wasser. Sofort taucht ein Arm aus dem Wasser auf, der einem Ungeheuer zu gehören scheint: schuppig mit einer klauenartigen Hand und langen, spitzen Fingernägeln. Die Hand bewegt sich auf mich zu.
"Muss ich jetzt wirklich da runter?" frage ich Hulda ängstlich.
Natürlich, gibt mir Hulda zu verstehen. Wenn du Angst hast, lassen wir’s.
Nein, ich will es nicht lassen. Ich tauche.

Lange schwimme ich unter Wasser umher, durch Felsspalten hindurch und an Öffnungen vorbei. Auf einmal hänge ich mit dem Gesicht vor einer wolkenähnlichen Schicht fest. Darunter ist es dunkel, darüber heller Raum. Ich erinnere mich an die Wolken der letzten Reise:
"Das sind Träume, oder?"
Nein, hier gibt es keine Träume. Das ist die Grenzschicht deines Unbewussten, die es vom Vorbewussten trennt.
So dünn ist die? Ich staune ein bisschen.
Wollen wir mal sehen, was aufsteigen will?
Ganz langsam, in Zeitlupe, tauchen nacheinander verschiedene Gebilde aus dem Unbewussten auf. Das heißt, im Unbewussten sehe ich sie noch gar nicht; ich nehme sie erst wahr, wenn sie die Wolkenschicht nach oben ausbeulen, sich dann ablösen und im helleren Raum nach oben steigen.
Und dann fängt es an.

Zuerst sehe ich eine Glaskugel, in der ein Kleinkind auf dem Boden krabbelt. Ich erkenne mich selbst. Ich sehe es ganz deutlich: den Strampler, die blonden Haare, das neugierige Gesicht, die auf etwas ungeheuer Interessantes fixierten Augen. Es krabbelt irgendetwas hinterher.
Dann tauchen nacheinander mehrere Hände auf – Hände von Frauen, Männern, Kleinkindern.
Von einer Frauenhand gleitet der Bildausschnitt zur Hals- und Brustpartie einer Frau. An dem spitzen Ausschnitt und dem rechteckigen hellen Kragen erkenne ich meine Mutter als junge Frau. Sie entblößt ihr Dekolleté, und ich suche ihre Brüste, aber es sind keine da, höchstens ein paar degenerierte Ansätze.
Dann sehe ich eine Männerhand auf einer geöffneten Zeitung. Ich spüre die Atmosphäre unserer Wohnung, in der ich meine ersten vier Lebensjahre verbrachte.
Ich sehe auch Säuglinge auf Wickeltischen oder in Kinderbettchen, mal einzeln, mal in einer langen Reihe. Alle sind mit einer quadratischen, hellen Decke zugedeckt.
Als Nächstes taucht eine große dunkle Masse aus den Wolken auf. Es ist eine Menschenmenge, zig Gesichter im Halbkreis. Ich weiß, dass das meine Ahnen sind. Aus der Menge löst sich eine große, schlanke Männergestalt, sehr aufrecht und prinzipienfest. Ich erwarte, meinen Großvater zu sehen, doch ich erkenne den Mann nicht.

"Hulda? Bist du da?"
Ich bekomme Angst, ohne Krafttier hier stecken geblieben zu sein.
Gemächlich materialisiert sich die Gestalt einer Schildkröte im Raum des Vorbewussten.

Nachdem lange Zeit nichts Erkennbares mehr passiert ist, öffnet sich weiter oben im Vorbewussten ein rechteckiges Fensterchen. Ich stehe schräg davor, so dass ich nicht direkt hineinblicken kann. Am geöffneten Türchen vorbei sehe ich, dass im Inneren ein helles Feuer lodert.
"Geh dort nicht rein!" höre ich Huldas warnende Stimme.
Trotzdem wage ich einen Blick, darauf bedacht, dem Fenster nicht zu nahe zu kommen. Mitten im Feuer entsteht ein ganz scharfes Bild eines mit einer quadratischen, hellen Decke zugedeckten Säuglings auf dem Wickeltisch, der in dem Moment, in dem er ganz deutlich Gestalt angenommen hat, in einer Aureole nach unten gezogen wird.
Nein, er fällt nicht, und, nein, er schwebt auch nicht. Es ist, als würde er von etwas nach unten angesogen, und er verschwindet im Nichts.

Ich will zurück, das reicht für heute. Ich schwimme zurück und tauche auf. Wie soll ich denn jetzt wieder aus dem Abgrund nach oben kommen? Klettern?
Natürlich: Es öffnet sich der Himmel und schickt ein Lichtseil nach unten. Zusammen mit Hulda werde ich langsam nach oben gezogen. Langsam? Ich habe das Gefühl, regelrecht gerissen zu werden, doch ich lange ewig nicht oben an. Und als ich glaube, oben zu sein, sehe ich den Abgrund nicht mehr, jedenfalls nicht von oben, sondern mir ist, als werde ich immer noch drin hochgezogen.
Endlich jedoch werde ich auf Hulda durch den Lichtstrahl wieder in die große Felshalle hinab gelassen. Ich will mich gerade von der Reise etwas erholen und noch ein paar Worte mit Hulda sprechen, da fängt mein blöder Wecker an zu piepsen...

Ich muss mich in größter Eile von Hulda verabschieden, kopflos nach draußen stürmen, und dann öffne ich schon die Augen und klopfe mich hastig ab, ohne mich vergewissert zu haben, wo ich gelandet bin, nur um das Funkvieh endlich auszuschalten.

© Angela Nowicki, 4. Juli 2010