Mittwoch, 31. August 2011

Unser Prominenter Junge (Teil 1)

Tonight I cried
She said wait
I’ll go with you
through the forests through the snow
kept waiting and waiting and waiting so badly so long
Now she’s gone
through the forests through the snow
with everyone
but me

Crying in the void tears
don’t drop down can’t get rid of them
I’m swimming
swimming in my own womb’s amniotic fluid
it’s okay don’t wait don’t stay but

tonight I cried
He said stay
I’ll be with you
understanding and defending
kept staying and staying and staying so stupidly long
Now he’s apart
understanding and defending
everyone
but me

forsaken
forsaken
forsaken
left alone

***

Schon seit dem Morgen ist das ganze Haus auf den Beinen. Es wird geputzt und gewaschen, gekocht und gebacken. Der Hausherr selbst richtet das Gästezimmer her, Marmara putzt die Kerzenleuchter, Irene staubt die Wände ab und hängt neue Bilder auf. Auf dem Ehrenplatz rechts über dem Esstisch blickt jetzt das hübsche, etwas leere Gesicht, in dem die Augen vielleicht ein wenig zu sehr glitzern, eines etwa vierzehnjährigen Jungen auf die noch imaginären Gäste herab. Er lächelt, und Irene lächelt zurück. Unser Junge! Vor acht Jahren hat er das Haus verlassen, um die Welt zu erobern. Und heute kommt Er zurück. Jetzt heißt Er nur noch: Unser Prominenter Junge.

Gegen Mittag reißt Irene sich aus der allgemeinen Aufbruchsstimmung los. Es ist ein Getuschel und Geplapper, ein Gewusel aus erhitzten Gesichter und strahlenden Augen. Jeder einzelne der Bewohner hüpft vor aufgeregter Vorfreude auf den seltenen und mittlerweile erlesenen Gast wie ein Ball durchs Haus. Ja, jetzt ist Er erlesen, Er hat die Welt erobert, und sogar die Nachbarn neiden ihnen das unverdiente Glück, einen so berühmten jungen Mann als einen der ihren empfangen zu dürfen, so als habe jeder von ihnen seinen Beitrag zu dessen Erfolg geleistet und sei nicht zufällig nur ein Hausmitglied.
Irene aber lächelt. Wenn überhaupt jemand, dann hat wohl sie in der Tat einen Anteil an Seinem Erfolg. Wer hat Ihm über die Jahre hinweg in ungezählten Briefen und Emails, in manchmal stundenlangen Telefongesprächen beigestanden durch all die Tiefen, die Seinem jetzigen Höhenflug vorausgegangen sind, und, oh, es waren mehr Tiefen als Höhen, es waren fast nur Tiefen, wer wüsste das besser als sie. Eigentlich weiß es in diesem Haus nur sie. Er weiß, was Er mir schuldet, denkt sie. Ich war immer da, wenn Er mich brauchte, und selbst dann, wenn Er mich nicht brauchte, selbst dann war ich da. Er wusste das. Er konnte sich bedingungslos auf mich verlassen. Ich war Ihm Mutter, Freundin und Ratgeberin. Und nun kommt Er heim, und wieder ist Irene die einzige im Haus, die ahnt - nein, die weiß, warum Er wirklich kommt. Zeit, den alten Rollen eine neue hinzuzufügen. Er kommt, um ihr zu sagen...
Mit gespielter Ungehaltenheit reißt Irene sich aus ihrem Tagtraum und zupft ihr blassgrünes Musselinkleid zurecht. Das kennt Er natürlich nicht; sie ist gespannt, was Er dazu sagen wird. Es steht ihr besonders gut; mit ihrem sandfarbenen Haar sieht sie darin reizend aus, auch das weiß sie. Doch sie hat jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, sie hat noch eine wichtige Besorgung vor sich. Etwas ganz Besonderes.

Vom Bus aus muss sie noch ein ganzes Stück bis zu ihrem Verlag laufen. "Ihr" Verlag – auch davon weiß Unser Prominenter Junge noch nichts. Sie ist nicht untätig gewesen, sie war nicht nur die Unbekannte hinter dem Großen Mann, sie hat selbst Karriere gemacht, wenn auch natürlich nicht so eine atemberaubende wie Er.
Im Foyer gibt es zwei Schalter. Am linken berät ein Mann, dort drängt sich schon eine kleine Schlange. Der rechte Schalter ist leer, aber dunkel. Irene ist enttäuscht, weil sie sich anstellen muss. Da sieht sie auf einmal, dass rechts doch eine Frau hinter dem Fensterchen sitzt, und als sie sich dem Schalter nähert, geht auch das Licht drin an. Offenbar sparen sie nur Strom. Es dauert eine Weile, bevor sie ihr Anliegen vorbringen kann, denn immer wieder wird die Angestellte von drinnen gerufen, oder jemand drängt sich draußen neben Irene mit einer kurzen, doch wichtigen Frage. Als sie endlich ihr Stichwort los wird, steht die Angestellte auf, kommt heraus und führt sie durch mehrere lange Flure zu einer Bank vor einer Sporthalle. Dies sei der beste Ort, um ihr Anliegen zu bearbeiten, sagt sie. Auf weiteren Bänken hinter ihnen sitzt Publikum. Die Angestellte nimmt mit ihren Unterlagen ihr gegenüber Platz und erzählt zunächst des Längeren von Büchern anderer Verlage, die bei ihrem Verlag erscheinen.
Als sie endet, sagt Irene: "Ihr Verlag hat schon ein Buch von mir herausgegeben..."
"Nein, hat er nicht", unterbricht die Frau sie.
"Gut", wirft Irene rasch ein, "Ihr Verlag gibt selbst nichts heraus, das weiß ich doch. Aber er hat mein Buch..."
"Hat er nicht!"
"Ja, in Ordnung!" Irene wird ungeduldig. "Dann bin ich wohl die Herausgeberin oder was auch immer. Jedenfalls hat Ihr Verlag mein Buch veröffentlicht."
"Ja", lächelt die Frau und sieht sie fragend an.
"Und jetzt möchte ich gern die Dienste des Verlages in Anspruch nehmen", lächelt Irene zurück und beruhigt sich wieder.
"Ja, bitte! Welche?"
"Ich möchte eine Wellnessgymnastik kaufen und..."
"Ja, gern. Welche?"
"Also, die normale, wissen Sie? Bloß nichts Kompliziertes, Anspruchsvolles, haben Sie Erbarmen mit mir! Etwas ganz Simples für Hausfrauen!" Sie lacht, weil sie die musternden Blicke der anderen spürt. Es ist ihr etwas peinlich, das gesagt zu haben. "Und ich möchte das Ganze als Gutschein für zwei Personen."

Diesen Gutschein hat Irene mit größter Sorgfalt ausgesucht, er ist etwas ganz Besonderes. Aber Unser – nein, ihr! – Prominenter Junge ist ja auch etwas ganz Besonderes. Nun sitzt Er im Salon, umringt vom Hausstaat, und hält Hof.
"Ist Er nicht reizend?" flüstert Marmara, als sie an Irene vorbeihuscht, die gerade zur Tür hereinkommt.
Reizend! Irene verdreht die Augen und äfft Marmara im Stillen nach: "Ister nicht raiiizend?" Was für ein verstaubtes Wort!
Marmara ist immer ihre Rivalin gewesen. Wenn sie zusammen in einem Raum sind, scharen sich die Männer nur um Marmara, so, als gäbe es gar keine Irene. Irene, die Unsichtbare. Irene, der gute Kumpel. Irene, die Vernünftige. Sie sehen sie an – wenn sie sie überhaupt ansehen! – wie einen Schrank, in den man seine überflüssigen Sachen hineinstopft, ehe man auf Reisen geht: "Er ist geräumig, nicht? Und er war so billig!" Und dann verschwinden sie mit Marmara. Marmara, die Schöne. Marmara, die Verführerische. Zugegeben, Marmara ist schön. Sie hat eine starke, sinnliche Ausstrahlung. Doch das ist doch alles nur körperlich – wo bleibt die Seele, wo der Geist? Irene ist vielleicht nicht ganz so schön, aber immerhin leidlich hübsch, und sie ist warmherzig, einfühlsam und klug.
Die alte Missie sagt immer: "Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel." Der zwölfjährigen Irene leuchtete das ein: Es gibt also genauso viel Deckel wie Töpfe, sie müssen sich nur finden. Logik war immer Irenes Stärke. Vier Jahre später begann sie, sich zu fragen, wieso es dann beim Topf Marmara stets einen Deckelauflauf gab, während für sie keiner übrig blieb. Das war unlogisch. Irene verstand die Welt nicht mehr.
Doch nicht genug, dass Marmara schön ist, sie weiß auch noch, dass sie es ist. Und sie bildet sich etwas darauf ein. Das sind die Schlimmsten. Als Irene einmal mit ihr die Straße entlang ging, drehte sich ein junger Mann nach ihnen um und pfiff leise.
"Was wollen die denn alle nur von mir?" stöhnte Marmara mit schlecht gespieltem Überdruss.
‚Mein Gott‘, schrie es in Irene, ‚wie kann man nur so von sich eingenommen sein!‘ Woher wollte Marmara wissen, dass der Pfiff nur ihr galt? Vielleicht hatte ja einmal ein Mann Irenes innere Schönheit erkannt? Diesen Gedanken verwarf sie schnell wieder, aber vielleicht hatte er beide gemeint? Im Grunde aber wusste Irene, dass Marmara genau wusste, wer gemeint war. Und das war der größte Schmerz.

Dienstag, 30. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (7)


Eine dreiviertel Stunde wohl warte ich dann auf einer kalten Bahnsteigbank auf den Zug nach Wrocław. Das erste Mal macht es sich etwas unangenehm bemerkbar, dass ich barfuß bin. Mit fortschreitender Nacht wird das immer schlimmer. Das nächste Mal nehm ich doch Schuhe mit, wenigstens ein Paar Sandalen!
Bis Görlitz muss ich stehen - vor dem Klo. Zwei Polen stecken laufend den Kopf durch die Tür, um mich anzustarren. Endlich bekomme ich einen Platz. Mir gegenüber sitzt ein polnischer Herr, auf der Bank nebenan wohl eine Bekannte von ihm oder was weiß ich, auch Polin, und eine ältere Riesendame von uns. Ein bisschen Herzklopfen vor der Grenzkontrolle hab ich doch. Mein Urlaub ist morgen zu Ende. Aber alles ist ganz schnell und harmlos vorbei. Ein Blick in den Ausweis, das übliche Hinhalten zum polnischen Grenzbullen - "Bitte sehr!" - und den Ausweis zurück.

Ich bin sehr erleichtert: Jetzt fängt der Urlaub endlich an, der eigentliche Urlaub. Es wird herrlicher werden als je zuvor - Częstochowa, Jasna Góra, die Freunde, bekannte und unbekannte, alte und neue, das Fest der Hippiegeneration - ein Urlaub voller wechselnder Farben, voller Licht, das die Schatten leuchten macht. Ein Urlaub voll von Düften, seltsamen und wunderbaren Tönen und Klängen, von Wiesen und platzend vollen Straßen, staubigen Wegen und schillernden Wassern, voll von Lachen und guten Worten, gefüllt insgesamt von einem übermächtigen Gefühl der Zusammengehörigkeit und schließlich auch voller Verzweiflung über die Unvollkommenheit, die immer noch besteht, voll noch unerfüllter Wünsche und guter Vorsätze - Polen... ich träume...

Die Riesendame nebenan benimmt sich unheimlich blöd. Mit süßlich grinsenden, angeschmierten Lippen flötet sie in breitem Sächsisch dem Grenzbullen ihre persönlichen Beziehungen zu irgendwelchen hohen Tieren vor und die Vorgeschichte dieser Polenreise, was den überhaupt nicht interessiert. Sie ist unglaublich verunsichert, vielleicht denkt sie, der Bulle könnte sie einsperren, wenn er über sie nicht genau Bescheid weiß.

Zgorzelec. Erste Station. Ich ziehe mir die Strümpfe an und strecke mich auf der Bank aus. Als ich aufwache, fahren wir in Wrocław ein, und ich habe wahnsinnige Nackenschmerzen. Alles verrenkt - kein Wunder! Als ich meine Sachen zusammenpacke, richte ich meine ersten polnischen Worte an meinen Gegenüber. Ich will wissen, ob der Zug nicht vielleicht doch über Częstochowa fährt; ich habe vorher irgendwas aufgeschnappt:
"Ten pociąg nie jedzie przez Częstochowę, prawda?"
Er verneint, angenehm überrascht, und bückt sich sogar noch nach meiner runtergefallenen Flöte. Wieder barfuß, frierend, verschlafen und dennoch reichlich müde, dränge ich mich mit der Masse anderer Reisender hinaus auf den Bahnsteig.
Unten in der Bahnhofshalle spült mich die erste Freude um: Man ist in Polen, man sitzt auf dem Erdboden, vorrangig als Jugendlicher! Ein lang entbehrtes Bild. Als ich nach genauem Studium des Fahrplanes und gefasstem Entschluss, mit dem nächsten Zug halb vier nach Opole zu fahren und von dort aus, da es dann endlich hell ist, weiterzutrampen, vor dem Fahrkartenschalter stehe, fällt mir erschrocken ein, dass ich ja überhaupt noch kein polnisches Geld bei mir habe.

An der gegenüberliegenden Wand sehe ich eine Gruppe Tramper zwischen Rucksäcken auf dem Boden sitzen, einer hat eine Gitarre. Ich hocke mich zu ihnen und frage, zunächst mal auf Deutsch, ob sie mir Geld tauschen können. Es sind Polen, und der eine steigt auch interessiert auf ein Gespräch mit mir ein. Er sieht ganz niedlich aus und kokettiert ein bisschen rum. Ich krieg es fertig, 20 Mark zu tauschen, eins zu sechs, also 120 Złoty. Die Fahrkarte nach Opole kostet nur etwas über 20. Dann unterhalte ich mich die ganze Zeit mit dem niedlichen Polen, Leszek, wobei ich etwas geschockt mitkriege, dass er ein Krüppel ist: Lähmung (teilweise) der Beine. Die Krücken hatte ich anfangs nur für einen Gag gehalten.
Leszek erzählt mir, dass sie nach Silberberg wollen. Als ich ihm sage, was mein Ziel ist, wird er stutzig. Częstochowa? Er grinst: "Was ist denn in Częstochowa? Jasna Góra, das Kloster, ja?" Als ich bejahe, grinst er noch mehr: Er weiß Bescheid.
"Ich fahre zum Hippietreffen."
"Ich weiß, ich weiß..."
1972 sei er dort gewesen. Das Ganze sei es nicht wert hinzufahren, meint er. 1972 waren noch Tausende von Leuten da. Von Jahr zu Jahr sind es immer weniger geworden. Ich erzähle ihm vom vorigen Jahr und wie viele Leute wieder dort waren. Er wird nachdenklich. Plötzlich sagt er:
"Gdybym miał forsę, pojechałbym z tobą."
Wenn er genug Geld hätte, würde er mitkommen. Mensch, sag ich, wo fehlt's denn an Geld, ich hab noch fast 100 Złoty. Das erste Mal geht er nicht drauf ein. Aber nach einer Weile kommen wir auf das Thema zurück. Er schwankt noch ein bisschen, dann steht sein Entschluss fest: "Jadę z tobą. – Ich komme mit."
Fajnie! Ich freue mich. Bin ich wenigstens nicht mehr allein auf Tramp. Seine Freunde lachen und schütteln verständnislos die Köpfe: "Was willst du denn dort? Du kleiner Hippie!"
Aber sie nehmen es als selbstverständlich hin, dass jeder seiner eigenen Wege geht.

Doch es ist ja schon längst wieder ein neuer Tag angebrochen...

Montag, 29. August 2011

HD: Die Zentren - Das Solarplexuszentrum

Das SOLARPLEXUSZENTRUM wird auch Emotionszentrum genannt, denn hier ist der Sitz der Gefühle. Es nimmt unter den Zentren eine Sonderstellung ein. Zum einen, weil es eine Doppelfunktion hat: Es ist sowohl ein Motor, wie das Wurzel-, das Sakral- und das Herzzentrum, als auch ein Wahrnehmungszentrum, wie Milz und Verstand. Eine Sonderstellung nehmen auch Kehl- und G-Zentrum ein: Die Kehle ist der Knotenpunkt, die Schaltzentrale, an der alle Energien von innen nach außen drängen, um sich zu manifestieren. Und das G-Zentrum ist unsere innere Führung und gehört damit keiner Gruppe von Zentren an (Druck, Wahrnehmung, Motor), sondern ist einfach nur für unser SEIN zuständig.

Das Emotionszentrum wiederum hat durch seine Doppelfunktion mit den meisten Zentren etwas gemeinsam. Seine Sonderstellung basiert darauf, dass es das Energiezentrum ist, in dem die Mutation der Menschheit vom sieben- zum neunzentrigen Wesen stattfindet, die bald abgeschlossen sein wird.
Noch vor wenigen Jahrhunderten war das Emotionszentrum ein reiner Motor; der Mensch wurde sozusagen blind von seinen Emotionen getrieben, wie ein kleines Kind. Es genügt, ein paar gute historische oder historisch unterlegte Romane aus der Zeit vor dem 17. Jahrhundert zu lesen, um das vollauf bestätigt zu finden. Ein Buch, das ich besonders empfehlen möchte, ist Der Rote Löwe von Mária Szepes. Wenn man leidlich sensibel ist und versucht, sich in die Dramen jener vergangenen Zeiten hineinzuversetzen, hält man die emotionale Intensität und Zwanghaftigkeit als Mensch der Neuzeit nur schwer aus. Der Grund dafür ist nicht etwa unsere scheinbar höhere intellektuelle Intelligenz! Jedenfalls nicht an erster Stelle. Es ist die Tatsache, dass unser Solarplexus seitdem eine emotionale Wahrnehmung entwickelt hat und damit mehr und mehr fähig wurde, sich emotional in seine Umwelt hineinzuversetzen, Mitgefühl und Sensibilität zu entwickeln. Das ist die Intelligenz des Emotionszentrums: die emotionale Intelligenz.

Gefühle haben grundsätzlich einen Wellencharakter, und die emotionale Welle bewegt sich in einem steten Auf und Ab, zwischen Hoch und Tief, Ekstase und Verzweiflung, Freude und Schmerz. Es gibt drei verschiedene Wellenformen, die den einzelnen Toren des Emotionszentrums zugeordnet werden. Da diese emotionale Welle aber ein Naturgesetz repräsentiert, also nie aufhören kann, sich zwischen zwei Polen zu bewegen, kennt sie keine Wahrheit im Augenblick. Ein Gefühl steht in jedem Augenblick immer an einem bestimmten Punkt innerhalb seiner Welle, der im nächsten Moment schon nicht mehr wahr ist, weil die Welle sich weiterbewegt hat. Jeder Mensch mit einem definierten Emotionszentrum weiß das nur zu gut: Was ihn heute begeistert, interessiert ihn in einer Woche vielleicht gar nicht mehr; Beziehungen oszillieren zwischen Liebe und Hass – wo liegt die Wahrheit? Es gibt keine.
Im Emotionszentrum gibt es keine Wahrheit, sondern Klarheit. Und die findet sich erst im Nachhinein, manchmal Tage, Wochen oder sogar Monate später, je nach Frequenz der jeweiligen Welle, wenn das Gefühl die ganze Welle durchlaufen hat. Dann kristallisiert sich heraus, was man gegenüber einer Sache, einem Vorhaben oder einem Menschen wirklich fühlt.

Wer ein definiertes Emotionszentrum hat, hat immer eine emotionale Autorität, ganz egal, welche Zentren sonst noch definiert sind. Auch dies ist ein Ausdruck der Sonderstellung dieses Zentrums und seiner Bedeutung für unsere Entwicklung, die zu emotionaler Weisheit hin strebt. Definierte Emotionszentren sind ihrer emotionalen Welle ausgeliefert, sie ist ein fester Bestandteil ihres Seins, den sie nie los werden. Dazu gehören auch die emotionalen Ängste, die sich immer durch Nervosität bemerkbar machen. Für diese Menschen beruht die Weisheit, die sie erreichen können, auf ihrer emotionalen Tiefe und Klarheit. Dazu jedoch müssen sie erst den Durchlauf ihrer Welle abwarten, bevor sie eine Entscheidung oder ein Urteil treffen. Spontaneität kann hier fatale Folgen haben, es sei denn, die Person hat zusätzlich noch ein definiertes Milzzentrum UND es handelt sich um eine unwesentliche Entscheidung.
Ein emotionaler Generator muss der geduldigste Mensch auf Erden sein, denn er muss nicht nur abwarten, um reagieren zu können, sondern noch zusätzlich zu emotionaler Klarheit gelangen, bevor er sich auf etwas Wichtigeres einlässt. Er hat schon lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, endlich ist sie da, und sein Sakralzentrum kann endlich grünes Licht geben: "Hmmm! Darauf habe ich jetzt richtig Lust!" Es schickt ihm einen ordentlichen Energieschub – und er darf noch immer nicht loslegen! "Stopp!" sagt seine emotionale Intelligenz gnadenlos. "Jetzt bist du begeistert – aber was ist morgen? Erst mal drüber schlafen, mein Lieber!" Und wenn er nur einmal drüber schlafen muss, hat er richtig Glück gehabt.

Wenn es darum geht, etwas in Angriff zu nehmen, mag es schon schwer sein, so viel Geduld aufzubringen. Manchmal geht es aber auch um die Einschätzung eines Ereignisses. Angenommen, ein anderer Mensch hat dich verletzt. Nun sind emotionale Autoritäten in ihrer Wahrnehmung nicht die Schnellsten. Nur die Milzwahrnehmung funktioniert im Augenblick. Die intellektuelle Wahrnehmung ist von der Zeit unabhängig, aber die emotionale Wahrnehmung funktioniert nur im Nachhinein: Wahrgenommen werden kann hier immer nur die Vergangenheit. So passiert es oft, dass ein solcher Mensch verletzt wird und gar nichts davon merkt. Er lacht vielleicht darüber wie über einen guten Witz. Erst am nächsten Tag überfällt ihn plötzlich die volle Breitseite: "Was hat der da gesagt?! Das ist ja eine Unverschämtheit!" Einen Tag lang bohrt jetzt die Verzweiflung oder die Wut in ihm, einen Tag lang würde er das A... am liebsten erwürgen.
Wenn er sich jetzt hinsetzt und dem A... eine gepfefferte Mail schreibt, wird er das aber mit großer Wahrscheinlichkeit bald bitter bereuen!
Denn schon am zweiten Tag schlägt seine emotionale Welle zum Gegenpol um, und der andere tut ihm auf einmal schrecklich leid, er hatte ja Recht, er wollte ihm doch nur helfen, er selber ist das A... und möchte nun am liebsten sich dafür erwürgen, dass er gestern den anderen erwürgen wollte!
Wenn er sich jetzt hinsetzt und dem A... eine reuige Mail schreibt, wie Recht er doch mit seiner Kritik hatte und wie dumm es doch von ihm selbst war, darüber zu lachen, wird er das ebenfalls bald bereuen!
Erst am dritten Tag – ganz unversehens – sind sowohl Wut als auch Reue verschwunden, und unser Emotionssurfer steht geläutert am Strand, blickt auf die Wellen hinaus und weiß auf einmal klar und deutlich, was da wirklich gelaufen ist. Er fühlt die verborgenen Motivationen des anderen und parallel dazu seine eigenen und weiß jetzt, was er bereit ist, an Kritik einzustecken und was nicht und welche Art der Kommunikation für ihn die richtige ist.
"Drei Tage" ist hier nur ein Beispiel; wie lange ein Wellendurchlauf dauert, kann niemand sagen, das ist von der Welle selbst, von der Situation, auf die sie sich bezieht, und von der Person abhängig.

Allen emotionalen Autoritäten sei daher ans Herz gelegt: Reagiere nie aus einem Impuls heraus! Als emotionaler Generator weiß ich, wovon ich spreche.

Aus dem Nicht-Selbst leben Menschen mit definiertem Solarplexus, wenn sie
- Entscheidungen mit dem Verstand treffen (das betrifft natürlich alle Menschen, nicht nur emotionale),
- ihre Gefühle ignorieren oder rationalisieren,
- versuchen, spontan oder impulsiv zu leben und zu reagieren,
- ihre eigenen Gefühle unterdrücken und sich von den Gefühlen anderer "anstecken" lassen. (Um gar nicht konditionierbar zu sein, müsste ein Zentrum alle seine Tore aktiviert haben.)

Ein undefiniertes Solarplexuszentrum ist normalerweise, solange es für sich allein und bei sich ist, ruhig und gelassen. Interessanterweise halten diese Menschen sich selbst oft für die emotionalsten Wesen überhaupt, und sie wirken auch auf andere so! Es erfordert eine lange und aufmerksame Selbstbeobachtung, um herauszufinden, dass es immer die Gegenwart oder der Einfluss anderer ist, der sie zur Drama-Queen mutieren lässt. Mit ihrem offenen Zentrum nehmen sie ständig fremde Gefühle auf und verstärken sie, bis sie davon explodieren. Und der Irrtum liegt dann nur darin, dass sie sie für ihre eigenen Gefühle halten. Ihr Emotionszentrum ist allerdings nicht für solche steten und intensiven Gefühlswellen ausgelegt. Alle stärkeren Emotionen – Konflikte, Wut, Trauer, Begeisterung, Aggressionen – greifen diese Menschen viel stärker an als solche mit definiertem Solarplexus. Sie reagieren darauf, indem sie alles versuchen, um starken Gefühlen aus dem Weg zu gehen und Konflikte zu vermeiden.
Ihre große Stärke ist ihre Empathie. Wie ein undefiniertes Ajna die Gedanken anderer "lesen" kann und eine undefinierte Milz instinktiv spürt, wie es dem anderen geht, so kann ein undefiniertes Emotionszentrum die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen und sich ganz leicht in sie einfühlen. Darin liegt ihre potenzielle Weisheit, die sie erreichen können, wenn sie erkennen, dass es fremde Gefühle sind, und sich selbst davon distanzieren.

Ich schätze, Buddha hatte ein undefiniertes Solarplexuszentrum, denn es ist der Buddhismus, der alle Gefühle als krank machend bewertet - ja, auch Freude! - und Erlösung durch Loslösung und Leerwerden sucht. In der Tat ist das ein erstrebenswertes Ziel – aber nur für undefinierte Emotionszentren. Einem definierten Solarplexus dürfte es schwer fallen, das überhaupt zu verstehen, doch selbst wenn – er braucht es gar nicht erst zu versuchen, denn er kann aus seiner emotionalen Welle nicht raus. Für ihn liegt die Erlösung in der Akzeptanz seiner Emotionen, in der Erkenntnis seiner emotionalen Tiefe und im Bewusstsein, dass kein einzelnes seiner Gefühle jemals die Wahrheit ist, alle zusammen aber eine wunderbare Klarheit ergeben können.

Auf der körperlichen Ebene sind dem Solarplexuszentrum übrigens eine ganze Reihe von Organen und Drüsen zugeordnet: zunächst einmal verständlicherweise das gesamte Nervensystem, von dem der Solarplexus, das "Sonnengeflecht", ja ein Teil ist, des Weiteren die Nieren ("Das geht mir an die Nieren!"), die Bauchspeicheldrüse, ein zentrales Verdauungsorgan ("Das muss ich jetzt erst einmal verdauen!"), die Prostata und die Lunge.
Nieren und Lunge dienen beide der Reinigung unseres Körpers von unverwertbaren Stoffwechselprodukten. Ebenso muss es eine emotionale Hygiene geben: Emotionen werden verdaut, und was dann an nicht Verwertbarem übrig bleibt, muss ausgeschieden werden (loslassen!). Wenn wir diese Hygiene vernachlässigen, so dass sich zu viel unverdaute Gefühle in der Psyche anzustauen beginnen, erinnert unser Unbewusstes uns an diese Notwendigkeit mit den berüchtigten "Toiletten-Träumen"! Und eine der besten Methoden, negative Emotionen zu bereinigen, ist eine Atemkorrektur: Bauchatmung üben! Aus eigener Erfahrung kann ich die segensreichen Wirkungen der Atemübungen des Kriya Yoga empfehlen, das Pranayama. Für Anfänger eignen sich die Wechselatmung und die Vollatmung am besten.

© Angela Nowicki, 29. August 2011

Sonntag, 28. August 2011

Reise ins Herzchakra



Ich stehe in einer langen schmalen Bibliothek. Dabei sehe ich gar nicht, was sich an der rechten Wand befindet, ich sehe nur die linke, und die wird von altertümlichen, dunkelbraunen Bücherregalen mit Hunderten von Büchern und einem Schreibtisch eingenommen.


Am Ende des Raumes steht eine Terrassentür offen, die in einen grünen und sonnigen Garten hinausführt. Ich laufe hinaus. Zuerst durchquere ich einen kleinen, aber dicht und üppig wuchernden Obst- und Blumengarten. Vorbei an einer niedrigen Ziegelmauer zur Linken werde ich dann in eine parkähnliche Landschaft geleitet, die in weites grünes Land übergeht. Mein Weg führt mich bergauf durch Wiesen mit niedrigem Gebüsch, hinter denen Wälder aufragen. Rechts fällt der Berg in einem steigenden Steilhang ab, und tief drunten im Tal schlängelt sich ein Fluss dahin, der mich an den Rhein erinnert.


© Angela Nowicki, Herbst 2009

Vergangene Fremde

Ich bin unterwegs. Ständig bin ich jetzt nachts unterwegs, immer finde ich mich auf irgendwelchen Bahnhöfen wieder. Züge und mehr Züge, abfahrende Züge und Züge, auf die ich warte, um zu fahren... wohin? Ja, ich weiß wohin, immer ist es derselbe Ort, und manchmal komme ich sogar an, dann bin ich in der alten Wohnung, in der Wohnung, die mir verhasst geworden ist und von der ich jetzt träume. Wir wohnen wieder dort, aber wir sind jetzt andere, Neue, Fremde - Michael, Laura und ich, aber immer ist auch der Vater da, ihm gehört die Wohnung, er geht nicht weg, verreist, kommt immer wieder. Und immer wieder meine Angst vor seinem Kommen: Merkt er auch wirklich nicht, was sich zugetragen hat in seiner Abwesenheit? Wir haben seine Papiere durchwühlt, seinen Cognac probiert und viel geraucht und...

Aber er kommt und ist immer abwesend, immer wieder lässt er uns allein, und ich öffne gespannt jeden Morgen den Briefkasten, und jedesmal überfällt mich eine fast lähmende Freude, denn es sind mindestens sechs Briefe an mich drin...

Aber der Putz bröckelt von den Wänden, und Spinnen rennen auf dem Fußboden entlang; es ist nicht mehr die alte Wohnung, wir wohnen im fünften Stock, zu erklimmen nur über eine abgebrochene Treppe über schwindelnden Haustiefen. Da oben sitzen meist viele junge Leute, fremde Freunde, und warten auf uns. Doch ich erreiche diese Wohnung nur unter Angstkrämpfen, jedes Mal, und jedes Mal die neue verzweifelte Angst, nach Hause zu gehen, denn ich bin nicht schwindelfrei. Was, wenn ich doch da hinauf und hinüber muss, weil Laura oben sitzt und auf Essen wartet? ...

© Angela Nowicki, 1981

Freitag, 26. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (6)


Samstag, 14. August 76

Diesmal weckt mich meine Mutter. Es ist um acht, ich soll frühstücken kommen. Vertrieft räum ich das Bett weg und folge dem Ruf. Dann geht eine kleine Zeitjagd bei mir los: Die Tasche muss noch, soweit es geht, fertig werden. Mittags hab ich sie so weit, es fehlt zwar noch ein Verschluss, aber das macht nichts. Ein guter, praktischer Beutel ist mir gelungen. Mutter kocht Mittagessen, und ich packe. Die Hälfte schmeiß ich raus, trotz ihres Protests, sie habe keinen Platz. Mit jedem Gramm sparen!
Nach dem Mittagessen, gegen eins, reiße ich mich los. Länger durfte's nicht dauern, in mir kribbelte schon die Ungeduld wie ein Ameisennest. Częstochowa wartet nicht. Mutter kriegt die letzten Instruktionen, tschüss, alles Liebe und Gute bis September...

Als ich draußen bin, fühle ich mich endlich wieder frei, beruhigt - ich bin ja auf dem Weg, da kann nichts mehr schiefgehen. Auf dem Weg zur Autobahn verrenken sich wieder mal alle Karl-Marx-Städter die Köpfe. Eine ganz schön spießige Stadt! Als ich die F95 entlang laufe, steht unten schon ein Junge und trampt. Fast bin ich ran, da hält ein Auto kurz vor ihm. Ich renne los, von der anderen Seite kommt auch ein Mädchen gerannt. Der Junge wehrt mich ab:
"Wir waren aber zuerst da!"
Ich sage, ach, ihr seid wohl schon drei? Nein, zwei. Das Mädchen ist seine Frau. Na, mein ich, der kann doch drei mitnehmen, so viel Platz ist schon noch. Er nimmt auch drei mit. Bis Dresden.
Das Mädchen, Christiane, ist unheimlich aufgeschlossen und nett. Ich unterhalte mich die ganze Zeit angeregt mit ihr. Sie kommen aus Rostock. Christiane hat Ökonomie oder so was studiert, Peter, ihr Mann, studiert noch - Lateinamerikanistik.
In Dresden setzt uns der Mann an der Auffahrt Cossebaude ab, wo wir auch gleich stehen bleiben. Keiner hält, und wir schimpfen die ganze Zeit auf die ethisch verfettete Wohlstandsgesellschaft. Später kommen noch zwei Typen. Sie sind aus Döbeln und kennen natürlich Hansi; sie geben mir seine Adresse und reden auf mich ein, ich solle doch unbedingt mal nach Döbeln kommen. Aus lauter Begeisterung schenke ich ihnen die eine fast volle Schachtel Karo. Dann folgen Christiane, Peter und ich dem guten Rat der beiden Döbelner und fahren auf die Bautzener Piste am Neustädter Bahnhof.
Als Erstes male ich eine dreiviertel Stunde lang Schilder für uns beide (Gruppen). Es wird langsam dunkel, und wir erwägen schon, bald zum Bahnhof zu verschwinden und den Zug zu nehmen. Doch da hält ein Lkw - nach Bautzen, für mich. Lautstarke Verabschiedung, dann rollen wir los.

Unterwegs, kurz vor Bautzen, überholen die beiden uns doch noch - in einem feinen Pkw. Anfangs hatte ich vor, in Bautzen noch auf die Piste zu gehen, trotz der Dunkelheit. Aber als wir in Bautzen einfahren, beginnt es zu regnen. Pustekuchen! Ich disponiere um: mit dem Zug weiter. Diese Nacht wird durchgemacht, ich will keine Minute verlieren. Der gute Mann fährt mich bis vor den Bahnhof. Rennend versuche ich, nicht allzu viel abzukriegen. Der Abfahrtstafel ist nicht viel zu entnehmen. So frage ich am Schalter nach einem Zug nach Częstochowa. Die freundliche Frau hinter dem Schalterfenster weiß auch nicht besser Bescheid. Sie schiebt mir einen Auslandsfahrplan hin. Na ja, das Günstigste ist, in drei Stunden nach Wrocław zu fahren, dort werde ich weitersehen. Nach Częstochowa direkt fährt von hier gar kein Zug.

Was macht ein müder Wanderer bei so viel Aufenthalt? Er setzt sich in die Mitropa.
So auch ich. Nun muss ich vorausschicken, dass ich meine Stiefel - die einzigen Schuhe, die ich mit hatte - bei Mutter gelassen habe. Einmal war's mir zu warm dazu, zum anderen waren sie auch ganz schön kaputt und ausgelatscht. Ziehe also die ganze Zeit barfuß durch die Lande. Das hatte schon bei Christiane und Peter ein etwas verständnisloses Erstaunen ausgelöst. So sitze ich nun auch ohne Schuhe in der Mitropa. Bei der dicken Kellnerin bestelle ich ein Bier. Sie registriert das zwar, macht aber keine Anstalten, dieses auch zu holen.
"Aber Schuhe zieh'n wir ma an!"
Ich entgegne ganz arglos: "Ich hab keine."
Ihr bleibt kurz die Spucke weg: "Aber das... das geht doch nich! Das geht doch überhaupt nich! Sie könn' sich doch nich so einfach ohne Schuhe hier reinsetzen!"
Ich setze mein unschuldigstes Lächeln auf: "Doch."
Das ist zu viel für sie. Sie rotiert ab und ereifert sich pausenlos über die Tatsache, dass ich es wage, barfuß in einer Kneipe zu erscheinen, das geht doch gar nicht, wo kämen wir denn da hin, wenn das alle... Reaktion aller Anwesenden, sogar der Theken-Lady: Lächeln. Ich erwidere es gern. Mein Bier bekomm ich trotzdem.

Ach, vorhin ist mir auf dem Klo noch eine Frau begegnet, die mir wegen einer ziemlichen Überschwemmung dort ihre Schuhe borgte. Es gibt doch noch ein paar nicht ganz verdorbene Leute.

Erst sitzt ein Fahnenkumpel*) mit bei mir am Tisch, zusammen mit seiner etwas unreif wirkenden Freundin, die aus dem Geziere und Getue gar nicht wieder rauskommt. Als die beiden gegangen sind, setzt sich ein alter Herr zu mir. Er macht einen seltsamen Eindruck: ein Gesicht wie ein steinerner Wolf, sehr hager und mit einem Röntgenblick, der es einem kalt den Rücken runterlaufen lässt. Ich mutmaße: Kriminalkommissar oder Schauspieler. Mit einer schwarzen Abendtasche in der Hand setzt er sich mir gegenüber. Plötzlich beginnt er, unaufhörlich sein Portemonnaie zu suchen und sieht mich dabei immer an, dass ich fast zu glauben beginne, ich habe es gestohlen. Gleich darauf setzt sich ein Mann mittleren Alters, Arbeiter-Bürger-Typ, an unseren Tisch. Es entspinnt sich langsam eine Unterhaltung zwischen uns dreien, bei der wieder mal hauptsächlich ich das Wort führe. Es geht - worum? - natürlich ums Christentum und die Kirche. Der Alte mit dem finsteren Blick, stellt sich heraus, scheint doch nicht ganz so genialisch zu sein, wie man ihn nach dem ersten Eindruck einschätzen würde. Er weiß nicht so recht, wozu er sich bekennen soll - er war mal katholisch. Das Übliche. Ich möchte mir trotzdem vorstellen, dass sein Leben etwas außergewöhnlich verlaufen ist.

Gegen elf spazieren zwei Bullen durch den Saal. Es hat den Anschein, als wollten sie nur ein Bier trinken - doch MICH kontrollieren sie. Niemand anderen, bloß wieder mal mich. Und warum? Wird sich gleich herausstellen:
Wo ich hin will. - Nach Polen. - Nach Polen noch? - Ja, warum nicht? - Ohne Schuhe? - Ogottogott, warum denn nicht? - In Polen schneit's. - Ach so, noch gar nicht gewusst. Aber was stört denn nur die ganze Welt dran, dass ich barfuß bin? Ist denn das so schlimm? - Immerhin, etwas ungewöhnlich, nicht? - Und wenn schon. Immerhin aber auch - noch - nicht verboten, oder? - N-neeeiiin, eigentlich nicht. - Also, bitte!
Sie müssen mich wohl oder übel in Ruhe lassen. Ich trinke mein Bier aus, zahle und verschwinde.

Auf dem Klo treff ich noch mal die Frau von vorhin. Ich erzähle ihr die Sache mit den Schuhen. Sie ist die Erste, die die anderen auch nicht ganz begreift.

*) Fahne - umgangssprachlich für den Wehrdienst in der DDR

Donnerstag, 25. August 2011

HD: Die Zentren - Das Wurzelzentrum

Das WURZELZENTRUM ist ein Motor, der ursprünglichste Motor, den alle Lebewesen haben: Es ist der Überlebenstrieb. Ebenso, wie die Krone, ist auch die Wurzel ein Druckzentrum, nur dass dort geistiger Druck "von oben" drückt und hier existenzieller, hormonell gesteuerter Druck "von unten". Wir leben in einem Druck-Sandwich.
Die Hormone, die dem Wurzelzentrum zugeordnet werden, sind die Stresshormone der Nebennieren, allen voran das Adrenalin. Der ursprüngliche Zustand der Wurzel ist die Ruhe (Tor 52 Das Stillehalten, der Berg) und ist die Lebendigkeit (Tor 58 Das Heitere, der See). Im Schlaraffenland würden wir unter Bäumen liegen und uns die gebratenen Würste in die offenen Mäuler plumpsen lassen, aus nie versiegenden Bächen Milch und Honig schlürfen und zufrieden in die Sonne grinsen, und das wäre so ganz nach dem Geschmack unseres Wurzelzentrums. Leider aber haben unser Verstand und unser Wille die arme Wurzel aus dem Paradies in die Welt des Schweißes im Angesicht verschleppt*), und nun melden die Rezeptoren der Milz der Wurzel Gefahr im Verzug: Fressfeinde. Hunger. Eiszeit. Wurzel an Nebennieren: Adrenalinausstoß vorbereiten! Und je nach Situation und eigener Kondition gibt es dann eigentlich nur noch drei Grundreaktionen: Kampf – Flucht – Totstellreflex.

Das ist die Domäne des Wurzelzentrums.

Da in Europa Mitte-Nord Eiszeiten aber per Fernheizung und wärmegedämmten High-Tech-Häusern ihren Schrecken verloren haben, Fressfeinde in menschlichen Ansiedlungen selten geworden sind und Hunger für die meisten Menschen mit dem wahlweisen Griff zum Portemonnaie oder in den Kühlschrank abgegessen ist, hat unser Wurzelzentrum heute kaum noch etwas zu tun. Es könnte sich nun recht eigentlich freuen und es sich ordentlich gemütlich machen, aber das kann es bei den allermeisten Menschen gar nicht mehr, zu fern ist Eden schon. Unsere Nebennieren produzieren weiterhin Adrenalin, als gälte es, Bären zu bekämpfen – nur, wohin mit dem ganzen Zeugs? Wie sagte meine weise Oma immer: Wer keine Arbeit hat, macht sich welche? Der Mensch sucht sich eben den Stress, den er braucht: produziert galaktische Mengen an Dingen, die kein Mensch braucht (und die er denen, die sie dringend brauchen, stiehlt und vorenthält), beutet andere aus und lässt sich ausbeuten (besonders Clevere, wie ich, beuten sich sogar selbst aus), hetzt von einem Termin zum nächsten, probt das Raubtierdasein bei 200 kmh auf der Autobahn, tobt durch Fitnesszentren und Überschall-Discos, und am Ende hat er den Salat, und wenn’s nur ein Burnout war, hat er noch einen Heidendusel gehabt. Dann hat die arme Wurzel wenigstens ihre Ruhe. Ein paar besonders resistente Junkies machen sogar dann noch weiter und vermarkten ihre Pleite: "Wie ich den Burnout überwand".

Wie sagte eine liebe Freundin von mir so treffend? "Man kann auch mit der eigenen Leiche hausieren gehen."

Aber wir sind abgeschwiffen, wie ein anderer lieber Bekannter von mir zu sagen pflegt. Eigentlich wollte ich doch ganz ruhig und heiter erklären, worin sich eine definierte von einer undefinierten Wurzel unterscheidet. Wenn man die Funktionsweise der Definition einmal verstanden hat, müsste das im Grunde ganz logisch sein:

Die definierte Wurzel macht sich natürlich ihren eigenen Druck (das sind die Ausbeuter und Selbstausbeuter). Sie ist relativ immun gegen fremden Druck, und wenn sie stressanfällig ist, kommt das fast immer aus einem immanenten Bedürfnis. Und den Stress, den sie sich macht, verarbeitet sie auf eine festgelegte und beständige Weise. Eine definierte Wurzel kippt nicht so leicht aus den Latschen, da muss schon viel passieren. Ich habe mich im Leben schon oft gefragt, wieso ich nicht einfach mal umkippe, wenn mir’s zu viel wird. Andere wurden krank – ich musste krank feiern.
Wenn sie aus ihrem Nicht-Selbst lebt, setzt sie mit Vorliebe andere unter Druck und verhält sich unnachgiebig gegenüber denen, die mit Stress nicht so gut umgehen können oder die schlicht überfordert sind. Das sind die Chefs, die selber schuld gewesen sind, wenn ich krank feiern musste.

Die undefinierte Wurzel wiederum ist offen für jede Art von Druck und nicht selten sogar süchtig nach dem Adrenalin-Kick, den ihr andere bescheren müssen, weil sie keinen beständig arbeitenden Stressmechanismus hat. Oder sie lässt sich, wenn sie aus ihrem Nicht-Selbst lebt, von anderen derart mit Arbeit zuballern, dass sie nur noch arbeitet und arbeitet, um den Stress endlich loszuwerden. Wie? Natürlich unter Stress, die Natur liebt Ironie.
Es ist kein Problem, sich unter Druck setzen zu lassen, solange man sich damit wohl fühlt. Wie jeder weiß, gibt es Disstress und Eustress, und die Wurzel braucht neben der Ruhe eben auch Lebendigkeit. Hier muss nun wieder die innere Autorität auf den Plan treten, denn nur sie kann zuverlässig entscheiden, welcher Stress für ihren Besitzer Eu oder Dis ist.

Das Wurzelzentrum kann keine Autorität sein. Vielleicht ganz gut so.

*) Eine ungeheuer interessante Interpretation der Schöpfungsgeschichte, des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies anhand der Kabbalah findet sich bei Peter Gienow, Homöopathische Miasmen: Die Sykose. Philosophisch anspruchsvolle, aber über die Maßen lohnende Lektüre!

© Angela Nowicki, 25. August 2011