Freitag, 19. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (4)


Mittwoch, 11. August 1976

Halb fünf bin ich an der F95. Trampend laufe ich zur Autobahn. Unten hält ein Bullenwagen. Ihren Ausweis, bitte! Sie fragen viel, das Übliche. Als ich weiterlaufe, warten unten ein Junge und ein Mädchen mit Rucksäcken und erzgebirgischem Dialekt auf mich. Was die Bullen wollten. Ich beruhige sie, das Normale. Sie wollen auch nach Polen, in die Tatra. Ich erzähle etwas über Częstochowa. Sie scheinen ganz interessiert - das könnte man ja auch mal mitnehmen.
Ich laufe zur Tankstelle, recht unschlüssig, wie ich anfange, da quatscht mich ein Dicker auf dem Motorrad an. Ich sage, zum Hermsdorfer Kreuz, er macht ein Zeichen, ich solle aufsteigen. Er wolle nach Jena. Das find ich ja bombig. Aber wohin mit dem vielen Gepäck? Er hat keinen ordentlichen Gepäckträger. Erst will er dauernd ein Stück die Autobahn vorfahren, weil da keine Bullen mehr seien, und mich dort aufladen. Als ich nicht begreife wozu, nimmt er mich gleich drauf. Den Beutel auf den Motor, und die Parka klemme ich mir unter den Arm.
An der Auffahrt Glauchau tankt er erst mal. Ich warte so lange auf der Landstraße. Ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll, habe schon Angst, er lässt mich hier sitzen. Er kommt aber zurück. An einem Parkplatz hält er - der Motor muss erst abkühlen. Mir dauert das alles zu lange. Es ist schon halb acht, und dreiviertel neun fährt der letzte Zug nach Saalfeld, und wer weiß, wann der letzte Bus nach Braunsdorf geht, wo ich übernachten kann. Er meint, wir schaffen das schon noch. Wir sitzen auf einer Bank und unterhalten uns ein bisschen. Eine alte Frau schleicht über den Parkplatz und sammelt Flaschen aus den Papierkörben. Er kommt wohl viel rum, ist Landmaschinenschlosser oder so was. Da muss er auch am Wochenende arbeiten und kann sich so, genau wie wir, freie Tage sammeln. An denen setzt er sich dann auf sein Motorrad und fährt irgendwohin, was ihm gerade einfällt. Sein Hobby.
Gegen acht fahren wir weiter. Kurz hinter dem Hermsdorfer Kreuz lässt er den Motor noch mal abkühlen. Ich werde langsam kribblig. Und dann, 15 km vor Jena, noch mal. Es ist schon dunkel und meine Geduld bald am Ende. Zu allem Überfluss borgt er sich noch meine Decke aus und macht sich's im Feld bequem. Ich stehe am Motorrad und warte, warte... endlos... Ich habe das blöde Gefühl, er will was von mir. Tatsächlich ruft er mich auf einmal leise, ich solle runterkommen, er habe mir was zu sagen. Ich brülle, warum, er könne doch auch hochkommen. Darauf meint er nur, ich solle nicht so schreien. Endlich kommt er wieder hoch. Ich mache ihm den Vorschlag, doch gleich loszufahren, in Jena könne er dann den Motor abkühlen lassen, solange er will. Na ja, langsam kommt er aus der Hüfte. Er sagt, er fährt mich jetzt bis zur Abfahrt in Jena, und dann will er gleich wieder zurück nach Karl-Marx-Stadt.
"Ich denke, du wolltest nach Jena?"
Nee, wieso, er habe mir bloß einen Gefallen getan. Da fällt mir doch alles runter. Er macht auch noch mal einen Annäherungsversuch, als ich ihm aber deutlich zu verstehen gebe, dass ich darauf absolut nicht aus bin, lässt er's sein und ist eigentlich ganz okay.

An der Jenaer Abfahrt lässt er mich dann auch wirklich runter. Bis zur Stadt sind es nur ungefähr 100 Meter. Zwei Mädchen quatsche ich an, wie's zum Bahnhof geht. Dann frage ich sie nach der Zeit - es ist neun. Scheiße. Ich erzähle ihnen, dass mein Zug nun weg ist und damit die Penne und... Na, wie geht's dann zur Evangelischen Studentengemeinde? Das wissen sie nicht so genau, erklären mir aber den Weg in die Altstadt, zur Uni, während wir zum Bus vorlaufen. Auf einmal fragt die eine, wann morgen früh ein Zug nach Saalfeld gehe. Ich sage, weiß ich nicht, aber bestimmt nicht allzu zeitig. Na, meint sie, sonst könntest du auch bei mir schlafen, ich muss bloß halb fünf raus. Ich könnte sie fast umarmen, ich sage, das macht fast gar nichts, morgen früh brauche ich sowieso nicht mehr nach Saalfeld, das war bloß wegen der Penne. Schön, sagt sie, komm doch mit, ich weiß doch, wie das ist, ich trampe ja selber.
Sie heißt Regina Wolff und hat eine nett eingerichtete Neubauwohnung. Wir unterhalten uns noch ein bisschen, sie gibt mir eine Flasche Bier und raucht Karos von mir. Arbeitet bei Zeiss, Feinoptiker, ist eigentlich nicht ihre Welt. Ein duftes Mädel. Dann wasche ich mich gründlich und krieche - wer weiß, vielleicht vorläufig zum letzten Mal - in ein sauberes, frisch bezogenes Bett.
Gute Nacht. Morgen früh schmeißt du mich raus, Regina.

Mittwoch, 17. August 2011

Spiritual Fantasy

Eigentlich fällt mir das aus dem Konzept, nur Eigenes zu veröffentlichen, doch weil's grad so schön passt, ich diesen Song so liebe und er für Deutsche auf youtube leider nicht zu haben ist, hier der Text:

Humanity grew weary
Of it’s doubtful state of mind.
So it summoned from far and called from near
All the wise men thought to be sincere
To heal it's wounds and make it whole
And to lead the way back to the soul.

The charlatans they stayed behind
To count their bags of gold.
And some stayed away as if to say:
“I know that my way's the only way!”
Afraid to learn they may be wrong
They preach their nothingness at home.

But the wise men came together with the hope to free mankind
Of the rubbish that had gathered in god's name,
To embrace and trust each other in the search for the supreme.
And they found that all their teachings were the same.

And when at last the word went round
That all were one and all,
Many returned to seek the light,
Nobody claimed that he was right.
It's sad to know it's just a song.
To dream and hope still can't be wrong.

Steppenwolf "Spiritual Fantasy"
vom Album Steppenwolf the Second, 1968

Damit es wenigstens zur Hälfte am Konzept bleibt, hier meine freie Übersetzung – keine Nachdichtung, daher im Fließtext:

Überdrüssig ihrer geistigen Unsicherheit, lud die Menschheit alle Weisen von fern und nah, die ihr aufrichtig dünkten, ein, dass sie ihre Wunden heilen und und sie den Weg zurück zur Seele führen mögen.
Die Scharlatane blieben im Hintergrund und zählten ihre Säcke voller Gold. Und mancher hielt sich abseits, als wolle er sagen: "Nur mein Weg ist der einzig richtige!" Aus Angst zu erkennen, sie könnten sich irren, predigten sie ihre Banalitäten daheim.

Aber die Weisen versammelten sich in der Hoffnung, das Menschengeschlecht von dem Plunder zu befreien, den es in Gottes Namen angehäuft hatte. In der Hoffnung, sich auf der Suche nach dem Höchsten zu verbünden und einander zu vertrauen.

Und sie erkannten, dass sie im Grunde alle dasselbe lehrten.

Als sich die Botschaft endlich herumsprach, dass alle Menschen samt und sonders eins sind, kehrten viele um, um zum Licht zu streben, und niemand bestand mehr darauf, Recht zu haben.

Schade, dass dies nur ein Lied ist, doch
es kann ja nicht schaden, zu träumen und zu hoffen.


Krapfen für die Band!

We are running a garden centre. Kurz vor Wochenendschluss kommt die fromme Helene noch auf die Idee, Krapfen zu backen und zu verkaufen. Die Buchhalterin, die sie kurz vor Feierabend auftreibt, kann jedoch ihrerseits kein Geld mehr auftreiben. Neila versteht nicht recht, wozu man Geld braucht, wenn man Krapfen verkaufen will. Nach längeren Diskussionen kommt ihr schließlich die Idee, den Bäcker auf der Fischer-von-Erlach-Straße einzuspannen. Erst überlegt sie, ihn anzurufen, weil sie keine Lust hat, die paar Schritte von der Reilstraße hinzulaufen, dann erscheint es ihr jedoch aussichtsreicher, selbst hinzugehen, als ein abstraktes Anliegen am Telefon vorzutragen.

Als sie zum Gartenfachmarkt zurückkommt, bleibt ihr Blick an einem riesigen grünen Schuh mit gelblicher Specksohle hängen. Dann sieht sie einen offenen Lieferwagen und erkennt den Bäcker mit seinem Gehilfen, die viele solcher Schuhe in allen Farben entladen und auf ein Verkaufsgestell packen. Das sind die Krapfen! Neila fällt ein, dass sie vergessen hat, dem Bäcker zu sagen, dass sie zum Essen verkauft werden sollen, doch das ist halb so schlimm - die Schuhe kann man schließlich auch essen. Sie unterhält sich eine Weile mit dem Bäcker, den sie für seine kunstvollen Werke lobt, und bemerkt, dass er und sein Gehilfe ungeheuer freundlich und bemüht um ehrliche, saubere Arbeit und ein gutes Firmenimage sind. Ein äußerst angenehmer Laden, auf den man sich verlassen kann.

Neila hat Steppenwolf angeschrieben mit der Bitte, einen Song für die Krapfen zu schreiben. Den hält sie jetzt in den Händen - sie haben es wirklich getan! Die fromme Helene und Undine hören ihn sich gemeinsam mit ihr an. Er klingt ein bisschen wie Spiritual Fantasy, und gleich in der ersten Zeile hat John Kay die Worte "Neila, moja mila" eingebaut, was man sogar durch den amerikanischen Akzent heraushören kann. Neila ist ungeheuer stolz: Steppenwolf hat einen Song geschrieben, in dem sie vorkommt!

Nun geht es ans Bezahlen. Der Bäcker ist inzwischen wieder in seinem Laden, und Neila macht sich ein zweites Mal auf den Weg zu ihm, um die Zahlungsdifferenzen zu begleichen. Oma Irma glaubt nicht an seine Ehrlichkeit, viele glauben das nicht, und diese negative Einstellung ärgert Neila so, dass sie sich - trotz ihrer Unsicherheit, ob sie Recht behalten wird - zu einer Wette hinreißen lässt. "Genau, von nun an sollte ich immer gleich wetten!" ruft sie begeistert aus. Für den Anfang wettet sie mit Oma Irma um zehn Cent. Selbstverständlich wird das Problem zu ihrer vollen Zufriedenheit gelöst, der Bäcker ist wirklich um Solidität bemüht. Neila triumphiert und fordert ihre zehn Cent ein.

Im Nu sind die Krapfen verkauft. Sie haben 60 Euro eingenommen. Neila staunt und freut sich noch mehr, als ihr einfällt, dass sie davon gar nichts mehr abziehen müssen, denn alle anderen Ausgaben sind schon beglichen. Sie können die 60 Euro also unter sich aufteilen. Die fromme Helene hat die Krapfen versorgt, Neila den Bäcker und den Song - da fällt ihr ein, dass Undine schließlich auch mitgeholfen hat. Ihre Leistung ist zwar im Vergleich zu denen der anderen geringfügig gewesen, doch Neila besteht darauf, dass Undine wenigstens 10 Euro bekommt. Der frommen Helene passt das nicht recht, Undine besteht auch nicht darauf, und alle wissen, dass sie das Geld am wenigsten braucht. Trotzdem entscheidet Neila: "10 Euro für Undine und je 25 für dich und mich, ist das ok?" Etwas widerwillig stimmt die fromme Helene zu.

Da Letztere leider verhindert ist, muss Neila nun noch den abendlichen Bandauftritt schmeißen. Immerhin sind sie eine Teenie-Kultband, der kleine Saal ist halb voll mit acht- bis zwölfjährigen Mädels, the show must go on. Neila sitzt am Klavier, Undine neben ihr, sie spielt sich angestrengt locker durch die Setlist, doch ihren größten Hit muss sie zum Schluss auch noch SINGEN! Das ist der absolute Horror für sie, doch sie gibt ihr Bestes. Es sind nur vier Zeilen, die sie von einem Karaoke-Bildschirm hinter dem Klavier abliest, allerdings muss sie jedesmal quer durchscrollen, weil die Zeilen nicht umgebrochen sind. Es kommt etwas mit "mamma" und "Jamaica" drin vor. Neila versucht, den Song so hymnisch wie möglich rüberzubringen. Am Anfang singt das Publikum sogar mit, später muss sie es animieren, wobei leider nur ein etwas gepresstes: "Alle!" herauskommt. Überhaupt war sie während des ganzen Auftritts reichlich gepresst.

Am Ende hat Neila den Eindruck, das Publikum enttäuscht zu haben, denn der Applaus war bestenfalls artig zu nennen. Doch als sie Undine fragt, ob sie viel falsch gesungen habe, meint die: "Ja, schon öfter mal mittendrin, aber du hast es insgesamt gut gepackt, und du hattest auch etliche Fans unter den Mädchen." Neila schwankt zwischen Peinlichkeit und Erleichterung und tröstet sich dann damit, dass das schließlich ihr erster Auftritt war. Es kann nur besser werden.

© Angela Nowicki, 22. August 2010

Dienstag, 16. August 2011

HD: Das Sakralzentrum und die inneren Autoritäten

Das SAKRALZENTRUM ist ein mächtiger Energiewirbel, ein Generator, der alle eingehenden Impulse und eingespeisten Energien verarbeitet, in die benötigte Energieart umwandelt und diesen "Strom" zur Nutzung bereit stellt. Als einer der vier Motoren in der Körpergrafik ist es das Zentrum der Lebenskraft, der Sexualität, der Fruchtbarkeit und der Ausdauer. Folgerichtig sind diesem Zentrum auf der körperlichen Ebene die Fortpflanzungsorgane zugeordnet und von den Hormondrüsen die Eierstöcke und die Hoden.

Das definierte Sakralzentrum hat etwas ganz Besonderes: eine Stimme. Es ist die berühmte "Bauchstimme", die den Generator leitet – der natürlich seinen Namen von seinem definierten Sakralzentrum erhalten hat, denn bei wem dieses Zentrum definiert ist, der ist immer ein Generator. Für diese Menschen ist es von zentraler Bedeutung, geduldig warten zu lernen, bis ihnen etwas entgegenkommt, worauf sie reagieren können. Das Sakralzentrum ist kein aktives, sondern ein reaktives Zentrum! Die Bauchstimme antwortet mit einem spürbaren und spontanen "Hmmm!" für ja oder "Ä-ä!" für nein, das sich auch als Gefühl des Hingezogen- oder Abgestoßenwerdens in Bezug auf die fragliche Angelegenheit äußern kann.

Hier berühren wir bereits die zweite Kategorie des Human Design. Die erste waren die bereits besprochenen Typen, die zweite ist die innere Autorität. Wie ich bereits an anderer Stelle schrieb, hat jeder Mensch eine innere Instanz, die dafür ausgelegt ist, die für seine Entwicklung vorteilhaftesten Entscheidungen zu treffen. Ich habe auch schon dargelegt, warum dies niemals der Verstand sein kann. Es gibt insgesamt sechs verschiedene Autoritäten, und wer welche hat, hängt davon ab, welche Zentren in seiner Körpergrafik definiert bzw. nicht definiert sind.

1. Ist das Solarplexuszentrum definiert, haben immer die Emotionen die innere Autorität, ganz gleich, welche Zentren sonst noch definiert sind. Worauf die emotionale Autorität beruht, werde ich im Kapitel über das Solarplexuszentrum erklären.

2. Ist das Solarplexuszentrum undefiniert, aber das Sakralzentrum definiert, dann handelt es sich um eine sakrale Autorität, gleich welche Zentren sonst noch definiert sind. Das bedeutet: Ein Generator kann nur zwei Autoritäten haben – entweder er ist ein emotionaler oder ein sakraler Generator. Bei einem sakral gesteuerten Generator hat die innere Autorität die engste Beziehung zum Typ, d.h. hier trifft alles zu, was bereits über den Typ des Generators geschrieben wurde: Er muss, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, "warten – reagieren – handeln". Er muss warten, bis eine Entscheidung fällig wird, darauf seine Bauchstimme reagieren lassen, der er dann, wenn irgend möglich, in seiner Entscheidung folgen sollte.

3. Sind Solarplexus- und Sakralzentrum undefiniert, und ist das Milzzentrum definiert, dann handelt es sich um eine Milzautorität, die im Kapitel über das Milzzentrum besprochen werden wird. Auch hier spielt es keine Rolle, welche der restlichen Zentren sonst noch definiert sind.

4. Sind Solarplexus-, Sakral- und Milzzentrum undefiniert, und ist das Herzzentrum definiert, dann ist das eine Ego-Autorität. Dies ist die Autorität der Willenskraft. Hier geht es, im Gegensatz zum Selbst des G-Zentrums, um die materiellen, weltlichen Ziele des Ich oder Ego. Das Ego will die Kontrolle über die materielle Ebene des Seins haben, und dazu gehört sowohl eine funktionierende Gemeinschaft als auch der persönliche und gemeinschaftliche Besitz oder der persönliche Status innerhalb dieser Gemeinschaft: "Ich bin der Boss." "Das ist meine Familie / unser Haus." "Ich bin der Erste."
Im Hinblick auf die Autorität bedeutet das, dass ein solcher Mensch die Willenskraft haben muss, zu seinen Entscheidungen zu stehen und sie bis zum Erfolg oder Misserfolg durchzuziehen. Darüber darf man gar nicht diskutieren müssen. Dieser Mensch muss in der Lage sein, nachdrücklich und mit aufrichtiger Überzeugung zu sagen: "Das ist etwas für mich. Ich tue es." Die Ego-Autorität darf sich nicht auf Gefühle, Bauchstimmen oder Ahnungen verlassen, denn die dafür zuständigen Zentren sind bei ihr ja undefiniert und daher unzuverlässig. Die Entscheidungsgewalt liegt also bei einem unmissverständlichen: "Ich will." (Sturzhelm und Ellbogenschützer sind immer nützlich.)
Je nachdem, über welche Kanäle das Herzzentrum definiert ist, kann es sich um einen Manifestor oder einen Projektor handeln, deren jeweilige Strategie zusätzlich berücksichtigt werden muss. Der Manifestor hat es am einfachsten: Er braucht nur andere darüber zu informieren, was er sich vorgenommen hat, und kann gleich loslegen. Der Projektor hingegen muss auf Anerkennung und Einladung warten, bevor er seinen Willen durchsetzen kann.

5. Ist das G-Zentrum definiert, während alle Zentren darunter undefiniert sind, haben wir es mit einer Selbst-Autorität zu tun. Was über dem G-Zentrum definiert ist, spielt keine Rolle. Solch ein Mensch ist immer ein Projektor, da ja kein Motor mit der Kehle verbunden sein kann und auch das Sakral-Zentrum undefiniert sein muss. Die Selbst-Autorität ist im Grunde ein Autopilot. Diese Menschen müssen keine Entscheidungen aufgrund ihrer emotionalen Klarheit, ihrer Bauchstimme, ihrer Intuition oder ihres Willens treffen – sie müssen eigentlich überhaupt keine Entscheidungen treffen, denn sie haben nur eines zu tun: das, was sie tun. Im Selbstzentrum sitzt, wie wir wissen, der Magnetische Monopol, unser Chauffeur, der uns durchs Leben fährt. Wenn der auch noch die Entscheidungsgewalt hat, braucht der Fahrgast nicht einmal darüber nachzudenken, was er tun soll; er kann sich einfach zurücklehnen und sich "durchs Leben kutschieren lassen". Wenn die Entscheidung einer Selbst-Autorität in Frage gestellt wird, hat sie normalerweise eine Menge rationaler Rechtfertigungen dafür parat – aber Gedanken treffen schließlich keine Entscheidungen. Vielleicht hat sie sich aber auch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht und antwortet: "Ich weiß nicht, es war einfach das Richtige." Sehr dubios...
Das Mantra für einen Menschen mit Selbst-Autorität ist Shakespeares wundervoller Hamlet-Vers:

Dies über alles: Sei dir selber treu,
Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,
Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

6. Nun gibt es jedoch noch die seltenen Fälle, in denen keines der genannten Zentren definiert ist. Diese Menschen haben keine innere Autorität. Es kann sich hier nur um einen geistigen Projektor oder einen Reflektor handeln: Beim geistigen Projektor ist mindestens eines der drei Zentren über dem G-Zentrum (Kehl-, Ajna- und/oder Kopfzentrum) definiert, der Reflektor ist, wie bereits unter den Typen beschrieben, vollständig offen. Beide Typen haben aber in Bezug auf ihre Entscheidungsfindung die gleiche Strategie: Sie müssen einen Mondumlauf, also ungefähr 28 Tage lang, warten. Das mag in unserer schnelllebigen Zeit utopisch erscheinen, dieses Dilemma betrifft aber nicht nur Reflektoren; unser gesamtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist der Feind des Selbst, daher bleibt es niemandem, der nach Selbsterfüllung strebt, erspart, seinen eigenen, fast immer dornenreichen Weg zu finden und zu gehen, indem er herausfindet, wo er Kompromisse eingehen muss, kann und will und wo er bereit ist, auf bestimmte Vorteile der materiellen Welt zu verzichten.
Wichtig ist es für diese Menschen auf jeden Fall, sich für jede größere Entscheidung so viel Zeit zu nehmen, wie nötig ist, und sich bewusst zu werden, dass alles, was schnellere Entscheidungen erfordert, einfach nichts für sie ist. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es sich dabei nicht selten schon um von Natur aus unentschlossene Menschen handelt. Wer mit ihnen essen geht, sollte sich am besten den ganzen Tag frei nehmen und sich vorher schon satt essen, sonst ist er verhungert, wenn sie sich endlich dazu durchgerungen haben, ihre Bestellung aufzugeben. Die Natur in ihrer unendlichen Weisheit sorgt offensichtlich schon von vornherein dafür, dass jeder die besten Voraussetzungen für ein Leben gemäß seiner Bestimmung mitbringt, eine Erfahrung, die ich bereits aus der Münchner Rhyhtmenlehre, der astrologischen Schule von Wolfgang Döbereiner, kenne.
In diesen – idealerweise – vier Wochen sollten diese Menschen so oft und so viel wie möglich mit anderen über die betreffende Angelegenheit sprechen und auch besonders darauf achten, was sie sich selbst sagen hören. Reflektoren und geistige Projektoren sind dazu veranlagt, ihre verschiedenen inneren Erfahrungen zu einem Ganzen zusammenzufassen und ihre Entscheidungen aus der Gestalt dieser Synthese heraus zu fällen.

Um auf das definierte Sakralzentrum zurückzukommen, bleibt zu sagen, dass diese Menschen – also Generatoren – wie Dampflokomotiven sind: Sie brauchen lange, um in Fahrt zu kommen (beim Manifestierenden Generator geht es allerdings schneller), aber wenn sie einmal auf Touren sind, sind sie nicht mehr aufzuhalten und haben einen unglaublich langen Bremsweg. Deshalb ist es für Generatoren so wichtig, mit jeder größeren Entscheidung lange genug zu warten und auch wirklich auf ihre Bauchstimme zu hören, damit sie sich nur auf Projekte und Beziehungen einlassen, die eine lustvolle Erfahrung für sie sind und bleiben. Denn für sie gilt: einmal drin – immer drin. Wenn sie etwas anfangen, müssen sie es bis zum Ende durchziehen, und Enden können auch bitter sein.
Lebt das definierte Sakralzentrum aus seinem Nichtselbst, dann wartet es nicht auf Resonanz ("Ich muss doch endlich etwas tun!"), verwickelt sich in die falschen Erfahrungen und bleibt am Ende erschöpft, frustriert und von anderen ausgenutzt auf der Strecke.

Das undefinierte Sakralzentrum steht nicht unter solchem Druck, produktiv zu sein, wie die Generatoren. Es kann viel leichter alle Fünfe grade sein und andere für sich arbeiten lassen, gerät daher auch nicht so leicht in Gefahr, sich ausnutzen zu lassen. Aber, wie alle undefinierten Zentren, entwickelt es natürlich auch einen starken Sog, der Konditionierungen anzieht.
Die Nichtselbst-Strategie des undefinierten Sakralzentrums ist daran zu erkennen, dass der Mensch sich von anderen (Generatoren, natürlich) mitreißen lässt, weil er meint, er müsse genauso produktiv und ausdauernd sein wie sie. Ein offenes Sakral hat aber gar keine eingebaute Bremse, daher wissen diese Menschen einfach nicht, wann sie aufhören müssen. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Total-Burnout.

Die richtige Strategie ist sowieso immer dieselbe, egal, ob definierte oder undefinierte Zentren: Halte dich an deinen Typ, folge deiner inneren Autorität und versuche nicht zu sein, was du nicht bist.

© Angela Nowicki, 16. August 2011

Montag, 15. August 2011

Der Spiegel

Blickend nach vorn
Erkennen wir nur, was hinter uns liegt
Die Zukunft ist ein Spiegel
Dahinter verbirgt sich
Unser Gott

So
Geht er vor uns her
Zu ebnen den Weg
Seine Spur drauf zu hinterlassen
Die wir nicht sehen
Denn

Immer laufen wir dem Spiegel nach

© Angela Nowicki, 1980

Sonntag, 14. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (3)


Dienstag, 10. August 76

Entgegen meinem Plan, schon am nächsten Tag nach Karl-Marx-Stadt zu meiner Mutter zu trampen, bin ich zwei Tage in Großhennersdorf hängen geblieben. Aber heute muss ich endlich weiter. Ich will noch nach Jena an die Uni, bevor ich nach Polen aufbreche.

Gegen neun werde ich in meinem Zelt in Michas Garten munter. Dieses Mal gammle ich sogar noch länger rum als gestern. Ein Flötenspiel, Zähneputzen an der Tonne - aus dem gegenüber stehenden Baum linst neugierig das Gesicht eines gar nicht mal so hässlichen Kerls. Zum Frühstück Erbsen, Äpfel, zwei Scheiben Knäckebrot und ein paar unreife Erdbeeren, eine Zigarette, später noch eine, meine Toilette befindet sich unter den Stachelbeersträuchern...
Mir ist ein bisschen schlecht. Das gibt sich aber, als ich gegen Mittag endlich - barfuß und aufgekrempelt - zur Bushaltestelle trabe. Ich habe Glück. In zehn Minuten fährt ein Bus nach Löbau. Der alte Bauer, der mir diese Auskunft gibt, ist nett. Da ziehen sie durch die Länder... Ihm gefällt das. Mir gefällt, dass es ihm gefällt. Aber die Stiefel ziehe ich dann doch lieber an für den Bus.
Er ist nicht sehr voll, und ich kriege einen Sitzplatz. Auf halber Strecke bekomme ich mit, dass er sogar nach Bautzen fährt. So löse ich in Löbau nach bis dort. Der Fahrer ist komisch; er guckt dauernd, als rede ich griechisch.

In Bautzen verrenken sich die Leute wieder mal die Köpfe nach mir. Kein Wunder: barfuß, in geflickten, hochgekrempelten Bluejeans, der orangen Hippiebluse, eine zusammengerollte Armeeplane unter dem Arm, in der anderen Hand einen nicht mehr ganz sauberen gelben Leinenbeutel und irgendwo die heruntergekommene Parka. Das junge Pärchen, das ich nach dem Weg zur Autobahn frage, reagiert nicht sehr zuvorkommend.
Das Gepäck ist ganz schön schwer und der Weg weit; ich überlege schon zum x-ten Mal, wie dieses Problem am besten zu lösen sei. Die Kneipe an der "Autobahnecke" macht erst um vier auf, jetzt ist es um drei, und ich habe Hunger. Also kauf ich mir im Konsum gegenüber ein bisschen Kuchen, eine Flasche Milch, eine kleine Flasche Apfelsaft, Zigaretten und dann ab auf die Piste. Erst mampfe ich in Ruhe, bis ich fast platze, dann geht das "Antrampen" los.

Es dauert nicht lange, da hält einer bis Dresden. Kurz vor der Auffahrt winken zwei Liesen. Ich bitte ihn innigst, doch anzuhalten, es sei ja noch Platz. Er tut es. Doch die beiden wollen nach Hoyerswerda. Schade. Er hat gedacht, ich kenne sie. Trampersolidarität scheint er noch nicht erlebt zu haben. Ein Stück weiter läuft ein Typ am Straßenrand, der ganz sicher nach Dresden will. Diesmal traue ich mich nicht mehr, ihn zum Anhalten zu bewegen. In Dresden fährt er extra wegen mir am Wilden Mann rein bis zur Ecke Döbelner Straße. Ich hab mir überlegt, erst zu Frieder zu gehen wegen der Unterlagen, die ich noch brauche, und dann mal zu Billy. Vielleicht kann ich bei ihr pennen. Unterwegs fällt mir ein, dass ja heute Dienstag und eventuell Junge Gemeinde im Weinberg ist. Frieder Burkhardt ist Jugendpfarrer dort, und ich habe bei ihm vorübergehend meine Habe eingelagert, bis ich eine neue Bleibe finde.

Auf der Wiese im Pfarrgarten hocken ein paar 14-, 15-jährige Bengels. Ich stelle mein Gepäck neben sie und bitte sie, mal 'ne Weile drauf aufzupassen. Ein sehr jungenhaft wirkendes, kleinwüchsiges Mädchen fragt nach einer Zigarette. Ich verteile Karo. Die Jungs sind begeistert. Das Mädchen fragt mich, woher ich jetzt komme, und wird nicht wieder, als sie Großhennersdorf hört. Katharinenhof? Kennst du Schwester Ruth? Doch, die ist sehr gut; mich hat sie immer gut behandelt. Ich war mal dort, vor acht Jahren. Jetzt kommt sie aus Kleinwachau und erzählt mir, wie schlecht ihre Eltern sie behandeln und im Betrieb der Meister und die Kameraden. Sie will unbedingt nach Großhennersdorf und bittet mich inständig, einen Brief von ihr, so schnell es geht, dorthin zu leiten. Ich verspreche es ihr.
Vorhin hab ich Frieder mit noch ein paar Leuten zur Kapelle hochgehen sehen. Ich denke, dass schon Gottesdienst ist, und gehe erst mal aufs Klo, dann hoch, aber alles ist verrammelt. Man hört zwar die Orgel, doch die Kapelle ist leer. Als ich wieder runterkomme, hat Erika den Brief geschrieben und gibt ihn mir zu lesen. Er ist kaum zu entziffern - ich werde für Ebs ein paar Zeilen dazu schreiben. Mit Erika gehe ich dann mal zu Barbara, Frieders Frau, hoch. Die führt mich auch gleich auf den Boden, und ich krame ein bisschen, bis ich gefunden hab, was ich suchte. Das Abizeugnis und den Lebenslauf brauche ich für die Studienbewerbung in Jena, die Beurteilungen meiner bisherigen Arbeitsstellen finde ich jetzt nicht. Ich gehe wieder runter und suche Erika. Sie hockt mit einem Jungen in Burkhardts' Kinderzimmer vor der Eisenbahn. Barbara bestätigt mir, dass heute JG ist, so gegen sieben wird's anfangen mit gemeinsamem Abendbrot.
Als wir wieder runterkommen, sind es ein paar Minderjährige mehr geworden. Ein Mädchen hat ein Kleinkind mitgebracht. Die Leute sind freundlich. Als ich grad dabei bin, meine Sachen wieder mal günstig zusammenzupacken, kommt Frieder.
"Na, du bist ja noch da."
Er ist in Schulterklopflaune und strahlt lyrisch in die Sonne. In solcher Verfassung nimmt er niemanden voll wahr und zeigt auch nicht die geringste Lust auf längere Gespräche. Ich lass ihn in Ruhe, nachdem er Erikas Klagen mit einem ironischen "So-du-hast-auch-Sorgen?" quittiert hat.
Gegen sechs schultere ich meine Bagage wieder und mache mich auf. Ein Mädchen meint, ich solle doch da bleiben, die JG fange bald an, wo ich noch hin wolle. Ich bin mir selbst nicht ganz schlüssig. Ich sage, erst mal zu meiner Freundin, mal sehen, vielleicht komm ich dann noch mal wieder. Aber kaum bin ich ein Stück vorgelaufen, packt mich der Entschluss, gleich noch auf die Piste zu fahren. Es ist noch hell, vielleicht komm ich heute noch nach Karl-Marx-Stadt.

In Cossebaude an der Piste steht schon einer, und ein anderer läuft vor mir. Der da schon steht, will nach Leipzig. Ich sage, dass ich heute aus Großhennersdorf komme...
"Ach! Aus Großhennersdorf? Zufällig warst du im Katharinenhof? Wieso haben wir uns da nicht gesehen?"
Er war ebenfalls ein paar Tage dort zu Gast bei Olaf gewesen. Da hält ein Trabi mit ungarischem Nummernschild. Ein junges Mädchen, sehr gut aussehend, Ungarin: "Karl-Marx-Stadt."
Der andere, der hinter mir stand, will ebenfalls dorthin. Also steigen wir beide ein. Gruß zurück an Olafs Kumpel, dann wende ich mich der Ungarin zu. Sie will wissen, wo in Karl-Marx-Stadt irgendeine Straße ist. Wir wissen es beide nicht, aber ich kann endlich wieder mal mein Ungarisch an den Mann bringen:
"De Karl-Marx-Stadtban lehet kérdezni rendőrt."*)
Sie zeigt sich erwartungsgemäß erfreut: "Honnan tudsz magyarul?"**)
So entwickelt sich eine kleine Unterhaltung bis Karl-Marx-Stadt, und ich stelle voller Erschrecken fest, dass von meinem Ungarisch nur knapp die Hälfte noch geblieben ist.

An der Tankstelle steigt der Typ aus und trampt weiter. Ich fahre mit nach Karl-Marx-Stadt rein. Erst mal zum Bahnhof und zur Trapo. Die gesuchte Straße ist bald gefunden, und ich bin sehr erfreut, denn sie liegt in Adelsberg, das ist auch meine Richtung.
Meine Mutter ist freudig überrascht über meinen Überfall. Sie fällt bald aus allen Wolken, als sie hört, Theologie will ich studieren. Aber irgendwie freut sie sich, hauptsächlich darüber, dass ich "nun doch endlich" studieren will. Nach Jena soll ich noch mal bei ihr vorbeikommen und berichten, unbedingt. Und bis ich wieder was habe, kann ich bei ihr bleiben. Jetzt freue auch ich mich.

*) Aber in Karl-Marx-Stadt kann man einen Polizisten fragen.
**) Woher kannst du Ungarisch?

Mundtot machen - in eigener Sache

Meine unbewusste dritte Linie aus meinem Profil (Human Design: Die Profile - Erscheinen vorgemerkt) hat wieder zugeschlagen. Die dritten Linien der I-Ging-Hexagramme sind die Anarchisten, die nach dem Motto von Versuch und Irrtum leben.

Aus einem Kurstext von humandesign.com:
Echte Anarchie ist die Erkenntnis, dass das Fundament fehlerhaft ist und zerstört werden muss, selbst wenn es keinen erkennbaren Ersatz dafür geben sollte.

Zwei Schritte vor und einer zurück - so kommt man auch vorwärts. Zeit spielt keine Rolle, wenn es um Qualität geht. Nun hat mein innerer Anarchist meine Erzählung über Neilas Flucht über die Klinge springen lassen und befunden, sie sei zu erweitern und infolge dessen umzustrukturieren. Es hat sich nämlich Neilas Tagebuch vom Sommer vor ihrer Flucht nach Polen angefunden, und das schien uns beiden - meinem Anarchisten und mir - hinlänglich interessant und kompatibel, dass wir es in die Geschichte einzubauen beschlossen.

Daher werde ich alle bisher veröffentlichten Folgen noch einmal weitgehend umschreiben, es lohnt sich also, ab, sagen wir mal, heute 22 Uhr (spätestens) die Geschichte noch mal von vorn zu lesen. Es sind ja bisher nur drei Folgen gewesen. Die Änderungen beginnen mit dem letzten Absatz der ersten Folge.

Hier geht's lang: Mundtot machen (1)