Sonntag, 18. September 2011

Die Erhebung

Ich stand lange, lange in der weltfernen Berglandschaft und nahm sie ganz in mich auf. Vollkommene Ruhe. Vollkommene Schönheit.

Als ich mich umwandte, betrat ich sogleich den kreuzgangähnlichen Eingang zur Felskathedrale. Die große Halle war von Licht durchflutet. Ich rief meine Schildkröte Hulda, und sie kam auch gleich, löste sich aber immer wieder auf und erschien, als hätte ich nicht genug Kraft, sie zu halten. Andere Bilder gerieten dazwischen, ein Meer... Ich wollte das nicht. Ich begrüßte Hulda und fragte sie, was sie meine: Waren die vorbewusst werdenden Bilder der letzten Reise der Beginn eines visuellen Entdeckungsprozesses, oder war das alles, was ich brauchte? Soll ich nochmals ins Unbewusste tauchen? Wo Hulda stand, sah ich dicht gekräuselte goldene Energiewellen schubweise über den Boden fluten.
"Das ist kosmische Energie", sagte Hulda in meinem Gehirn.
Ich sah deutlich, wie die kleine Schildkröte wieder in einer Aureole von einem starken Lichtstrahl nach oben gezogen wurde und ich hinterher. Während des ganzen Aufstiegs sah ich Huldas runden Panzer vor mir.

Draußen lautete die erste Botschaft, das Beste sei, erst einmal meine Chakras ordentlich aufzubauen. Aber wenn ich wolle, könne ich natürlich noch einmal ins Unbewusste abtauchen. Der Abstieg bzw. Absturz war dieses Mal lange nicht so deutlich wie vor einer Woche. Ich merkte gar nicht richtig, wie ich im Meer landete, da schwamm ich schon unter Wasser.

Wieder geriet ich an die Grenze zwischen Un- und Vorbewusstem. Heute war sie viel dünner, und der vorbewusste Raum war hell erleuchtet: Das war das Licht des Bewusstseins, das ihn fast ganz ausleuchtete, nur ein schmaler vertikaler, sich in Kurven nach unten windender Spalt blieb dunkel. Ich hörte Huldas Botschaft, sie könne mir allerdings nicht versprechen, dass heute etwas aus dem Unbewussten auftauchen werde.

In der Tat blieb lange alles leer. Dann wurde ich weggesogen.
"Lass es geschehen!" sagte Hulda. "Versuche nicht, Bilder zu erkennen, schaue einfach nur!"
Es war, als bliebe ich unbeweglich an der Grenze des Unbewussten, während ich gleichzeitig passiv durch Welten gezogen wurde.
Viele Bilder erkannte ich tatsächlich nicht.

Einmal geriet ich in ein Zimmer vor ein Bett, darin lag ein indisch aussehendes Mädchen. Sie war ganz grazil und hatte langes, dichtes, schwarzes Haar. Ich hatte das Gefühl, mich selbst in einer vergangenen Inkarnation zu sehen. Das Mädchen stand auf und lief aus dem Zimmer, als suche sie ihre Eltern. Sie wurde immer kleiner und verschwand, und ich blickte auf eine dunkelrot leuchtende indische Landschaft in der Abendsonne.

Später erkannte ich eine dickliche, ältere Frau, die auf einer Bank saß, vielleicht an einer Busstation, denn es saßen viele Leute um sie herum. Ich sah ihren kräftigen, kurzen Arm, als sie sich nach vorn beugte, um nach ihrer Einkaufstasche zu greifen. Urplötzlich fühlte ich mich so intensiv vertraut mit dieser Frau, dass mir fast die Tränen kamen. Als sei sie einmal meine Mutter gewesen.

Nach weiteren unkenntlichen Bildern erschien ein endlos weites Meer vor meinen Augen. Diese Vision war so deutlich, dass mich ein regelrechter Energieschock durchflutete. Das Meer hatte eine unbeschreibliche Farbe - Oktarin? Ich sah die letzten Sekunden eines furiosen Sonnenuntergangs, und dann glänzte das Meer unter einem rot-orangen Himmel.

Und dann... dann wurde ich in einen riesigen Trichter nach oben hineingezogen, der war von einem solchen leuchtenden Blau, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Blau, das in Violett überging. In dieses Violett wurde ich hineingezogen. Ich sah die Erde unter mir, stieg immer höher. Ich sah den Planeten unter mir entschwinden, und die Kontinente leuchteten türkis. Ich wusste: Jetzt bin ich in meiner Seele.
Nach einer Weile fluteten unter mir wieder die dicht gekräuselten, goldenen Energiewellen wie in der Kathedrale.
"Das sind die Elemente", vernahm ich.
Also Wasser, denn es folgten ein orangerot loderndes Feuer und danach übereinander geschobene vertikale Schichten in verschiedenen Blautönen, die sich horizontal durch den Raum schoben. Das war Luft.
Und Erde? Da fragte mich meine Seele... nein, eigentlich fragte sie nicht; es war wie ein gegenseitiges Zunicken, dass ich selbstverständlich wieder zur Erde zurückkehre. Als sei es so abgesprochen. Im selben Moment fuhr ich wie eine Furie in einen Sarg aus roten Ziegeln ein, der sich jedoch sogleich erweiterte und in eine ziegelrote Landschaft überging, die wiederum in orangefarbene Wasserwogen mündete. Daraus führte ein hellgrüner Weg, der später rosa wurde, durch eine gelbe Landschaft.
Ich wusste auf einmal und verstand wortlos: Durch meine inneren Bilder und meine kosmische Nabelschnur war ich zu meiner Seele gekommen, und nun inkarnierte ich ein weiteres Mal. Unsere Wurzeln in dieser Erde sind im Vergleich zum Ganzen ein Sarg, doch ein lebendiger Sarg, der sich durch unsere Gabe der sinnlichen Wahrnehmung und des Fühlens öffnet und uns die Schönheit der Erde erfahren lässt. Der Weg durch all diese Wirren aus Macht und Ohnmacht, Ego und Schicksal aber ist die Liebe.

Was ich dort sah und erlebte, war eine Erhebung – ein unbeschreibliches, feierliches Gefühl, als sei mein ganzes Leben zusammen mit der Welt, wie ich sie sah, geheiligt worden.

Weitere Bilder wirbelten um mich herum, doch ich hatte genug gesehen.
"Ich bin raus", sagte ich laut. "Ich möchte zurück."
Es gab keinen Rückweg. Nach kurzer Zeit waren die Welten einfach verschwunden, und ich fand mich an der Grenze zu meinem Unbewussten wieder. Ich wusste, ich hatte mich während der ganzen Zeit nicht von der Stelle bewegt.

Der Aufstieg ging recht schnell, und ohne dass ich recht wusste, wie mir geschah, befand ich mich mit Hulda wieder in der Kathedrale. Ich sah sie nach mir mit ihrer Aureole in dem Lichtkegel absteigen. Ich wollte es mir mit ihr bequem machen, um zu verschnaufen und die eben erhaltenen Eindrücke im Gespräch zu verarbeiten, doch Hulda zeigte sich seltsam ungeduldig und jagte mich nahezu hinaus. Es gelang mir kaum, mich von ihr zu verabschieden. Ich hörte sie nur sagen, ich solle DAS jetzt aber erst einmal gründlich verarbeiten, bevor ich zur nächsten Reise käme.

© Angela Nowicki, 12. Juli 2010

Donnerstag, 15. September 2011

Kapitel 4: Keine Extrawurst für meine Tochter

oder
Warum Neila nie studiert hat


Als sie Michał im Brüder- und Pflegeheim Martinshof in Rothenburg an der Neiße kennen gelernt hatte, hatte sie dort schon längst nicht mehr gearbeitet. Neila war eine von nur zwei Schülern ihres Jahrgangs an ihrer Erweiterten Oberschule gewesen, die sich nicht für ein Studium beworben hatten. "Ich bin alt genug, um nicht mehr in den Kindergarten zu gehen", war ihre Antwort, wenn sie nach dem Grund gefragt wurde. In Wahrheit jedoch war sie nur zu eigensinnig, um Kompromisse zu machen.

Damals hatte sie davon geträumt, Musik zu machen, und deshalb sogar mit 16 noch angefangen, Klavierunterricht zu nehmen, denn Klavier war Pflichtfach bei jedem Musikstudium. Sie hatte nur fünf Jahre lang Violinunterricht gehabt und konnte ein bisschen Blockflöte und Gitarre spielen. Die jüngferliche Klavierlehrerin an der Musikschule war mit jedem Schüler oberhalb des Grundschulalters überfordert. Sie hatte sie bis zum Erbrechen stramme Pionierlieder üben lassen, doch das Üben war gleich das nächste Problem. Zu Hause hatten sie kein Klavier. Der Zufall wollte es, dass die Nachbarn unter ihnen, ein ältliches Geschwisterpaar, ihr Uraltinstrument verkauften. Niemand wusste, wann es zum letzten Mal gestimmt worden war. Das gute Stück plärrte wie eine Stummfilmbegleitung aus den Zwanziger Jahren und hatte auch schon ein paar stumme Tasten. Neila führte es jedem, der sie besuchte, mit höchstem Vergnügen wie eine Jahrmarktsattraktion vor, doch Üben machte auf dem Ding einfach keinen Spaß, ganz abgesehen davon, dass Neila zwei Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern andere Leidenschaften hatte, als auf einem plärrenden und verstimmten Klavier Pionierlieder zu üben. Deep Purple und Omega hören, zum Beispiel. Oder bunte Flicken auf ihre allererste Schweizer Feincordjeans zu nähen, als die nach einem Jahr schon dünne Stellen bekam, weil sie in der ersten Nacht darin geschlafen (sie war etwas zu eng gewesen, größere Größen gab es nicht mehr, aber eine echte Cordjeans musste man einfach haben) und sie von da an jeden Tag getragen hatte, und so und ohne FDJ-Bluse zum Kleinen Abitur zu marschieren, wo die Diskussion über ihren "Gammler-Aufzug" dann fast länger dauerte als die Prüfung selbst. Oder Jack London lesen.
"Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?" fragte ihre Klavierlehrerin nach einem verquälten halben Unterrichtsjahr säuerlich. "Sparen Sie das Geld für etwas Besseres. Sie kommen sowieso nicht durch die Jahresprüfung. Sie sind völlig unbegabt."

Da hatte ihr Violinlehrer aber vor vier Jahren noch eine ander Meinung von ihrer musikalischen Begabung gehabt, als er sie an die Spezialmusikschule in Leipzig schicken wollte, dachte Neila. Aber da war sie auch noch eine brave Pionierin gewesen, in einer Zeit, als niemand auch nur im Traum daran gedacht hätte, dass ihre Eltern sich scheiden lassen könnten. Und Neila allein bei ihrem strengen Vater bleiben würde, der die Spezialmusikschule damals abgelehnt hatte. Nicht nur die, er war weitere drei Jahre zuvor schon nicht einverstanden gewesen, Neila - auf Drängen ihrer Lehrer - ein Schuljahr überspringen zu lassen, und auch nicht damit, sie an die so genannte "Begabtenschule" zu schicken, die Schule mit erweitertem Russischunterricht.
"Keine Extrawurst für meine Tochter. Sie soll ganz normal aufwachsen, wie alle anderen Kinder", hatte der studierte Arbeitersohn entgegnet.

Nichts zeigte deutlicher, wie wenig ihr eigener Vater sie kannte, denn unter diesen "ganz normalen" Kindern und Erwachsenen hatte Neila von klein auf und bis weit in ihr erwachsenes Leben hinein gelitten. Sie war schon im Kindergarten zur Außenseiterin geworden, und nachdem sie sich zwölf Jahre lang vergeblich gemüht hatte, "dazu zu gehören", nahm sie die ihr aufgezwungene Rolle endlich bereitwillig und rebellisch an.

Deshalb hatte sie es abgelehnt zu studieren, denn wenn es Musik nicht sein konnte, dann eben gar nichts. Was sie statt dessen jedoch tun sollte, wusste sie nicht. Die "Szene", in der sie sich damals bewegte, und auch mehrere Jungs aus der Kommune, in der sie lebte, seit sie an ihrem 18. Geburtstag die Tür ihres Vaterhauses für immer hinter sich zu gemacht hatte, hatten gerade die Sozialarbeit für sich entdeckt. Immer mehr zog es in die diakonischen Einrichtungen der evangelischen Kirche.
"Ich gebe dir zwei Ratschläge", sagte Peter eines Abends in der "Kommune", einer Dreizimmerbaracke, in der, außer dem Hauptmieter Jürgen, drei Jungs und Neila mehr oder weniger illegal hausten. "Neinstedt ist voll, aber du könntest mit uns nach Rothenburg gehen. Du kannst dort in der Pflege anfangen und eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin machen. Das gibt dir Halt, und du bist dabei nicht allein, sondern wohnst mit uns allen im Brüderhaus."
Neila war immer so gewesen... Auch dieses Mal schlug die emotionale Welle spontan nach oben aus, und sie stürzte sich kopfüber hinein.
"Und der zweite Ratschlag?"
"Trinke nie mehr als ein Glas Wein am Abend."
Peter war ein moralischer Philosoph und offensichtlich auch ein exzellenter Beobachter. Neila spendierte den Zurückbleibenden eine Flasche Stierblut und ging nach Rothenburg. Aber zuerst trampte sie nach Ungarn und nach Polen.

Dienstag, 13. September 2011

Annäherung der Tiere

Ein kleines Haus in Südengland. Durch die Terrassentür im Living Room blickt man hinaus auf die Wiese im Garten und an dessen Ende auf das nächste kleine Haus. Dahinter bezeichnet ein schmaler blauer Streifen die uferlose Ferne.
"Jetzt sind wir hier", sagt Neila zu Leo und Barbara. "Ich glaube immer noch, ich träume."
Draußen schlägt der Hund an.
"Ha! Ein Einbrecher", ruft Leo und lacht, und die beiden Frauen stimmen ein. "Der soll nur kommen", kichert Barbara. "Bei unserem Hund kommt der nicht rein."
Neila aber sieht keinen Hund draußen. Sie drückt ihre Nase an der Glastür platt: weit und breit kein Hund. Sie denkt: ‚Ja, wenn es kein Hund ist, der bellt, dann sind wir es wohl.‘ Gleich stimmt sie in das Gebell ein, mit besonderem Eifer, denn es soll ja kräftig sein und gehört werden.
Als sie jedoch noch einmal nach links zur Hauswand schaut, bleibt ihr Blick an etwas hängen, das sehr wohl wie ein Tier aussieht. Sie blickt angestrengt hinüber. Es ist kein Hund, aber es ist ein Tier. Es ist nicht richtig zu sehen, weil es zum Teil von der Hauswand verdeckt wird, doch dann erkennt Neila das Hinterteil eines Kälbchens.
"Hey, kommt mal her!" ruft sie aufgeregt. "Jemand hat uns ein Kälbchen vor die Tür gelegt!"
Barbara kommt sofort gerannt, Leo schlurft hinterher. Neila hat die Terrassentür geöffnet, und nun stehen alle im Garten um ein Kälbchen herum, das wer weiß woher kommt, und sind sprachlos.
Barbara findet als Erste die Sprache wieder: "Vielleicht ist es krank?"
Das bringt die drei in Bewegung. Leo greift sofort zu und hilft dem Kälbchen auf die Füße. Sie führen es ins Haus. Das Maul des Kälbchens steckt in einer Papptüte. Neila erschrickt, und auch Barbara macht ein besorgtes Gesicht und sagt: "Tierquälerei." Doch dann sehen sie durch den Spalt an der Seite der Tüte sein rosa Maul, das ganz zufrieden und fröhlich mit ihnen zu sprechen beginnt.
"Wenn ich mich etwas hinlegen dürfte?", sagt das Kälbchenmaul. "Auf der Wiese war es eigentlich ganz angenehm. Dort könnte ich mich ausruhen, bis ich wieder ganz gesund bin, und Gras habe ich auch, nur ab und zu ein Schälchen Wasser wäre wirklich freundlich."
Im Übrigen spricht es natürlich englisch.
Neila, Leo und Barbara führen das Kälbchen wunschgemäß wieder zurück auf die Wiese, in die kühle englische Sonne, damit es sich auskurieren kann, und auch ein Schälchen Wasser findet sich. Wieder im Haus, setzen sie sich zusammen und beraten, und am Ende der Beratung beschließen sie, das Kälbchen zu behalten, denn Kälbchen sind schöne Tiere, und vielleicht könnte es ihnen einst sogar Milch geben.

Am Nachmittag ist Neila auf dem Heimweg vom Theater. Sie steht gerade mit Bobby, einem Freund aus ihrer Theatergruppe, an der Bushaltestelle, als ein Mann ein Pferd an ihnen vorüber führt. Als er näher kommt, macht sich das Pferd plötzlich los und kommt, wie von einem Magneten angezogen, direkt auf Neila zu. Sie ist zunächst etwas verwirrt, doch das Pferd bleibt bei ihr stehen. Es macht den Anschein, als fühle es sich zu ihr gehörig. Der Mann ist längst weitergegangen, er hat sich nicht einmal umgeschaut.
Es ist ein schlankes Pferd mit dunkelbraunem, glänzenden Fell und heller Mähne, ein wunderschönes Pferd, kräftig und gesund. Bobby fragt, was sie mit dem Pferd jetzt machen wolle.
"Wenn es meint, dass es zu mir gehört, dann soll es auch bei mir bleiben", beschließt Neila. Am Ende freut sie sich und findet das Ganze völlig in Ordnung.

Nun sind sie erst zwei Wochen in England und haben neben dem kleinen Häuschen mit dem Blick auf die uferlose, blaue Ferne schon ein Kälbchen und ein Pferd, und nun fragt Neila ihre Familie, ob sie sich noch eine Kuh kaufen wollen. Das jedoch lehnen alle ab, und auch Neila findet schließlich, das sei zu viel. Sie wollen immerhin keinen Bauernhof anlegen und täglich mit den Hühnern aufstehen, um die Tiere zu füttern. Eine kurze Zeit lang stellt sie sich diese Situation vor, und ihr wird klar, dass sie nie ein Tier schlachten würden. Wozu dann also die Kuh? So viel Milch brauchen sie ja gar nicht.

© Angela Nowicki, 16. September 2010

Sonntag, 11. September 2011

HD: Die Schaltkreise, Teil 2


Die Schaltkreisgruppe des Individuums

Aus dem Stamm heraus entwickelt sich das Individuum nicht "vom Ich zum Wir", sondern vom weitgehend unbewussten Wir zum bewussten ICH. Das lässt sich auch an der menschlichen Individualentwicklung nachvollziehen: Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich erst gegen Ende der ersten drei Lebensjahre; vorher erlebt sich das Kleinkind als noch nicht getrennt von seiner Umwelt und seinen Bezugspersonen und spricht von sich in der dritten Person. Das Interesse des Individuums sind die Selbstfindung und die Selbstverwirklichung. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, denn das Individuum erwächst ja aus dem Stamm, hat also bereits eine gemeinschaftliche Entwicklungsphase hinter sich. Es ist in der Lage, Rücksicht auf andere Individuen zu nehmen und sie durch sein Vorbild zu bestärken. Es hat allerdings nicht die Aufgabe, für andere da zu sein, sondern in erster Linie für sich selbst, allerdings ohne anderen zu schaden, nach dem Motto: "Freiheit ist immer auch die Freiheit der anders Denkenden." Deshalb ist sein Schlüsselwort nicht Selbstbestärkung, wie in der allerersten Stufe der Integrationskanäle, sondern Bestärkung anderer, weil es andere durch seinen individuellen Ausdruck darin bestärkt, ihren eigenen individuellen Ausdruck zu suchen und auszuleben. Der wahre Individualist sagt: "Seht her, Menschen, all das könnt ihr tun und noch mehr, wenn ihr euch aus dem Joch der Herde befreit und euer Selbst würdigt!"
Die Schaltkreisgruppe des Individuums besteht aus
dem Schaltkreis des Wissens mit den Kanälen
61/24 (Kopf-Ajna) - Gewahrsein, ein Design des Denkers
43/23 (Ajna-Kehle) - Strukturierung, ein Design der Individualität (Genie oder Wahnsinn)
8/1 (Kehle-Selbst) - Inspiration, ein Design des schöpferischen Rollenvorbilds
2/14 (Selbst-Sakral) - Metrum, ein Design des Schlüsselverwalters
3/60 (Sakral-Wurzel) - Mutation, ein Design der impulsiven Entwicklung
38/28 (Wurzel-Milz) - Kampf, ein Design des Eigensinns
57/20 (Milz-Kehle) - Geistesblitz, ein Design durchdringender Bewusstheit
39/55 (Wurzel-Solarplexus) - Gefühlsausdruck, ein Design der Launenhaftigkeit
22/12 (Solarplexus-Kehle) - Offenheit, ein Design der Geselligkeit
dem Schaltkreis der Zentrierung mit den Kanälen
51/25 (Herz-Selbst) - Einweihung, ein Design des Drangs, Erster zu sein
10/34 (Selbst-Sakral) - Erforschung, ein Design, den eigenen Überzeugungen zu folgen
Das Besondere an der Schaltkreisgruppe des Individuums ist, dass sie als einzige Schaltkreisgruppe alle neun Zentren miteinander verbindet. Auch dies ist für mich ein Hinweis darauf, dass das Individuum das evolutionäre Bindeglied zwischen dem Stamm und dem Kollektiv ist: Es hat ein Ego, aber auch ein Selbst und einen Verstand. Beim Wissen dreht sich alles um Selbsterkenntnis und bei der Zentrierung um Selbstfindung und Selbstverwirklichung.

Die Schaltkreisgruppe des Kollektivs

Wenn der Mensch sich selbst gefunden und verwirklicht hat, ist er in der Lage, sich wieder mit anderen zusammenzuschließen, aber dieses Mal nicht mehr in egoistischer Abhängigkeit, sondern in einer Gemeinschaft der Freien. Das Kollektiv ist keine materiell orientierte Interessengruppe, wie der Stamm, sondern eine Gruppe oder Gesellschaft, die aus Individuen besteht, die sich freiwillig für das Gemeinwohl in die Pflicht nehmen lassen, ohne ihre Individualität aufzugeben. Es ist das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Kollektiv geht es ums Teilen und Tauschen, Mit-teilen und Aus-tauschen. Vom Stammes-Attribut der Unterstützung unterscheidet sich das Teilen darin, dass es auf gleichberechtigter Basis, auf Augenhöhe, und freiwillig geschieht und dass es nicht zwingend eine Gegenleistung nach sich zieht, denn sonst wäre es ja nicht freiwillig. Wenn man von einem Stammesmenschen ein Geschenk erhält, so sollte man sich bei passender Gelegenheit besser revanchieren. Egal, was er sagt - im Stamm wird immer eine gleichwertige Gegenleistung erwartet, und schon ist man unfreiwillig in der Pflicht. Der kollektive Mensch gibt aus seiner inneren Fülle, ohne dafür etwas zu erwarten, und nimmt in Würde, ohne sich zum Geben verpflichtet zu fühlen. Letztlich geht es auch hier wieder um ein WIR, allerdings ein höheres Wir, das das Ich nicht mehr unterdrückt, weil es ohne Ich gar nicht denkbar wäre.
Irgendwie klingt das alles noch ziemlich utopisch. Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Menschheitsentwicklung noch nicht beim Kollektiv angelangt sind. Wir haben gerade den Stamm überwunden und stecken derzeit mitten in der Individualisierung, zu sehen u.a. am Untergang der Großfamilien und der Familie als "Keimzelle der Gesellschaft", dem Bedeutungsverlust der Institution Kirche, dem explodierenden Egoismus (wenn mich überhaupt etwas an der Werbung fasziniert, so ist es ihre Rolle als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen!) und seiner "Spaßgesellschaft". Egoismus im Sinne von Ich-Bezogenheit ist ein ganz natürlicher Kompensationsmechanismus auf die jahrtausendelange Verleugnung des Ich: Das Pendel muss erst genauso weit nach der anderen Seite ausschwingen, bevor es sich allmählich "einpendelt".
Die Schaltkreisgruppe des Kollektivs besteht aus
dem Schaltkreis der Abstraktion mit den Kanälen
64/47 (Kopf-Ajna) - Abstraktes Denken, ein Design der geistigen Aktivität und Klarheit
11/56 (Ajna-Kehle) - Neugier, ein Design des Suchers
33/13 (Kehle-Selbst) - Der verlorene Sohn, ein Design des Zeugen
46/29 (Selbst-Sakral) - Entdeckung, ein Design, Erfolg zu haben, wo andere versagen
42/53 (Sakral-Wurzel) - Reifung, ein Design der zyklischen Entwicklung
41/30 (Wurzel-Solarplexus) - Erkennen, ein Design der gebündelten Energie
36/35 (Solarplexus-Kehle) - Vielseitigkeit, ein Design des Hans-Dampf-in-allen-Gassen
dem Schaltkreis der Logik mit den Kanälen
63/4 (Kopf-Ajna) - Logisches Denken, ein Design der geistigen Leichtigkeit mit Zweifeln
17/62 (Ajna-Kehle) - Akzeptanz, ein Design der Nachfolge
31/7 (Kehle-Selbst) - Dominanz, ein Design der Führerschaft
15/5 (Selbst-Sakral) - Rhythmus, ein Design des Mitschwingens
9/52 (Sakral-Wurzel) - Konzentration, ein Design gerichteter Aufmerksamkeit
58/18 (Wurzel-Milz) - Urteil, ein Design der Unzufriedenheit
48/16 (Milz-Kehle) - Wellenlänge, ein Design des Talents
Das Besondere am Kollektiv ist, wie man sich schon denken kann, das Fehlen des Stammes-Ego. "Selbstlosigkeit" ist allerdings ein irreführender Begriff; das, was damit umgangssprachlich gemeint ist, müsste eigentlich "Ichlosigkeit" oder eben "Egolosigkeit" heißen. Bei der Abstraktion geht es um Erfahrungen und bei der Logik um Vorstellungen. Erfahrungen beziehen sich immer auf die Vergangenheit, die hier bewahrt und gedeutet wird (Erinnerung, Geschichte, Literatur usw.), während Vorstellungen sich immer auf die Zukunft beziehen, die hier geplant wird (Prognose, Technik, Informatik usw.).

© Angela Nowicki, 11. September 2011

Samstag, 10. September 2011

Schweigen

Nur Schweigen ist in mir
Sonst nichts
Das Dröhnen des Tages
Die Angst
Der Schmerz
Verstummen vor meiner Haut Glätte
Erreichen nicht mehr mein Herz
Und es bleibt Schweigen
Sonst nichts

© Angela Nowicki, 1981

Donnerstag, 8. September 2011

Kapitel 3: Wrocław

oder
Es gibt Dinge, die man Eltern nicht erzählen darf


Am Abend kam Neila in Wrocław an. Irgendwo am Stadtrand. Sie hatte keine Ahnung, wo Michał wohnte. Er hatte ihr in Rothenburg zum Abschied seine Adresse gegeben: "Wenn du mal wieder nach Wrocław kommst, erwarte ich deinen Besuch!" Das war weniger eine Einladung gewesen als ein Befehl. Jetzt fragte sie eine Passantin, die mit zwei Einkaufstaschen an ihr vorbeihastete, nach der Rawska. Damals verständigte sich Neila noch in einer abenteuerlichen Mischung aus Polnisch und Russisch, mit der sie aber gut durchkam.
"Oje, das ist ja am anderen Ende der Stadt!" jammerte die Frau mitfühlend. "Da müssen Sie mit der Straßenbahn..."
Offensichtlich dachte die Frau, es sei mühseliger, Neila den komplizierten Weg zu erklären, als sie einfach ein Stück zu begleiten. Dieses Phänomen war ihr auch in Ungarn schon mehrmals untergekommen: Du fragst wildfremde Leute, die mit Sicherheit nicht ausgerechnet auf dich gewartet haben, nach dem Weg - und sie lassen alles stehen und liegen und begleiten dich persönlich durch die halbe oder sogar die ganze Stadt und warten manchmal sogar noch, bis man dir an deinem Zielort die Tür geöffnet hat. Die Polin jetzt, dem Eindruck nach eine gewöhnliche Hausfrau (Mantel und Strickkappe - diese unsäglichen polnischen Strickkappen!), entschied sich für die halbe Stadt, was weit genug war, und setzte Neila schließlich zufrieden in die letzte Straßenbahn auf ihrer Route, nicht, ohne ihr vorher noch eingeschärft zu haben, an der wievielten Haltestelle sie auszusteigen habe.
"Und dort fragen Sie noch mal jemanden, ja?"
Neila versprach es ihr und bedankte sich herzlich.

Zehn Uhr abends klingelte sie an der Gartentür des schicken Einfamilienhauses in einer stillen Siedlung. Eine Minute später lag sie sich mit Michał in den Armen. Er freute sich über ihren Besuch, als sei sie der kommende Papst, aber das war bei den polnischen Hippies so üblich. Sie steigerten noch einmal, was nicht mehr steigerungsfähig erschien: die berühmte polnische Gastfreundschaft.
Freudestrahlend stellte Michał sie seinen Eltern vor, zwei wohlhabenden Architekten. Es war Neila durchaus peinlich, von der versammelten Familie gleich zum Abendbrottisch gedrängt und begeistert ausgefragt zu werden ("Wo ist meine Tarnkappe?"). Immerhin war sie auf der Flucht, und Eltern mögen noch so lieb sein - es gibt Dinge, die darf man ihnen nicht erzählen. Und wenn sie dann noch so rührend um ihren unbekannten Gast besorgt sind, fühlt es sich schon mal ungut an, sie belügen zu müssen.

Erst in Michałs Zimmer, das ihr von der ganzen Familie wie selbstverständlich zur Verfügung gestellt wurde, während Michał selbst sich ebenso selbstverständlich ausquartierte, konnte Neila ihre kurze, aber bereits einigermaßen komplizierte Geschichte loswerden. Michał staunte Bauklötzer. So radikal waren nicht mal die meisten polnischen Hippies, dass sie einfach ins Ungewisse hinein abhauten. Aber die hatten auch kein Reiseverbot - eine Sache, die Neila in Polen noch häufiger genauer erklären musste, denn die Polen konnten zwar auch nicht einfach in der Welt herumreisen, aber nur, weil sie entweder nicht genug Geld hatten oder von der ausländischen Botschaft kein Visum bekamen (weil sie nicht genug Geld hatten). Dass der eigene Staat einen einsperren konnte, selbst wenn es um den "verfaulten Westen" ging, das wollte ihnen nicht in den Kopf. Kunststück.

Nachdem Michał begriffen hatte, was für Neila auf dem Spiel stand, beruhigte er sie jedoch.
"Keine Sorge, wir finden eine Lösung für dich. Morgen treffen wir uns erst mal mit den Freunden."
Die Anspannung eines Tages fiel von Neila ab, als sie, endlich allein, ans Fenster trat und ihren Blick über Mond und Dächer gleiten ließ.

Sie war angekommen.

Montag, 5. September 2011

Unser Prominenter Junge (Teil 2)


Doch das ist nun vorbei. Nach so vielen Jahren der Demütigung ist endlich auch Irenes Tag gekommen. Ihr Deckel hat sie gefunden. Den kann Marmara gern "raiiizend" finden, wie sie will. Es ist ihr Deckel! Ein leiser Zweifel, wie der Biss einer Kakerlake, durchzuckt Irene. Passt dieser Deckel denn wirklich zu ihr? Irgendwie will es ihr nicht recht gelingen, sich und Ihn als Paar vorzustellen. Was werden die anderen sagen? "So ein ungleiches Paar, das ist doch lächerlich! Was findet Er nur an ihr? Ach was, das ist sicher nichts weiter als einer Seiner exzentrischen Scherze. Er wird sie bald fallen lassen wie eine angefaulte Kartoffel. Ja, Marmara und Er, das wäre ein schönes Paar!..." Gequält stöhnt Irene auf. Das muss ein ganzes Kakerlakennest sein! Sie kneift sich mit voller Kraft in den Unterarm und schlägt die Falltür über den verbrecherischen Gedanken zu. Ein paar Hofschranzen haben sich auf ihren Schmerzenslaut hin umgedreht und starren sie an. In ihrem Gesicht klappt ein hölzernes Lächeln auf. Unser Prominenter Junge sieht es und streckt strahlend die Arme nach ihr aus:
"Ah, da ist ja meine spezielle Freundin! Komm her, lass dich umarmen!"
Und die spezielle Freundin macht, gar nicht mehr hölzern, ihre Aufwartung.

Später gibt es eine Privataudienz, ganz allein für Irene. Nun gut, eigentlich war es ihr Vorschlag, aber das spielt keine Rolle. Sie hat ein Geschenk für Ihn, ein ganz besonderes, ausgesucht mit größter Sorgfalt. Nicht, dass es dessen bedurft hätte – das hätte ja ausgesehen, als wolle sie Ihn kaufen. Du lieber Himmel, nein, Liebe lässt sich nicht kaufen. Er weiß, was Er ihr schuldig ist. Nennen wir es also ein Geschenk aus Liebe.
Überrascht nimmt Unser Prominenter Junge den Gutschein entgegen. Sein immer noch hübsches Gesicht (Hübscher denn je! denkt Irene), in dem die Augen vielleicht ein wenig zu sehr glitzern (aber das gefällt Irene ja so) strahlt in aufrichtiger Freude über die bevorstehende Wellnessgymnastik zu zweit. Irene schwebt darüber wie ein Heliumballon. Genauso hat sie es sich vorgestellt. Deshalb kann sie gar nicht anders, als einfach loszuplappern, noch bevor Er Sein "Aber das war doch nicht nötig" zu Ende gesprochen hat, und ihm die ganze Geschichte zu erzählen, wie sie den Gutschein zusammengestellt hat (sorgfältig!), wie ihr Besuch im Verlag verlaufen ist (ihrem Verlag! In ihrer Schussfahrt fällt ihr gar nicht auf, dass er dieses Besitzwort entweder überhört oder aber nicht für wert befunden hat, darauf zu reagieren – andererseits: Hätte er eine Chance dazu gehabt? Hätte er nicht.), wie ihr merkwürdiger Schlagabtausch mit der Lektorin verlaufen ist, Wort für Wort, bühnenreif wiedergegeben, so dass es sogar Unserem Prominenten Jungen ein amüsiertes Kichern entlockt, wie sie den Gutschein bestellt hat, wohl wissend, was sie wollte. Nur ihre Hausfrauenentschuldigung streicht sie aus dem Drehbuch, das war zu peinlich.
Unser Prominenter Junge weiß, was sich gehört. Er ist ganz Ohr, zeigt sich gespannt, zeigt sich interessiert, blinzelt schelmisch an den lustigeren Stellen, schmettert ein bewunderndes "Donnerwetter!" an den heroischen und schüttelt Irene zum Schluss überschwänglich beide Hände: "Das ist ja unglaublich interessant! Wirklich sehr lehrreich für mich! Ich bin dir überaus dankbar, Irene! Du bist eine tolle Frau!" und zwinkert verschwörerisch. Und dann umarmt er den ganzen Heliumballon, der endlich im Rausch des Triumphes aus dem Zimmer schwebt. Sie hat es immer gewusst: Er weiß nicht nur, was Er ihr schuldig ist, Er liebt sie! Ja, Er liebt sie!
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle je gewesenen und werdenden Zeiten begegnen sich für einen halben Tag in einem Punkt. Einen halben Tag lang weiß Irene, was Leben ist. Irgendwann landet der Heliumballon zwar wieder, und sie entdeckt mit leichter Beunruhigung die nächste Kakerlake in Beißstellung: Unser Prominenter Junge hat kein Wort darüber verloren, wann sie denn gemeinsam zur Wellnessgymnastik gehen wollen. Kurzentschlossen erschlägt Irene das Ungeziefer. Den schmierigen, braunen Fleck wäscht sie sofort ab. Er war einfach zu überwältigt, da denkt man nicht an Termine.

Am nächsten Tag hat die Welt doch noch etwas von ihrem berühmten Gast. Das Fernsehen ist da. Der Star nach acht Jahren zum ersten Mal wieder in seiner Heimat, das bringt Einschaltquoten. Irene fragt sich, wer den Fernsehsender eingeladen haben könnte. Unser Prominenter Junge selbst? Verfolgt er damit etwa eine bestimmte Absicht? Ihr ganzer Körper steht unter Strom, als sie in den Salon geht, wo die Fernsehleute ihr Equipment aufgebaut haben. Angst sitzt im Steißbein, das weiß sie schon lange. Aber sitzt dort auch Vorfreude? Sind Angst und Vorfreude etwa dasselbe? Unser Prominenter Junge könnte vielleicht etwas darüber sagen, wer würde sich mit Lampenfieber besser auskennen als er? Vorläufig warten sie auf ihn. Irene fällt auf, dass Marmara auch noch nicht da ist. Sie erinnert sich, sie in den letzten Stunden nirgendwo gesehen zu haben. Ihre Seele hat sich im Steißbein versammelt.
Zuerst huscht Marmara in den Salon und hockt sich auf ein Sitzkissen neben dem Diwan, der für den hohen Gast reserviert ist. Wenige Sekunden später erscheint Er selbst. Alle hören mit hochroten Ohren und unterdrücktem, aufgeregtem Lachen noch einmal die ganze Geschichte wie zum ersten Mal: Wie er schon immer wusste, dass er einmal ein Star sein wird. Wie er Schule, Freunde und Vergnügen vernachlässigt habe, um sich ganz seiner Berufung zu widmen. (Hier übertreibt er, denkt Irene. Sie hat ein gutes Gedächtnis.) Wie er sein Heim und seine Mitbewohner verließ, um die Welt zu erobern. Wie er die ersten Rückschläge und Enttäuschungen erlitt – nicht viele natürlich! (Irene weiß es besser. Sie hat wirklich ein gutes Gedächtnis.)
An dieser Stelle fragt der Reporter, ob es jemanden gab, der ihn in diesen schweren Stunden unterstützt habe. Irene horcht auf. Oh ja, es gab immer Menschen, die an ihn geglaubt haben, von seiner Mission überzeugt waren. Irene hat auf einmal ein taubes Gefühl im Steißbein. Allen voran die schöne Marmara – Er winkt, Marmara setzt sich neben Ihn, Er legt Seinen linken Arm um sie. Eiskalt. Lähmung ist eiskalt, erfährt Irene. Als habe ihr jemand mit Hochdruck Eiswürfel in den Blutkreislauf gepresst. Kein Gefühl, ihr Steißbein spürt sie gar nicht mehr. Ein Raunen geht durch den Salon: Ist sie nicht wunderschön? Und sie hat...? Oder unsere treue Seele Irene – Er winkt, Irene stakt, ohne zu wissen wie, zum Diwan, fällt eckig neben Ihm nieder, während sie an nichts anderes denkt, als dass ihre vereisten Beine brechen könnten. Er legt Seinen rechten Arm um sie. Jemand – Irene hört alles nur noch wie aus weiter Ferne und versteht es nicht – fragt, ob es eine Frau in Seinem Leben gebe. Wenn er darauf geantwortet hat, hat Irene nichts gehört, sie sieht ihn ja nicht, sie versteht ja nichts, sie denkt immer nur: ‚Abgelehnt. Aussortiert.‘ Das ist der wahre Rhythmus ihres Herzens: Abgelehnt. Aussortiert. Abgelehnt. Aussortiert...

Es ist alles so schnell gegangen. Jetzt sind die Fernsehfritzen wieder fort, und Irene findet sich in ihrem Zimmer auf dem Boden wieder. Was war das? Moment... Da war dieses metallische Ziehen im Steißbein... Und dann saß Marmara neben Unserem Prominenten Jungen. Neben ihrem Prominenten Jungen, ihrem, Irenes! ‚Meiner!‘ denkt Irene kreischend. Aber ihre Gedanken laufen endlich wieder. Sie hatten sich nur verhakt. ‚Mein gott‘, denkt es wieder in normalem Tonfall, ‚was für ein aufruhr! Du bist ja hysterisch, mädel. Dann saß sie eben neben ihm, soll sie doch, sie gehört doch zum hausstaat. Sie saß doch nicht allein dort, du hast ja an seiner anderen seite geklebt, und er hat auch um dich seinen arm gelegt. Oder?‘ Ja, nur... Soll sie sitzen, darum geht es gar nicht, da war aber noch etwas anderes. ‚Und was?‘
Da war, dass Marmara eine Verräterin ist! Er hat sie zu sich gerufen, als Er gefragt wurde, wer Ihm beigestanden habe. Das heißt, auch sie hat offenbar all die Jahre Kontakt zu Ihm gehabt, und damit nicht genug, auch sie hat Ihm offenbar all die Jahre geholfen! War seine Mutter, Freundin und Ratgeberin? Und jetzt... Nein, das kann nicht sein! Er hat Marmara mir gegenüber nie erwähnt! Und auch Marmara hat mir nie etwas gesagt! Das kann einfach nicht sein! Und Er hat sie als Erste gerufen! Das kann doch nur heißen, dass sie noch mehr für Ihn getan hat als ich. Oder? Dass Er weiß, was Er ihr schuldig ist, nicht mir. Oder? Nein, nein, nein, so nicht, das ergibt keinen Sinn, ich bin doch nicht blöd, ich weiß doch, was ich spüre, das ist doch keine Einbildung, nein, nein, das hat alles eine ganz logische Erklärung. Logik ist meine Stärke.
‚Dann lass mal hören.‘
Wie ist das bei der Siegerehrung? Es geht von unten nach oben. Ha! Zuerst wird die Bronzemedaille verliehen, dann Silber und ganz zum Schluss erst Gold, das oberste Siegertreppchen, damit der Sieger den ungeteilten Applaus genießen kann. Mich hat er zuletzt genannt, weil ich die Erste bin. Logisch, oder?
Ihr Verstand verzieht die Lippen zu einem ironischen Grinsen: ‚Und? Hast du den ungeteilten Applaus genossen? Aber egal. Ist trotzdem logisch. Doch logik kann absolut fehlerfrei und dennoch falsch sein.‘
Das stammt nicht von dir.
Irene hat auf einmal das Gefühl, als seien ihr die Kakerlaken ins Hirn gekrochen.
‚Nein, haben wir irgendwo gelesen. Ist aber gut. Hast du denn gehört, was er gesagt hat, während ihr beide da schmachtend in seinen armen hingt?‘
"Er" und "Seinen"! Das wird groß geschrieben!
‚Du weißt, dass ich von großschreibung nichts halte. Also, hast du was gehört?‘
Ach, ich war doch so weggetreten. Der Schreck saß mir doch in allen Gliedern. Eiskalt übrigens, wusstest du, dass Schreck ein Sack Eiswürfel ist und Lähmung verursacht? ‚Tut er das? Du hast also nichts gehört. Ich allerdings schon. Willst du wissen...‘
"Ich sollte ein Bad nehmen. Ich bin noch ganz ausgekühlt. Jawohl, ich nehme jetzt ein Bad!" Resolut steht Irene auf, lässt ihren ironisch grinsenden Kakerlakenverstand links liegen und geht ins Badezimmer.