Dienstag, 12. Juli 2011

Kopfkino

Nach diesem Albtraum brauchte ich dringend eine Reinigung meines Zimmers mit Salzwasser und einen Besuch bei meinem inneren Heiler. Mein Stachelschwein erwartete mich schon am Eingang zur Unterwelt und rannte sofort mit mir los.

Ich betrat einen Raum, der wie ein Arbeitszimmer wirkte. Über der gegenüber liegenden Tür sah ich ein Emblem und neben der Tür große dunkle Schränke, auf denen weiße Pappkartons gestapelt waren.
Nach einiger Zeit spürte ich, dass mein Heiler vor mir steht. Er fragte mich, wie ich ihn sehen wolle. Ich sagte, das ist mir ganz egal, Hauptsache, ich spüre deine Gegenwart. Später dachte ich, ich hätte ihn mal doch um die Gestalt eines Mönches bitten sollen, die ist wenigstens eindeutig. So sah ich ihn als eine Art Energiesäule, die nach oben und unten breit wurde und in der taillierten Mitte von mehreren Ringen umgeben war.
Ich sagte ihm, ich müsse ein Energieloch haben, das möchte ich heilen oder wenigstens wissen, wo und warum ich es habe.

Vor mir erschien eine Bühne, die aussah wie ein rot erleuchteter Guckkasten.
Zuerst erschien darin ein türkisfarbenes Meer mit einem kleinen Segelschiff am Horizont. Sofort war ich in der Szene drin – ich weiß auch nicht, warum ich mir nie etwas von draußen betrachten kann. Dieses Meer tauchte später immer wieder auf, wie ein sich wiederholendes Hauptmotiv. Dann jedoch teilte es sich immer gleich in der Mitte, wie das Rote Meer beim Auszug der Juden aus Ägypten: zwei riesige, türkisfarbene, gläserne Walzen, die eine tiefe Schlucht frei gaben, in die ich hineingezogen wurde zu neuen Bildern.

Irgendwann sah ich Spot-Bilder. Ein Spot tauchte auf, fuhr von links nach rechts über die Szene und verschwand wieder. Jedesmal erleuchtete er eine andere Szene, aber alle zeigten Männer mit Knüppeln oder Peitschen: Urmenschen, die ein Mammut erschlagen... einen Mann, der unter ihm knieende Sklaven oder Arbeiter peitscht...

Mehr ist leider nicht hängen geblieben. Ich weiß nur, dass es noch eine Szene gab, die ich als "Verlasse endlich den Kopf!" interpretierte. Und es gab auch ein paar Kommentarworte meines Heilers, aber die habe ich auch vergessen.
Natürlich bin ich über diesen Bildern eingeschlafen, und jetzt frage ich mich, ob ich einen Seelenteil dort gelassen habe.

© Angela Nowicki, 7. März 2010

Montag, 11. Juli 2011

Der Vampir

Neila wachte mit dem Gesicht zur Wand auf. Sie spürte, dass jemand im Zimmer war. "Neila", sagte Leons Stimme. Ihr folgte sein Körper. Sie spürte, wie er sich aufs Bett setzte, sich neben sie legte. Neila wurde schlagartig bewusst, dass sie noch träumen musste. Wie könnte sonst Leon nachts in ihr Zimmer kommen? Natürlich träumte sie.
Trotzdem spürte sie weiterhin ganz deutlich, wie sich jemand an ihren Rücken schmiegte, und dieser Jemand fühlte sich an wie Leon. Es war ein sehr angenehmes Gefühl. Nochmals wurde Neila schlagartig bewusst, dass das nur ein Geist sein konnte.

Sie kuschelte sich an den Geist. Der redete unaufhörlich in einer fremden Sprache auf sie ein. Vielleicht konnte er sich auch nur nicht artikulieren. Das einzige, was Neila verstand, war ihr Name, den er ständig wiederholte. Endlich drehte sie sich um. Es war zweifelsohne Leon, der da lag, aber Neila wusste, dass er es nicht war, nicht sein konnte.
Ihr fiel ein, dass Namen magische Kräfte haben. Sie musste ihn nach seinem Namen fragen. Wenn sie den aussprechen könnte, hätte sie ihn erkannt, und der Spuk wäre vorbei.
"Wie heißt du?" wollte sie fragen, doch sie bekam keine Stimme. Ein weiterer Beweis, dass sie träumte. Sie versuchte es wieder und wieder, bis sie sich wirklich fragen hörte:
"Wie heißt du?"
Die Antwort war so unverständlich wie alles vorher.
"Wer bist du?"
Nichts.
"Bist du mein Schutzgeist?"
Die Antwort kam knapp und klar wie ein Pistolenschuss: "Nein."
Wieder redete er eine Zeitlang teils völlig zusammenhangloses, teils unverständliches Zeug.
Auf einmal wurde es verständlich: "Gleich wird die Tür auffliegen, und der Arzt wird hereinkommen, weil es ja brennt."
Noch während er sprach, dachte Neila, das muss stimmen, schließlich ist er ein Geist (wenn auch nicht ihr Schutzgeist), und ebenso neugierig wie ängstlich wartete sie, was passiert.
Es passierte nichts. Neila streichelte den Geist und versuchte vergeblich, mit ihm zu kommunizieren.
Einer unvermuteten Eingebung folgend, fragte sie: "Willst du Sex?"
Und wieder dasselbe pistolenartige: "Nein."

Neila drehte sich zurück zur Wand. Das Gefühl eines Menschen - Leons - im Rücken war unglaublich physisch. Er brabbelte weiter. Nach und nach wurde er immer lebhafter und aufdringlicher. Neila wollte schlafen oder wenigstens in Ruhe liegen, aber er achtete gar nicht auf sie, sondern redete immer aufgeregter und aufgeweckter und griff nach ihr und über sie hinweg. Schließlich hatte sie genug.
Genervt drehte sie sich um und warf ihn aus dem Bett. Als ihr linker Arm sich bereits auf ihn zubewegte, fühlte sie, dass sie das nicht schaffen würde, fühlte die Schwere und seine Stärke. Ein Geist ist einfach stark. Umso überraschter war sie, als er nahezu augenblicklich auf dem Boden landete, ganz leicht, als wiege er gar nichts.
Dort begann er, zu klagen und elendiglich zu weinen, er wolle nach Hause, er habe Hunger. Ziemlich grob fuhr Neila ihn an: "Ach, Quatsch!"
"Doch", schluchzte er. "Ich will Fisch essen..."

In diesem Moment wachte Neila auf. Der Hausmeister und ihre verstorbene Mutter kamen ins Zimmer. Sie standen hinten am Fenster im Dunkeln, und Neila erzählte ihnen von dem Geist und bat sie, ihr zu helfen, ihn los zu werden.
Die Mutter lachte, und der Hausmeister sagte höhnisch: "Ja, das hast du geträumt."
"Aber hier liegt er doch!" rief Neila und beugte sich aus dem Bett, während sie gleichzeitig die Vision hatte, nur noch eine leere Schlafanzughose zu finden.
Als sie den Kopf hob, sah sie den Leon-Geist an der Balkontür stehen. Sie hatte ihn mit dem Hausmeister verwechselt! Allmählich begann sie, sich zu gruseln, denn ihr wurde bewusst, dass Einbildungen und Tatsachen, Licht und Dunkel, Traum und Wachen heillos durcheinander geraten und kaum noch auseinander zu halten waren.

Da stand sie kurzerhand auf, öffnete die Balkontür und scheuchte den Geist mit den Worten hinaus:
"Weg mit dir! Sch-sch! Weg mit dir, du Vampir!"
Sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf gekommen war. Es kam völlig überraschend. Urplötzlich wusste sie, dass es ein Vampir war, und sie wiederholte dieses Wort mehrmals.
Ebenso überraschend löste sich der Vampir in der Nacht auf.

Endlich war sie wach! Erleichtert atmete sie auf. Jetzt konnte sie in Ruhe mit dem Hausmeister und der Mutter reden. Doch es war immer noch stockdunkel. Neila erstarrte in kaltem Schreck, als sie eine Männergestalt vor dem Fenster ausmachte, die sie für den Hausmeister hielt, die jedoch wieder Leon zu ähneln schien...
Sie versuchte angestrengt, sich ihre Fensterfront vorzustellen. Wie eine Schnecke kroch ihr ein Satz durch den Kopf, jedes Wort in Zeitlupe: "Ich… habe… doch… gar… keine… Balkontür… im… Zimmer…" Und die bis zum Boden reichende Glasfront?
Sie schlief ja immer noch!
Und sie lag immer noch mit dem Gesicht zur Wand!

Aber jetzt war sie wach! Jetzt wusste sie wieder, wie ihre Fenster aussehen.
Sie drehte sich um – endlich! endlich wirklich wach! – und griff nach der Lampe. Ihre Augen waren offen, sie sah die dunklen Fenster, den Umriss der Lampe... Verdammt, warum geht sie nicht an? Ich will Licht! Ich habe Angst!

Als Neila zum x-ten Mal klar wurde, dass sie immer noch schlief, dass sie einfach den Ausgang nicht finden konnte, ließ sie sich in die Finsternis fallen.

© Angela Nowicki, 8. März 2010

Sonntag, 10. Juli 2011

Die Journalistin

Ich interviewe einen jungen Schriftsteller, der gerade dabei ist, berühmt zu werden. Ich bin nicht die einzige Reporterin. Soeben stellt eine junge, schlanke, agile Frau ihm ihre Fragen. Er antwortet nicht oder enigmatisch, macht sich aber die ganze Zeit über unsere Fragen lustig. Die junge Reporterin bricht ihr Interview ab, sie hat seine Mätzchen satt. Sie dreht sich brüsk um und geht einfach. Sinnierend blicke ich eine Zeitlang auf den arroganten Bengel und gehe dann kurzentschlossen auch.

Im Redaktionsraum treffe ich die junge Journalistin wieder. Sie ist in klare Farben gekleidet, trägt ein leuchtend gelbes T-Shirt. Sie freut sich, dass ich auch gegangen bin. Offenbar passen wir gut zusammen, wir könnten eine Weile zusammenarbeiten.

Sie gibt mir meinen ersten Auftrag: einen großen, quadratischen, weißen Kalender, für den ich zwei bunte Illustrationen zeichnen soll. Anderen übergibt sie ähnliche Kalender, ähnliche Aufträge. Jeder von uns soll aber auch in eine oder zwei von der Redaktion bestimmte Städte fahren und eine kurze Reportage von dort schreiben. Nichts Weltbewegendes, nur unsere Eindrücke. Eine halbe Seite jeweils.

Ich bin sehr, sehr stolz, von einer professionellen Journalistin journalistische Aufträge bekommen zu haben, und erzähle all meinen Freunden davon: Das ist der Beginn meiner neuen Karriere.

© Angela Nowicki, 10. Juli 2011

Samstag, 9. Juli 2011

Ostreise, Teil 1

Wegfahren. Loslassen. Auf die Autobahn. Das ist auf Distanz gehen zur Welt. Das Leben rast vorbei, es gibt nichts mehr, was dich betrifft, was Entscheidungen fordert von dir. Du hast nicht einmal Gelegenheit zu überlegen, was es bedeuten könnte. Es gibt keine Bedeutung, nichts ist von Bedeutung. Gärten, Geschäfte, Baustellen, Menschen mit Tempo hundertachtzig. Da lebt wohl etwas, da lebt vielleicht sogar alles, beherbergt einen unüberblickbaren Wust von Geschichten und Zeiten. All dies bleibt unsichtbar und unfühlbar. Du lebst es nicht und kannst es nicht leben, du kannst nicht eingreifen. Du kannst es nicht einmal erkennen. So muss es im Himmel sein, wenn das Leben glücklich hinter dir liegt. Du siehst von fern Dinge sich bewegen, sich verbinden und lösen, noch nicht hier und schon vorbei. Kein Leben, keine Sorgen. Du bist frei. Angenehm ist das nicht.
Der Wechsel von der Autobahn auf die Landstraße verringert das Tempo, aber kaum die Distanz. Die Bilder verweilen jetzt ein paar Sekunden länger, du hast Zeit zu entscheiden, ob du dich wohl fühlst mit diesem Bild oder unwohl. Ale nic z tego nie wyniknie. Das ist sogar noch unangenehmer. Vielleicht löst jene sanfte Hügellandschaft in dir ein Gefühl aus, das ebenfalls etwas länger verweilt und so zum vagen Wunsch wird: hier ein Haus zu bauen und jeden Morgen übers Feld in das Birkenwäldchen auf der Anhöhe zu laufen. Du wirst es nie tun. Die Landschaft hat sich bereits verwandelt, gibt neue Impulse, weckt immer mehr vage Wünsche, die allesamt nie erfüllt werden. Nic z tego nie wyniknie.

Man kann natürlich anhalten. Nicht, um wenigstens einen Wunsch festzuhalten, sondern um eine Zigarette zu rauchen. Oder austreten zu gehen. Wir haben noch auf der Autobahn angehalten, auf dem letzten Parkplatz vor unserer Ausfahrt, denn erfahrungsgemäß bieten die Bundesstraßen über zig Kilometer keine Möglichkeit zum Stehenbleiben. Diese Straßen sind, hier wie daheim, schmal und ohne Seitenstreifen. Gleich neben der weißen Linie ein Graben, dahinter Feld, Wiese, Wald. Der Autobahnparkplatz liegt mitten im endlosen schneebedeckten Feld. Der Eiswind pfeift ungehindert über die Ebene, er drückt die gefühlte Temperatur um etliche Grad nach unten und meine Steppjacke ans Rückgrat. Wir haben die Zigarette nicht aufgeraucht, die Toilette war schmierig und stank. Weiter.

Wir sind durch Cottbus gefahren. Eine seltsame Stadt. Wie die gesamte Niederlausitz scheint sie der Zeit entnommen zu sein. Hier pulsiert nichts, sogar die Luft steht still, du entdeckst weder Vergangenheit noch Zukunft und noch nicht einmal Gegenwart. Das ist Zeitlosigkeit. Ich weiß nicht, wie die Menschen hier leben. Das Leben muss an ihnen vorbeigehen oder durch sie hindurch. Vielleicht leben sie nur, solange wir durch die Stadt fahren? Geschichten von versunkenen Orten tauchen aus der Erinnerung. Vineta. Germelshausen. Einmal in hundert Jahren öffnet sich die Erde und lässt das Dorf einen Tag lang leben. Einmal in hundert Jahren fahren wir durch Cottbus. Wanderer, achte darauf, den Ort vor Mitternacht zu verlassen!
Während jedoch andere Lausitzer Städte, wie Görlitz oder Guben, so grau und trostlos auf mich wirken, dass ich mich bemühe, an gar nichts zu denken - nur schnell wieder raus hier -, erfasst mich in Cottbus jedes Mal genau jene verwunschene Melancholie, wie die Märchen sie atmen. Cottbus ist weder schön noch hässlich, denn das sind bereits lebendige Empfindungen. Es besteht zum größten Teil aus langgezogenen Plattenbauten, breiten Straßen mit wenigen Autos und noch weniger Fußgängern und geschwungenen Hochstraßen. Ja, es hat auch viel Grün und ganz ansehnliche Altbauten - das ist es nicht. Es sind nicht einzelne Häuser oder Plätze. Es ist die spezifische Atmosphäre, die all das zusammen hervorbringt, eine Art Aura, die diese Stadt wie eine Glasglocke umschließt.
Es passiert jedes Mal. Sobald wir nach Cottbus hineinfahren, ist mir, als habe ich ein starkes Beruhigungsmittel injiziert bekommen. Ich vergesse, woher ich komme und wohin ich will. Wünsche, Sehnsüchte, Ideen lösen sich unmerklich im Nichts auf, und mich überfällt gewitterfarbene Melancholie. Ich sehe mich allein in einer der Großplattenwohnungen wohnen, sehe mich end- und ziellos durch diese breiten Straßen geistern, hinter denen die Welt zu Ende ist, ich begegne immer den gleichen Gesichtern und kenne keinen Menschen, ich lasse mich ziehen von seltsamen Zeichen, der Ziffer Vier auf einer roten Straßenbahn, dem Autokennzeichen EE.EE, einem rothaarigen, Roller fahrenden Jungen, einem zerknitterten alterslosen Weiblein, das lauthals singt. Und ich werde nie mehr sterben.

Ostreise, Teil 2

Freitag, 8. Juli 2011

Reise ins Sakralchakra

Ich betrete einen Raum, dessen linke Wand fast vollständig von einem Fabrikfenster eingenommen wird. Das Fenster gibt den Blick frei auf ein riesiges, düsteres Haus. Es sieht fast aus wie ein Vampirschloss, ähnlich dem Gemeindehaus auf dem Schlossberg in Chemnitz.

An der hinteren Wand des Raums steht ein Bündel riesiger Zimtstangen. Darüber ragt rechts oben, gleich einer Jagdtrophäe, eine Fleisch fressende Pflanze aus der Wand. Sie sieht aus wie eine Venusfliegenfalle, allerdings schließt ihre Klappe horizontal, wie ein Mund.

In der Mitte der rechten Wand kann ich durch einen Torbogen nach draußen blicken. Ich sehe eine sonnige Stadt, deren Häuserterrassen sich auf einem Felsen türmen. Dieser Felsen ragt über einer Leere auf, die eigentlich ein Meer sein müsste.

Als ich mich, noch an der Schwelle stehend, nach rechts wende, erkenne ich dort noch eine Türöffnung. Darüber schwebt eine große Kugel mit Flecken, die Kontinenten ähneln. Überall sprießen einzelne, eklige, dicke Haare aus den Kontinenten. Die ganze Kugel wirkt schmutzig und abstoßend wie eine riesige Mikrobe. Darüber fliegt ein kleiner Drache.

Der Durchgang führt in einen schmalen, dunklen Raum, an dessen linker Wand ein hölzernes Doppelbett steht, spartanisch wie Pritschen. Mein Blick wird auf das untere Bett gezogen, denn dort scheint ein Mensch unter einer groben Wolldecke zu liegen. Ich kann ihn nicht erkennen, weil er bis über die Ohren zugedeckt ist. Von diesem Bett geht eine beängstigend düstere Atmosphäre aus. Ich würde den Raum am liebsten wieder verlassen, doch ich will so viel wie möglich sehen, und auf der gegenüber liegenden Seite führt hinter einem ebenso spartanischen Holzschrank, der zwischen dem Doppelstockbett und der Wand steht, ein weiterer Durchgang in einen weiteren Raum.

Dieser Raum ist klein und quadratisch und noch dunkler. Er sieht aus wie ein enger Vorraum. Rechts und links hat er je eine Tür. Die linke Tür ist weiß; sie steht offen und schließt sich, als ich mich nähere. Die rechte Tür ist schwarz; sie ist geschlossen und öffnet sich, als ich mich nähere. Auch das wirkt bedrohlich.

Ich trete durch die schwarze Tür und stehe in einem winzigen, kerkerähnlichen Raum mit einem Loch zu meinen Füßen. Ich schaue in das Loch hinein – und blicke in die Unendlichkeit. Ein unendlich tiefer, immer schwärzer werdender Strudel.

Lange Zeit starre ich in diesen Abgrund, immer auf der Hut, nicht hinein zu stürzen. Schließlich reiße ich mich los und kehre zum Ausgang zurück. Draußen vor der Tür erblicke ich plötzlich einen Frosch am oberen Türrahmen und dann einen Basilisken.

© Angela Nowicki, Herbst 2009

Donnerstag, 7. Juli 2011

Der Verrat

Ich habe Johnny Depp verraten.

Er hatte etwas getan, was ich nicht gutheißen konnte. Das hatte ich, da es schon länger so ging, in meinem Tagebuch festgehalten. Beim letzten Vorfall zeigte ich ihn dann an und übergab meine Aufzeichnungen der Verantwortlichen. Es war eine hübsche, schlanke, dunkelhaarige Beamtin, die einen Kindergarten leitete, der als Außenstelle diente. Als ich das nächste Mal zu ihr kam, stellte sich heraus, dass sie meine gesamten Aufzeichnungen einfach, ohne mich zu fragen, veröffentlicht hatte.
Ich war zutiefst erschrocken, denn nun weiß jeder, dass ich Johnny Depp angezeigt habe, und er natürlich auch. Ich fühle mich miserabel, wie eine Verräterin.

Es ist Morgen. Da ich keine Unterkunft in dieser Stadt habe, gehe ich in die Schule, die Hauptstelle, aufs Jungenklo, um mir die Zähne zu putzen und mich anzuziehen. Ich putze lange und gründlich. Als ich wieder aufblicke, sehe ich im Spiegel entsetzt eine lange Schlange kleiner Jungen hinter mir. Die Schüler stehen hinter meinem Rücken Schlange, und ich bin nackt. Hastig fahre ich in meine Winterstiefel und hänge mir meinen langen Mantel über. Ich laufe nach oben zur Hauptstellenleiterin, einer hübschen, beleibten Brünetten, die aussieht wie eine Bibliothekarin, und bitte sie um einen ruhigen Ort zum Anziehen.
Sie ist ständig mit einer ihrer beiden Mitarbeiterinnen am Computer beschäftigt und widmet mir kaum Aufmerksamkeit. Was mich nervös macht, denn ich bin immer noch nackt. Als sie sich mir endlich zuwendet, beginne ich aufgeregt, ihr die Geschichte meiner Anzeige gegen Johnny Depp zu berichten, doch schon nach den ersten Worten wird sie wieder abgelenkt, und als sie sich mir wieder zuwendet, ist bereits die junge Frau eingetroffen, die mich zum Anziehen bringen soll. Ich werde eilig abgefertigt, die Leiterin hat meine Geschichte gar nicht zur Kenntnis genommen.

Ich sitze bei einem Bekannten. Er weiß schon von meiner Anzeige und berichtet mir, ich sei bei Johnny Depp nun natürlich unten durch. Ich bin am Boden zerstört, denn das hatte ich so nicht gewollt. Ich sage:

"Es ist unglaublich, dass es Sachen gibt, die jahrelang absolut in Ordnung sind, und innerhalb eines einzigen Moments kippen sie plötzlich in die größte Gemeinheit deines Lebens um."

Er stimmt mir verständnisvoll zu, doch ich bemerke, dass er mich offensichtlich missverstanden hat - er hält meine Anzeigen für einen Liebesbrief! Als ich ansetze, um ihm das Ganze richtig zu schildern, erscheint auf einmal Johnny Depp im Zimmer. Er kommt und geht ein paarmal, und jedesmal hat er ein anderes Kostüm an. Als er als englischer Landlord wiederkehrt, in goldbrauner Cordhose und kariertem Flanellhemd, weist mein Bekannter auf mich. Johnny macht ein fragendes Gesicht, er scheint mich nicht zu erkennen. Mein Bekannter meint, er solle sich doch wieder mit mir vertragen.
Im ersten Augenblick sieht es aus, als wisse Johnny Depp gar nicht, worum es geht, oder als habe er mir die Sache nicht übel genommen. Ich atme erleichtert auf. Doch als ich zu einer Entschuldigung ansetze, sehe ich sein abweisendes und tödlich beleidigtes Gesicht. Er will nichts mehr mit mir zu tun haben.

© Angela Nowicki, 8. März 2010

Mittwoch, 6. Juli 2011

Plädoyer für die Amoral

Was ich am Human Design von Anfang an geliebt habe, war der Slogan "No choice". Gut, er ist ein bisschen übertrieben, natürlich haben wir die Wahl, wie wir uns verhalten, ob wir das, was wir sind, akzeptieren und ausleben oder nicht. Nur sind wir halt etwas, eine ganz bestimmte, einzigartige genetische Definition, und da hört unsere Wahlfreiheit auf. Und wir haben auch keine Wahl, was die Gestalt unseres Lebens angeht. Ob wir unsere Bedürfnisse befriedigen, unsere Wünsche erfüllen, unsere Ziele erreichen oder nicht, das hängt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nun mal nicht von uns ab.
Mir gefiel im Human Design der Vergleich mit dem Fahrzeug, einen ähnlichen Vergleich habe ich vor Jahren schon bei dem Astrologen und Psychotherapeuten Peter Orban gelesen, da war es ein Zug: Unser Körper ist unser Fahrzeug, in dem wir durchs Leben fahren. Aber wir sind nicht der Fahrer, auch wenn es uns oft so vorkommt. Für den Fahrer hat das HD einen Magnetischen Monopol in uns ausgemacht, also unsere innere Führung, die nicht identisch ist mit unserem selbstreflektierenden Bewusstsein. DAS ist nur der Fahrgast. Und der sitzt nicht im Taxi. Der Fahrer fährt uns nach einer auf einer höheren (oder tieferen) Ebene geplanten Route, und somit ist das Klügste, was wir tun können, uns entspannt zurückzulehnen und alles, was uns auf dieser Reise begegnet, interessiert zu beobachten. Kamera und Tagebuch sind dabei praktisch.
Selbst wenn wir unser "Design leben" (übrigens ein furchtbares Wort, es hat im Deutschen nun mal eine viel engere Bedeutung als im Englischen – könnte man sich hier nicht auf ein anderes einigen, "Anlage" zum Beispiel?), was im HD allenthalben fast schon missionarisch repetiert wird, wenn wir der Strategie unseres Typs und unserer inneren Autorität folgen, wird nicht alles automatisch "gut" in dem Sinne, dass sich das Leben plötzlich unseren Vorstellungen von ihm anpasst. Die Route ändert sich deswegen nicht, da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Es hilft uns nur, die Fahrt zu genießen, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist doch eine ganze Menge.

Und das hat mir im HD von Anfang an richtig gut gefallen. Dass der Mensch nicht korrigiert werden muss, sondern lernen kann, sich und sein Leben anzunehmen, wie es ist. Eine große und schwere Aufgabe, aber wenigstens eine mit realen Erfolgsaussichten.
Anscheinend hatte ich diese Wahrheit wieder mal vergessen, als ich die letzten Sätze über das Kopfzentrum schrieb. Es gibt kein "soll" und "darf nicht", niemand muss irgendetwas tun. Man macht es sich nur etwas gemütlicher, wenn man sich mit einem offenen Kopfzentrum nicht dauernd mit fremden Themen beschäftigt, das ist alles. Aber man stirbt auch nicht, wenn man es tut. Und es gibt mit Sicherheit eine Menge Leute, die dazu bestimmt sind, sich mit fremden Fragen zu beschäftigen. Sie werden glücklicher sein, wenn sie sich nicht damit identifizieren, sicher, aber wenn sie es tun, geht die Welt auch nicht unter, vor allem, wenn sie sich dessen bewusst sind. Und wenn nicht – so what. Wir sind hier, um Erfahrungen zu sammeln.

Eigentlich wollte ich mir etwas anderes von der Seele schreiben, was aber gar nicht so weit weg vom amoralischen Imperativ liegt. Mir war gestern ein Artikel einer von mir ansonsten sehr geschätzten HD-Analytikerin aus den USA aufgestoßen, in dem sie ganz offensichtlich das Multidimensional Human Design, eine Weiterentwicklung von Eleanor Haspel-Portner, attackierte (der Artikel ist schon über acht Jahre alt, deshalb will ich nicht weiter darauf eingehen, vielleicht denkt die Frau heute ja schon ganz anders).
Da war es wieder: "Keep it simple!" Ich habe den Satz auch schon gelesen, aber da ging es nach meinem Verständnis darum, dass ein Analytiker seinen Kunden nicht mit einer Flut nutzloser Details überhäuft, die dem am Ende sowieso nichts bringen. Hier jedoch war eher die "reine Lehre" gemeint. Ich bin da ein bisschen empfindlich, denn ich habe diesen sinnlosen Kampf der Puristen gegen die Reformer schon in der Astrologie, der Homöopathie und was weiß ich wo verfolgen dürfen. Ich meine, ich habe eine Riesenachtung vor Ra Uru Hu, dem Begründer – oder soll ich besser sagen "Empfänger" – des Human Design, und bedaure es unendlich, dass ich mittlerweile keine Gelegenheit mehr haben werde, ihn persönlich kennen zu lernen, da er leider vor Kurzem verstorben ist. Doch ist es nicht so, dass solche Schismen immer dann entstehen, wenn eine Lehre entweder zu starr geworden ist oder den veränderten Ansprüchen nicht mehr genügt? Das Leben mutiert nun mal ständig, das ist doch erfreulicherweise sogar ein Grunddogma des Human Design.
Eleanor ist eine ungeheuer tiefgründige Denkerin. Sie hat das System um ein Vielfaches komplexer gemacht, damit sicher auch komplizierter, aber – es funktioniert! Es funktioniert sogar noch besser als das ursprüngliche System. Und das ist für mich das einzige Wahrheitskriterium.

Einige der ursprünglichen Protagonisten haben nach meiner Beobachtung leider eine ganze Serie von "Gebeten" entwickelt, die genau dem widersprechen, was sie immer so begeistert verkünden: der Vielfalt. "Es gibt immer ein Dies und ein Das", wie Ra zu sagen pflegte. Nicht jeder ist dazu "designt", es simpel zu halten. Das ist nur ein "Dies", und es gibt so viele "Das", die gerade die Komplexität und Tiefe brauchen, um glücklich zu sein.
Und da ich gerade so schön in Fahrt bin: Für ebensolchen Unfug halte ich es auch, ständig den Verstand zu verteufeln. Der Verstand ist niemals die innere Autorität, kein Zweifel. Die Autorität ist die innere Instanz, die die Entscheidungen trifft. Dass der Verstand keine guten Entscheidungen treffen kann, ist aber noch lange kein Grund, ihm gleich sein ganzes Spielzeug wegzunehmen. Wenn unser Ursprung gewollt hätte, dass wir nicht denken, hätte er uns vermutlich erst gar kein Großhirn verpasst. So viele Menschen arbeiten mit dem Verstand und sollen das auch tun, dazu sind sie hier, das hat rein gar nichts mit der Autoritätsfrage zu tun. Der Verstand kann ein wunderbares Werkzeug sein. Entscheidungen sind eine ganz andere Kategorie.

© Angela Nowicki, 6. Juli 2011