Sonntag, 7. August 2011

HD: Die Zentren - G-Zentrum und Herzzentrum

Das G-ZENTRUM ist der Mittelpunkt der Persönlichkeit. G steht für "Gravitation", "Geometrie" oder auch "Gott". Es ist das Zentrum des Selbst, das den Magnetischen Monopol beherbergt, die Kraft, die uns als Persönlichkeit zusammenhält und die Unterscheidung des Ich vom Du ermöglicht, der Ursprung aller Differenzierung. Hier entspringt die Polarität, in der wir alle leben, denn jedem "Mein" steht ein "Dein", jedem "Hier" ein "Dort" gegenüber. Aus der Spannung zwischen Hier und Dort ergibt sich die Richtung, und so finden wir im G-Zentrum nicht nur unsere Identität, sondern auch unsere ganz persönliche Richtung im Leben. Unterscheidung ermöglicht aber nicht nur Identität und Richtung, sondern auch Liebe, denn Liebe braucht ein Du, auf das sie sich richten kann. Somit ist das G- oder Selbstzentrum unser innerer Kompass, der uns die Richtung unseres Lebenswegs und unserer Liebe anzeigt.

Auf der körperlichen Ebene sind diesem Zentrum die Leber und das Blut zugeordnet. Die Leber ist unsere innere Entgiftungsstation, denn Gifte sind Stoffe, die nicht zu uns gehören und uns daher schaden. Das beinhaltet keine Wertung, denn was dem einen Lebewesen schadet, kann einem anderen wiederum nützen. Auch auf der psychologischen Ebene geht es im G-Zentrum darum zu wissen, was gut und was schädlich für das Selbst ist. Als Richtung: Welche Orte sind gut für mich, wo will ich leben? Als Liebe: Welche Menschen sind gut für mich, mit wem will ich eine Beziehung haben? Und was als schädlich für das eigene Selbst erkannt wird, wird ausgegrenzt.

Wer ein definiertes G-Zentrum hat, weiß, wer er ist, wohin er geht und was und wen er liebt. Diese Menschen haben ein ausgeprägtes und beständiges Identitätsgefühl, von dem sie nie lange abirren können, ohne Ängste und Frustration zu entwickeln. Im Theater wäre das der Charakterdarsteller. Oft spüren sie ihr Leben lang eine Art innerer Führung in sich, die etwas Religiöses an sich hat, selbst wenn sie nicht an eine höhere Wahrheit glauben.

Ein undefiniertes G-Zentrum ist wie ein Fischer, der am Meeresufer sitzt und jedesmal etwas anderes aus dem Wasser zieht: einen Aal, einen Hering, eine Flunder, eine alte Wurzel, eine Blechdose, eine Nixe... unendlich viele Identitäten, und er kann in jede davon hineinschlüpfen, ohne sich damit identifizieren zu müssen. Er spielt Rollen, und das wäre im Theater dann der Schau-Spieler im ursprünglichen Sinn. Im Grunde weiß solch ein Mensch nicht, wer er wirklich ist, wohin er gehört und wer zu ihm passt. Das kann verwirrend sein und ihn so orientierungslos machen, dass er davon krank wird. Andererseits birgt diese Offenheit aber auch ein ungeheures Potenzial in sich: das Potenzial der "sieben Leben". Wer in jedem Augenblick in jede Rolle hineinschlüpfen kann, kann eine ungeheure Menschenkenntnis und Lebensweisheit erwerben.
Wenn ein Mensch mit einem undefinierten G-Zentrum aus seinem Nichtselbst lebt, versucht er mit allen Mitteln, seine Identität, seine Richtung und seine Liebe festzulegen und zu kontrollieren. Da das aber eine Verstandesentscheidung ist, wird sie falsch für ihn sein. Er wird am falschen Ort leben, den falschen Zielen folgen, die falsche Rolle spielen und mit den falschen Menschen zusammen sein. Das gilt übrigens auch für das definierte G-Zentrum, wenn es seiner inneren Führung nicht vertraut.
Natürlich hat auch jedes undefinierte G-Zentrum einen Magnetischen Monopol, aber einen mit einer ungleich größeren Toleranz als das definierte. Diese Menschen sind dazu da, sich des Selbst gewahr zu werden, das Selbst identifizieren zu können, denn sie werden das Selbst aufgrund ihrer Offenheit in allen möglichen Spielarten erfahren. Das ist ihre Strategie, während das definierte Selbst nur sich selbst leben kann und nichts sonst.

***

Mit dem HERZZENTRUM treffen wir auf den ersten Motor unter den Zentren. Es ist der Motor der Willenskraft. Das Herzzentrum wird auch Ego-Zentrum genannt, denn es ist der Knotenpunkt des Schaltkreises des Ego, der zur Schaltkreisgruppe des Stammes gehört. Hier geht es darum, sich in der materiellen Welt durchzusetzen, zu überleben, sich mit seinen Nachbarn und Verwandten zusammenzuschließen, um sich gegenseitig beim Überleben in der Welt zu unterstützen. Es ist der berühmt-berüchtigte Herdentrieb, und der basiert eindeutig auf dem Ego jedes einzelnen Mitglieds der Gemeinschaft. Dem Ego sind höhere Ideale fremd; globale Fragen, Politik, Philosophie, Kunst usw. interessieren es nur, wenn sie ihm eine praktische Lösung bieten, wie es selbst und die Egos seines Stammes täglich satt werden, gesund bleiben und Spaß haben können. Im Gegensatz zu manchen Mystikern glaube ich nicht, dass das Ego etwas ist, was überwunden werden muss. Es ist einfach eine biologische Notwendigkeit, ohne die wir in der Materie nicht überleben könnten. Wie überall, kommt es auf das feine Gleichgewicht zwischen den Kräften, die Homöostase, an. Wer das Ego überwindet oder abtötet, fliegt automatisch aus der Materie – aber da ich ein offenes Ajnazentrum habe, weiß ich natürlich nichts mit Gewissheit.

Dem Herzzentrum sind auf der körperlichen Ebene mehrere Organe zugeordnet, jedem der vier Tore eines: Magen, Herz, Gallenblase und Thymusdrüse. Wer ein starkes Ego hat, entwickelt auch einen starken Willen, er kann sich durchsetzen in der Welt, und das stärkt wiederum das Selbstwertgefühl. Wie man also sieht, kann man die Zentren des Human Design nur bedingt mit den Chakras vergleichen, denn das Herzchakra stimmt am ehesten mit dem G-Zentrum überein, während das Herzzentrum einen Teil der Funktionen des Nabelchakras zu übernehmen scheint.

Ein definiertes Herzzentrum hat eine jederzeit einsatzbereite Willenskraft zur Verfügung und ein stabiles Selbstwertgefühl. Beim Umgang mit der materiellen Welt, mit Geschäften und Vereinbarungen folgt es festen und bewährten Methoden. Wenn ein solcher Mensch etwas verspricht, kann er es auch einhalten, und wenn er sich etwas vornimmt, kann er es auch erreichen, ganz gleich, wie viel Zeit und Kraft es erfordert. Das sind die Menschen, die von heute auf morgen mit dem Rauchen aufhören können – und dann leider dem Rest der Welt im Brustton der Überzeugung verkünden, mit ein bisschen gutem Willen gehe alles. Wie so viele Einseitigkeiten stimmt natürlich auch diese nur bedingt – nämlich nur für Menschen mit einem definierten Herzzentrum, und das sind gerade einmal 35% der Menschheit.

Ich habe schon mehrmals gelesen, ein Mensch mit einem undefinierten Herzzentrum sei willensschwach. Das stimmt so natürlich nicht. Ebenso, wie ein undefiniertes Ajnazentrum nicht dumm und ein undefiniertes Kehlzentrum nicht stumm ist, hat auch ein undefiniertes Herzzentrum einen Willen, ein Ego und ein Selbstwertgefühl. Ein offenes Zentrum hat nie mit dem Mangel oder einer Schwäche der ihm zugeordneten Kräfte zu tun, sondern nur mit deren Verfügbarkeit und Verlässlichkeit. Es wäre also richtiger zu sagen: Ein undefiniertes Herzzentrum kann sich auf seinen Willen nicht verlassen. Deshalb sollten diese Menschen nie etwas versprechen – sie wissen nie, ob sie es auch einhalten können! Genau deshalb fällt es ihnen auch viel schwerer als den definierten, das Rauchen aufzugeben oder sonst etwas zu erreichen, was vielleicht keinen starken, aber auf jeden Fall einen ausdauernden und zuverlässigen Willen erfordert.
Was aber macht ein solcher Mensch, wenn er aus seinem Nichtselbst lebt? Aufgrund seines schwankenden Selbstwertgefühls glaubt er, sich selbst und anderen ständig etwas beweisen zu müssen. Dass er erreichen kann, was er sich vornimmt. Dass er zuverlässig ist und seine Versprechen hält. Dass er sich durchsetzen kann und überhaupt der große Zampano ist. Es ist offensichtlich, dass hier das Versagen vorprogrammiert ist und das Selbstwertgefühl am Ende ganz im Keller landet. Das ist ein wichtiger Ursprung von Depressionen.
Die richtige Strategie für das undefinierte Herzzentrum lautet: Du musst niemandem etwas beweisen! Deine scheinbare Inkonsequenz und Durchsetzungsschwäche ist in Wirklichkeit etwas sehr Wertvolles, nämlich eine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Umstände und Bedingungen, die das definierte Zentrum nicht hat.
Ein definiertes Herzzentrum ist wie ein Baum: Er trotzt dem Sturm viele Jahrhunderte, doch wenn er einmal bricht, ist er verloren.
Ein undefiniertes Herzzentrum hingegen ist wie das Gras: Es ist so biegsam, dass kein Sturm ihm je etwas anhaben kann. Je tiefer er es beugt, umso höher richtet es sich jedesmal wieder auf.

© Angela Nowicki, 7. August 2011

Kapitel 2: Radeberg - Częstochowa (1)

oder
Da ziehen sie durch die Länder


Freitag, 6. August 76

15.40. Urlaub! Frei!! Endlich. Bettina fragt noch, wann der Tramperbus kommen soll, dass ich nicht aus der Hüfte komme.
"Nun geht mal auseinander! Komm, Nelly, mach dich los! Willste nich noch'n paar Bemmen zurechtmachen?"
Nachher.
Ich komme wirklich ewig nicht aus der Hüfte. Die Flickerei dauert Ewigkeiten. Endlich will ich los.
Packen. Zimmer wird nachher sauber gemacht. Da fällt mir ein, am besten wär's, doch die Parka noch so weit zu flicken, dass ich sie anziehen kann. Kurz nach 18 Uhr bin ich unten.
"Na, der Traktor kommt wohl doch nicht mehr?"
Oja, doch, der kommt schon noch, wird'n bisschen später.
Die Schnitten, dann geh ich zu Anneliese. Sie bewundert meine Lee-auf-Levis. Wiedersehn und alles Gute zu Anita. Plötzlich erhebt sich vorn großes Gebrüll:
"Na, willste nich mal vorkommen?! Ich geh jetzt!"
Wie sollte ich diesem innigsten Wunsch nicht sofort nachkommen wollen? Bettilein wünscht mir einen steifen Nacken. Na klar, ich bin standfest.
"Also mach's gut, Kleene!"
Der Abschied ist wie Bettina: kurz, herzlich und schmerzlos. Bei Anneliese geht's schon schwerer ab. Lange werden noch Worte gewechselt, aber das Unvermeidliche lässt sich doch nicht verhindern, vor allem nicht in meinem Interesse. Ich muss schon die Initiative ergreifen:
"Also, machen wir's kurz und schmerzlos: Leben Sie wohl, Fräulein Anneliese, und ich wünsche Ihnen..."
Sie weint. Ich weiß wieder mal nicht, wie ich reagieren soll. Umarmung, Kuss:
"Und weinen Sie nicht mehr so viel!"
Ich will ohne Aufsehen verschwinden:
"Tschüss, alle Mann!"
Aber da macht der ganze Saal nicht mit.
"Und uns wollen Sie wohl nicht auf Wiedersehen sagen?"
Ich versuche, mich aus der peinlichen Situation zu ziehen:
"Ooch, stellen Sie sich mal vor: 19 Hände schütteln - wann soll ich denn da wegkommen?"
Die Masse kann sich gar nicht trennen. Frau Hahn, Frau Müller, Frau Dörfel, Frieda. Frau Schlechte drückt mir 20 Mark in die Hand. Oh! Dafür wird sie noch mal ganz lieb gedrückt. Käthe pennt schon unterm "Leichentuch". Frau Rößler, Frau Daehn, Frau Höntsch. Sie will noch allerhand wissen: wie lange ich hier gewesen bin, wohin ich jetzt gehe, was mein Freund macht... Großes Gelächter, als ich erkläre, dass es den eigentlich gar nicht gibt. Frau Bienert, Wellchen - na ja. Gott sei Dank, Eugenie pennt. Oder auch schade.
Rüber. Frau Lantermann hat noch was für mich: eine Tafel Schokolade. Frau Schiffner. Die Fischerin kapiert natürlich nicht, was das soll. Für sie ist das der übliche Gute-Nacht-Gruß. Krächz-krächz, "meine Gute!" Frau Weckbrodt, Pavisa, Steuer.
Geschafft! Es war eine ganz schöne Zeremonie. Die Sachen sind schnell gepackt, auch das Zimmer pfusche ich nur so hin. Dann zu Einhorns. Herr Einhorn ist schon okay, er bedankt sich noch bei mir. Überhaupt verabschieden sich alle mit vielen guten Wünschen. Immer dasselbe.

Endlich, endlich rotiere ich los, schwer beladen, aber rüstig ausschreitend, Richtung Autobahn. Den Radebergern fallen bald sämtliche Augen raus: Ich hab meine US-Army-Parka an. Ich aber bin froh, bin so unheimlich froh gestimmt, heiter - frei.

Weit ist der Himmel. In ihm kann ich frei sein.
Frei wie die Wolken, die ziehen, wohin der Wind sie treibt...

Oben hält auch gleich ein Trabi. Ein mittelaltes Ehepaar mit Kind - sieh mal einer an! Sie fahren sogar extra einen Umweg wegen mir.
Auf der Autobahn stehen schon zwei Tramper. Görlitzer nach Görlitz. Ich schnüre mein Gepäck bequemer, laufe auf dem Grünstreifen trampend auf und ab. Ein Lkw parkt. Zwei junge Kerls pfeifen nach mir. Vielleicht sollt ich mal hingehen? Ich reagiere nicht - sie haben ja doch keinen Platz mehr. Als der Lkw losfährt, quatscht mich der Fahrer an. Nach Görlitz? Er überlegt drei Sekunden.
"Na los, steig ein!"
Die beiden fahren nach Görlitz. Ich als Motorblock-Maskottchen.
Halb zehn bin ich am Demiani-Platz. Ich schleppe mich mit meiner Ladung durch die Altstadt. Ursprünglich mit dem Ziel, eine Kneipe zu finden. Daraus wird selbstverständlich ein Altstadt-Bummel. Herrliche Slums! Aus einem erleuchteten Parterrefenster lehnt ein Kerl vor einer Musikkulisse.
"Willst'n Schluck Wein?"
Aber gerne. Rotwein, ungarischer. Mmm, mein Lieblingswein. Dein Lieblingswein? Er verschwindet, offenbar um noch Reste zu suchen, findet aber nichts. Drin hocken ein paar angeturnte Käthen, sie lachen sich halb dämlich über mich. Er kommt zurück:
"Trink nur, wir haben schon genug getrunken!"
Den Eindruck hab ich auch.
Bist Tramper?
Ja.
Wohin trampst'n? Nach Polen? Ich trampe morgen.
"Auch nach Polen?"
Nee-he-he! Also dann - viel Glück!

Freitag, 5. August 2011

Kapitel 1: Kuhfraß - Oder-Neiße-Friedensgrenze

oder
Wenn man nur lange genug nach Osten geht, kommt man auch in den Westen

Diese Geschichte ist keine Reportage. Es ist ein Konglomerat aus eigenen und fremden Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten, politischen Fakten, Fiktion und Träumen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, Einrichtungen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt, wenngleich natürlich auch nicht zufällig. Wenn sich jemand angesprochen fühlt, wird das schon seinen Grund haben.

***

Irgendwann kotzte alles sie an, da hat sie heimlich sich aufgemacht.
Jeans und Parka zog sie sich an, und ihre Plane war ein Zelt für die Nacht.
Ach, was hast du für Illusionen, Mädchen, überleg doch mal:
Willst in der Welt vor der Welt weglaufen und wohin, ist dir egal.

Die Beskiden waren ihr Ziel, da wollte sie schon immer hin.
In der Wildnis mit den Hippies leben, das allein hatte für sie noch Sinn.
Wildnis! Das sind doch nur Illusionen, Mädchen, überleg doch mal:
Dafür sind wir längst viel zu zivilisiert, und wie du’s schaffst, ist dir egal.

***

Neila war immer so gewesen: kopfüber rein in die emotionale Welle und durch. Und wenn es schiefging? Es gab kein Schiefgehen für Neila. "Was geschieht, ist gut", war ihre Devise. Wenn sie liebte, war es toll, wenn sie litt, war es eine weitere Erfahrung, und wenn sie umgekommen wäre? Sie riskierte es.
"Hast du denn überhaupt keine Angst?" hatte eine Kollegin viele Jahre später einmal gefragt, als Neila sich nach der Spätschicht aufmachte, allein den weiten Weg durch eine dunkle Kleingartensiedlung nach Hause zu gehen. Doch, klar hatte sie Angst. Vor Schlägen. Vor Nachtfaltern. Vor Bloßstellung. Auch vor der Dunkelheit, aber da hatte sie schon ganz andere Wege hinter sich.

In den Siebzigern, als sie noch alles vor sich hatte, da war die unerträglichste Angst die, die Welt nicht zu sehen. Nichts zu erleben, für immer eingesperrt zu bleiben in den Achtstundentag in einem Kollektiv der sozialistischen Arbeit plus kollektive Freizeitgestaltung, fünfundvierzig Jahre in immer demselben Beruf bis zur Rente in der Gartenzwergkolonie "Heimaterde", in einem braunkohlestinkenden Land ohne Farbe mit dem täglich grüßenden Murmeltier, Big Brother Watching und der Polizei, deinem "Freund und Helfer, die ist immer auf der Wacht, ob ich gehe oder stehe, ob es Tag ist oder Nacht. Neulich war sie auch beim Trampen mit dabei...", hatte Gerhard Schöne gesungen, als er noch kaum bekannt war und in Outsiderkreisen auf zigmal überspielten Tonbändern kreiste. Später, als er schon bekannt war und im Fernsehen auftreten durfte, sang er trotzdem noch:
So also ist nun das Leben, wenn alles glatt abläuft nach Plan:
Schmerzarme Geburt, Krippe, Schule, dann Lehre mit Moped und ‚Zahn‘.
Was soll ich noch schaffen, noch kaufen?
Was fehlt noch zum Glück und zum Spaß?
Ist denn schon alles gelaufen – oder fehlt da noch was?
Ach, da fehlte so gut wie alles, und Neila beschloss, nichts sei gelaufen.

An einem kalten Donnerstagmorgen im März 1977 zog sie sich Jeans und Parka an, packte ihren Rucksack, schnallte die Plane drauf und schlitterte von ihrem einsamen Bungalow am Waldrand, in dem sie allein eine Betriebswohnung des Pflegeheims, in dem sie arbeitete, bewohnte, den steilen Hang durch den Wald zur Landstraße runter und... Ich hätte jetzt zu gern geschrieben: streckte den Daumen in den Wind, aber das kam erst später. Von Kuhfraß bis Rudolstadt musste man laufen, wenn nicht zufälligerweise der Bus oder das einzige Auto am Tag vorbeiknatterte.

Menschen, die nicht in der DDR gelebt haben, muss ich hier kurz etwas erläutern: Was Neila tat, war strafbar. In diesem Staat konnte man nicht einfach "der Arbeit fern bleiben" und womöglich noch verschwinden. Man riskierte damit keine Kündigung, das wäre für manchen sogar eine wünschenswerte Option gewesen, sondern weitaus Schlimmeres: Man riskierte die ganze Palette "erzieherischer Maßnahmen" der proletarischen Überwachungsdiktatur, von denen eine "Aussprache im Kollektiv" noch das Geringste war, bis hin zum Knast.

Neila riskierte zur Anklage wegen "arbeitsscheuen Verhaltens" und möglicher "Republikflucht" natürlich auch noch eine Vermisstenanzeige, aber so weit dachte sie damals beim besten Willen nicht. Man kann ja nicht an alles denken.

Republikflucht? So weit ging Neilas Furchtlosigkeit nun auch wieder nicht, dass sie ernsthaft erwogen hätte, sich in den Stacheldraht nach Westen zu stürzen. Die Erde ist rund. Wenn man nur lange genug nach Osten läuft, kommt man auch irgendwann im Westen an. Außerdem kannte Neila schließlich eine ganze Schar Hippies in Polen, allen voran die aus der Kommune in Caryńskie in den Ostbeskiden, genauer: den Bieszczady. Seitdem sie im Vorjahr auf ihren Tramps dort einmal gelandet war, träumte sie davon, sich für immer dort niederzulassen. Vielleicht. Also hielt sie in Rudolstadt nun endlich Nase und Daumen in den Wind und wandte sich gen Osten.

Ungeachtet des sie von da an ständig begleitenden Gefühls, gehetzt zu werden, verlief der Tramp außergewöhnlich hindernisfrei. Am Nachmittag war sie in Görlitz. Hier erreichte die Angst ihren Höhepunkt; sie war soeben dabei, die Oder-Neiße-Friedensgrenze zu überschreiten. An sich kein Problem, sollte man denken, schließlich gab es seit fünf Jahren den visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und Polen. Doch beim Grenzübertritt erhielt man einen Sichtvermerk in den Personalausweis, und das visafreie Aufenthaltsrecht in Polen erstreckte sich für DDR-Bürger nur auf 30 Tage. Dass Neila nicht vor hatte wiederzukommen, wusste natürlich zunächst niemand, doch immerhin rechnete sie damit, schon jetzt polizeilich gesucht zu werden.
Als die Sparkassenangestellte in Görlitz sie komisch anschaute, nachdem sie ihr ihren Auszahlungsauftrag über 700 Mark - ihr ganzes Vermögen - vorgelegt hatte, durchfuhr sie deshalb ein heißer Schreck, und sie glaubte schon, entdeckt worden zu sein, noch bevor sie überhaupt richtig abgehauen war.
"Sie dürfen höchstens 500 Mark auf einmal abheben", schnappte die Dame, als sei sie persönlich beleidigt worden.
Neilas Herz begann zu rasen. Bloß nicht auffallen! Die Tarnkappe, wo ist meine Tarnkappe? Fahrig kritzelte sie einen neuen Auftrag über die erlaubten 500. Bekam ihr Geld. Tauschte 400 in Złoty um. Verließ die Kasse fluchtartig. Hechtete über die Grenze.

Polen! Der "kleine Westen", wie er von vielen Abenteuer suchenden Jugendlichen aus der DDR genannt wurde. Für Neila war jede erste Stunde in Polen ein Rausch. Es roch anders. Es klang anders. Es lag ein anderes Licht auf der Welt, Herbstfarben, warme Farben, Grün und Gold und der Geruch nach Weizen (wieso ausgerechnet Weizen?) und scharfem Tabak, das war Polen. Der Mensch entspannte sich, er pfiff auf kollektive Normen und staatliche Vorschriften, er ließ sich von seinen Fantasien treiben und selbstredend auch von Illusionen, er öffnete sein Herz und sein Haus. Und er saß auf dem Boden. Jedenfalls, wenn er jung war und lange Haare hatte.

Polen. Endlich frei.

Erinnerungen stiegen auf. Im Vorjahr hatte sie diese Grenze barfuß "überschritten" und damit einige eigenartige Erlebnisse provoziert.

Sorbische Ostereier

Es ging mir nicht gut, ich fühlte mich eingeklemmt in meiner Arbeit, im Alltag, in Nichtigkeiten. Ich wollte nur schlafen, seit Wochen träumte ich sogar vom Schlafen, ich war so müde. Am Abend eines solchen Tages notierte ich in meinem Tagebuch:
"Warum kann ich mich nicht voll und ganz dem hingeben, was ich atme? Malen... Seelenreisen… Chakraarbeit... Meditationen... Natur und Bewegung... Zusammensein mit Freunden... anderen geben, was ich habe: meinen Reichtum verteilen!"
Vor den Einschlafen ließ ich meine Seele in die Unterwelt reisen, um Hilfe und Trost zu finden. Vielleicht.

Erst lief ich eine ganze Weile auf der Wiese vor dem Eingang zur Unterwelt umher, geriet in den Wald. Kurz darauf stand ich direkt vor dem Eingang wie vor einer Aufforderung.
Ich trat ein. Nachdem ich eine Zeitlang durch den Gang ins Erdinnere gelaufen war, sah ich vor mir ein Pferd mit Reiterin und unter mir einen Pferdenacken: Ich ritt. Ritt lange Zeit durch den dunklen Gang, vorbei an einem hellen Abzweig, bis nach weiteren Kilometern mein Pferd vor einer Leiter stehen blieb, die an der Wand hinauf in einen weiteren Gang führte. Das Pferd vor uns war verschwunden.
"Wie willst du denn dort hoch kommen?" fragte ich das Pferd.
Hm... Es kam einfach hoch, wie, weiß ich auch nicht.

Am Ende des Gangs betraten wir einen großen Raum, in dem nach und nach immer mehr Tiere erschienen. Zuerst stellte sich mir ein Dachs vor. Ich sah auch ein Krokodil, aber von den meisten Tieren wusste ich einfach, dass sie da sind, und es waren ziemlich viele. Ich wusste, dass die Tiere gekommen waren, um mir zuzuhören. Eine gemütliche Runde, es fehlte nur noch ein Lagerfeuer.
Ich begann zu sprechen, doch ich konnte nicht wieder aufhören und die Tiere zu Wort kommen lassen. Es redete und redete aus mir heraus, verzweifelt und konfus. Dass ich nicht weiß, was ich tun, wie ich leben soll, dass ich am Ende bin, dass ich Rat und Unterstützung brauche...
Einmal kuschelte ich mich an den Kopf eines Bären, der sich in eine lange Fuchsschnauze verwandelte...
Einmal sah ich ganz plastisch einen endlos langen Eisenbahnzug und hatte den Eindruck, dass sollte eine Antwort der Tiere sein. Aber es war nur Zug und Zug und Bahnstation, und dann war der Zug zu Ende und weg, und ich hörte eine Stimme: "Jetzt ist der Zug abgefahren."

Schließlich wurde ich in einen weiteren dunklen Gang geschoben, und dann stand ich auf einem himmelhohen, zerklüfteten, dunklen Berggipfel und dachte noch: "Ja, ja, immer nur diese Gipfel, das bin ich..." – rutschte ein Stück nach links – und stand nun auf einem runden Berg, der gar nicht so hoch war. Vor mir sah ich ein endlos weites Land liegen: die Erde, rund und sanft und endlich hell und bunt und wunderschön.
Und ich sagte: "Ich gäbe alles dafür, dorthin fliegen zu können."
Aber vor uns gähnte ein senkrechter Abgrund.
"Wie willst du mich hier runter bringen?" fragte ich.
Da tauchte ein großer Vogel auf – und ich war unten. Ich bin nicht geflogen, nur der Vogel, aber ich war unten.

Ich saß am Heck eines Bootes, das einen Fluss entlang fuhr, und war umgeben von Körben voller wunderschön bemalter Ostereier. Sorbische Ostereier. Am Ufer zogen die herrlichsten Villen und Häuschen und Gärten und üppiges, verschlungenes Grün vorbei, wie aus meinem Andersen-Märchenbuch.
Ich sah alles so plastisch wie noch nie, sah es in allen Einzelheiten. Es war eine Welt... es war unglaublich... unglaublich schön – diese Vielfalt, diese Fülle, diese Üppigkeit und Verschlungenheit... es war ein verzaubertes Land... es mutete mich an wie Vietnam oder Thailand, wo die Leute mit ihren Händlerbooten an den Häusern entlang fahren... wie eine farbige Tuschezeichnung nach einer thailändischen Postkarte, nur waren es sehr nordeuropäische Villen mit Erkern und Türmchen und Balkonen und Hütten und Häuschen dazwischen und Schuppen und alles in einem verschlungenen Dickicht aus allem Grün der Welt... Es war einfach unglaublich. Es war das Schönste, was ich je sah.

Und da stand ich auf und befahl denen, die das Boot steuerten (ich sah nicht, was und wer mit mir im Boot war, aber jemand steuerte es, und das mussten ein paar der Tiere sein), näher am Ufer entlang zu fahren...

... und dann nahm ich die Ostereier und verteilte sie an die Menschen am Ufer, jedem eins. Und sie nahmen sie und freuten sich und winkten mir hinterher, ich habe sie ganz deutlich winken sehen.

Als alle Eier verteilt waren, legten wir an und gingen in das grüne Dickicht hinein. Ich legte mich zwischen verschlungene Äste und Pflanzen und Bäume und Schuppen und wusste auf einmal: Das ist die Welt, in der ich nach meinem Tod leben will.

© Angela Nowicki, 29. März 2010

Mittwoch, 3. August 2011

Michael

Michael war ein hübscher Junge mit langen braunen Haaren, und wenn Neila sich recht erinnert, hatte er durchaus Ähnlichkeit mit dem Mann, der ihr einst erschienen war, um ihr zu zeigen, was sie essen soll, und vielleicht sogar mit dem Schlüsselverwalter, der sie am Tor zur Oberwelt in Empfang genommen hatte, als sie um Rat für eine Freundin gekommen war.
Man kann wohl nicht behaupten, dass Neila eine Liebesaffäre mit ihm hatte, aber er mochte sie anscheinend sehr und umarmte, streichelte und liebkoste sie wieder und wieder. Neila aber kehrte immer zurück zu Leon ins "normale" Leben, und dann kam sie wieder, und er freute sich sehr und umarmte, streichelte und liebkoste sie.
Wenn Neila bei ihm war, lebte sie ein anderes Leben: ein intuitives Leben. Sie ließen sich treiben wie Vagabunden, tauschten Inspirationen aus, hörten einander zu... Es war ein auf eine gewisse Art vergeistigtes Leben, fern von täglichen Pflichten und Sorgen.
Es gab dort auch andere Mädchen, und wenn Michael mit ihnen zärtlich wurde, war auch das normal und ganz selbstverständlich. Neila war ohnehin klar, dass so ein junger, hübscher Kerl doch nichts Erotisches für so eine alte, hässliche Frau wie sie, die immerhin seine Mutter sein könnte, empfinden kann. Dennoch träumte sie davon, mit ihm zusammen zu sein.

Einmal überschnitten sich die Welten. Eben zog Michael sie zu sich herunter und schmiegte sich an sie, als ihr plötzlich wieder Leon einfiel. Zunächst dachte sie: "Leon weiß doch von meinem Freund. Bestimmt ist es auch für ihn normal, dass wir uns umarmen." Doch auf einmal wurden ihr die Zärtlichkeiten zu intensiv. Das waren keine bloßen freundschaftlichen Umarmungen mehr, und so musste das auch Leon wahrnehmen, wenn er sie sehen könnte. Aus Angst also entzog sie sich der Umarmung und löste sich schließlich ganz von Michael, um zurück zu Leon zu gehen.
Da sagte der Junge: "Wenn du dich entschließt, Leon zu verlassen, werde ich auf dich warten."
Neila hatte nicht die Absicht, Leon zu verlassen, und ging. Zu Hause jedoch, bei Leon, überfiel sie mit einem Mal die Gewissheit, dass sie selbstverständlich viel lieber mit dem Jungen zusammen sein wollte. "Dort" waren Liebe und Freiheit - "hier" waren Enge und ewige Pflicht und Schuld. Natürlich wollte sie von Leon weg! Aber sie wusste nicht wie, ohne sich wiederum Leon gegenüber schuldig zu machen.

In ihrer Verzweiflung ging sie wieder zu dem Jungen. Als er sie fest an sich drückte, fragte sie ihn: "Würdest du denn mit mir zusammenbleiben wollen? Bestimmt nicht..."
Er antwortete lachend: "Nein."
"Siehst du, das wusste ich doch."
‚Als könnte ich Leon nur für einen neuen Partner verlassen...‘, dachte sie.
Unverändert liebkoste und streichelte Michael sie.

***

Auf ihrem Weg begegnete Neila einem älteren Mann, der in einem Torbogen stand. Sie sprach ihn an, er antwortete ihr freundlich, und es entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen. Über Allerweltsthemen: Wetter, Alltagssorgen, Politik. Als der Mann sich dann jedoch über die Finanzlage im Ausland auszulassen begann, fühlte Neila sich etwas überfordert und entgegnete, darüber wisse sie gar nichts, sie sehe schon seit langer Zeit nicht mehr fern.
Auf einmal stand ihr Freund neben ihr und sagte: "Du bist manchmal so unecht."
"Wann denn?" fragte Neila unbehaglich.
Aber Michael ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er lächelte, als er mit sanfter Stimme sagte: "Weißt du, es gibt eine unechte, eine halbechte und eine echte Neila. Am unechtesten bist du, wenn du ernst wirst und sagst: 'Ich muss jetzt Staub saugen.'..."
Sofort setzte Neila ihre ernste, verantwortungsbewusste Miene auf, dachte an ihre nächste Pflicht und hielt einen Staubsauger in der Hand. Sofort stand auch Leon neben ihr.
Sie fragte: "Du meinst also, ich bin unecht, wenn ich ernst bin und mich dem Alltag widme, und ich bin echt, wenn ich lache und intuitiv lebe?"
Er nickte. Sie verstand, dass sie in Situationen, wie dem Gespräch mit dem älteren Mann, wohl die halbechte Neila sei. Sie sah den Jungen bewundernd an: "Du bist so unendlich weise!"
Er lächelte charmant.
Und Neila sagte: "Ich muss bei dir bleiben. Ich brauche deine Weisheit."

***

Michael lief mit Neila über den Marktplatz ihrer Heimatstadt und führte sie in ein Kaufhaus. Dort zeigte und erklärte er ihr Gegenstände und umarmte sie wieder und wieder. Dem jungen Mädchen an der Kasse schien das gar nicht zu gefallen. Sie hatte kurze Haare und trug eine grün gemusterte Bluse. Sie kam herüber und warf Neila einen giftigen Blick zu.
"Wer ist das denn?"
Offensichtlich war sie eifersüchtig. Ohne zu wissen woher, war Neila schlagartig klar, dass das Michaels feste Freundin sein musste. Er jedoch ließ keinerlei Verlegenheit erkennen. Er stellte sie einander vor, sie stellten einander vor, wobei Neila sich bemühte, die andere zu beruhigen und ihre Sympathie zu gewinnen. Die mochte sie trotzdem nicht. Michael umarmte sie wieder, doch nun entzog sie sich schon energischer.
Schließlich würde er die Grüne ja nicht für sie verlassen.
Unverändert heiter zog er also mit der Grünen im Arm los. Verlieren wollte Neila ihn aber auch nicht. "Warte mal!" rief sie ihm hinterher.
Er wandte sich um.
"Können wir es nicht so machen, dass wir immer zusammenkommen, wenn wir uns brauchen? Weißt du, was ich meine? Wenn du aus irgendeinem Grund bei mir sein möchtest, kommst du einfach zu mir..."
'Das hat schon bei Wolf nicht geklappt', kommentierte ihre innere Stimme. 'Die Kerle mögen so was nicht. Pass auf, gleich empört er sich!'
Er empörte sich nicht. Er lächelte sie weiterhin schelmisch an und reagierte gar nicht. Neila verstand das als nett gemeinte Absage. Wieder wandte er sich um und zog weiter, mittlerweile mit zwei jungen Mädchen im Arm. Das schien die Grüne nun nicht mehr zu stören. Die Zweite trug eine rot karierte Bluse.
Verzweifelt wagte Neila einen letzten Versuch.
"Hör mal!" rief sie dem Jungen hinterher. "Und wenn ich Leon nun doch verlasse... Wirst du immer noch auf mich warten?"
Jetzt wandte er sich nicht mehr um.
"Ja, natürlich!" hörte sie ihn nur rufen. Lachend.

Erst jetzt wurde Neila richtig bewusst, dass sie in ihrer Heimatstadt war. Sie irrte durch die Straßen, fuhr mit Straßenbahnen, verpasste Straßenbahnen und langte endlich vor ihrem alten Haus an. Sie fasste einen wilden Entschluss. Sie rief Leon an und teilte ihm mit, dass sie sich jetzt hier eine Wohnung nehme und hier bleibe.
"Das heißt also, du verlässt mich", hörte sie Leon bitter sagen.
Sie beeilte sich, ihm wortreich zu versichern, dass sie ihn nicht verlasse: "Keine Angst, das habe ich nicht vor, ich will nur..."

Mit voller Wucht überfiel sie die Erkenntnis, dass sie log. Und dass sie sich mit jeder weiteren Lüge in diesem heimlichen Trennungsplan tiefer an Leon schuldig mache. Ihre bisherige "Schuld" war ein reines Phantom von ihr. Die wahre Schuld fing hier an.

Diese Erkenntnis war so zerschmetternd, dass Neila hemmungslos zu weinen begann. Sie begriff, dass man einen Eingang wohl überall findet, aber niemand sagt einem, dass es keinen Ausgang gibt.

© Angela Nowicki, 5. Juni 2010

Dienstag, 2. August 2011

HD: Die Zentren - Das Kehlzentrum

Das KEHLZENTRUM ist ein wichtiger Knotenpunkt in der Körpergrafik. So, wie alle Wege nach Rom führen, führen alle Kanäle zum Kehlzentrum, denn hier wird das, was an Impulsen, Gedanken, Instinkten, Gefühlen oder sonstigen Energien im Körper entsteht und in den Fluss kommt, ausgedrückt. Das Kehlzentrum ist ein Ausdruckszentrum, es ist zuständig für die Kommunikation und die Manifestation aller inneren Inhalte. Es ist aber auch eine Steuerzentrale, wie die Schilddrüse und die Nebenschilddrüsen, die diesem Zentrum auf der hormonellen Ebene zugeordnet werden.

Ein definiertes Kehlzentrum hat eine festgelegte und meistens sehr charakteristische Art, sich auszudrücken. Man denke nur an Bob Dylan, dessen Stimme nun wirklich unverkennbar ist. Ob man sie mag oder nicht – er kann nur so und nicht anders singen. Es ist der persönliche Ausdruck, mit dem ein Mensch auf sich aufmerksam macht. Wessen Kehlzentrum definiert ist, der hat eben eine ganz bestimmte, unwandelbare Art, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das undefinierte Kehlzentrum hingegen ist sehr wandelbar. Im Gegensatz zur definierten Kehle kann dieser Mensch nicht jederzeit frei handeln oder kommunizieren, der persönliche Ausdruck findet schubweise statt, ist aber flexibel. Diese Leute können gute Imitatoren sein, manche sind sehr sprachbegabt – eher sollte man vielleicht sagen "sprechbegabt"; sie lernen Sprachen nicht unbedingt schneller oder leichter, können aber gut fremde Akzente oder andere Dialekte nachahmen. Die Schauspielerin und Sängerin Cher ist ein anderes Beispiel für die Wandelbarkeit des offenen Kehlzentrums: Es fällt ihr leicht, ihren Gesangsstil zu ändern und alle möglichen Stile zu covern.

Natürlich besteht auch hier, wie bei jedem offenen Zentrum, die Gefahr der Konditionierung. Die Nichtselbst-Strategie des undefinierten Kehlzentrums besteht darin, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit seiner flexiblen Art hat es keine Kontrolle darüber, wann und wie es Aufmerksamkeit erhält. Anders beim definierten Kehlzentrum: Das hat die Kontrolle, kann aber auch viel falsche Aufmerksamkeit anziehen.
Ob offen oder definiert – wer seiner Strategie nicht folgt, wird nie die für ihn richtige Aufmerksamkeit bekommen. Menschen mit undefiniertem Kehlzentrum können davon besessen sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ebenso wie Menschen mit definiertem Kehlzentrum ihr Leben lang versuchen können, anderen aus dem Weg zu gehen. Das ist eine Verzerrung ihrer natürlichen Talente. Sobald man durch den Drang, Aufmerksamkeit zu bekommen, konditioniert wird, hört man auf, authentisch zu sein.

Die zentrale Stellung des Kehlzentrums innerhalb der Körpergrafik spiegelt sich in der Anzahl seiner Tore wider. Die Kehle hat elf Tore, mehr als jedes andere Zentrum, aber nur ein Organ, das ihr zugeordnet wird. Das ist ein Sinnbild dafür, dass sie alle Körperenergien bündelt, um sie einem einzigen Zweck zuzuführen: dem Ausdruck.

Über die Tore im Hinblick auf ihre Zugehörigkeit zum jeweiligen Zentrum werde ich später einmal ausführlicher schreiben. Auch über die Schaltkreise und Kanäle natürlich – ich bitte alle, die hier schon nach diesen Themen gesucht haben, immer wieder reinzuschauen. Kommt alles noch, und ich glaube, ich habe eine Menge Informationen auf Lager, die man – zumindest im deutschsprachigen Internet – nicht so leicht oder gar nicht findet. Zunächst möchte ich jedoch die Zentren zu Ende bringen, denn dies sind die Grundlagen, ohne die der ganze Rest nicht wirklich verständlich wird.

© Angela Nowicki, 2. August 2011

Montag, 1. August 2011

Trilogia dolorosa

Anelito

Die Last ist schwer, und der Weg ist weit, so weit. Traurig neigen sich die Bäume am Wege, schon hat der späte Wind ihnen die Blüte genommen, auch die Frucht hat er ihnen genommen, schon, schon. Ganz violett ist der Himmel vor Trauer, aber nun ist diese Trauer ruhig, fast keine Tränen hat sie mehr, diese Trauer, ja, auch die letzte Träne wird der Wind ihr nehmen. Leise seufzend neigt das hohe Gras sich unter dem tränenlosen Himmel - da ist keine Klage und auch keine Verzweiflung; einst war der Schmerz, aber nun ist nur Stille.

Einst war da auch Liebe, und sie war schön und jung, und sie war voll Eifer. Alle freuten sich an ihr, alle bewunderten sie, alle glaubten an sie: die Bäume, der Himmel, das hohe Gras. Sie war die Hoffnung aller, denn Frucht erhoffte sich von ihr die dürre Erde, Trost der gebeugte Strauch, eine Hütte der verlorene Weg.

Aber die Liebe ist müde geworden, denn jung war sie, und vielleicht ist sie auch ein wenig eitel geworden, denn sie war wohl sehr schön, und ihr Eifer ist zerbrochen. Zerbrochen ist der Krug, die Scherben hat der Wind verstreut. Der späte Wind hat sein Urteil gesprochen, höhnisch und laut hat er gesprochen: Ich bin es, der nie müde wird, ich bin es, auf den ihr hoffen sollt, denn ich allein bleibe, es bleibt nur der Wind.

Wo ist die Blüte, wo ist die Frucht, wo ist Trost, wo die Hütte? Es bleibt nur der Wind.

Und der Wind wird vergehen - wo bleiben dann wir? Im verwelkten Gras, im verdorrten Baum, im toten Himmel. Weit ist der Weg, und die Last ist schwer, so schwer. Noch weint der Himmel, noch trauern die Bäume, noch seufzt das Gras.


Disperata

Die drei erscheinen wieder im Fenster vor uns. Mit MPs bewaffnet. Zwei Männer und eine Frau. Die sind doch krank! Soziopathen. Wie die Jungs aus dem Jugendclub. Trotzdem hat Neila nicht damit gerechnet, dass sie ernst machen. Der Erste schoss ziemlich schnell. Ihrem Gefährten in den Unterschenkel. Der brüllte. Neila bekam Panik. Ihr wurde auf einmal bewusst, dass sie auf der Stelle erschossen werden konnte.

Als die Schlacht entbrannte, liefen wir weg. Jeder ballerte gegen jeden. Die Guten gegen die Bösen. Blut spritzte in Fontänen auf beiden Seiten. Gedärme quollen. Dann ein bestialischer Schrei: "Neeein!!! Margret!!! Neeeeeein!!!"

Sie hatten die Beste von uns einfach abgeknallt. Wir rannten hin. Wollten sie bewahren. Heulten wie die Tiere. Wir müssen uns retten. Liefen wieder weg. In den Unterschlupf.

Eine kommt, aus deren Schläfen Blutströme schießen wie aus vielen Spundlöchern. Eine von denen. Doch danach fragt keiner. Sie lehnt sitzend an einer Wand. Ihre ausgestreckten Beine in einer tiefen Blutpfütze. Es ist eine von den Harten. Sie lacht und hält ihr Gewehr auf dem Schoß. Dann taucht sie ihren Finger in die Blutlache auf ihren Unterschenkeln. Neila lernt, dass Blut hellrot und dick wie Sirup ist. Keiner kann helfen. Auf das Schlachtfeld fallen zerfetzte Leichen. Sie ersaufen in einem Meer aus sirupdickem Blut.


Andante morendo

Draußen ist die Welt heil und kühl.
Wo kommen wir her?
Was ist uns geschehen?
Wir sehen Menschen. Menschen in Bob-Gestalt. Große, runde Metallkäfer, die auf gewundenen Bob-Bahnen umhersausen. Sie sind heil und kühl.
Da ist unsere Mutter. Da ist unser Enkel.
Da sind wir, und die ganze stille Welt ist nichts als Mütterlichkeit.

Mutterbobs.

Tacet

© Angela Nowicki, 1. August 2011