Donnerstag, 29. September 2011

Es wird Gras drüber wachsen...

So viele Jahre hatten sie um ihre Liebe gekämpft. So viele Jahre, in denen ihre Körper hässlich und grau geworden waren und ihre Seelen müde. Was hielt sie noch zusammen?
Bequemlichkeit, dachte sie, ich bin für ihn doch nicht mehr als ein Möbelstück, unter das er seinen Dreck kehren kann. Wenn es plötzlich fehlte, würde sein eigener Dreck ihn ersticken.
Angst, dachte er, sie ist so hässlich geworden, dass kein Mann sich mehr für sie interessiert. Sie hat Angst, allein zu bleiben.
Nein, sie waren sich nicht fremd geworden, sondern zu vertraut. Die Zeit hatte sie gleich gemacht und ausgewaschen wie Strandgut. Ihre Körper hatten sich so sehr angeglichen, dass Fremde sie für Geschwister hielten. Wenn Geschwister gemeinsam alt werden, gleichen sie irgendwann geschlechtslosen, seltsam unmenschlichen Zwillingen.
Hin und wieder ertappte sie sich bei einem Gedanken, der ihr bei genauerem Hinsehen fremd erschien. Dann zog sie es vor, nicht so genau hinzusehen. Sie sprachen dieselbe Sprache, verwendeten dieselben Wendungen, regten sich über dieselben Ungerechtigkeiten auf, lachten über dieselben Witze und fuhren jedes Jahr gemeinsam in den Urlaub, immer an denselben Ort, den sie angeblich beide liebten. Wenn sie nach der Arbeit nach Hause kamen, kochten sie gemeinsam, setzten sich gemeinsam zu Tisch und erzählten sich beim Essen, was sie den Tag über erlebt hatten, immer in derselben Reihenfolge – einen Tag zuerst er, dann sie, am zweiten Tag andersherum, damit keiner sich benachteiligt fühle. Und wenn alles gesagt war, sahen sie fern, um zu vermeiden, dass jeder sich in seinem eigenen Schweigen verirrte.
Wie ihre Seelen, erkannten ihre Körper einander, weil sie identitätslos und damit identisch waren. Sie hatten schon fünf Jahre nicht mehr miteinander geschlafen. Manchmal starteten sie einen halbherzigen Versuch, bei dem am Ende dann doch wieder einer von ihnen einen Pornofilm einschalten musste.

"Wusstest du, dass es ein Tantra-Hotel gibt?" fragte sie ihn eines Tages, als er gerade den Fernseher einschalten wollte.
"Ach? Hat das was mit Sex zu tun?"
Doch das Bild hatte sich eingenistet.
"Was würden wir in diesem Hotel jetzt machen?" fragte er scherzhaft, als sich im Bett gerade jeder auf seine Seite drehen wollte, und sie wusste sofort, dass er nicht scherzte.
"Ich weiß nicht...", entgegnete sie matt. "Kann Sex eine eingeschlafene Beziehung retten?"
"Einen Versuch wäre es wert", murmelte er unsicher.

Eine Woche später hatten sie ihre Buchung. Es war ein letzter verzweifelter Rettungsversuch, der bereits jetzt Wunder gewirkt hatte. Sie hatten sich an ihre alten Freunde erinnert, hatten nach vielen Jahren wieder einen gemeinsamen Abend mit dem Ehepaar verbracht. Dieser Abend war für beide wie ein starker Windstoß gewesen, der eine lange nicht mehr benutzte Tür aufgestoßen hatte. Sie hatten herumgealbert, hatten beide verblüfft aus den Augenwinkeln das von neuer Lebenslust gerötete Gesicht des jeweils anderen wahrgenommen. Er hatte zum ersten Mal in seinem ganzen Leben mit ihr getanzt, und sie hatte am Ende sogar einen kleinen Schwips gehabt.
Eigentlich waren sie nicht sehr überrascht gewesen, als das befreundete Paar ebenfalls Interesse an dem Tantra-Hotel bekundet hatte. Am Ende dieses Abends beschlossen sie, den Versuch zu viert zu starten. Vielleicht sah er ja doch mehr in ihr als ein Möbelstück? Vielleicht war sie ja doch noch auf eine Weise attraktiv für andere Männer, die er gar nicht mehr wahrnahm?

Das Hotel lag am Rand eines weitläufigen Landschaftsparks, der auch einen chinesischen Garten beherbergte. Seine Gestaltung und Einrichtung sprach alle Sinne an. Es gab in pastellenen Tönen gehaltene, verspielte Sitzecken, in denen es nach frischem Gras und Maiglöckchen duftete und zartes Glockenspiel die leichte Luft durchperlte. Es gab leuchtend bunte, mit Rosenblättern ausgestreute Säle, die nach sonnenerhitztem Sand und Meer rochen und in denen man Flamenco erlernen oder sich zu mit Möwengeschrei unterlegtem Sirtaki in kollektiv schwitzenden Rausch tanzen konnte. Es gab Veranden in Goldgelb, Braun und Violett mit dem Duft nach Kastanien und Kartoffelfeuern, in denen man melancholische Folksongs oder gefasst-heitere Gitarrenstücke von Dowland und Purcell hören und auf Wunsch auch selbst erlernen konnte. Es gab dunkle Grotten, in denen nur vereinzelte Fackeln Licht spendeten, wo der Tango in Rot und Schwarz stöhnte und die Luft geschwängert war von Moschus und Patchouli.
Es gab so viel...
Es gab auch Anleitung, Seminare, Yoga-Stunden, psychologische Paar- und Gruppenberatungen, und beide Paare fanden, das Geld sei wirklich gut angelegt. Schon am dritten Tag bekamen sie tatsächlich wieder Lust aufeinander, ihre Körper entdeckten die Freude am Unterschied wieder, und nach einer Woche war der Sex fast so erfüllend wie vor vielen, vielen Jahren.

In der zweiten Woche war es immer noch schön. Da saßen beide Paare in der Lounge beim Essen, schwatzten und lachten. Bis sie etwas erzählen wollte, etwas, was ihr sehr am Herzen lag. Kaum hatte sie die ersten Worte ausgesprochen, stieß das Ehepaar einen freudigen Überraschungsruf aus und wandte sich mehreren Leuten zu, die gerade hereingekommen waren. Sie kannte diese Leute nicht und fand es unhöflich, dass sie sie einfach ignorierten wegen ein paar Leuten, die mit ihnen nichts zu tun hatten. Immerhin waren sie extra zu viert in dieses Hotel gekommen, um sich nur miteinander zu beschäftigen.
Ärgerlich wandte sie mich ab und wartete. Doch auch er hatte sich ihnen angeschlossen, und die Unterhaltung und das Gelächter dort drüben wollten nicht enden.

Da erinnerte sie sich.

Es war immer so gewesen. Von Anfang an. Er hatte sie nur wahrgenommen, wenn sie allein waren, und auf einmal wusste sie wieder, warum sie sich nach und nach von allen Freunden, aus jedem gesellschaftlichen Leben, von ihren Familien zurückgezogen hatten. Aber auch dann hatte er nicht sie gesehen, nicht Ludmila, sondern "seine Frau", die zufällig Ludmila hieß, und auch das wusste sie nun wieder: Sie hatte ihm gleich werden müssen, hatte er werden müssen, seine weibliche und später neutrale Kopie, um überhaupt mit ihm zusammen leben zu können. Sie hatte es so nicht gewollt, doch es hatte für sie nur die Alternative gegeben: Er oder die Welt. Und sie hatte ihn geliebt.
Sie wunderte sich etwas, dass, anders als Liebe, Schmerzen nicht verblassen. Es tat so weh, als habe es nie aufgehört, weh zu tun. Ausgeschlossen. Übersehen. Ignoriert. Missachtet.
Incommunicado.
Noch einmal versuchte sie, ihn auf sich aufmerksam zu machen, doch er wimmelte sie gereizt ab wie eine Fliege.

Sie verließ das Hotel und lief über den Bushalteplatz. Das Wetter war dunkel und stürmisch, der Wind jagte ihr winzige Eisnadeln ins Gesicht. Das tat gut. Es war eine Bewegung, eine, die über die elf Schritte vom Badezimmer zum Bett hinaus ging, aus dem Ungewussten ins Ungewisse. Sie hatte sich nur den Kopf durchlüften wollen und fand sich doch auf einmal vor dem Busfahrplan wieder. In der Ferne hörte sie die Fetzen einer Melodie. Sie horchte auf. Sie kannte den Text.

Everyone is going through changes
No one knows what’s going on
Everybody changes places
But the world still carries on

Love must always change to sorrow
And everyone must play the game
It’s here today and gone tomorrow
But the world goes on the same*)

Zusammen mit dem Kopf hatte der Sturm auch ihr Herz frei gefegt. Zum ersten Mal nach so vielen Jahren waren ihre Gefühle vollkommen klar, und sie wusste, was sie zu tun hatte.
Es gab zwei Buslinien, mit denen sie hätte fahren können, aber leider war es zu spät. Heute fuhr kein Bus mehr nach Hause. Die anderen hatten gar nicht bemerkt, dass sie verschwunden war. Sie ging zu ihm und sagte still: "Fahr mich bitte nach Hause. Du kannst dann wieder zu deinen Freunden zurückkommen."
Zu ihrer Überraschung folgte er ihr wirklich wortlos zum Auto. Unterwegs, als sie an den schlafenden Bussen vorbei liefen, sprach sie:
"Ich bin sehr, sehr müde. Ich bin des Lebens müde und möchte sterben, aber ich werde mich nicht umbringen. Ich werde schon irgendwann von selbst sterben. Und ich werde dich sofort verlassen. Ich gehe ohne dich weit fort. Das ist kein Racheakt, das geht einfach nicht mehr anders. Ich kann nicht mehr bei dir bleiben, wir lieben uns nicht mehr."
Ihre Stimme war leise und monoton und klang wirklich erschöpft.

Wieder erlebte sie eine Überraschung. Anstatt ihr eine Szene zu machen, blieb er zunächst ganz still. Dann, im Auto, sagte er unter Tränen, während immer dichteres Gras um ihn spross:
"Ich wäre so gern bei dir geblieben. Ich liebe dich immer noch, nur manchmal..."
Was er nur manchmal tun musste, verstand sie nicht mehr durch das hohe, dichte Gras, in dem er versunken war, und durch ihre und seine Tränen.



*) Alan Price, Changes, aus dem Film O Lucky Man

© Angela Nowicki, 16. September 2010

Dienstag, 27. September 2011

Angst

Warum möcht ich denn jetzt gehen, und woher kommt diese Angst,
diese Unruhe, das Zittern in den Händen?
Warum bin ich wie gelähmt? Warum krieg ich nichts zu Stande?
Ach, mit Schnaps kann ich mich nicht mal mehr betäuben!

Was bedroht mich?
Wer bedroht mich?
Ich spüre die Dämonen hier und seh sie nicht.

Weiter hoff ich auf den Anfang, auf den nächsten, mir geschenkten,
denn so viele schon hab ich kaputt getreten.
Weiter bin ich unersättlich, und kein Ende ist zu sehen.
Niemand zieht den Schlussstrich unter meine Pleite.

Was erhält mich?
Wer erhält mich?
In diesem Halb, in diesem schalen Dämmerlicht?

Nicht Abend und nicht Morgen, aber ständig Abend-Morgen -
und ich halt das aus!
Nicht oben und nicht unten, aber immer hoch und runter -
und ich halt das aus!
Kein Gott hat mich gesegnet und kein Teufel mich geholt,
und ich habe
Angst.

© Angela Nowicki, 1986

Sonntag, 25. September 2011

Kapitel 6: Wrocław - Częstochowa

oder
Alles ist gut


Sonntag, 15. August 76

Kurz, nachdem Leszek seine Fahrkarte geholt hat, müssen wir aufbrechen. Im Zug schlafe und wache ich abwechselnd, schaue mir den Sonnenaufgang an und träume vom warmen Tag. Wo sind deine Schuhe, fragt Leszek. Ich muss lachen.
Als wir in Opole ankommen, fühl ich mich wieder mal wie durch den Wolf geleiert.
"Mir tut alles weh." Jetzt lacht Leszek.
Auf dem Stadtplan suchen wir erst mal die Straße nach Częstochowa. Es ist die Ozimska, und bis dorthin ist ein ansehnliches Stück noch zu laufen. Doch schließlich haben wir's geschafft, sind am Ende der Stadt angelangt und stellen uns kurz hinter einer Brücke auf. Trotz oder vielleicht wegen der frühen Morgenstunde hält kein Schwein. Leszek sitzt unter einem Baum und singt die ganze Zeit - er hat eine schöne Stimme. Ab und zu lässt er auf die Autos gemünzte Bemerkungen los, wie:
(pathetisch) "Wrocław!"
(verächtlich) "Syrena!" oder
(dramatisch mit leicht komischem Einschlag) "Jedzie takim trupem, a udaje że to samochód!"*)
Auch bei mir stellt sich mit den ersten brüchigen Tönen, die meine Gesangskehle hervorbringt, ganz allmählich wieder eine Trampstimmung ein. Schließlich nimmt uns doch einer mit, allerdings nur bis Ozimek. Dort stehen wir uns die Beine in den Bauch; die Straße ist alle halbe Stunde zwanzig Minuten lang blockiert von Kirchgängern und -fahrern.
Leszek fällt plötzlich ein, dass er hier eine Bekannte hat, die er schon vier Jahre nicht mehr gesehen hat - eigentlich würde er sie gern mal besuchen. Nach drei Stunden, so gegen zehn, hab ich die Schnauze voll. Fährt denn hier kein Bus nach Częstochowa? Er weiß es zwar auch nicht genau, vor allem nicht, wann und wo, aber eine ältere Frau gibt uns wieder Kraft: Durch sie erfahren wir erst mal, dass und wo einer fährt. Auf dem langen Weg in den Ort beschließt Leszek, gleich mal dieses Mädchen zu besuchen. Vielleicht gibt sie uns etwas Geld? Ich bin nicht sehr erbaut. Ich will schnellstens nach Częstochowa, und das sag ich ihm auch. Natürlich, komm, das dauert nicht lange, dann fahren wir gleich nach Częstochowa. Ich folge widerwillig.
Zufällig treffen wir Iwona mit ihrem Bruder vor ihrem Haus - sie fällt aus allen Wolken und freut sich wie eine Schneekönigin, Leszek wiederzusehen. Na ja, verständlich, nach vier Jahren! Sie bringt uns auch zum Bus, schenkt Leszek tatsächlich 200 Złoty und wartet mit uns noch die halbe Stunde, bis der Bus nach Lubliniec kommt, und sogar noch, bis er fährt. Ich bin leicht begeistert, als sie endlich aussteigt. Es war ziemlich nervenaufreibend für mich, in dieser Verfassung - übermüdet, gereizt, abwechselnd schwitzend und frierend und mit Blasen an den Füßen - einer Unterhaltung zuhören zu müssen, von der ich nichts verstehe.
Bis Lubliniec fahren wir lange. In Lubliniec warten wir noch mal so lange, bis der Bus nach Częstochowa kommt. Und diese Fahrt ist natürlich auch nicht kürzer als die vorhergehende.

Doch endlich: Częstochowa! Mein Herz beginnt, Sechzehntel zu klopfen. Da! Die ersten Hippies! An einer Ecke stand eine kleine Gruppe. Am Bahnhof steigen wir aus. Bis zum Kloster ist es noch weit zu laufen, die Sonne brennt, das Gepäck ist schwer - ich trage die ganze Zeit schon Leszeks Tasche mit - und: Es ist fast nirgends ein Durchkommen. Die Straßen, vor allem die Allee zum Heiligen Berg hoch, sind so gerammelt voll, wie ich es noch nie erlebt habe. Heute ist bzw. war Einzug der Wallfahrt. Man kann keinen Schritt normal gehen, laufend muss man sich durchboxen, -treten und -schieben. Nach einer Stunde (!) haben wir's bis auf den Platz vorm Großen Tor geschafft. Da beginnt es zu regnen. Innerhalb von zwei Minuten hat sich das anfängliche Nieseln zum richtigen Guss entwickelt. Viele geraten in Panik, am Großen Tor setzt ein Rein- und Rausgerenne ein. Da kommen wir jetzt nicht mehr durch. Leszek hat das ebenfalls richtig erkannt, als er vorschlägt, hier stehen zu bleiben und den Regen vorbei zu lassen. Wir stellen das Gepäck an die Mauer, ich gebe ihm meine Plane zum Umhängen und ziehe selbst die Parka an.
Ja, den Regen vorbei lassen! Wir hatten angenommen, das sei nur ein vorübergehender Schauer, als es aber nach einer Stunde immer noch wie aus Eimern gießt, hab ich's dicke. Mir klappern schon sämtliche Knochen, alles, aber auch alles, ist durchgeweicht und dazu noch barfuß! Ich sage zu Leszek, komm, wir versuchen reinzukommen, koste es, was es wolle. Es kostet ganz schön was. Mindestens Kraft und Nerven wie Drahtseile. Das ganze Innengelände des Klosters ist ein einziges Chaos. Am ersten Tor geht es ja noch, aber am zweiten ist ein Stau, weil mehr durch wollen, als das Tor fassen kann, und mindestens ebenso viel zurück. Wenn man nicht Acht gibt, besteht ernsthaft die Gefahr, zertreten zu werden. Eine halbe Stunde lang kommen wir nicht mehr vorwärts. Langsam krieg ich auch mit, dass wir und alle, die rein wollen, im Unrecht sind: Das ist ein Ausgang.
Leszek ruft mich. Komm, meint er, bloß raus, das ist doch sinnlos. Da hat er Recht. Wir kämpfen uns zurück, runter vom Berg, da ist ein Café mit überdachtem Vorplatz. Es hat zwar zu, aber unter dem Dach sind wir erst mal vorm Regen geschützt, der auch allmählich nachlässt. Wir reißen uns die nassen Umhänge vom Leib, breiten das Geklitsche notdürftig aus, und ich friere wie ein Weltmeister. Die anderen Massen, die hier unterstehen, sind alle noch schön trocken, ich beneide sie. Unversehens wird mir entsetzlich schlecht, ich kriege richtige Unterleibskrämpfe, krümme mich und stöhne. Leszek schlägt vor, zu seinem Bekannten hier zu gehen. Ich frage, wohnt er weit? Ja, am anderen Ende der Stadt. Das ist mir zu viel. Ich sage, mir ist schlecht, ich kann überhaupt nicht mehr, geh nur alleine, ich finde mich schon irgendwohin. Nach einer Weile zieht er ab: Cześć, vielleicht sehen wir uns irgendwo mal wieder!

Ich habe schon ein paar Typen drüben rumlaufen gesehen, einige sahen sogar aus wie Deutsche. Mir ist eine wunderbare Idee gekommen: die Sankt-Josef-Kapelle! Dort fand doch ab und zu mal die Hippie-Messe statt. Vielleicht haben sie sie auch jetzt wegen des Regens geöffnet, und es sind ein paar Leute dort. Gedacht, getan. Zitternd, bibbernd und triefend laufe ich hoch. Mein Herz macht einen Freudensprung: Vor der Kapelle stehen die Leute! Die Kapelle ist wirklich offen! Ich gehe rein. Drin sind sämtliche Bänke vollgerammelt - mit Hippies! Es ist schön warm. Ich lasse mein Gepäck fallen, lehne mich neben die Tür und schaue mir das Ganze andächtig an. Endlich! Jetzt kann mein Festival losgehen.

Einer erzählt und gibt Anweisungen. Die Leute singen. Ich schaue nach bekannten Gesichtern aus. Eine ganze Weile entdecke ich niemanden. Da läuft plötzlich einer vor mir vorüber zur Tür: Michał!
Ich schreie: "Michał!"
Er dreht sich um, sieht mich, schreit los: "Neila!"
Wir sind vor Freude wie aus dem Häuschen, umarmen uns, lachen, singen und tanzen. Dann schleppt er mich mit hinter zu seinen Leuten. Ich erzähle ihm das Malheur mit dem Regen. Sofort packen wir alles aus, legen und hängen es zum Trocknen auf. Er gibt mir ein trockenes Handtuch, und ich trockne mich ab. Aber du bist ja barfuß! Ja, sag ich, und erkläre ihm das. Er wiederum erklärt mich für völlig verrückt, auch seine Freunde lachen. Einer konstatiert kategorisch, das Wichtigste sei, dass ich erst mal Schuhe hätte, und drückt mir auch gleich ein Paar alte blaue Turnschuhe in die Hand. Sie sind mir zwar viel zu groß, aber ich freue mich. Na, bin ich nicht wie ein Vater zu dir? Ja, sage ich, und Michał meint, er sei Vater und Mutter zugleich. Nun berichtet er erst mal, was in den Tagen hier so los gewesen ist. Drei Hare-Krishna-Tage; er ist ganz begeistert, und ich ärgere mich ein bisschen, dass ich heute erst gekommen bin. Und das Größte: Helmut und Wolf sind da, unsere beiden Freunde aus Rothenburg! Ich denke, ich höre nicht richtig. Helmut und Wolf, sagst du? Helmut und Wolf?! Ich werd nicht wieder! Und Helmut hat mir in Rothenburg noch ganz traurig gesagt, das sei das erste Jahr, in dem er nicht in Częstochowa sein werde. Und Cygan und Zawisza sollte ich grüßen! Und jetzt sind sie hier! Wo sind sie jetzt überhaupt? Sie wollten in die Stadt, sie werden im Laufe des Abends schon noch hierher kommen.

Nach einer Zeit gehen Michał und ich mal raus, um eine zu rauchen. Ich verteile meine sämtlichen Karo, die ich noch habe. Als wir wieder reinkommen, sehe ich Jacek da sitzen, mit dem ich voriges Jahr von hier nach Warschau getrampt bin. Ich stürme auf ihn zu: "Hej, Jacek!"
Er scheint nicht ganz zu wissen, wo er mich hinstecken soll, guckt mich groß an und überlegt angestrengt.
"Er kennt mich nicht mehr!" rufe ich.
Doch langsam scheint es bei ihm zu dämmern: "Doch, warte mal... letztes Jahr sind wir zusammen nach Warschau getrampt, stimmt’s?"
Der Groschen ist gefallen.
"Neila, stimmt‘s?"
Ja! Wir drücken uns die Hand, dann schiebt mich Michał schon weiter. Es dauert nicht lange, da ist die Versammlung hier drin beendet. Langsam drängt alles nach draußen. Um Michał und mich versammeln sich so nach und nach alle Wrocławer. Sie wollen heute Abend schon wieder nach Hause fahren, mit dem Zug. Erst soll aber noch eine Messe sein, auf einer Wiese hinter dem Kloster. Ich erfahre, dass die Hippies dieses Jahr aus dem Kloster vertrieben worden sind. Die Bullen hatten den Priestern ein Ultimatum gestellt. Angedroht waren Wasserwerfer und Tränengas...
Plötzlich sehe ich Wolf. Ich rase los wie eine Verrückte, schreie, auch er schreit, wir fallen uns um den Hals, wirbeln herum und können uns gar nicht wieder fassen. Ein deutsches Mädchen ist mit ihm, sie und ihre Freundin haben sie in Prag aufgegabelt. Sie kommen aus - Merseburg! Ich grinse. Aber wo ist Helmut? Weiß nicht, sagt Wolf, ich suche ihn grade. So zieht er weiter und hält nach Helmut Ausschau.

*) Fährt so eine Schrottkiste und tut, als wär’s ein Auto!

Kapitel 5: Deutsch-polnische Hochzeitspläne

oder
Die Gerade ist eine deutsche Erfindung


Die "Freunde" waren eine amorphe Truppe bunter Wrocławer Hippies, die, so kam es Neila vor, nur auf sie gewartet zu haben schienen, um auch ihr Leben so bunt wie möglich zu machen. Es waren Studenten, Schüler, Arbeiter, Arbeitslose, aber eine Stammbelegschaft war immer zur Stelle, um Neila die Stadt zu zeigen, mit ihr zu feiern, sie überallhin zu schleppen, wo es etwas Interessantes zu erfahren gab. Zunächst aber war ihr Problem das Interessanteste, und die Fantasie schlug mehrere Tage lang hohe Wellen, wie man eine flüchtige Deutsche am besten offiziell in Polen sesshaft mache.
"Du musst heiraten", konstatierte Zenek trocken.
Das aktuelle Gruppengebilde nickte tiefsinnig und atmete hörbar auf. Na klar, das ist die Lösung. Da wäre sie nicht die Erste und auch nicht die Letzte.
Heiraten. Na gut. Aber gehört dazu nicht irgendwie ein Mann?
"Wir finden schon einen, keine Sorge", beruhigte sie Zenek.
Neila glaubte ihm aufs Wort.

Zu Recht. Der Kandidat hieß Zbyszek und wurde bereits am nächsten Tag vorstellig. Er war klein, trug Bart und Brille und arbeitete in einer Bibliothek. Neila blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an, wand sich unbehaglich auf ihrem Stuhl. Sie saßen zu sechst in einem Café, und vier Gesichter starrten sie angespannt an. Nein, fünf, Zbyszek natürlich auch. Heiraten...
"Und du willst dich darauf einlassen?" fragte Neila, sich bei der leisen Hoffnung ertappend, dem Kandidaten werde plötzlich klar, worauf er sich da einlassen würde.
"Warum nicht? Ist kein Problem, mach dir mal keine Gedanken, alles bestens!" schmetterte der Kandidat mitleidlos mitten in ihre leise Hoffnung hinein. Die wurde umgehend begraben.
"Ja, dann... ja, warum nicht?"
Mindestens vier Gesichter entspannten sich zu einem breiten Lächeln.
"Ist ja egal, nicht?" Den winzigen Querschläger konnte Neila sich nicht verkneifen.
Der Kandidat parierte ihn ungerührt: "Klar. Kein Problem."
"Das muss gefeiert werden!" beschloss das aktuelle Gruppengebilde.

Und es wurde gefeiert, so was sagt ein Pole nicht zum Spaß. Am selben Abend noch trafen sich in der abgewohnten Uraltbauwohnung bei Zbyszek Apostoł, Poli, Zenek, Michał und zwei Jolkas. Eine davon war die Freundin von Zbyszeks Bruder Adaś und wohnte hier. Es wurde eine große Fete, immerhin war eine Verlobung zu feiern. Jolka Eins kochte, Zbyszek schnitt Wurst, Käse und Gurke auf, jeder hatte etwas mitgebracht, es gab Bier und billigen Wein, es gab Blues, Rock und Jazz, und es gab Geschichten, Witze, Erlebnisse, philosophische Dispute und künstlerische Diskussionen bis zum frühen Morgen.

So hätte es wohl endlos weitergehen können. Jeden Abend brachte irgendjemand etwas zu trinken mit, gute Musik, ein gutes Buch und vor allem eine unverwüstliche gute Laune. Jeden Tag schleppte jemand Neila in die Kneipe oder zu einer Schiffstour auf der Oder. Jeden Tag lud jemand anderes sie zu sich ein, machte sie mit immer neuen, immer gleich herzlichen Freunden bekannt. Zeitmangel schien hier ein Fremdwort zu sein; die Leute schienen nie arbeiten zu müssen, nie Termine zu haben, keine wichtigen Erledigungen, keine Pflichten.

Nur Jolka Eins war anders. Sie war kein Hippiemädchen, gegen eine solche Unterstellung hätte sie sich wohl lachend verwahrt. Sie war eine ganz normale junge Frau, die ihre Zukunft vermutlich in einer ruhigen Ehe mit zwei, drei Kindern, an Herd und Kochtopf sah. Aber das waren keine Sehnsüchte, dazu schien Jolka viel zu pragmatisch zu sein. Sie war Adams Freundin, also wohnte sie bei ihm, und wenn diese Wohnung täglich von fünfzig Chaoten heimgesucht wurde, dann kochte sie eben für alle, räumte ihnen kommentarlos den Dreck hinterher und feierte mit ihnen, wenn es sich so ergab. Sie schimpfte nie, sie weigerte sich nie, aber es war auch nichts Unterwürfiges an ihrem Tun. Sie war einfach da und tat, was getan werden musste, immer gut gelaunt, immer beschäftigt.
Aus irgendeinem Grund begann Neila, sich Jolka gegenüber schuldig zu fühlen, jeden Tag ein bisschen mehr. Sie konnte ihr nicht helfen, sie konnte weder kochen, noch war sie der Typ, der sich in jedem Haushalt zurechtfindet, und sie wollte es im Grunde auch gar nicht. Neila hätte selbst nicht sagen können, was es war, was ihr dieses Unbehagen verschaffte, doch es war der erste Vorbote einer inneren Seenot, die erste Welle, die das Seelendeck überspülte, die schnell weggewischt wurde und für heiteren Gesprächsstoff am Abend sorgte, nach der jedoch nie wieder Ruhe einkehrte, der weitere Wellen folgten, die nicht mehr lustig waren, bis hin zum endgültigen seelischen Schiffbruch.

Doch noch war alles bunt und laut und unbeschwert. Vor allem laut. Neila war es nicht gewöhnt, täglich von früh bis spät in Gesellschaft zu sein. Sie war eigentlich kein Gruppenmensch, sie brauchte viel Ruhe und viel Zeit für sich allein. Spätestens, als sie nach einem weiteren Tag zu fiebern begann, wurde sie abends zunehmend still, zog sich die Tarnkappe über die Ohren und verkroch sich in sich selbst. Sie hatte nicht mit der röntgenbegabten Mütterlichkeit ihrer Gastgeber gerechnet. Henas und Ewa waren zu Besuch gekommen. Henas ein Wikinger wie aus dem Geschichtsbuch, mit zusammengekniffenen, blitzenden Augen und einer großen Liebe zum Bier, Ewa eine Schönheit in Indianerkleidern und Perlenketten. Die beiden waren die Seele der Wrocławer Hippies, jeder kannte und mochte sie, es war, als ob ein beständiges Strahlen von ihnen ausgehe – wo sie auftauchten, wurde es hell und warm. Ewa hatte Medizin für Neila mitgebracht, Henas brachte ein Thermometer, Zbyszek schleppte ihren Rucksack aus Michałs Haus an, dessen Eltern nun endlich die Wahrheit über Neilas Besuch erfahren hatten und verständlicherweise sauer waren. Neila war den Leuten so dankbar, doch die Gespräche und das Lachen zerrten mittlerweile derart an ihren Nerven, dass sie Henas‘ und Ewas Strahlen gern gegen eine dunkle Höhle vertauscht hätte. Wenigstens für heute Abend. Doch nichts da. Die Tarnkappe schien defekt zu sein, alle paar Minuten wandte Ewa sich ihr in ehrlicher Fürsorge zu: "Was ist los mit dir? Geht’s dir nicht gut? Warum bist du so still?"
Neila stammelte etwas zusammen, was kein Mensch verstand und was alle nur umso besorgter machte. Sie konnte doch nicht sagen: "Lasst mich in Ruhe, wenigstens einen Abend" – oder? Es musste etwas geschehen. War nicht eine Hochzeit geplant? Sie begriff, dass die Gerade als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine deutsche Erfindung ist. Sie wurde sehr deutsch. Sie drängte darauf, sofort Nägel mit Köpfen zu machen.

Vorbei die blauen Wolken, versperrt die fantasievollen Mäander. Kein sanftes Gleiten mehr durch zeitlose Räume, kein "Jakoś to będzie – irgendwie wird’s schon werden". Es wird werden, aber nicht irgendwie, sondern so: Neila schleppte Zbyszek zum Konsulat der DDR. Stellte ihn als ihren künftigen Ehemann vor, für den sie ihre Heimat schweren Herzens verlassen müsse, und verlangte eine sofortige ständige Aufenthaltsgenehmigung für die Volksrepublik Polen.
Die Bürokratie aber ist die Schwester der Geraden. Natürlich werden Sie heiraten. Umsiedeln? Aber natürlich, selbstverständlich. Dazu brauchen Sie nur... Und es folgte der Laufzettel für mindestens einen Monat Behördengänge – in der DDR.

Die Hochzeit wurde abgeblasen. Neila geht nicht zurück. Der Kandidat trug’s mit Fassung.

Mittwoch, 21. September 2011

Mundtot machen - in eigener Sache (schon wieder)

Da ich die Geschichte schon wieder völlig neu strukturiert habe (irgendwie sollte da schon ein roter Faden rein, selbst wenn er wilde Schlaufen schlägt, gell) und langsam keinem Leser mehr zumuten möchte, alle drei Wochen von vorn anzufangen, habe ich mir jetzt Folgendes ausgedacht:

Die Geschichte bekommt eine eigene Kategorie - "Mundtot machen" natürlich -, in der das nach und nach wachsende und sich doch immer wieder wandelnde Buch allein zu finden ist, und jedes Kapitel bzw. Unterkapitel bekommt dort seinen eigenen Titel. So sieht der Leser gleich, was er noch nicht gelesen hat, und kann es nachholen, wie er mag.

Dienstag, 20. September 2011

Unser Prominenter Junge (Teil 3)


Irene steht im Badezimmer und lässt Wasser in die Wanne. Das Wasser läuft langsam. Träge streift sie ihr blassgrünes Musselinkleid ab. Wieder gibt es einen kleinen Stich: ‚Er hat noch gar nichts dazu gesagt. Er hat es noch nicht einmal gesehen.‘ Er ist noch gar nicht zur Besinnung gekommen! protestiert Irene. Wie sollte Er es sehen, wenn Er in den zwei halben Tagen, die Er daheim ist, pausenlos von allen bestürmt wurde: der Hausstaat, ihr Geschenk, die Fernsehfritzen...
Während sie so, in trotzige Gedanken versunken, auf ihr Bad wartet, stürmt Marmara herein, ruft: "Wie schön! Genau das brauche ich jetzt", springt in die Wanne und taucht unter. Eine ungeheure Wut schießt in Irene hoch. Sie wartet hier seit einer halben Stunde auf ihr Bad, sie hat sich alles sorgfältig zurecht gemacht - und die kommt einfach rein und stiehlt ihr praktisch die Früchte ihrer Arbeit! Sie will Marmara zur Rede stellen. Zunächst mit ihrem Dolchblick, sie denkt, den wird die Kröte schon verstehen, aber die taucht immer wieder unter und öffnet ihre Augen überhaupt nicht. Kann ja sein, dass sie das Bad wirklich braucht, aber das hier ist MEINS!
Irene dreht sich um, um sich die Zähne zu putzen, da fällt ihr das Zahnputzzeug aus der Hand. Plötzlich brüllt sie aus Leibeskräften los, dass es wahrscheinlich noch in den Nachbarhäusern zu hören ist. Marmara springt erschrocken aus der Wanne und fragt, was los sei, da hört man im Nebenzimmer jemanden leise, aber scharf fluchen. Irene erschrickt: Ihr fällt ein, dass Unser Prominenter Junge sich schlafen legen wollte, und sie brüllt hier wie eine Kuh beim Kalben! Er hört gar nicht wieder auf zu fluchen, doch während sie beide noch nackt und starr und mit aufgerissenen Augen im Badezimmer stehen, bemerkt Marmara, dass sein Fluchen sich irgendwie seltsam anhört. Sie kichert, schleicht sich auf Zehenspitzen hinaus und öffnet leise die Tür zum Nebenzimmer - und da hört Irene es auch: Er flucht, aber nicht wegen ihres Gebrülls, sondern er erzählt sich selbst eine komische Geschichte. Nun kichern sie beide.
Aber was ist das für eine Geschichte? Irene ist es, als habe sie ihren und Marmaras Namen gehört. Jetzt läuft auch sie zur Tür, doch sofort schließt Marmara sie ebenso leise, wie sie sie geöffnet hat, und schiebt Irene ins Badezimmer zurück. "Willst du, dass Er uns nackt sieht?" zischt sie, während sie die Badezimmertür ins Schloss zieht. Sie weist auf die volle Wanne: "Ich bin fertig, kannst baden."
Mechanisch steigt Irene in die Wanne. Sie ist so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht auf die Idee kommt, von Marmara frisches Wasser zu verlangen.

Am dritten Tag nimmt Unser Prominenter Junge die Gelegenheit wahr, sich von Irene behandeln zu lassen. Wozu hat man eine Zahnärztin im Haus? Zahnarzthelferin Marmara assistiert. Noch immer war keine Rede von der gemeinsamen Wellnessgymnastik, doch Irene hat sich fest vorgenommen, die Gelegenheit zu nutzen, ihn gleich nach der Behandlung daraufhin anzusprechen. Vielleicht absichtlich, der Umstand, dass Marmara anwesend ist, kommt ihr entgegen. Dennoch hat sie jede Vorstellung von deren Reaktion, die sich ihr aufdrängen wollte, bis jetzt abgeblockt. Sie will sich gar nichts vorstellen, sie will nur noch ins Ziel. Das Schlimmste, was sie sich vorstellen kann, ist ein Marathonläufer, der kurz vor dem Ziel zusammenbricht.
Als Unser Prominenter Junge vom Behandlungsstuhl steigt, klopft es an der Tür. Irene hat sich gerade die Hände eingeseift, Marmara räumt die Instrumente weg. Die alte Missie steckt ihren runden Kopf herein und zwinkert: "Da steht ein Verehrer draußen, soll ich ihn reinlassen?"
Erstaunt hebt Irene den Kopf, spült schnell die Seife von ihren Händen. "Ja, soll reinkommen...", sagt sie unsicher. Marmara ist plötzlich verschwunden, Unser Prominenter Junge bleibt auf halbem Weg zur Tür stehen.
In der Tür steht Jürgen Drews. Irene traut ihren Augen nicht. Während sie sich reflexhaft die Hände abtrocknet, denkt es in ihr mindestens vier Gedanken parallel: dass Unser Prominenter Junge immer ein Fan von Jürgen war, er war sein Vorbild, er ist ihm nie begegnet, jetzt ist er hier, das ist er doch, ist das ein Traum?
"Marmara!" ruft Irene, etwas hysterisch lachend.
"Hallo!" sagt Jürgen Drews.
"Oh", murmelt Unser Prominenter Junge mit versteinertem Blick. "Hallo..."
Marmara steht in der Tür zum Labor, fix und fertig angezogen, kein rosa Kittel mehr, keine Gesundheitsschuhe. Sie strahlt. Sie strahlt Jürgen Drews an. Erwartungsvoll, schießt es Irene durch den Kopf. Was ist das hier?
"Hallo, Herr Drews... na, so was...", stammelt Unser Prominenter Junge, der langsam seine Fassung wiederfindet.
Irenes Blick wandert im Dreieck. Sie sieht den Prominenten Jungen vor ehrlicher Überraschung strahlen, wie ihn noch nie gesehen hat, noch nie so unverstellt und bloß. Sie sieht Marmara vor Erwartung strahlen, und beide strahlen in dieselbe Richtung. Sie sieht Jürgen Drews zurückstrahlen mit professioneller Natürlichkeit, wie es sich für ihn gehört und für einen Eingeweihten, der weiß, was das hier ist oder werden soll. Sie hört, wie Worte gewechselt werden, verblüffte, artige, überschwängliche, kichernde und gespielt begeisterte, und dann sieht sie, wie Jürgen Drews vor ihrem ebenfalls prominenten Gast niederkniet und zu singen beginnt. Er singt "Ein Bett im Kornfeld", und er singt es toll und tausendmal geübt, wie tausendmal zum ersten Mal, mit bühnenreifer Gestik, mit dem faltigen Gesicht des ewig Sechzehnjährigen. Just lovely!
Irene spürt nicht, dass ihr Herz bereits im Hals schlägt, sie spürt nicht das metallische Ziehen im Steißbein und nicht die Eiswürfel im Blut, sie denkt nur: ‚So prominent ist Unser Junge...?‘ und weiß im gleichen Augenblick, dass es nicht darum geht, so prominent ist dieser Junge nicht, war er nie, es geht um etwas ganz anderes. Es geht um Deckel, die nicht zu ihr gehören, nie gehört haben und nie gehören werden, es geht um Schmerzen, die nie aufhören werden, solange geräumige und billige Schränke fliegen zu können glauben wie Heliumballons, es geht um Schulden, die es gar nicht gibt, nicht geben kann, natürlich nicht, denkt Irene, unschuldige Schuld und heilige Unschuld, denn darum geht es: Es geht darum, dass ein durchgehaltener Marathon noch weniger wert ist als ein aufgegebener, wenn man nicht als Erster ins Ziel einläuft. Es geht darum, dass zwei schuldig Unschuldige gleich zur Tür hinausspazieren werden, Arm in Arm, zur Wellnessgymnastik zu zweit, mit der sie, sie, sie! sich unschuldig schuldig gemacht hat, schuldig eines logischen Verbrechens an ihrem Herzen, denn es geht am Anfang und am Ende und hinter und vor allem immer nur um den Rhythmus ihres Herzens, der ewig ist und groß.

© Angela Nowicki, 13. September 2010-2011

Sonntag, 18. September 2011

Die Erhebung

Ich stand lange, lange in der weltfernen Berglandschaft und nahm sie ganz in mich auf. Vollkommene Ruhe. Vollkommene Schönheit.

Als ich mich umwandte, betrat ich sogleich den kreuzgangähnlichen Eingang zur Felskathedrale. Die große Halle war von Licht durchflutet. Ich rief meine Schildkröte Hulda, und sie kam auch gleich, löste sich aber immer wieder auf und erschien, als hätte ich nicht genug Kraft, sie zu halten. Andere Bilder gerieten dazwischen, ein Meer... Ich wollte das nicht. Ich begrüßte Hulda und fragte sie, was sie meine: Waren die vorbewusst werdenden Bilder der letzten Reise der Beginn eines visuellen Entdeckungsprozesses, oder war das alles, was ich brauchte? Soll ich nochmals ins Unbewusste tauchen? Wo Hulda stand, sah ich dicht gekräuselte goldene Energiewellen schubweise über den Boden fluten.
"Das ist kosmische Energie", sagte Hulda in meinem Gehirn.
Ich sah deutlich, wie die kleine Schildkröte wieder in einer Aureole von einem starken Lichtstrahl nach oben gezogen wurde und ich hinterher. Während des ganzen Aufstiegs sah ich Huldas runden Panzer vor mir.

Draußen lautete die erste Botschaft, das Beste sei, erst einmal meine Chakras ordentlich aufzubauen. Aber wenn ich wolle, könne ich natürlich noch einmal ins Unbewusste abtauchen. Der Abstieg bzw. Absturz war dieses Mal lange nicht so deutlich wie vor einer Woche. Ich merkte gar nicht richtig, wie ich im Meer landete, da schwamm ich schon unter Wasser.

Wieder geriet ich an die Grenze zwischen Un- und Vorbewusstem. Heute war sie viel dünner, und der vorbewusste Raum war hell erleuchtet: Das war das Licht des Bewusstseins, das ihn fast ganz ausleuchtete, nur ein schmaler vertikaler, sich in Kurven nach unten windender Spalt blieb dunkel. Ich hörte Huldas Botschaft, sie könne mir allerdings nicht versprechen, dass heute etwas aus dem Unbewussten auftauchen werde.

In der Tat blieb lange alles leer. Dann wurde ich weggesogen.
"Lass es geschehen!" sagte Hulda. "Versuche nicht, Bilder zu erkennen, schaue einfach nur!"
Es war, als bliebe ich unbeweglich an der Grenze des Unbewussten, während ich gleichzeitig passiv durch Welten gezogen wurde.
Viele Bilder erkannte ich tatsächlich nicht.

Einmal geriet ich in ein Zimmer vor ein Bett, darin lag ein indisch aussehendes Mädchen. Sie war ganz grazil und hatte langes, dichtes, schwarzes Haar. Ich hatte das Gefühl, mich selbst in einer vergangenen Inkarnation zu sehen. Das Mädchen stand auf und lief aus dem Zimmer, als suche sie ihre Eltern. Sie wurde immer kleiner und verschwand, und ich blickte auf eine dunkelrot leuchtende indische Landschaft in der Abendsonne.

Später erkannte ich eine dickliche, ältere Frau, die auf einer Bank saß, vielleicht an einer Busstation, denn es saßen viele Leute um sie herum. Ich sah ihren kräftigen, kurzen Arm, als sie sich nach vorn beugte, um nach ihrer Einkaufstasche zu greifen. Urplötzlich fühlte ich mich so intensiv vertraut mit dieser Frau, dass mir fast die Tränen kamen. Als sei sie einmal meine Mutter gewesen.

Nach weiteren unkenntlichen Bildern erschien ein endlos weites Meer vor meinen Augen. Diese Vision war so deutlich, dass mich ein regelrechter Energieschock durchflutete. Das Meer hatte eine unbeschreibliche Farbe - Oktarin? Ich sah die letzten Sekunden eines furiosen Sonnenuntergangs, und dann glänzte das Meer unter einem rot-orangen Himmel.

Und dann... dann wurde ich in einen riesigen Trichter nach oben hineingezogen, der war von einem solchen leuchtenden Blau, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen habe. Blau, das in Violett überging. In dieses Violett wurde ich hineingezogen. Ich sah die Erde unter mir, stieg immer höher. Ich sah den Planeten unter mir entschwinden, und die Kontinente leuchteten türkis. Ich wusste: Jetzt bin ich in meiner Seele.
Nach einer Weile fluteten unter mir wieder die dicht gekräuselten, goldenen Energiewellen wie in der Kathedrale.
"Das sind die Elemente", vernahm ich.
Also Wasser, denn es folgten ein orangerot loderndes Feuer und danach übereinander geschobene vertikale Schichten in verschiedenen Blautönen, die sich horizontal durch den Raum schoben. Das war Luft.
Und Erde? Da fragte mich meine Seele... nein, eigentlich fragte sie nicht; es war wie ein gegenseitiges Zunicken, dass ich selbstverständlich wieder zur Erde zurückkehre. Als sei es so abgesprochen. Im selben Moment fuhr ich wie eine Furie in einen Sarg aus roten Ziegeln ein, der sich jedoch sogleich erweiterte und in eine ziegelrote Landschaft überging, die wiederum in orangefarbene Wasserwogen mündete. Daraus führte ein hellgrüner Weg, der später rosa wurde, durch eine gelbe Landschaft.
Ich wusste auf einmal und verstand wortlos: Durch meine inneren Bilder und meine kosmische Nabelschnur war ich zu meiner Seele gekommen, und nun inkarnierte ich ein weiteres Mal. Unsere Wurzeln in dieser Erde sind im Vergleich zum Ganzen ein Sarg, doch ein lebendiger Sarg, der sich durch unsere Gabe der sinnlichen Wahrnehmung und des Fühlens öffnet und uns die Schönheit der Erde erfahren lässt. Der Weg durch all diese Wirren aus Macht und Ohnmacht, Ego und Schicksal aber ist die Liebe.

Was ich dort sah und erlebte, war eine Erhebung – ein unbeschreibliches, feierliches Gefühl, als sei mein ganzes Leben zusammen mit der Welt, wie ich sie sah, geheiligt worden.

Weitere Bilder wirbelten um mich herum, doch ich hatte genug gesehen.
"Ich bin raus", sagte ich laut. "Ich möchte zurück."
Es gab keinen Rückweg. Nach kurzer Zeit waren die Welten einfach verschwunden, und ich fand mich an der Grenze zu meinem Unbewussten wieder. Ich wusste, ich hatte mich während der ganzen Zeit nicht von der Stelle bewegt.

Der Aufstieg ging recht schnell, und ohne dass ich recht wusste, wie mir geschah, befand ich mich mit Hulda wieder in der Kathedrale. Ich sah sie nach mir mit ihrer Aureole in dem Lichtkegel absteigen. Ich wollte es mir mit ihr bequem machen, um zu verschnaufen und die eben erhaltenen Eindrücke im Gespräch zu verarbeiten, doch Hulda zeigte sich seltsam ungeduldig und jagte mich nahezu hinaus. Es gelang mir kaum, mich von ihr zu verabschieden. Ich hörte sie nur sagen, ich solle DAS jetzt aber erst einmal gründlich verarbeiten, bevor ich zur nächsten Reise käme.

© Angela Nowicki, 12. Juli 2010