Donnerstag, 7. Juli 2011

Der Verrat

Ich habe Johnny Depp verraten.

Er hatte etwas getan, was ich nicht gutheißen konnte. Das hatte ich, da es schon länger so ging, in meinem Tagebuch festgehalten. Beim letzten Vorfall zeigte ich ihn dann an und übergab meine Aufzeichnungen der Verantwortlichen. Es war eine hübsche, schlanke, dunkelhaarige Beamtin, die einen Kindergarten leitete, der als Außenstelle diente. Als ich das nächste Mal zu ihr kam, stellte sich heraus, dass sie meine gesamten Aufzeichnungen einfach, ohne mich zu fragen, veröffentlicht hatte.
Ich war zutiefst erschrocken, denn nun weiß jeder, dass ich Johnny Depp angezeigt habe, und er natürlich auch. Ich fühle mich miserabel, wie eine Verräterin.

Es ist Morgen. Da ich keine Unterkunft in dieser Stadt habe, gehe ich in die Schule, die Hauptstelle, aufs Jungenklo, um mir die Zähne zu putzen und mich anzuziehen. Ich putze lange und gründlich. Als ich wieder aufblicke, sehe ich im Spiegel entsetzt eine lange Schlange kleiner Jungen hinter mir. Die Schüler stehen hinter meinem Rücken Schlange, und ich bin nackt. Hastig fahre ich in meine Winterstiefel und hänge mir meinen langen Mantel über. Ich laufe nach oben zur Hauptstellenleiterin, einer hübschen, beleibten Brünetten, die aussieht wie eine Bibliothekarin, und bitte sie um einen ruhigen Ort zum Anziehen.
Sie ist ständig mit einer ihrer beiden Mitarbeiterinnen am Computer beschäftigt und widmet mir kaum Aufmerksamkeit. Was mich nervös macht, denn ich bin immer noch nackt. Als sie sich mir endlich zuwendet, beginne ich aufgeregt, ihr die Geschichte meiner Anzeige gegen Johnny Depp zu berichten, doch schon nach den ersten Worten wird sie wieder abgelenkt, und als sie sich mir wieder zuwendet, ist bereits die junge Frau eingetroffen, die mich zum Anziehen bringen soll. Ich werde eilig abgefertigt, die Leiterin hat meine Geschichte gar nicht zur Kenntnis genommen.

Ich sitze bei einem Bekannten. Er weiß schon von meiner Anzeige und berichtet mir, ich sei bei Johnny Depp nun natürlich unten durch. Ich bin am Boden zerstört, denn das hatte ich so nicht gewollt. Ich sage:

"Es ist unglaublich, dass es Sachen gibt, die jahrelang absolut in Ordnung sind, und innerhalb eines einzigen Moments kippen sie plötzlich in die größte Gemeinheit deines Lebens um."

Er stimmt mir verständnisvoll zu, doch ich bemerke, dass er mich offensichtlich missverstanden hat - er hält meine Anzeigen für einen Liebesbrief! Als ich ansetze, um ihm das Ganze richtig zu schildern, erscheint auf einmal Johnny Depp im Zimmer. Er kommt und geht ein paarmal, und jedesmal hat er ein anderes Kostüm an. Als er als englischer Landlord wiederkehrt, in goldbrauner Cordhose und kariertem Flanellhemd, weist mein Bekannter auf mich. Johnny macht ein fragendes Gesicht, er scheint mich nicht zu erkennen. Mein Bekannter meint, er solle sich doch wieder mit mir vertragen.
Im ersten Augenblick sieht es aus, als wisse Johnny Depp gar nicht, worum es geht, oder als habe er mir die Sache nicht übel genommen. Ich atme erleichtert auf. Doch als ich zu einer Entschuldigung ansetze, sehe ich sein abweisendes und tödlich beleidigtes Gesicht. Er will nichts mehr mit mir zu tun haben.

© Angela Nowicki, 8. März 2010

Mittwoch, 6. Juli 2011

Plädoyer für die Amoral

Was ich am Human Design von Anfang an geliebt habe, war der Slogan "No choice". Gut, er ist ein bisschen übertrieben, natürlich haben wir die Wahl, wie wir uns verhalten, ob wir das, was wir sind, akzeptieren und ausleben oder nicht. Nur sind wir halt etwas, eine ganz bestimmte, einzigartige genetische Definition, und da hört unsere Wahlfreiheit auf. Und wir haben auch keine Wahl, was die Gestalt unseres Lebens angeht. Ob wir unsere Bedürfnisse befriedigen, unsere Wünsche erfüllen, unsere Ziele erreichen oder nicht, das hängt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nun mal nicht von uns ab.
Mir gefiel im Human Design der Vergleich mit dem Fahrzeug, einen ähnlichen Vergleich habe ich vor Jahren schon bei dem Astrologen und Psychotherapeuten Peter Orban gelesen, da war es ein Zug: Unser Körper ist unser Fahrzeug, in dem wir durchs Leben fahren. Aber wir sind nicht der Fahrer, auch wenn es uns oft so vorkommt. Für den Fahrer hat das HD einen Magnetischen Monopol in uns ausgemacht, also unsere innere Führung, die nicht identisch ist mit unserem selbstreflektierenden Bewusstsein. DAS ist nur der Fahrgast. Und der sitzt nicht im Taxi. Der Fahrer fährt uns nach einer auf einer höheren (oder tieferen) Ebene geplanten Route, und somit ist das Klügste, was wir tun können, uns entspannt zurückzulehnen und alles, was uns auf dieser Reise begegnet, interessiert zu beobachten. Kamera und Tagebuch sind dabei praktisch.
Selbst wenn wir unser "Design leben" (übrigens ein furchtbares Wort, es hat im Deutschen nun mal eine viel engere Bedeutung als im Englischen – könnte man sich hier nicht auf ein anderes einigen, "Anlage" zum Beispiel?), was im HD allenthalben fast schon missionarisch repetiert wird, wenn wir der Strategie unseres Typs und unserer inneren Autorität folgen, wird nicht alles automatisch "gut" in dem Sinne, dass sich das Leben plötzlich unseren Vorstellungen von ihm anpasst. Die Route ändert sich deswegen nicht, da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Es hilft uns nur, die Fahrt zu genießen, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist doch eine ganze Menge.

Und das hat mir im HD von Anfang an richtig gut gefallen. Dass der Mensch nicht korrigiert werden muss, sondern lernen kann, sich und sein Leben anzunehmen, wie es ist. Eine große und schwere Aufgabe, aber wenigstens eine mit realen Erfolgsaussichten.
Anscheinend hatte ich diese Wahrheit wieder mal vergessen, als ich die letzten Sätze über das Kopfzentrum schrieb. Es gibt kein "soll" und "darf nicht", niemand muss irgendetwas tun. Man macht es sich nur etwas gemütlicher, wenn man sich mit einem offenen Kopfzentrum nicht dauernd mit fremden Themen beschäftigt, das ist alles. Aber man stirbt auch nicht, wenn man es tut. Und es gibt mit Sicherheit eine Menge Leute, die dazu bestimmt sind, sich mit fremden Fragen zu beschäftigen. Sie werden glücklicher sein, wenn sie sich nicht damit identifizieren, sicher, aber wenn sie es tun, geht die Welt auch nicht unter, vor allem, wenn sie sich dessen bewusst sind. Und wenn nicht – so what. Wir sind hier, um Erfahrungen zu sammeln.

Eigentlich wollte ich mir etwas anderes von der Seele schreiben, was aber gar nicht so weit weg vom amoralischen Imperativ liegt. Mir war gestern ein Artikel einer von mir ansonsten sehr geschätzten HD-Analytikerin aus den USA aufgestoßen, in dem sie ganz offensichtlich das Multidimensional Human Design, eine Weiterentwicklung von Eleanor Haspel-Portner, attackierte (der Artikel ist schon über acht Jahre alt, deshalb will ich nicht weiter darauf eingehen, vielleicht denkt die Frau heute ja schon ganz anders).
Da war es wieder: "Keep it simple!" Ich habe den Satz auch schon gelesen, aber da ging es nach meinem Verständnis darum, dass ein Analytiker seinen Kunden nicht mit einer Flut nutzloser Details überhäuft, die dem am Ende sowieso nichts bringen. Hier jedoch war eher die "reine Lehre" gemeint. Ich bin da ein bisschen empfindlich, denn ich habe diesen sinnlosen Kampf der Puristen gegen die Reformer schon in der Astrologie, der Homöopathie und was weiß ich wo verfolgen dürfen. Ich meine, ich habe eine Riesenachtung vor Ra Uru Hu, dem Begründer – oder soll ich besser sagen "Empfänger" – des Human Design, und bedaure es unendlich, dass ich mittlerweile keine Gelegenheit mehr haben werde, ihn persönlich kennen zu lernen, da er leider vor Kurzem verstorben ist. Doch ist es nicht so, dass solche Schismen immer dann entstehen, wenn eine Lehre entweder zu starr geworden ist oder den veränderten Ansprüchen nicht mehr genügt? Das Leben mutiert nun mal ständig, das ist doch erfreulicherweise sogar ein Grunddogma des Human Design.
Eleanor ist eine ungeheuer tiefgründige Denkerin. Sie hat das System um ein Vielfaches komplexer gemacht, damit sicher auch komplizierter, aber – es funktioniert! Es funktioniert sogar noch besser als das ursprüngliche System. Und das ist für mich das einzige Wahrheitskriterium.

Einige der ursprünglichen Protagonisten haben nach meiner Beobachtung leider eine ganze Serie von "Gebeten" entwickelt, die genau dem widersprechen, was sie immer so begeistert verkünden: der Vielfalt. "Es gibt immer ein Dies und ein Das", wie Ra zu sagen pflegte. Nicht jeder ist dazu "designt", es simpel zu halten. Das ist nur ein "Dies", und es gibt so viele "Das", die gerade die Komplexität und Tiefe brauchen, um glücklich zu sein.
Und da ich gerade so schön in Fahrt bin: Für ebensolchen Unfug halte ich es auch, ständig den Verstand zu verteufeln. Der Verstand ist niemals die innere Autorität, kein Zweifel. Die Autorität ist die innere Instanz, die die Entscheidungen trifft. Dass der Verstand keine guten Entscheidungen treffen kann, ist aber noch lange kein Grund, ihm gleich sein ganzes Spielzeug wegzunehmen. Wenn unser Ursprung gewollt hätte, dass wir nicht denken, hätte er uns vermutlich erst gar kein Großhirn verpasst. So viele Menschen arbeiten mit dem Verstand und sollen das auch tun, dazu sind sie hier, das hat rein gar nichts mit der Autoritätsfrage zu tun. Der Verstand kann ein wunderbares Werkzeug sein. Entscheidungen sind eine ganz andere Kategorie.

© Angela Nowicki, 6. Juli 2011

Dienstag, 5. Juli 2011

telefonpause

ich weiß gar nicht ob
ich jetzt noch mit dir reden möchte
nachdem du mich zurückwarfst
in die schlacht meines namens

die schlacht ist entschieden
der feind singt im käfig droben
mir fehlt ein stück vom körper
und ich weiß nicht mal welches

zu viele worte verschossen
dir unbewaffnet gegenüberzutreten
könnte mich mein leben kosten
lieber geh ich mein herz suchen

© Angela Nowicki, 2002

Montag, 4. Juli 2011

Fragen an die Ursprungsseele

Ich ließ mich in mein Herz-Chakra fallen. Dort schwamm ein goldener Schwan auf einem kleinen Teich in einem marmornen Tempel. Ich begrüßte ihn und bat ihn, mich dorthin zu führen, wo ich Antwort auf meine Fragen erhalten würde. Sofort sprang er nach hinten aus dem Teich, schüttelte sich kurz und lief los.

Unterwegs begleitete uns eine Zeitlang eine kleine dunkle Sonne, die goldenes Licht herein strahlte.

Schließlich war ich an einem zutiefst stillen Ort angekommen, wo ich zwar niemanden sah, aber spürte, dass ich hier meine Fragen stellen kann. Ich begrüßte das unsichtbare Wesen und fragte:

"Es gibt drei zentrale Themen aus meinem alten Leben, die ich nicht mit ins neue Leben hinüber nehmen will.
Ich will abnehmen.
Ich will von Chemnitz wegziehen.
Ich will nicht mehr rauchen.
Welches kann am besten zuerst aufgelöst werden?"

Als Erstes sah ich ein verlöschendes Streichholz, das in einen Abgrund fiel. Später auch noch gekräuselte Rauchwölkchen.
Ich fragte: "Habe ich richtig verstanden, dass es am besten ist, zuerst mit dem Rauchen aufzuhören?"
Der Raum schüttelte einmal kurz den Kopf.

Es folgte eine Bilderflut: ein blassgrüner Häuserblock, eine leere, sehr geräumige Wohnungsflucht mit einer großen, alten, zum Teil verglasten, weißen Tür auf der rechten Seite, eine Landstraße mit vielen Autos, ein altrosafarbener Häuserblock mit vorspringenden Treppenhäusern...
Ich fragte: "Habe ich richtig verstanden, dass es am besten ist, zuerst von Chemnitz wegzuziehen?"
Daraufhin kamen so viele Bilder, auch ein Pferdekopf mit einem großen Auge, immer wieder seltsame Sätze, die mir aber eindeutig bestätigten, dass dies die richtige Antwort war.

Nun fragte ich, wie ich das am besten anpacken kann. Unter einer weiteren Bilderflut erschienen plötzlich zwei kleine Vögel auf einem schaukelnden Seil, und ich hörte jemanden oder etwas sagen:
"Lass deine Sorgen und Beschwernisse in die Vergangenheit fallen."

Ich bedankte mich für die Antworten und kehrte zurück zum kleinen Teich. Dort schwamm der Schwan wieder, aber dieses Mal war er schwarz und erhielt eine unglaublich strahlende, funkelnde, goldene Krone, die immer größer und funkelnder wurde.

© Angela Nowicki, 16. Januar 2010

Sonntag, 3. Juli 2011

Human Design: Das Kopfzentrum

Das Kopfzentrum ist das oberste Dreieck in der Körpergrafik. Es ist nur über drei Tore (I-Ging-Hexagramme) mit dem Ajnazentrum verbunden. Kopf- und Ajnazentrum bilden zusammen den Verstand. Während im Ajna der eigentliche Denkprozess stattfindet, ist der Kopf ein Druckzentrum. Die Welt ist voller Zweifel (Tor 63), Geheimnisse (Tor 61) und Verwirrung (Tor 64), und das Kopfzentrum übt damit geistigen Druck auf das Ajna aus, damit es Formeln (Tor 4), vernünftige Erklärungen (Tor 24) und sinnvolle Zusammenhänge (Tor 47) in all dem finde.

Wenn ein Kanal zwischen Ajna und Kopf definiert ist, sind auch beide Zentren definiert. Das definierte Kopfzentrum (gelb eingefärbt) interessiert sich für seine eigenen Fragen und übt damit einen gleichmäßigen geistigen Druck auf das Ajna aus. Diese Menschen beschäftigen sich nicht mit Dingen, die sie im Grunde nichts angehen. Im Gegenzug können sie andere inspirieren.

Ein undefiniertes Kopfzentrum (weiß) erzeugt einen starken Energiesog, der alle Fragen schluckt, die gerade in der Nähe herumschwirren. Damit kommt die Inspiration aus geistiger Konditionierung und schubweise. Diese Menschen nehmen ständig den geistigen Druck anderer auf, verstärken ihn und halten ihn für den eigenen. Das bedeutet, dass sie oft unter dem starken Druck stehen, Probleme zu lösen, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Ich gehöre zu den 70% der Menschheit mit undefiniertem Kopfzentrum. Hier ein Beispiel aus der eigenen Werkstatt:

Mein Mann beklagt sich, dass unsere Tochter in ihrer Urlaubswoche auf einmal nach Berlin fahren wolle, obwohl sie doch bei ihrem letzten Besuch ausdrücklich gesagt habe, sie wolle mit ihm wieder einmal die Oma besuchen, die sehr weit weg wohnt. Er habe das seiner Mutter damals gleich am Telefon erzählt, die freue sich wie Bolle, ihre Enkelin nach so langer Zeit endlich wiederzusehen. Jetzt müsse er sie wieder enttäuschen.
Sofort springe ich an, denn ich habe den Hergang etwas anders in Erinnerung: "Wann hat sie denn gesagt, dass sie mit zur Oma fährt? Ich weiß davon gar nichts."
"Na, als sie das letzte Mal da war! Gleich am Anfang, glaube ich. Ich habe extra noch mal nachgefragt und habe meine Mutter angerufen und uns angekündigt."
"Wann hast du deine Mutter angerufen?"
"Wieso wann? Nachdem sie das gesagt hat, natürlich."
"Aber sie hat doch bei ihrem letzten Besuch schon gesagt, sie wolle nach Berlin fahren, wenn sie das nächste Mal kommt..."
Ich versuche mit vollem Engagement, die Sache aufzuklären: wann was gesagt wurde, was hätte getan werden müssen und wie man das noch lösen könne, denn mir tut sowohl meine Schwiegermutter leid, wenn aus dem Besuch doch nichts wird, als auch meine Tochter, die sich schon seit Wochen auf die Dalí-Ausstellung in Berlin freut.
Da fährt mein Mann auf: "Was versuchst du mir hier eigentlich einzureden?"

Beleidigt machte ich die Klappe zu – da geht mir ein Licht auf: Er hat ja Recht! Was habe ich hier getan? Ich habe wie selbstverständlich die Probleme anderer zur "Chefsache" gemacht und versucht, sie zu lösen. Ungebeten natürlich. Das war mein offenes Kopfzentrum.

Hier lautet die Strategie: Respektiere die Frage, ohne dich verpflichtet zu fühlen, sie zu beantworten. Mach die Probleme anderer nicht zu deinen (ich schätze, du hast genügend eigene). Identifiziere dich nicht mit fremdem geistigem Druck.

Für mein Beispiel heißt das: Und wenn es noch so schwer fällt – es sind nicht meine Probleme, ich darf mich dafür weder zuständig noch verantwortlich fühlen, sondern muss die Klappe halten. Auch die innere möglichst.

Und wenn andere ausdrücklich um Hilfe bitten? Dann hilf, so gut du kannst, aber bleib bei dir. Detachment ist auch hier das Zauberwort.

© Angela Nowicki, 3. Juli 2011

Vier Hähne

Neila fährt in einem alten Bus über holprige Dorfstraßen. Der Bus ist voll mit müden Bauersfrauen und Männern in verblichenen Anzügen mit leeren Gesichtern. Die Sitze sind verschlissen, es riecht nach Knoblauch und Schweiß. Die Leute starren gleichmütig vor sich hin, manche schlafen. Aus dem Augenwinkel sieht Neila, wie dem hageren Mann neben ihr ein dünner Speichelfaden aus dem halb geöffneten Mund läuft.

Am rechten Straßenrand stehen drei wunderschöne weiße Osterlämmchen und ein viertes auf der Fahrbahn. Der Busfahrer fährt einfach drüber. Entsetzt fährt Neila auf. Sie fragt sich, ob er das Lämmchen überfahren hat und warum er so etwas tut. Ja, es stimmt, die Straßenverkehrsordnung schreibt vor, dass man nur für Tiere ab Schäferhundgröße bremsen darf, und das Lämmchen war viel kleiner. Trotzdem ist es grausam und herzlos. Neila öffnet schon den Mund, um den Busfahrer zur Rede zu stellen.

Da kommt ihr der Gedanke, dass er es ja vielleicht gar nicht überfahren hat, sondern nur drübergefahren ist. Unsicher schaut sich Neila im Bus um. Keiner der Fahrgäste regt sich auf, niemand, außer ihr, scheint etwas bemerkt zu haben. Sie starren weiter stumpf vor sich hin, ihr Nachbar schnarcht sogar ein bisschen.

Ihr fällt ein, dass sie erst gestern von einem Tier gehört hat, über das ein Auto so drüber gefahren ist, dass ihm nichts passiert ist, doch hinterher ist es durch den Schock gleich tot umgefallen. Die ganze Zeit denkt sie an das Schäfchen, während immer wieder Tiere auf der Fahrbahn stehen. Die laufen jedoch alle rechtzeitig davon, und der Busfahrer bremst jetzt auch immer ein wenig ab, wenn er sich ihnen nähert.

Auf einmal laufen vier prachtvolle, riesige Hähne vor dem Bus entlang, solche mit Federhosen an den Beinen. Sie sind mindestens so groß wie Menschen, und ihre Federkleider glänzen in den herrlichsten Farben: dunkelblau, rostrot, smaragdgrün...



© Angela Nowicki, 6. März 2010