Sonntag, 19. Juni 2011

Seelenreisen - eine Einführung

Ich war immer überzeugt, nicht visualisieren zu können. Das machte mich traurig, denn ich wollte mein Leben lang so gern malen, es drängte mich, mich selbst auszudrücken - aber ich hatte keine Ideen. Beim Schreiben genauso. Eine fast 30 Jahre währende künstlerische Blockade. Ich hatte das Gefühl, es sei eine Quelle tief in mir verstopft.

Bis ich nach über 25 Jahren meine beste Freundin wiederfand. Irgendwann hatten wir den Kontakt verloren, und später hörte ich nur noch, sie sei ins Ausland gegangen. Seit wir Internet und jetzt auch eine Flatrate haben, habe ich die anfallsweise Angewohnheit, nach Bekannten zu googeln. Ganz selten finde ich mal was - ein einzelnes Foto, eine Erwähnung in einer Lokalzeitung, einen Eintrag im Telefonbuch. Meine Freundin war Google gänzlich unbekannt, und ich vergaß die Sache wieder.

Doch vor zwei Jahren kam mir eine neue Idee. Ich googelte nach ihrer Schwester. Tatsächlich wurde ich fündig - bei stayfriends, manchmal also eine ganz nützliche Einrichtung, auch wenn mich Klassentreffen seit einiger Zeit hervorragend desinteressieren. Die Stadt stimmte, das Abschlussjahr konnte hinkommen, der Name stimmte. Für sie registrierte ich mich extra bei stayfriends (und werde seither natürlich in regelmäßigen Abständen von Spams heimgesucht) und mailte sie an: "Bist du die Schwester von XY?..." Die unendlichen Weiten verschluckten meinen Ruf und schwiegen beharrlich. Ich vergaß die Sache wieder.

Zwei Monate später hatte ich plötzlich eine Mail im Kasten. Es war ihre Schwester, sie war nur verreist gewesen, und ich war völlig baff, als ich las, meine Freundin wohne mittlerweile nur 80 km von mir entfernt! Natürlich rief ich sie sofort an. Als ich mich vorgestellt hatte, blieb es am anderen Ende still. Im Glauben, sie habe mich vergessen, hob ich an, mich näher zu erklären, doch ich wurde unterbrochen: "Ich weiß doch, wer du bist. Ich kann es nur nicht glauben!" Eine Woche später sahen wir uns nach über 25 Jahren wieder.

Seltsam, wie parallel sich manchmal ausgerechnet die unterschiedlichsten Menschen entwickeln. Bis wir uns aus den Augen verloren, wussten wir beide nicht so richtig, was wir im Leben wollten. Nun wollte ich Homöopathin werden und büffelte gerade Medizin für die Heilpraktikerprüfung, und sie gab seit Jahren Heilmassagen und machte gerade eine Ausbildung zur Geistheilerin. Und wir hatten beide, unabhängig voneinander, die Spiritualität für uns entdeckt.

Schon bald lud sie mich bei einem der folgenden Telefonate zu einer Seelenreise ein. "Ich kann aber nicht visualisieren!" war meine erste Reaktion. "Das kann jeder", hörte ich. "Ich bin noch keinem begegnet, der nichts gesehen hätte. Man muss nur wissen, wie man es richtig anfängt. Dazu braucht man eine Einführung."

Im Juni 2009 bekam ich, zusammen mit einem weiteren Neuling, meine Einführung, bevor die Gruppe zu den "richtigen" Reisen eintraf. Der Schamanismus kennt drei Welten: eine Unterwelt, eine Mittelwelt und eine Oberwelt. Ich vermute, das ist vergleichbar mit den hinduistischen Gunas: Tamas, dem Reich der Dämonen, Rajas, dem Reich der Menschen, und Sattva, dem Reich der Götter. Die ersten Reisen gehen in die Unterwelt, denn dort kann man sein Krafttier finden. Bei den Schamanen hieß es wohl, das Krafttier gebe sich einem selbst zu erkennen, indem es sich von allen Seiten zeige.

Dieses Krafttier ist einer der wichtigsten Führer in der geistigen Welt, denn es ist der Teil unserer Seele, den wir im Moment am meisten brauchen, und es beschützt uns vor allen Gefahren, in die wir ohne es in der Unterwelt hineinstiefeln könnten. Deshalb soll man immer darauf achten, dass man dort nirgendwohin allein geht, sondern nur mit seinem Krafttier. Diesem Tier kann man auch alle Fragen stellen, die einem gerade auf dem Herzen liegen. Es weiß stets, wohin es uns führen muss, damit wir eine Antwort oder eine Stärkung erhalten. Uns wurde erklärt, als Krafttier kämen alle Tiere in Frage, außer Insekten und Ekeltieren, das habe ich aber später revidieren müssen.

Eine Seelenreise ist etwas anderes als eine geführte Meditation oder eine Visualisierung und ist auch nur bedingt mit dem Katathymen Bilderleben zu vergleichen. Hier wird man nicht geführt, keiner sagt einem, was man sehen soll, sondern man gibt sich bei einem sehr schnellen Trommelrhythmus, der die Frequenz der Gehirnwellen in den Theta-Zustand, also einen Zustand tiefer Entspannung, senken soll, ganz den inneren Bildern hin, die in einem von selbst aufsteigen. Man sucht zwar nach bestimmten Fixpunkten (z.B. dem Eingang zur Unterwelt), lässt jedoch alles kommen, wie es kommt. Wichtig ist nur, dass man die Szenerie und die Bilder, die aufsteigen, auch halten kann, sich also praktisch tatsächlich in eine andere Welt mit ihrer eigenen Logik hineinbegibt. Sonst kommt es zu einer Flucht wechselnder, zufälliger Bilder, mit denen man nicht viel anfangen kann.

Genau das war, wie sich später herausstellte, mein eigentliches Problem gewesen. Nach meinen ersten Seelenreisen wurde mir bewusst, dass ich durchaus schon immer Bilder gesehen hatte - vor dem Einschlafen -, ich hatte sie nur nicht ernst genommen. Dieses Sehen war nämlich seltsam, und ich vermute, dass viele Leute das selbst kennen: Man sieht nicht so, wie man ein Bild normalerweise mit den physischen Augen sieht, man "sieht" eigentlich gar nichts, und doch sind diese Bilder so präzise, dass man sie malen könnte. Es ist wohl das berühmte "innere Auge", das da am Werk ist. Ich hatte diese Bilder natürlich nie halten können. Sie blitzten auf und waren sofort wieder verschwunden.

Bei unserer Einführung ging es auch noch nicht sofort in die Unterwelt. Beim ersten Versuch sollten wir uns eine Landschaft vorstellen, die wir kennen und die wir besonders schön finden. Vielleicht einen Ort aus der Kindheit, an dem wir immer glücklich waren, und am besten einen, an dem wir allein und ungestört waren. Sonst nichts. Einfach nur versuchen, sich diesen Ort immer genauer vorzustellen. In der zweiten Runde ging es wieder an diesen Ort, nun sollten wir uns aber schon umherbewegen und wieder versuchen, so viel wie möglich dabei zu erfassen. Beim dritten Anlauf wurden alle Sinne eingesetzt: Was spüre ich dort? Welches Wetter, welche Jahreszeit herrscht? Nehme ich vielleicht sogar Gerüche wahr oder gar Geräusche? Man sollte alles anzufassen versuchen, nicht einfach vorbeirennen, sondern sich wahrnehmend ganz auf jede Einzelheit einlassen. Als Nächstes mussten wir den Eingang zur Unterwelt suchen und schließlich, zum Abschluss der Einführung, in die Unterwelt hinein gehen und unser Krafttier suchen.

Nun ja, das war schon alles ganz ok für mich, nur - wirklich "gesehen" hatte ich nichts. Vorstellen kann ich mir eine Menge, das war nie das Problem gewesen. Da sagte meine Freundin einen Satz, der, wie sich zeigen sollte, meine verschüttete Quelle ein für allemal wieder freilegte. Sie sagte:

"Dann nimm doch einfach deine Vorstellungen an!"

Es war, als habe sie damit eine Flasche entkorkt. Wie ein Wasserfall prasselten die Erkenntnisse auf mich ein.

Ja, wir sind es gewöhnt, unsere Vorstellungen nicht ernst zu nehmen. "Das habe ich mir doch nur vorgestellt." Was heißt das denn? Das heißt doch, dass wir uns selbst nicht ernst nehmen. Dass wir uns nicht zutrauen, Wahrheiten aus uns selbst hervorzubringen. Wahrheiten kommen von äußeren Autoritäten, Heilung kommt von außen - von einem Arzt, einem Heiler, von Gott. Und dabei vergessen wir, dass das Göttliche ebenso in uns wie außerhalb unser ist, wir selbst sind ein Teil Gottes, falls er überhaupt Teile haben kann. In diesem entscheidenden Moment wurde mir klar, dass ich - wie viele andere sicherlich auch - immer auf ein Wunder von außen gewartet habe, darauf, dass mir Bilder quasi selbsttätig "erscheinen", als etwas letztlich Fremdes. Man glaubt dem Fremden mehr als sich selbst. Ich weiß, dass auch das manchen möglich ist, doch die eigene "Vorstellung", die aktive Imagination, ist genauso wertvoll und wahr. Nichts geschieht "zufällig", d.h. losgelöst von einem umfassenden Sinn. Wir können ja nicht einmal unsere Gedanken willkürlich steuern.

Seit diesem Tag im Juni vor zwei Jahren leide ich jedenfalls an keinem Bilder- und Ideenmangel mehr. Ich kann gar nicht so schnell malen und schreiben, um alles umzusetzen, was mir einfällt. Zu den Seelenreisen selbst habe ich nicht den intensiven Zugang gefunden wie manche andere aus jener Gruppe. Ich nutze sie heute gelegentlich, um Antwort auf brennende Fragen zu bekommen, das klappt aber auch nicht immer. Es hat sicherlich noch mal eine andere Qualität, wenn man wirklich plastische und farbige Bilder sieht, das scheint tatsächlich nicht jedem gegeben zu sein. Andererseits weiß ich ja nicht, wie andere wirklich sehen. Nur bin ich noch zu sehr "Kopf ohne Körper", als dass ich so schnell und leicht wie andere in eine Trance rutschen könnte. Dennoch sind Seelenreisen ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden.

© Angela Nowicki, 19. Juni 2011

Samstag, 18. Juni 2011

Mercurius

Den ganzen Tag bin ich durch das Schloss gelaufen, aber mir ist weder etwas auf- noch eingefallen. Ich habe Hunger. Was soll’s, das hier sind auch nur Menschen und keine Ungeheuer, die werden mich ja wohl nicht verhungern lassen. Kurz entschlossen gehe ich zurück zum Thronsaal. Es hat sich nicht viel verändert, nur dass Heinrich jetzt an einer reich gedeckten Tafel sitzt und sich gerade eine gebratene Taube hinter die Kiemen schiebt. Neben und hinter ihm ein paar seiner Frauen, die ihn bedienen, ihm vorlegen, die Happen mundgerecht schneiden. Der Rest ist, wie gehabt, mit Rußfangen und Schrubben beschäftigt. Die Frauen sehen unendlich müde aus, sie bewegen sich wie im Traum. Als ich an den Tisch trete, beachtet mich der Mann gar nicht, nur die Mundschenkinnen werfen mir lauernde Blicke zu.

Laut und deutlich wünsche ich einen guten Appetit. Er wirft mir einen flüchtigen Blick zu: "Was gibt’s?"
"Ich habe Hunger, ich will essen."
Fast hätte er sich an einem Taubenbeinchen verschluckt. Er starrt mich verblüfft an: "Dann iss doch!"
"Danke!"
Strahlend setze ich mich und greife herzhaft zu, doch schon haben mir die Mundschenkinnen mit vereinter Kraft meine Beute wieder entrissen. Eine versucht sogar, mich vom Stuhl zu schubsen.
"Wenn du essen willst, arbeite!" fauchen sie wie ein Erinnyenchor.

"Hey! Ich habe H-u-n-g-e-r!"
Heinrich starrt mich unverändert mit geöffnetem Mund an. Ein Stück Fleisch fällt zurück auf den Teller.
"Du vergreifst dich an MEINEM Essen? Du setzt dich einfach in MEIN gemachtes Nest? Das ist doch... das ist doch...", stammelt er mit hochrotem Kopf. "Raus mit dir, Abtritte putzen!! So eine Unverschämtheit ist mir noch nicht untergekommen! VERDIENE dir dein Essen, wenn du Hunger hast! JEDER muss sich sein Essen verdienen! Glaubst du, ich habe einen Goldesel im Keller?!"
"Oh! Du verstehst mich falsch!" rufe ich, stehe auf und verbeuge mich. "Nie im Leben wäre es mir in den Kopf gekommen, Essen zu stehlen! Selbstverständlich will ich dafür bezahlen. Es ist nur..."
Er schaut mich misstrauisch an. Die Erinnyen sind zu Steinsäulen erstarrt.
"Nur - was?"
"Nun..." Ich schaue mich um. "Du bist doch ein kluger Mann."

Er entspannt sich ein wenig, was man von den Erinnyen eher nicht behaupten kann.
"Freilich bin ich das, dazu bin ich schließlich ein Mann, höhö!"
"Also bist du doch ganz bestimmt der überaus vernünftigen Ansicht, dass jeder die Arbeit tun sollte, für die er am besten geeignet ist."
Er nickt ungeduldig: "Ja, freilich. Komm zur Sache, Weib!"
"Nun, siehst du, ich könnte dir deine Gastfreundschaft tausendfach vergelten, aber nicht mit Abtritt putzen..."
Ein breites Grinsen überzahnt sein Gesicht: "Bist du endlich zur Vernunft gekommen? Also, ab in die Wanne!"

"Du missverstehst mich immer noch. Ich kann etwas, was dir keine deiner Frauen hier geben kann. Dafür brauche ich keine Wanne, nicht einmal hübsche Kleider."
Er schaut etwas irritiert: "Etwas Besseres als Essen und Sex?"
Ich nicke: "Viel besser. Etwas, was dein Leben verändern wird - wenn du es willst. Aber vielleicht bist du ja auch glücklich in deiner Langeweile, deiner rußigen Burg und mit tagein, tagaus demselben öden Geplapper?"

Sieben Augenpaare funkeln mich an, so dass ich mir hastig überlege, ob ich einen Spiegel dabei habe. Aber Heinrich wird plötzlich lebhaft. Er schluckt endlich die arme Taube hinunter und beugt sich mit einem kräftigen Rülpser vor: "Nein, ich habe es gründlich satt, weiß der Teufel! Du kannst dir gar nicht vorstellen, WIE langweilig mir manchmal ist, wie sehr mir die hübschen Frätzchen mit ihrem geistlosen Geschwätz auf die Nerven gehen, wie mir die stumpfen, mürrischen Gesichter meiner Dienerinnen auf den Magen schlagen! Deine Worte klingen nach Spaß, nach Abwechslung und Aufregung! Also: Was brauchst du?"
"Musikinstrumente und Musikanten."
Er schaut mich entgeistert an: "Musik... ? So etwas haben wir hier nicht."
Ich lächle: "Das dachte ich mir. Aber in meiner Welt gibt es genug davon. Ich lade euch alle ein, mit mir einen Ausflug in meine Welt zu unternehmen..."
Die Medusenblicke verlieren etwas an Schärfe.

"Wo ist deine Welt?"
"Gleich hinter den Toren deiner Burg! Es ist gar nicht weit, wir werden bald dort sein. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie wir uns amüsieren werden! Wir werden musizieren, singen und tanzen, bis uns die Schuhe von den Füßen fallen. Wir werden essen und trinken, scherzen und lachen und herrliche Spiele spielen!"
Seine Augen nehmen einen seltsam sehnsüchtigen Glanz an.
"Aber unter einer Bedingung", füge ich fest hinzu.
"Eine Bedingung?..."
Ich habe ihn schon lange dort, wo ich ihn haben wollte.
"Es müssen ALLE mit! Alle Menschen, die hier in deinem Schloss leben und arbeiten! Nur so wirst du nie wieder mürrische Gesichter sehen müssen. Und du wirst doch nicht ohne Hofstaat verreisen wollen, oder?" zwinkere ich ihm verschwörerisch zu.

Er strahlt über alle Backen, und - siehe! - sogar die Erinnyen sind zu Grazien geworden, und eine Putzfrau nach der anderen erhebt sich und streift sich erwartungsvoll die Hände am grauen Kleid ab, während die Ersten nach draußen laufen, um die aufregende Neuigkeit im ganzen Schlosshof zu verkünden.

"ÖFFNET DIE TORE!" ertönt donnernd der Ruf des Hausherrn.

© Angela Nowicki, September 2007

Sepia

Ich stehe auf der Schwelle und denke nach. Ich bin verzweifelt. Warum bin ich hierher gekommen? Was hat mich durch dieses Tor getrieben? Man betritt nicht ungestraft schwarze Orte. Ein lüsterner Blick des fetten Popanz streift mich. Ein irrwitziger Gedanke hakt sich in mir fest: Was, wenn es mir gelänge, den Fettwanst zu verführen, damit er mich zu seiner Lieblingsmätresse erhebt? Dann könnte ich ihn in einem Augenblick des Rausches bitten, mir für ein Stündchen das Tor zu öffnen... Als ich jedoch direkt in seine gierigen Schweinsäuglein starre, weiß ich, wie naiv und dumm diese Idee ist. Der da wird niemals jemanden auch nur eine Minute aus den Augen lassen. Schon gar nicht seine Lieblingsmätresse. Er hebt die Hand – der Saal verstummt. Er starrt mir mitten ins Gesicht und öffnet seinen Mund, und ich renne besinnungslos aus dem Saal.

Draußen irre ich wie gehetzt durch die dunklen, labyrinthartigen Flure. Plötzlich entdecke ich ein schwaches Leuchten, das durch die Ritzen einer der schweren Eichentüren dringt. Ich trete näher. Ich rieche etwas. Es sind seltsame, wehmütig vertraute Düfte – nach regennassem Gras, nach Kastanien im Herbst, nach dem Brackwasser der Tümpel am Fluss, nach reifem Weizenfeld... Sie durchweben und durchdringen sich, und ich spüre ihnen gebannt nach, folge der Duftspur - und stehe mit einem Mal in einem großen Gewölbe. Es ist fensterlos und ringsum vollgestellt mit den sonderbarsten Gerätschaften. Es sieht fast aus wie in der Werkstatt eines Alchimisten: In den hohen Regalen verstauben ungezählte Folianten, auf den großen Tischen stapeln sich Kästen mit Pflanzen, Steinen und Spinnen und Schlangen, überall flackern Kerzen und tauchen den ganzen Raum in ein gespenstisches, lebendes Licht. Vor einem der Tische, mit dem Rücken zu mir, steht eine hochgewachsene Frau. Sie scheint steinalt zu sein. Ihr schwarzgraues Haar hat sie zu einem festen Knoten gebunden, und ihr hagerer Körper steckt in einem langen, braunen, grobleinenen Gewand, einer Art Kittel oder Kutte. Sie wendet sich nicht zu mir um, scheint in ihre Arbeit vertieft.

"Was suchst du?" fragt sie, unverwandt weiter arbeitend.
Noch bevor ich meinen Mund öffnen kann, fügt sie hinzu: "Ich weiß, was du suchst."
Ihre Stimme klingt voller und kräftiger, als ich es von einer alten Frau erwartet hätte, aber auch leidenschaftslos und etwas streng. Oder eher unerbittlich. Sie fragt nicht, sie stellt fest.
Ich schnappe nach ihrer Stimme wie nach einem Rettungsanker: "Wo ist er?"
"Was?"
"Der Fluchtweg!"
"Wovor willst du fliehen?"
'Vor mir selbst', schießt es mir unverständlicherweise durch den Kopf.
Die Alte nickt kaum wahrnehmbar.
"Ich will hier raus, ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin, ich gehöre hier nicht hin, ich weiß nicht, was ich hier tue, ich muss hier weg!" Meine Worte überschlagen sich.
Die Alte schweigt. Nach einer langen, bleiernen Weile sagt sie: "Ich nehme an, niemand hat dich gezwungen, das Tor zu durchschreiten?" Auch dies ist keine Frage.
"Nein, aber... ich wusste doch nicht..."

Endlich hält sie inne und wendet sich um. Sie ist wirklich sehr alt. Älter als jede Frau, die ich je sah. Ihr Gesicht mit der großen Habichtsnase sieht aus wie von allen Wettern gegerbtes Leder, ihr stechender Blick durchbohrt mich, ich fühle mich an die Wand genagelt wie ihre aufgespießten Insekten. Sie mustert mich: meine zappelnden Beinchen, meine zitternden Fühler, meine zerrissenen Flügel.
"Wo du bist, gehörst du hin. Fluchtwege sind Kreiswege, wusstest du das auch nicht?"
"Nein!" schreie ich und erschrecke vor meiner eigenen Stimme. "Das ist ein Irrtum, ein Riesenirrtum sogar, hören Sie? Das ist nicht mein Leben! Wo ich herkomme, ist Licht, da sind Farben, die Luft ist sauber, und die Bäche sind klar! Dort gibt es weder Sklaven noch Herren, und niemand käme auf die Idee, einen Menschen besitzen zu wollen!"
"Was ist der Unterschied?"
"Der... der UNTERSCHIED?!!" Ich schnappe nach Luft, glaube, wahnsinnig werden zu müssen.
"Ja. Der Unterschied. Du bist dort, und du bist hier. Du suchst die Freiheit?"
"Ja!!!" entfährt es mir.

Ihr Blick ist mitleidlos wie der eines Menschen, der alles gesehen hat, aber nicht kalt. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln flackert durch die tausend Fältchen um ihren Mund. Sie zieht ihren Blick mit einem Ruck zurück, und ich plumpse unsanft zu Boden. Bereits wieder ihrer Arbeit zugewandt, wirft sie mir zu: "Finde sie."

Kein bisschen klüger oder auch nur beruhigter laufe ich durch die finsteren Gänge auf den Hof zurück und achte ängstlich darauf, nicht noch einmal in die Nähe des Thronsaals zu kommen. "Lieber tot als Sklave!" hallt es mir durch den Kopf, wieder und wieder, eine gesprungene Platte, und ich finde den Stecker nicht: "Lieber tot als Sklave!" Erschöpft lasse ich mich in einer abgelegenen Ecke des Hofes auf den Boden fallen, lehne mich an die Mauer. Milliarden Rußpartikel setzen sich auf meiner Haut fest, verstopfen meine Poren, Ohren und Nase. Ich weiß: Wenn ich lange genug hier sitzen bleibe, wird der Ruß bis in mein Herz vordringen. Dann ist alles zu spät.

© Angela Nowicki, September 2007