Samstag, 17. März 2012

Sisyphos

Wir alle sind Gefangene der Zeit.

Dieses idiotische Riesenbaby lauert uns am Tor des Großen Gartens auf, um jeden, der so leichtsinnig war, sich bis an die Grenzen der Ewigkeit vorzuwagen, einzufangen und unter triumphalem Gelächter zu den ungezählten anderen Figuren auf seiner Spielwiese zu schleppen.

Dort lässt uns der senile Tyrann in Reih und Glied antreten, heißt uns salutieren, essen, schlafen und kopulieren, heißt uns bis zum Umfallen Steine klopfen und daraus immer höhere Häuser bauen, die er, kaum dass sie stehen, hohnlachend mit einem Handstreich wieder zum Einstürzen bringt. Er lässt uns lieben und hassen, schaffen und vernichten, hinter bunten Fähnchen hermarschieren und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, bis er, atemlos vom hysterischen Kichern, den Schluckauf bekommt, dann wird er für gewöhnlich sentimental und räumt schon mal ein paar allzu hässliche Scherbenhaufen und ein paar gar zu verstümmelte Leichen vom Schlachtfeld, derweil wir, blicklos vor Scham, hastig unsere Wunden lecken und dankbar jedes Stück Vergessen an uns reißen, das er uns gleichgültig hinwirft. Wir vergessen gern und gründlich, denn wir ahnen, dass dies die am wenigsten schmerzhafte Möglichkeit ist, uns in unserem Kerker eine vage Illusion von Freiheit und Komfort zu erhalten. Und welcher Diktator ließe sich nicht am liebsten als der Einzig Wahre Wohltäter seiner gepeinigten, aber gehorsamen Untertanen feiern?

Und eigentlich wollen diese Sklavenseelen ja auch gar nicht wirklich frei sein. Was hieße Freiheit anderes, als sich selbst beherrschen zu müssen? Der alte Nietzsche bewahre uns vor dieser Anmaßung! Beware of the Jabberwocky, my son!

Um wie viel zufriedener könnten wir doch leben, wenn wir endlich auch diese verlogene Pose des Rebellen aufgäben und einfach nur das täten, was wir in Wahrheit wollen: uns beherrschen lassen. Die Unbelehrbaren mögen die Religionen und jede andere Art von Gläubigkeit verachten - es ist immer noch die ehrlichere Weise, sich dem Leben zu stellen, als all ihr lächerlicher Hochmut. Wer alle Herren dieser und jener Welt missachtet, bleibt dennoch bis an sein Ende ein Sklave der Zeit. Und die lässt sich nicht ungestraft missachten.

Dennoch gibt es unter uns immer wieder solche Narren, die wider bessere Vernunft glauben, nur sich selbst gehorchen zu müssen. Sie quälen sich Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang damit ab, immer neue, immer besser Fluchtwege aus Alcatraz zu finden. Sie scheuern sich die Finger blutig am Mörtel der Zeit, sie schlagen sich die Köpfe wund an den Gittern, sie entwerfen abenteuerliche Pläne, um ihren Wärter zu überlisten, und alles, was sie damit erreichen, sind nur immer grausamere Foltern nach jedem weiteren Fluchtversuch.

Würden sie nur vergessen wollen - ihr Leiden könnte ein Ende haben! Aber sie verschmähen die zynische Mildtätigkeit, sie laufen Amok gegen das Unausweichliche, denn sie wissen: Vergessen bedeutet Tod, verloren für die Ewigkeit!

Lieber zermartern sie sich Nerven und Hirn, die ehernen Gesetze der Zeit zu ergründen, denn sie glauben, die Zeit einmal mit ihren eigenen Gesetzen überlisten zu können. Sie streben danach, sich die Zeit gefügig zu machen. Sie wollen die Zeit beherrschen. Sie setzen so viel Vertrauen in ihre eigene Intelligenz, diese Toren, doch ihre Augen sind blind für die einfache Wahrheit: Die Zeit selbst ist das höchste Gesetz.

Kein verzweifeltes Aufbäumen, kein noch so klug durchdachter Plan der Gefangenen kann ihr etwas anhaben. Wer sich ihr widersetzt, wird dafür bezahlen. Und ist es denn so schlimm, was sie von uns verlangt: wieder und wieder aufzubauen, damit sie wieder und wieder zerstören kann? Den Stein den Berg hinauf zu schleppen, damit sie ihn jauchzend wieder hinunter rollen kann? Worüber sind wir so erbittert? Wer sagt, dass der Stein auf den Gipfel gehört?

Es ist ein Spiel! Also seid keine Spielverderber und lauft wieder hinunter, damit der Stein rollen kann!

Ah! Euch genügt das nicht! Ihr meint, das Leben müsse, wenn schon keinen Sinn, so doch ein Ziel haben? Ihr giert nach Dauer, nach Beständigkeit, nach Unsterblichkeit gar? Nun, so müht euch doch, den Stein festzuhalten! Ihr, die ihr in zwei Welten lebt: du verhinderter Philosoph mit einem Haushalt, einer Frau und drei Kindern! du potenzieller Landschaftsarchitekt, den die Geldsorgen ans Fließband fesseln! und du, verkannter Maler, mit dem unstillbaren Verlangen nach Geselligkeit und Schnaps - wenn ihr es nicht ertragen könnt, Verlierer zu sein, dann hört zunächst einmal auf, euch selbst zu bemitleiden! Es wird niemandem je einfallen zu zählen, wie viel Schritte ihr getan, wie viele Gedanken ihr gedacht, wie viel Kraft ihr aufgewendet habt. Was zählt - wenn denn überhaupt etwas zählt -, sind vollendete Werke und nicht die Zahl der Leichen, auf denen sie errichtet wurden.

Seid ihr bereit, zu morden für euer so hoch gepriesenes Ziel? Bereit, Liebe und Familie, Bequemlichkeit und Wohlstand, Lust und Zerstreuung hinzugeben für diese eine törichte Leidenschaft?

Nein, weicht nicht aus! Erzählt uns nicht, es sei alles nur eine Frage der Organisation (oder der sozialen Gerechtigkeit) - denn es ist eine Frage der Zeit! Eine Zeitlang mag euch das Organisieren gelingen, ihr meint, Zeit zu gewinnen - aber die nächste kleine Schwäche - eine verzeihliche Nachlässigkeit nur - und schon rollt der Stein wieder, das Spiel geht weiter, the show must go on.

Es hatte nie aufgehört. Ihr hattet nicht einmal den Schatten einer Chance.

Nein, lasst diese wichtigtuerische Geschäftigkeit! Sie passt nicht zu euch, und sie führt nur umso sicherer in die tödliche Falle. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Verzicht, die totale Verweigerung: Weigert euch konsequent, die Spielregeln einzuhalten, und versucht, euer eigenes Spiel zu spielen!

Zittert ihr nicht vor diesem Anspruch? Seid ihr tatsächlich fest entschlossen, die Hälfte eures Lebens zu opfern für die zweifelhafte Aussicht auf den Eintritt ins "Reich der Unsterblichen"? Wie groß wird eure Verzweiflung erst sein, wenn ihr erkennen müsst, dass das Opfer wertlos war, weil ihr mittelmäßiger seid, als euer Ehrgeiz wahrhaben wollte?

Vielleicht geraten euch ja eure Kinder besser als eure Bücher, werden eure bescheidenen Ersparnisse immer noch ansehnlicher sein als die von euch angelegten Gärten, wird eure Lebenslust mehr bewegen als eure Bilder? Ein halbes Leben habt ihr weggeworfen, um schließlich mitansehen zu müssen, wie euch die andere Hälfte von selbst durch die Finger rinnt. Die Zeit ist darüber hinweg gegangen.

Was ihr auch tut, woran ihr eure Hoffnung auch hängt - es gibt keinen verlässlichen Weg ans andere Ufer. Viele schon haben versucht, mit ihrer Kunst, ihrer Weisheit oder auch ihrer Liebe die rettende Brücke nach drüben zu schlagen.

Und viele werden es versuchen.

© Angela Nowicki, 1983


Montag, 13. Februar 2012

Die dritte Alternative

Einer hat überlebt.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.

Einer ist krepiert.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.

Ich schaffe das nicht.
Sagst du.

© Angela Nowicki, 13. Februar 2012

Freitag, 6. Januar 2012

Aufgetaucht im neuen Jahr

Liebe Marina,
liebe Marta,
lieber Herbert,
liebe Gegen den Wind,
lieber Norman,
liebe Hanna,
lieber Alex
und alle Ungenannten und Unbekannten,

ich wünsche uns allen ein Jahr voller Fantasie und Tatkraft, Liebe und Schöheit, in dem alles neu werden möge!

Wie schrieb mir doch kürzlich meine Geografie studierende Nichte: "Laut dem was ich bis jetzt über den Klimawandel gelernt habe, wird die Welt 2012 nicht aus diesem Grund untergehen."
Na, da können wir ja beruhigt sein.

Ich habe jetzt auf den Tag genau zwei Monate lang nichts mehr geschrieben, versunken im Strudel der Familienereignisse, als da wären Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, Besuche, Besuche, Besuche, der übliche Kreislauf, netterweise mal ohne Krankheit und Tod. Jetzt bin ich wieder aufgetaucht und gedenke, mich eine Zeitlang über Wasser zu halten. Aber der Blog gefällt mir so nicht mehr. Kraut und Rüben, und ich sehe nicht mehr ein, warum die Rübenfreunde sich erst hektarweise durch Kraut wühlen sollten. Ich glaube, ich werde ihn splitten, wahrscheinlich in Human Design, Seelenreisen und Literatur, three Earhtly Branches of one Heavenly Stem, das gebe ich dann aber rechtzeitig bekannt.

Für heute nur ein kleines Gedicht, zu dem mich Alays Bild inspirierte, das ich mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentliche:



Dies war: Zurückgekehrt in ihre Stadt,
Fand alle Türn verschlossen sie, ihr Haus
Bewohnt von Fremden, denen fremd auch sie.

Verlorn der Schlüssel, der nun Heimatlosen
Blieben nur Roms jahrtausendalte Straßen,
Durch die sie nächtens irrt, wie jene Falter,
Die, angelockt vom Licht, in ihm verbrennen.

Und, ungesehn von ihr und allen andern,
Im tiefen Dunkel einer Gasse,
Lehnt ein Pagliaccio müd sich an die morschen Mauern
Und streift die Maske vom Gesicht.

Palazzo

Palazzo von Alayna A. Groß, Acryl auf Leinen

© Angela Nowicki, 9. November 2011

Sonntag, 6. November 2011

Mein Lebensbaum, zweite Reise

Ich brachte mich mit Wechselatmung rein in die Reise, aber ich sah wieder nichts, nur solche LSD-Blitze, wie:
ein winziges Ehepärchen neben einem Sonnenschirmchen am Rand meines Bergplateaus.

Hulda war eigentlich schon zu sehen, als ich noch wechselatmete und sich vor meinen Augen draußen auf dem Berg Blätter und Blüten materialisierten und wieder verschwanden. Sie führte mich dann in die Unterwelt, aber auch das ging ziemlich speedy heute: ssst – waren wir durch und in der Halle. Dieses Mal sagte ich, keine Leber, mein Schatz! Guck mal, ich hab dir Löwenzahnblätter mitgebracht. Sieh da, sie schmeckten ihr auch, sie fraß sogar ziemlich lange und verlangte Nachschlag. Durch denselben Gang wieder raus, dasselbe Plateau.

Heute blieb der Baum mehr oder weniger in der gleichen Form, aber berauschend war der Anblick trotzdem nicht. Er war wesentlich kleiner als gestern, aber trotzdem bestimmt noch dreißig Meter hoch oder höher, aber er hatte fast gar keine Krone. Fast dreißig Meter schnurgerader Stamm, noch dazu ein sehr dünner, und ganz oben im Himmel eine kleine Krone.
Ich fragte: "Knickt der denn nicht bei jedem Windchen ab?"
"Kann eine Jungfrau abknicken?" gegenfragte Hulda.
Gut gekontert.
Sah aus wie ein Nadelbaum, Föhre oder so was, der Stamm fasste sich auch so an, aber später wurde es dann wieder ein Laubbaum, was weiß ich. Ich eierte blind durch die Gegend, hatte Mühe, das Bild zu halten, suchte nach den Wurzeln. Ach, die waren schon da, aber... Aber der Boden drunter war unterhöhlt.

Da sah ich zum ersten Mal etwas deutlich: einen Eingang in eine dunkle Höhle zwischen den Wurzeln. Und zum ersten Mal sagte auch Hulda etwas Vernünftiges: Ich solle da jetzt nicht reinkriechen.

Ok, ich dachte, wenn man einen Baum hat, sollte man ihn vielleicht gießen, oder? Wo ist hier Wasser, Hulda? Musst du graben. Hm, und womit? Es war, als verleiere Hulda die Augen. Na ja, was denn, soll ich etwa mit den Händen graben? Ich grub mit den Händen. Der Boden war wunderlicherweise auch unheimlich locker, wie Torf. Da war dann irgendwann Wasser. Wo finde ich ein Gefäß, Hulda, um das Wasser zu schöpfen? Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich schaute mich ewig im Kreis um, ganz sicher, dass mir gleich ein Eimer entgegenlaufen würde oder eine Blechbüchse, war aber nix. Als ich zurück blickte, war das Erdloch über einen Bewässerungsgraben mit der Wurzelzone verbunden. Super! Aber alles sackte sofort wieder in sich zusammen, und irgendwas – Hulda wohl eher nicht – sagte mir, dass mein Baum doch dafür Wurzeln habe. Wozu willst du Vollpfosten einen Baum gießen?

Na ja, und dann sah ich wieder gar nichts mehr, und wieder war es anstrengend, und überhaupt hatte ich das Gefühl, viel zu aktionistisch zu sein, als ob ich selber schon am Rad drehe – warum setze ich mich nicht einfach mal neben meinen Baum und bin still? Aber das ging auch nicht. Ging eben nicht. Ich wollte zurück, und dann sah ich gar nichts mehr, und Hulda mühte sich zwar, mir einen Abschiedskuss zu geben, kriegte das aber nicht ganz gebacken – und ich war draußen. Augen auf war eine Erleichterung!

© Angela Nowicki, 1. August 2010

Dienstag, 25. Oktober 2011

Tanzen und springen

Eine Schauspieltruppe, vier Schauspieler, zwei junge Frauen und zwei junge Männer. Eine der Frauen war die Hauptdarstellerin. Die Frauen hatten alle Perücken mit langen, weißblonden Zöpfen auf, die ihnen auf die Brust herabhingen. Zuerst defilierte die Hauptdarstellerin, das heißt, sie tanzte defilierend oder defilierte tanzend. Dann alle! Der Rest in einer Reihe hinterher.

***

Ein Vater, der mit seinem kleinen Sohn weggehen wollte – er zur Arbeit, der Sohn in den Kindergarten – sprang mit ihm aus dem oberen Stockwerk, in dem sie wohnten, mit Sack und Pack über die Straße hinweg hinunter auf die andere Straßenseite, und sie landeten gesund und munter. Ich beobachtete das von unten und erinnerte mich, wie ich schon oft im Traum so gesprungen war. Ein harter Aufprall, aber man bricht sich nichts. Für mich war der Sprung der beiden die Bestätigung, dass das nicht nur geht, sondern sogar normal ist. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, es sei doch gefährlich. Wenn man über die Straße hinweg springt, muss man aber gut zielen und sich seiner sehr sicher sein.

© Angela Nowicki, 25. Oktober 2011

Freitag, 21. Oktober 2011

Allein

Du bist allein

Allein heißt
Die Schmerzen ausbreiten
Auf weißen Laken und sitzen
Sitzen, bis der letzte Schrei verstummt
Auch dann noch

Allein heißt
Fremd sein im eignen Heim
Fremd in bodenlosen Städten
Dieses Fremdsein in den Poren sammeln
Bis es dir selbst fremd ist

Allein heißt
Immer nur geboren werden
Und nie sterben
Immer nur ankommen
Und nie gehn
Heißt verdammt sein
Zur Frage
Mit der ewig gleichen Antwort

Du bist allein

Die Schmerzen hinterlassen Flecken
Das Heim hat keinen Namen
Das Kind ist ein Krüppel
Angekommen
Im unerbittlichen
Ich

© Angela Nowicki, 2002

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Kapitel 8: Ungarn allein

oder
Sonnenuntergang über San Francisco


Nach diesem Sommer wechselte Srüne zur Vorbereitung auf ihr Aulsandsstudium an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, und Neila wollte den Traum ein Jahr später allein wiederträumen, bevor sie sich mit Billy zur Hippiewallfahrt aufmachte. Sie hatte auch dieses Mal keine Adressen, aus unerfindlichen Gründen hatten sie mit den Jungs keine Adressen getauscht, oder sie hatten sie verloren, nur Srüne hatte noch einen kurzen Briefwechsel mit Zoli gehabt, aber Srüne war nicht mehr da. Doch solche Unsicherheiten hinderten Neila in jenen Jahren keineswegs daran, sich einfach mit Rucksack und Daumen im Wind an die Straße zu stellen. Das war das schönste Leben, das sie sich vorstellen konnte: morgens noch nicht wissen, wo man abends schläft. Sie hatte ihr Visum und ihr Abitur in der Tasche und eine vage Aussicht auf ein neues Leben im Brüder- und Pflegehaus Martinshof, Rothenburg bei Niesky, als sie im Juli 1975 nach Budapest aufbrach.

Die erste Nacht im Böhmerwald hatte ihr der Tscheche beschert, der sie kurz nach der Grenze via Prag eingeladen hatte. Als es dunkel wurde, war er in den Wald gefahren und zudringlich geworden, so dass Neila nichts anderes übrig geblieben war, als ihm ihr Knie zwischen die Beine zu rammen, schleunigst das Auto zu verlassen und das Weite zu suchen. Sie war schon eine Weile auf der Straße unterwegs, als er an ihr vorbei fuhr. Sie hob den Blick nicht, lief stur weiter. Doch die Straße blieb leer, weit und breit kein Auto mehr. Wohl oder übel breitete sie neben einer Kreuzung, im Schutz eines großen Gebäudes, das da ganz allein im freien Feld stand, vielleicht eine Fabrik, ihre Armeeplane unter einem Mast aus. Sie erwachte in der Morgendämmerung, lag auf dem Rücken, öffnete die Augen - und erstarrte: Direkt über ihr ragte ein Galgen auf. Der Mast, unter dem sie sich schlafen gelegt hatte, endete in einem kurzen Querbalken, an dem ein großer Haken schaukelte. Hastig packte sie ihre Sachen zusammen und suchte das Weite.

Am späten Vormittag, noch ohne gefrühstückt zu haben, fuhr sie in Prag ein. Jeder hungrige oder auch durstige Tramper landete dort irgendwann auf dem Wenzelsplatz, so auch Neila. Staubbedeckt ließ sie sich auf dem Wenzelsdenkmal nieder und zog ihre Karo aus der Tasche. Die Streichhölzer waren ihr ausgegangen. Sie schaute sich um. Ein paar Meter vor ihr bewunderte ein kraushaariger junger Mann den historischen Platz. Er gefiel ihr, noch mehr aber gefiel ihr das grün-weiß-rote Flaggenzeichen an seinem Rucksack. Ein Ungar, wie schön!
Dass er kein Ungarisch verstand, verblüffte sie. Die Flagge? Sie versuchte es auf Deutsch. Er schüttelte den Kopf. Auf Polnisch. Russisch? Er lächelte und schüttelte. Also gut, wozu war man in einer Französischklasse: "Parlez vous français?" Er parlierte! Er gab ihr Feuer, hockte sich fröhlich neben sie aufs Denkmal, und sie radebrechten. Woher er komme, sie habe gedacht, er sei Ungar, die Flagge auf seinem Rucksack... Er lachte: "No, no, no Hungría – Méjico!" Neila blieb vor Schreck der Mund offen stehen: Mexiko! Sie war mir nichts, dir nichts einfach mal so einem Amerikaner in die Arme gelaufen? Der auch noch zwei Sprachen sprach? Mit dem Französisch klappte es nur äußerst mühselig, irgendwie schienen acht Jahre Schulunterricht doch nicht zu genügen, wenn man die Sprache nie in der Praxis anwenden kann. Spanisch konnte sie nicht. Zaghaft wagte sie ein: "Do you speak English?"
"Oh Jesus!" rief der Typ wie vom Donner gerührt und rutschte eine Stufe tiefer. "Why didn’t you tell straightaway?"

Mike kam aus Kalifornien - "San Francisco" - "Oooh", schmachtete Neila -, war der Sohn mexikanischer Einwanderer und von Beruf Lehrer. Er trampe allein durch Europa, sei schon in Wien, München und Berlin gewesen, auch Ostberlin, und nun wolle er sich die herrliche Stadt Prag anschauen. In Ostberlin, erzählte er, seien die Menschen viel, viel offener und freundlicher als in Westdeutschland und Westberlin. Neila schielte ihn skeptisch an, so etwas wollte sie damals nicht glauben. Sie holte ihren Konsumkuchen aus dem Rucksack, ein staubtrockenes Quadrat Fabrikstreuselkuchen, in der Assiette gebacken. Sie schämte sich, Mike so etwas anbieten zu müssen, doch der überschlug sich vor Begeisterung, mmmh, schmeckt der gut! Nun ja, ebenso wenig, wie Neila sich freundliche Ostdeutsche vorstellen konnte, kannte sie die brutale angelsächsische Höflichkeit. Sie schielte skeptisch.

Einen halben Tag lang lief und fuhr sie mit Mike durch die goldene Stadt. Eingeklemmt in einer Straßenbahn, fragte sie ihn, welches eigentlich seine Muttersprache sei. "Englisch, Spanisch und Französisch."
"Okay, aber in welcher Sprache fällt es dir am leichtesten zu sprechen?"
„Englisch und Spanisch... und Französisch."
Neila war ratlos. Dann hatte sie die Erleuchtung: "Aber in welcher Sprache träumst du?"
"Englisch und Spanisch."
An einem Markstand kaufte Mike eine Riesentüte Pfirsiche. Neila hatte sie nicht mal angeschaut, für solchen Luxus hatte sie kein Geld. Mike hingegen verteilte seine Kronen nach rechts und links und bedachte nicht zuletzt auch sie großzügig damit. Auf ihre Frage, ob Lehrer in den USA so viel verdienen, erklärte er ihr den Zwangsumtausch für Westtouristen, der nicht rücktauschbar war. Da waren Pfirsiche, Eis und Cola, geteilt mit einer netten Ostdeutschen, doch eine lohnende Investition.
Sie schlenderten, Pfirsiche mampfend, am Moldauufer entlang und zählten einander ihre Lieblingsbands auf.
"Jethro Tull!" rief Neila.
"Oh!" entzückte sich Mike. "Ich war voriges Jahr bei ihrem Konzert, da hat Ian Anderson die ganze Zeit auf einem Bein Flöte gespielt!"
"Aaah! Das hätte ich zu gern gesehen! Wo sind die denn aufgetreten? War das in San Francisco?"
"Ja! Warst du schon einmal in San Francisco?"
Sie starrte ihn entgeistert an. Wollte er sie auf den Arm nehmen?
"Dann musst du unbedingt einmal nach San Francisco kommen! Es gibt nichts Schöneres als einen Sonnenuntergang über dem Pazifik!" Er war stehen geblieben, hatte die Arme ausgebreitet und strahlte sie pazifisch an.
Neila lachte sarkastisch: "Klar, ich komme."

Am Nachmittag brach sie nach Budapest auf. Mike hatte es sich nicht nehmen lassen, sie auf die Piste zu begleiten. Die war gespickt mit Trampern. Zu Mikes Verwunderung stellte sich Neila brav hinten an. Er erwies sich als exzellenter und äußerst unterhaltsamer Trampgenosse. Er wollte nicht gehen, bevor er sie nicht sicher in einem Auto Richtung Budapest untergebracht hatte, und dafür zog er alle Register, während Neila am Straßenrand hockte und Tränen lachte. Ein dicker Skoda brauste an ihnen vorbei. Mike schickte ihm, wie ein Derwisch auf der Fahrbahn tanzend, eine Auslese köstlicher englisch-spanischer Flüche hinterher.
"Aber der hatte doch keinen Platz mehr, der war voll", presste Neila halb erstickt hervor.
"Na und?" Mike zuckte mit den Schultern und riss die Augen auf. "Der hat doch einen Kofferraum. Da kriegt er mindestens noch drei von euch unter."
Neila quietschte vor Vergnügen. "Davon hab ich immer geträumt: im Kofferraum nach Ungarn! Und was mach ich, wenn die Polizei reinguckt?"
"Na, was schon? Du lachst sie freundlich an und rufst...“ - beide Hände fuchtelten aufgekratzt das Victory-Zeichen in die Luft: "Haaa-aaaiii!"

Fortsetzung folgt