Sonntag, 4. August 2013

Lasten abgeben: die Verschüttete

Seelenreise vom 5. Juni 2012

Ich habe einfach auf Lukas gewartet, und dann galoppierte er ziemlich wild heran und wieherte und rief damit die ganze Herde Pferde herbei. Ich fragte ihn, was mit mir los sei, warum es mir körperlich so schlecht gehe, und er sagte, du musst dich ausdrücken, du musst deine innere Schönheit nach außen bringen! Aber warum schaffe ich das nicht, fragte ich, und er sagte, alles hat seine Zeit, dies ist eine Krisenphase oder so was.
Er sagte aber auch, ich müsse viele Lasten abgeben, und als ich dazu bereit war, führte er mich auf meinen Heilplatz, dem mit dem Hügel und dem Totempfahl in der Mitte. Ich hockte mich vor den Hügel und entzündete ein Feuer. Es brannte hell und warm. Ich fragte Lukas, ob ich jemanden auswählen oder der geistigen Welt die Wahl überlassen solle, und er sagte, ich solle einfach warten, wer erscheine, „so lange es eben dauert‟.

Nach langer Zeit sah ich plötzlich den Schemen einer Frau im Profil. Sie war sehr schlank, wirkte anämisch und kränklich und ließ ihren Kopf schlaff bis tief auf die Brust hängen. Ich spürte, dass das eine Vorfahrin von mir war, und ich spürte, dass sie aus der Familie meiner Mutter kam. Elend, dachte ich, Krankheit, Armut oder schwere Geburten.
Doch auf einmal hatte ich die Vision, verschüttet zu sein. Wenn man sich schnell genug zusammenrollt, schafft man sich einen Sauerstoffvorrat und kann überleben. Aber dann liegt man die ganze Zeit zusammengerollt, ohne sich strecken zu können, immer in dieser Zwangsposition, und es kann Tage dauern, bis sie einen finden! Das ist ja schrecklich, unvorstellbar! Ich fühlte diese furchtbare Enge, diese Einengung, am tiefsten Grund meiner Seele und war entsetzt und litt. Der Ziegelsarg! Immer wieder auf meinen Seelenreisen tritt dieses ausgelieferte Eingequetschtsein zutage, und mir war mit einem Mal klar, dass diese Vorfahrin von mir verschüttet gewesen sein muss, und dass dieses Trauma in der Erblinie immer noch lebendig und dass das die Last ist, die ich von ihr übernommen habe. Die Einschränkung, die Bedrängnis. Mein Trauma ist die Einschränkung, das Verschüttetsein - aber nein, es ist ja eben nicht meins, sondern ihres. Meine Aufgabe ist es, es aufzulösen für ihre Seele und alle, die nach mir kommen.
Ich gab ihr diese Last zurück, dankte ihr für die Erfahrung und wünschte ihr allen Segen auf ihrem Weg. Mir war, als sauge der Himmel sofort die ganze Last an und löse sie auf. Wer die Frau war, erfuhr ich nicht.

Dann bat ich wieder darum, unser gemeinsames Thema gezeigt zu bekommen. Es dauerte eine Weile, doch dann las ich das Wort Enge, mit Licht geschrieben, auf einem Stück Pergament. Und dieses Mal verbrannte es.

© Angela Nowicki, 3. August 2013

Freitag, 2. August 2013

Schuld - die Befreiung

Traum vom 30. Mai 2012

Wir trafen uns mit einem Freund, der vorschlug, zu einem mit ihm befreundeten Pärchen in Halle zu gehen. An deren Haus angekommen, erschien wie aus dem Nichts plötzlich mein Vater vor der Haustür. Er war zufällig dort vorbeigekommen, und ich freute mich und begrüßte ihn. Ich sagte, ich muss los, wir wollen zu Freunden, und er sagte: „Da komme ich doch mit.‟
Wir verbrachten die ganze Nacht bei diesen Freunden in unserer alten Wohnung auf der Reilstraße. Ich weiß nur noch, dass es sehr dunkel in dieser Wohnung war, aber es war ja auch Nacht, und in allen Zimmern war eine Fete im Gang. Irgendwann verabschiedete sich mein Vater und ging.
Am Morgen standen wir, einigermaßen betrunken, wieder mit unseren polnischen Freunden auf der Straße. Ich wollte los, in meine alte Wohnung auf der Reilstraße, und drängelte, aber P. unterhielt sich immer wieder mit den anderen und achtete gar nicht auf mich. Ich wartete eine Ewigkeit, aber er reagierte gar nicht auf mich, er stieß mich weg, schüttelte mich ab, ich wurde von ihm heftig zurückgewiesen, bis ich weinte und schrie und schließlich mit ihm rangelte und ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasste. Dann ging ich allein in meine Wohnung, zutiefst verletzt. P. hätte mit mir hier sein sollen.

Ich war froh, die Wohnung leer vorzufinden. Es hätte nämlich auch mein Bruder hier sein können, aber er war nicht da. So verbrachte ich mehrere Tage in der alten Wohnung, trank ständig Wein und schlief in meinem alten Jugendzimmer und hatte zum ersten Mal das Gefühl, hier wieder richtig zu wohnen. Ich hatte beschlossen, wieder ganz hierher zu ziehen. Die Wohnung war ja unbewohnt, und all unsere alten Möbel standen noch drin.
Doch am zweiten oder dritten Morgen kam mein Bruder. Mich ärgerte das, weil ich gerade aufstehen und wieder trinken wollte. Aber ich ging hin zu ihm und fragte ihn, was mit P. los sei, warum er mich verraten habe. Mein Bruder kam nämlich von unseren Großeltern väterlicherseits, und dort war auch P. Er sagte, P. sei sauer auf mich, weil die Wohnung so heruntergekommen sei. Erst verstand ich überhaupt nichts, doch mit seiner Hilfe kamen wir schließlich dahinter, dass er die Wohnung der Freunde meinte, bei denen wir die Nacht verbracht hatten. Und in diesem Moment verschmolz P. mit meinem Vater. Und ich ging auf die Palme. Ich tobte und heulte, was das für eine Schizophrenie sei: Wieso macht er mich für die Wohnung fremder Leute verantwortlich? Er hätte doch gar nicht mit hingehen müssen! Ja, im Gegenteil, fiel mir plötzlich ein, er war ja nicht einmal eingeladen gewesen, er hatte sich selbst eingeladen! Die Wohnung und die Leute hatten ihm nicht gefallen? Was, zum Teufel, hatte das mit mir zu tun?!
Dasselbe Theater machte ich noch einmal, als ich wieder mit P. zusammentraf, doch den juckte es überhaupt nicht. Er blieb unversöhnlich, stieß mich eiskalt zurück und warf mir auch noch vor, ihn geschlagen zu haben. Er hatte einen blauen Fleck im Gesicht. Ich schrie: „Verdammt, ich habe dir eine verpasst, als wir uns geprügelt haben, was willst du eigentlich? Ich habe auch etwas abbekommen!‟

Und dann war ich mit P. bei unseren polnischen Freunden - Szenenwechsel, denn hier hatten wir wieder ein normales Verhältnis. Es war der Morgen nach der Silvesterparty, und alle hatten einen ausgewachsenen Kater. Ich auch, aber es ging zu verkraften; mir war nur im Magen sehr flau, eine heftige Magenschleimhautreizung, aber ich war auf den Beinen und konnte verreisen. Das hatten wir nämlich vor gehabt, nur wollte jetzt niemand mehr, weil manche sogar darnieder lagen oder sich übergeben mussten. Ich wunderte mich, dass ich nach so vielen Jahren wieder Silvester gefeiert hatte wie früher, nämlich mich betrunken. Umso wichtiger war es, mich rückzuversichern, dass ich nichts getan hatte, wofür ich mich schämen müsste, und dass ich nur einen leichten Kater hatte. Ich hatte also in Maßen getrunken.
Die Kinder und Enkel unserer Freunde waren auch da, nun aber hatte auch ihr jüngerer Sohn ein Kind, das ich mir entzückt zusammen mit Adam betrachtete. Es sah aus wie ein Lollipop oder eine Kinderrassel - oder auch wie ein Teletubbie: ein kugelförmiger Kopf auf einem dicken, walzenförmigen Stiel und auch noch eine Öse zum Aufhängen auf dem Kopf. Und es wirkte wie aus Plastik. Aber es war fröhlich und plapperte und nickte immer wieder mit dem Kopf. Ich fragte, wie alt die Kleine sei. „Zwei Monate‟, sagte Adam. „Und wie heißt sie?‟ „Julka.‟ „Was denn - auch Julka?! Wie eure Tochter?‟ rief ich überrascht aus. „Ja‟, sagte Adam, „aber es ist ein Junge.‟

Und dann waren noch zwei junge Frauen, eine Schwarzhaarige, die sich immer leuchtend rot kleidete und schminkte, und eine natürliche - braun oder dunkelblond, und sie hatte etwas Hellblaues an. Beide waren sehr schön, aber die Schwarzhaarige war von einer auffallenden Schönheit. Vor allem aber war sie äußerst stolz und die Würde in Person. Ausgerechnet sie aber hatte sich gegenüber der anderen etwas Schlimmes zuschulden kommen lassen.
Nach über 30 Jahren trafen sich die beiden nun wieder. Natürlich waren sie gealtert, aber sie waren immer noch strahlend schön, besonders die Schwarzhaarige, die sich immer noch rot kleidete und schminkte. Wie entsetzt war ich jedoch, als ich sah, wie die einst stolze, rote Königin gebückt und zerknittert durch die Tür in den Nebenraum schlich, die Augen niedergeschlagen oder ängstlich in der Gegend umherhuschend, und mit brüchiger Stimme grob vor sich hin brabbelte. Es war klar, dass ihre Schuld sie über die Jahre hinweg so zugerichtet hatte, und nun war sie wohl gekommen, um dem ein Ende zu setzen.
Als die Hellblaue in den Nebenraum kam, der wie eine leere Zelle aussah, gingen beide mit Messern aufeinander los. Sie hielten sich gerade in einem festen Clinch umklammert, die Messer aufeinander gerichtet, als die Rote - ich hatte es fast erwartet! - ihr Messer ganz langsam umdrehte und auf sich richtete. Und zwar auf ihren offenen Mund. Sie schob sich das Messer langsam in den Rachen, drehte sich um, und da hob wiederum die Hellblaue ihr Messer und stach es der Roten ebenso langsam in den Rücken.
Und ich dachte: Sie hat es richtig gemacht. Sie hat die Schuldige von ihrer Qual befreit.

© Angela Nowicki, 2. August 2013

Donnerstag, 1. August 2013

Lasten zurücknehmen

Seelenreise vom 23. Mai 2012

Heute wollte ich meine Lasten von meiner Tochter zurücknehmen. Nachdem ich mit Lukas gesprochen hatte, rief ich sie. Sie erschien bald, und ich sagte ihr, ich werde ihr jetzt die Lasten abnehmen, die sie von mir übernommen hat, weil ich möchte, dass sie ganz und unbeschwert ihren eigenen Weg geht und zumindest unter meinen Lasten nicht mehr leidet.
Es ging ziemlich rasch: Umgehend schob sie mir eine große, vollgepackte Reisetasche entgegen. Die war sehr schwer, ich zog, Lukas half, und dann stand sie vor mir. Auspacken konnte ich sie nicht, aber ich nahm sie auf, und nichts nahm sie mir wieder ab. Alles an meinem Körper wurde jetzt nach und nach - na ja, nicht direkt schwer, eher angespannt, straff, wie gelähmt, aber es war kein unangenehmes Gefühl. Als erstes reagierte meine rechte Hand so. Dann mein Gesicht, und irgendwann war fast alles so straff gelähmt, und niemand nahm mir diese Last wieder ab. Keine Auflösung?
Ich wartete lange, und irgendwann ließ die Empfindung wieder nach, und alles lockerte sich.

Meine Tochter war noch da. Ich bat nun Lukas, mir unser gemeinsames Thema zu zeigen, möglichst schriftlich, weil ich es verbrennen möchte.
Zuerst tauchte ich in einem hölzernen Unterstand auf, genau so einem, wie man sie im Gebirge an Wanderwegen findet, einer Schutzhütte. Sie bestand überall aus roh behauenen, splitterigen Balken, auch die Sitzgelegenheiten waren solche Balken, die in regelmäßigen Abständen über den Boden verliefen.
Nachdem ich eine Weile in dieser Hütte gestanden hatte und darüber nachdachte, tauchte plötzlich ein großes, trübes Pergament vor mir auf, und auf ihm las ich deutlich und unverwechselbar das Wort

Schuld.

Ein kalter Schreck fuhr mir durch die Glieder. Es war kein Irrtum möglich, ich hatte das Wort ganz deutlich gelesen.
„Jetzt will ich es verbrennen‟, sagte ich.
Vor mir erschien eine Höhlung im Stein, es sah aus wie ein Kamin. Ich hatte Sturmstreichhölzer in den Händen und zündete eines an. Das Streichholz brannte wunderbar, mit großer, weicher Flamme, aber wenn ich es ans Reisig im Kamin hielt, brannte dort dann zwar auch ein Feuer, aber ein mickriges, als habe es nicht genug Sauerstoff oder das Holz sei feucht. Ich bekam kein ordentliches Feuer zu Stande.
Also warf ich das Pergament in das bläulich schimmernde Feuerchen. Aber es brannte nicht! Ich sah es ganz deutlich vor mir, umzüngelt von blauen Flammen und fast unversehrt. Nur der Rand schmorte ein bisschen an. Ich versuchte es immer wieder, hielt das Pergament in die große Streichholzflamme - nichts. Es wollte einfach nicht verbrennen, und dabei hatte ich das Gefühl, das Pergament sei nicht direkt feucht, sondern eher moderig, vergammelt. Durchtränkt von irgendetwas.

Schließlich gab ich es auf und ließ es im Feuer liegen. Ich sagte meiner Tochter, ich liebe sie über alles, aber sie müsse ihren eigenen Weg gehen und dürfe sich von mir nicht beeinflussen lassen. Ich wünschte ihr alles erdenklich Gute und verabschiedete sie.

© Angela Nowicki, 1. August 2013

Mittwoch, 31. Juli 2013

Lasten abgeben - Vater

Seelenreise vom 22. Mai 2012

Am Abend nach einem schlimmen Kopfschmerztag empfahl mir meine Freundin dringend, ganz stur jetzt immer Lasten abzugeben an alle Leute, die mir einfallen, und auch Lasten von meinen Töchtern zurückzunehmen, aus rein egoistischen Gründen, um meine Schuldgefühle abzubauen.

***
Beim Einschlafen rief ich nach Lukas und ließ mich ganz fallen. Er erschien auch irgendwann, und ich sagte ihm, ich wolle gern jemandem seine Lasten zurückgeben. Er solle bestimmen wem, und ich bat ihn auch zu entscheiden, wie viel dieser Lasten bei der anderen Person verbleiben sollen und wie viel die geistige Welt auflösen kann.
Dann ließ ich mich wieder fallen und wartete einfach. Eigentlich dachte ich am ehesten an meine Mutter, aber ich ließ all meine Vorstellungen versinken. Nach ganz langer Zeit erschien urplötzlich das Passbildgesicht meines Vaters vor mir. Ich habe es richtig deutlich gesehen und erkannt! Das ist interessant - es ist schon das zweite Mal, dass ich die Person nicht festgelegt habe, und jedesmal erscheint von selbst die väterliche Familie. Dabei bin ich eigentlich überzeugt, die meisten Lasten von meiner Mutter übernommen zu haben.

Ich begrüßte meinen Vater und sagte, ich danke ihm für alles und habe ihn auch lieb, aber ich werde ihm jetzt seine Lasten zurückgeben, denn es seien seine und nicht meine. Dann wartete ich und konzentrierte mich Schicht für Schicht auf meinen Körper.
Während ich so im Empfinden meinen Körper von oben nach unten durchwanderte, passierte gar nichts. Doch eine Weile, nachdem ich damit durch war, spürte ich ganz deutlich einen starken Druck auf und um den Kopf, als sei der Schädel zu eng für das Gehirn, und kurz danach auch in den Füßen und Unterschenkeln. Ich blieb ganz gelöst und wartete, bis der Druck allmöhlich nachließ, bis er ganz verschwunden war.
Noch einmal bedankte ich mich bei meinem Vater und sagte, er möge jetzt in Frieden gehen, und ich werde meinen eigenen Weg gehen.

Es passierte dann gar nichts mehr, und als ich Lukas bat, das gemeinsame Thema zwischen mir und meinem Vater gezeigt zu bekommen, passierte auch nichts.

© Angela Nowicki, 31. Juli 2013

Dienstag, 30. Juli 2013

Sichtachsen

Tagebucheintrag vom 12. und 15. Mai 2012

Und dann hatte ich im Bade noch eine Erleuchtung, eine emotionale wieder, wie sie sich in letzter Zeit auffällig häufen: Ich hatte mich bis dahin heute erst mal nur mit meiner Venussequenz beschäftigt. Daraus ging hervor, dass es schon immer meine Abwehrstrategie gewesen sein muss, keine Schwäche preiszugeben, nach dem Motto: „Mich verletzt hier keiner!‟ Äußerlich stimmt das ja, aber spätestens seit meiner Tramperzeit war diese Maske nicht mehr zu halten, da hatte ich regelmäßige Zusammenbrüche vor anderen, die mir natürlich unvorstellbar peinlich waren.
Und warum? Woher kam diese Persönlichkeitsänderung? Von der Scheidung! Wenn meine Eltern sich nicht hätten scheiden lassen (oder früher! oder später!), wäre ich womöglich für den Rest meines Lebens in diesen Vermeidungsmustern stecken geblieben und hätte es nicht mal gemerkt.
Und was heißt das? Die Scheidung meiner Eltern war ein Segen für mich!
Und was war mit meinem Alkoholismus? Der hatte noch einen anderen Zweck als das, was ich bisher - völlig zu Recht - als richtig erkannt hatte: Es waren auch Ausbrüche aus dieser Vermeidungshaltung. Dieser ständigen Stärkestellung - wie nennt Döbereiner Sonne-Saturn? „Ständig in Willenshaltung und unter Absicht‟ - jawoll! Mir die Rübe vollzuknallen, war meine einzige Möglichkeit, meine innere Schwäche auszuleben, die in mir wütete wie Ägyptens Plagen. Wenn ich nicht gesoffen hätte, wäre ich vielleicht versteinert.
Und was heißt das nun wieder? Mein Alkoholismus war ein Segen für mich!

Die größte Scheiße in meinem Leben war in Wirklichkeit der größte Segen für mich!

Und das war mal keine intellektuelle Erkenntnis, sondern ein emotionales Begreifen.

***

Heute taucht plötzlich wieder das Gefühl auf, dass mein Traum, den ich jetzt endlich (wieder)gefunden zu haben glaubte, doch nicht das Gelbe vom Ei ist. Dass ich eigentlich im Innersten immer von ganz materiellem Glück geträumt habe: ein schöner Wohnort, eine schöne Wohnung, gutes Aussehen, bunte Klamotten und vor allem - viele Freunde, viele Abenteuer, viele Reisen und emotionale Erlebnisse. Ich komme an diese Vision aber nicht ran. Ich weiß nicht, ob das nur ein Loch ist, das erst mal aufgefüllt werden muss, um dann den eigentlichen Traum hervorzubringen, oder ob es der Traum ist... Weil ich so vieles nicht wissen kann: wie die Freunde beschaffen sein müssten, unter denen ich mich wirklich glücklich fühle, ob ich denn dauernde Reisen überhaupt aushalten würde, wieso ich mich dann seit Jahren so konsequent zurückziehe, weil Kontakte mich schlauchen, und noch so vieles mehr...
Am Ende läuft doch wieder alles darauf hinaus, dass ich eh nichts anderes machen kann, als ich mache, dass sich also an meinem äußeren Leben durch solche Überlegungen kein Deut ändern wird, denn den Wohnort habe ich ja nun schon fest anvisiert.
Aber abends öffnete sich mir eine weitere Sichtachse: dass ich während meiner ganzen Kindheit verpuppt war und diese Verpuppung mit der Scheidung aufgebrochen ist. Was bedeutet, dass ich in meinen paar wilden Jugendjahren tatsächlich das erste und einzige Mal „ich‟ war, aber es war ein Ich im Larvenstadium, ein diffuses, unbekanntes, völlig chaotisches Ich. Dann fiel wieder der Vorhang, über zwanzig Jahre lang. Seit der Jahrtausendwende bin ich zum zweiten Mal auf dem Weg zu mir, dieses Mal aber ganz anders. Nicht so radikal von allen äußeren Fesseln befreit wie damals, wo ich denn ja auch sofort jeglichen Halt verlor. Dieses Mal mit Halt, in einem komplexen Krückengerüst, daher abgesichert, daher aber auch mühseliger...
Verrücktes Leben.

© Angela Nowicki, 30. Juli 2013

Montag, 29. Juli 2013

Däumelinchen

Traum vom 22. April 2012

Alle beschäftigten sich mit Paul, und niemand nahm seine kleine Schwester wahr. Ich wunderte mich, dass das ältere Kind mehr Aufmerksamkeit erhielt als das jüngere.
Es war ein unheimlich niedliches kleines Mädchen, gerade daumengroß. Ihr Vater konnte ihrer nicht Herr werden, denn sie war dauernd verschwunden, ging ihre eigenen Wege. Ich war ständig hinter ihr her, denn ich fand, sie müsse doch etwas essen. Sie aß so wenig, zum letzten Mal hatte sie wohl frühmorgens gegessen und auch da nur eine spatzengroße Portion, und jetzt war später Nachmittag. Es war da ein Teller mit einem orangefarbenen Fruchtbrei, doch den wollte sie überhaupt nicht, sie rannte immer weg oder spuckte ihn wieder aus, wenn man versuchte, ihn ihr in den Mund zu stecken. Etwas unterhalb dieses Breis steckte aber auch noch ein leuchtend roter. Ich war überzeugt, dass sie den mochte, sie bekam ihn nur nie.
Auf einmal schlüpfte sie geschwind in eine kleine, runde Hülse, so groß wie ein Urinröhrchen, so klein war sie. Ich machte ihren Vater darauf aufmerksam: „Schau, ich glaube, sie hat sich allein schlafen gelegt.‟ Aber sie war zu unruhig, um zu schlafen - schwupp! war sie wieder weg. Wieder lief ich hinter ihr her und suchte sie, um sie zu füttern. Ich tat das, weil ich überzeugt war, dass ein Kind mindestens drei Mahlzeiten am Tag braucht und auch noch ordentliche. Seltsamerweise machte der Winzling aber den Eindruck, als brauche er eben keine drei Mahlzeiten. Der Kleinen genügten sehr seltene Spatzenportionen, wenn überhaupt. Ich begann laut zu überlegen, ob sie sich nicht von Licht ernähre. Vielleicht war es eine Elfe?
Endlich hatte ich sie und wollte ihr den roten Brei geben. Sie saß ganz erwartungsvoll da, offensichtlich würde sie endlich essen. Doch als ich ihr den Löffel in den Mund steckte, spuckte sie sofort wieder - ich hatte ihr aus Versehen den orangefarbenen Brei verabreicht. Wie ich mich auch mühte, roten Brei auf den Löffel zu bekommen - es schob sich immer der orangefarbene drauf.

© Angela Nowicki, 29. Juli 2013

Sonntag, 28. Juli 2013

Die verschollene Mutter

Traum vom 5. April 2012

Wir waren in Berlin, und dort ist meine Mutter verschollen. Als wir wieder nach Hause kamen und ich am nächsten Morgen aufstand, sah ich, dass die Wohnungstür noch sperrangelweit offen stand und das Zimmer meiner Mutter leer und ihr Bett unberührt war. Sie hätte im Verlauf des vergangenen Tages heim kommen müssen, und sie war nicht gekommen. Ich sagte zu meinem Mitbewohner: „Meine Mutter ist nicht nach Hause gekommen! Wir müssen sie als vermisst melden!‟

Und dann begann ein ewiger Gang zur Polizei, der nie vollendet, sondern durch ständig neue Ereignisse abgelenkt wurde. Einmal bemerkten wir, als wir auf die Straße meiner Kindheit kamen, eine Unruhe. Passanten starrten immer wieder irgendwohin auf der anderen Straßenseite. Dort war ein Haus eingerüstet, aber was sollte sein? Da war nichts. Erst als wir zum zweiten Mal rauskamen, sahen wir, dass ein Bauarbeiter offensichtlich vom Gerüst abgerutscht war und nun in der Luft hing und um Hilfe rief. Es war eines der alten Holzgerüste, und der Bauarbeiter hing zwischen den Streben einer diagonal nach oben führenden Leiter.
Mittlerweile war schon die nächste Nacht vergangen, und meine Mutter war noch immer nicht da. Ich begegnete im Hausflur unserem Hausbesitzer und erzählte ihm das. Selbst im Traum fragte ich mich, was das den eigentlich angehe, doch offensichtlich ging es ihn an, er konnte da wohl auch etwas unternehmen, aber der hier nahm es nur zur Kenntnis. Es war ein junger Mann, und er schien irgendwie zu unseren Freunden zu gehören.
Unterwegs in der Straßenbahn zur Polizei überlegte ich, was ich antworte, wenn sie mich fragen, warum wir die Vermisstenanzeige erst so spät aufgeben. Die richtige Antwort fiel mir zum Schluss ein: Die Polizei macht doch ohnehin nichts, bevor nicht mindestens zwei Tage vergangen sind.

Es war so, dass auch mein Mitbewohner und andere mich immer wieder von der Suche nach meiner Mutter ablenkten und ich dann irgendwann zu drängeln begann. Ich sagte, ich sei ganz sicher, dass ihr etwas passiert sei - entweder habe sie einen Unfall gehabt, oder sie habe sich verirrt in Berlin. Wir müssen sie finden!

© Angela Nowicki, 27. Juli 2013