Montag, 1. Juli 2013

Das Kind, die Finsternis und Tantes Gallenwerte

Traumsequenz vom 18.-20. Oktober 2011

Heute war das obligatorische Baby, von dem ich seit Jahren träume, zum ersten Mal älter geworden! Ich habe von meinem Enkel geträumt, der plötzlich anderthalb oder zwei Jahre alt war, unheimlich gewachsen und unheimlich dünn geworden, worüber ich sehr staunte.

***

Im Klo ging das Licht nicht an. Ich versuchte es mehrmals, dachte dann, die Birne sei kaputt, und wollte Licht im Flur machen, damit ich nicht ganz im Finstern auf dem Klo sitze. Das Flurlicht ging aber auch nicht an, das zweite ebenfalls nicht, und auch in der Küche tat sich nichts. Alle Birnen kaputt? Kurz zuvor hatten die Lampen noch alle gebrannt, auch die im Klo. Und plötzlich gingen sie nicht mehr. Und ich hatte wieder einmal Angst vor der Dunkelheit.

***

Ich hatte mit meiner Tante beim Abschied verabredet, dass ich sie nicht noch einmal anrufe, da es ja schon nach sieben Uhr abends war. Dann rief sie mich doch an. Meine Tochter ging ran, und ich hörte, wie meine Tante in ihrem langgezogenen, klagenden Ton sagte: „Mich hat noch gar niemand angerufen...‟ Sofort nahm ich meiner Tochter das Telefon aus der Hand und sagte laut und ärgerlich, wir hätten das doch verabredet, dass ich nicht noch mal anrufe. Sie konnte sich nicht daran erinnern, stimmte auch nicht zu, sondern schien unzufrieden zu sein. Sie fragte - und es klang leicht pikiert -, ob ich ihre Gallenwerte wissen wolle. So, als sei in den zwei, drei Stunden, seit wir uns von ihr verabschiedet hatten, etwas Wichtiges passiert und sie wolle mir Schuldgefühle machen, weil ich nicht danach fragte.
„Nein, ich will deine Gallenwerte nicht wissen!‟ entgegnete ich.
Davon wurde zwar die Tante nicht zufriedener, doch der Traum versickerte langsam wie ein Fluss in der Wüste...

© Angela Nowicki, 1. Juli 2013

Sonntag, 30. Juni 2013

Der dritte Weg

Tagebucheintrag vom 16. Oktober 2011

Diese billigen Masken. Den Schmerz zu betäuben mit dem Gedanken, dass Schmerzen nicht sein sollen, geistige Anästhesie. Natürlich, der Schmerz ist auf Dauer nicht auszuhalten, man sucht nach Lösungen, und ich glaube wirklich, dass es nicht richtig ist, sich ihm einfach hinzugeben. Einfach, weil davon nichts geheilt wird, und ich glaube an eine Heilungsmission. Ja? Und was ist mit den Depressionen von D.? Dir fallen ohnmächtig die Arme runter, und alles, was dir noch einfällt, heißt Aushalten? Es muss noch einen dritten Weg geben, der weder billig noch fatalistisch ist, aber vielleicht ist dieser dritte Weg, dieser Heilweg doch der Fatalismus? Vielleicht heilt der Schmerz, indem man ihn nicht nur aushält, sondern auch durchlebt, sich in ihn fallen lässt?

Das Fallenlassen ist gleich das nächste Thema. Was hält mich davon ab, ganz in meinem Tun zu versinken? Andere Leute? Die angekündigten Besuche der kommenden Wochen sind eigentlich eine wunderbare Chance, das mal genau zu beobachten. Hindern sie mich wirklich, d.h. ist es mir in der Gegenwart anderer, selbst wenn sie gar nichts von mir wollen, wirklich nicht möglich, in meinem Tun zu versinken, no way? Und wenn ja, warum. Und so weiter.
Termine? Ja, ich glaube, es ist eine tief sitzende Angst davor, nicht wieder rechtzeitig aufzutauchen, über die ich keine Kontrolle habe. Doch um all das ein weiteres Mal und bewusster erkunden zu können, muss ich überhaupt erst einmal - allein und ohne Termine - in der Lage sein, ganz in meinem Tun zu versinken. Was ich gerade nicht bin, allerdings hatte ich ja in den vergangenen drei Monaten ständig Termine und auch immer wieder andere Leute um mich. Das Mögliche aus der Mitte der Verhinderung heraus zu versuchen - was für hein heroischer Hakt!

Seit einigen Tagen baut sich nachts, vorwiegend beim Schlafengehen, ein immer stärkerer Druck auf, Bücher zu schreiben, wozu ich tagsüber nicht die geringste Lust habe. Und das werfe ich dann Menschen und Terminen vor. Es ist aber meine Lust, die ich wohl nicht einmal mir vorwerfen muss, denn das Tun ergibt sich erfahrungsgemäß - ja, inzwischen auch erfahrungsgemäß, hurra! - aus einem Intialdruck, der aber erst aufgebaut werden muss. Offensichtlich nachts beim Schlafengehen.

Ganz in meinem Tun versinken. Das habe ich heute getan! Es genügt doch ein Willensakt, wenigstens um erst mal reinzukommen. Ich habe - ein erstes Mal, sicher werden mehrere solcher Erfahrungen notwendig sein - erfahren, dass
ich keinen Termin verpasse, man kann schmerzlos auftauchen
ich nur so die volle Befriedigung aus meiner Tätigkeit erreiche (aber das war ja vorher schon klar)
ich effizienter arbeite!

Abends habe ich wieder wegen D. gelitten. Meine Schuldgefühle werden in letzter Zeit immer massiver, und da die Parole ja lautet „laufende Themen bearbeiten‟, werde ich damit wohl sofort etwas tun müssen.
Aber nicht nur Schuldgefühle, auch die Umkehrung: Ich erinnerte mich sofort, dass sie noch voriges Jahr im Urlaub sich so gefühllos mir gegenüber verhalten hat. Vor allem aber erinnerte ich mich, wie sie mich vor vielen Jahren einmal moralisch (durch abweisende Kälte) gezwungen hat, mit höllischer Migräne mit ihr ins Theater zu gehen, und wie ich da gelitten habe...

© Angela Nowicki, 30. Juni 2013

Samstag, 29. Juni 2013

Feuerlinien

Traum vom 2. Oktober 2011

Beim Aufwachen sah ich kurz eine Feuerlinie in der Steppe, ein niedriges Feuer, und ich wusste oder hörte oder dachte:

„Ein Gegenfeuer zur Auslöschung der Vergangenheit.‟


Tagebucheintrag vom 13. Oktober 2011

Und wieder runter... Gestern ging's mir so gut, als sei ich nach über drei Monaten des Schwimmens im Meer mit gelegentlichem Fast-Absaufen endlich mal kurz auf einer Insel gelandet. Dass das nur eine Insel war, sehe ich heute: Ich liege schon wieder im Meer...
Was mich vor allem fertig macht, ist, dass ich nach wie vor mich dafür entschuldige, rechtfertige, erkläre, klein mache, dass ich bin, wie ich bin. Die anderen rechtfertigen sich doch auch nicht dafür, dass sie Weihnachten brauchen! Für sie ist das selbstverständlich, DIE NORMALITÄT, das Richtige, und sie fühlen sich richtig, und ich bin falsch - wenn nicht, weil ich Weihnachten nicht will, dann, weil ich mir nicht einfach nehme, was ich will. Ha-ha! Was wäre denn, wenn ich sagen würde, ich hab die Schnauze voll, ich fahre über Weihnachten weg? Dann wäre ich trotz allem die Böse. Die Falsche, excusez-moi.

© Angela Nowicki, 29. Juni 2013

Freitag, 28. Juni 2013

A day in the life

He didn't notice that the lights had changed.

Tagebucheintrag vom 27. September 2011

Am Eingang des Sozialgerichts renne ich gegen zwei Justizbeamte, die Personenkontrollen durchführen, und werde zurückgeschubst zum Pförtner. Der kommuniziert mit mir über ein Mikrofon, ich wette, das ist Panzerglas zwischen ihm und mir.
„Haben Sie Ihren Widerspruchsbescheid mit?‟
„Ich habe alle Unterlagen mit.‟
„Legen Sie bitte den Widerspruchsbescheid in den Kasten.‟
„Das ist ein bisschen komplizierter...‟
„Ich brauche nur den Widerspruchsbescheid.‟
„Ja, aber hören Sie, so einfach ist das nicht, es...‟
„Nur den Widerspruchsbescheid, alles andere können Sie der Beamtin erzählen!‟
Der männliche Sicherheitsbeamte erklärt mir dasselbe von der Seite: „Geben Sie ihm nur den Widerspruchsbescheid, er braucht ihn nur zum Kopieren. Die Kopie bekommt dann die Rechtspflegerin, und der können Sie dann die ganze Geschichte erzählen.‟
Ich gebe mich geschlagen und lege nur den Abhilfebescheid in den Kasten.
Der Pförtner betrachtet ihn lange und gründlich von allen Seiten, einschließlich der angehängten Rechnungen. Schließlich meint er unsicher: „Das ist doch aber kein Widerspruchsbescheid...‟
„Doch, das ist der Abhilfebescheid für unseren Widerspruch.‟
„Hier steht aber nicht drin, dass Sie Klage erheben können...‟
„Dafür kann ich doch nichts.‟
„Dann müssen Sie erst mal Widerspruch gegen diesen Bescheid erheben.‟
„Ich will diesem Bescheid doch gar nicht widersprechen, der ist doch bestens! Ich will nur das Geld endlich haben, das mir daraus zusteht!‟
Resigniert schiebt er mir die Papiere zurück: „Erzählen Sie einfach alles der Kollegin...‟
„Ich habe Ihnen doch gesagt, es ist kompliziert!‟
Der weibliche Sicherheitsbeamte lässt mich mein Handgepäck auf den Tisch neben dem Detektorentor packen. Meine Handtasche hat sechs Reißverschlüsse, alle muss ich öffnen, überall stöbert sie herum, nur den sechsten, in dem die Zigaretten stecken, muss sie übersehen haben.
„Haben Sie Nagelfeilen, Scheren oder so was einstecken?‟
Der Foliebeutel, in dem ich meine Unterlagen mitgebracht habe, ist jetzt leer, die Dokumente liegen verstreut daneben auf dem Tisch.
„Haben Sie noch irgendwelche Metallgegenstände am Körper...‟
„Ja, meine Gürtelschnalle.‟
„... dann gehen Sie ohne Ihre Taschen durch dieses Tor. - Sauuuber!‟
(„Bist ein braves Mädchen‟, lobt Mutti.)
Ich werde ins Wartezimmer der Klagestelle, zwei Türen weiter, geschickt.

Es ist ein fast quadratischer, kleiner Raum mit vier kahlen weißen Wänden, einem kleinen Tisch und zwei Stühlen in der Mitte. Hier sitze ich und warte endlos aufs nächste Verhör, jeden Tag, immer wieder endlose Stunden in diesem kleinen kahlen Raum, in dem die Sekunden zu Gelee werden, immer fester, bis sich gar nichts mehr bewegt...
Die Erinnerung hat mit voller Wucht zugeschlagen, und ich frage mich plötzlich, ob all dies - die Personenkontrollen, die zellenähnlichen Warteräume - nicht absichtliche Taktik ist, um sensiblere Menschen vom Gang zum Sozialgericht abzuschrecken. Anders ergeben gerade die Kontrollen für mich keinen rechten Sinn. In den Jobcenters wären sie angebracht, da ja, dort wird Aggressionspotenzial geschürt, aber beim Sozialgericht? Hier wird den armen Schweinen doch geholfen. Oder sollte jedenfalls, aber manche SGs haben einen ganz guten Ruf, das hier inbegriffen. Warum sollte da jemand die kostenlose Rechtspflegerin mit einer Nagelfeile erstechen wollen?
Ich ertrage die viertelstündige Wartezeit, gefühlte drei Stunden, nur, indem ich versuche, Bilder im Überfluss an die weißen Wände zu imaginieren. Trotzdem muss ich alle zwei Minuten auf den Flur rennen. Sitzen kann ich gar nicht, keine Ahnung warum. Ich kreise wie der Tiger durch seinen Käfig und kenne nach zehn Minuten selbst die kleinsten Details auswendig: wo der Fußboden knistert, wenn man drüberläuft, aber nur einmal, wo jemand gegen die Wand getreten hat, die Nummer auf dem Rauchmelder an der Decke, die Anzahl, Ausrichtung und Form der Sonnenstrahlen, die durch die heruntergelassenen Jalousien fallen, Gitter light...
Dann klappt die Tür nebenan, und kurz danach holt mich eine kleine, ältere Frau in die Klagestelle.

Erst kommt sie ewig nicht in ihre Software rein. Ich schweige, sie fuchtelt wie eine Besessene mit der Maus über die Tischplatte. Nach fünf Minuten wird sie weich: „Ich komme einfach nicht rein...‟
„Passwortgeschützt?‟ frage ich.
„Nein. Ich komme nicht in das Aktenzeichen... Aaah, jetzt bin ich drin! Ich hatte vergessen, OK zu drücken.‟
„Ja, manchmal sind es die banalsten Sachen...‟ ‚Die dümmsten Fehler‘, hätte ich fast gesagt, konnte mir grad noch so auf die Zunge beißen.
Sie setzt erst mal die Klage auf, dabei weiß sie noch gar nicht, worum es geht, und ich habe ihr gesagt, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob es eine Klage werden kann.
Endlich erzähle ich dir die wirre Geschichte. Sie versteht sie sogar, ist aber mit ihrem Latein am Ende, weil, wie sie sagt, „gar kein Schriftstück von diesem Jahr vorliegt‟. Der Bescheid und der Widerspruch dagegen sind schon drei Jahre alt, der Abhilfebescheid gegen den Widerspruch ein Jahr. Ich habe noch zwei Schreiben mit, mit denen wir die daraus hervorgehende Zahlung angemahnt haben, eines vom vorigen Jahr, eines vom Februar dieses Jahres.
Sie gibt auf und telefoniert nun das halbe Gericht ab, um jemanden zur Hilfe anzufordern. Endlich hat sie Glück. Eine junge Juristin kommt geeilt. Zum zweiten Mal erzähle ich die wirre Geschichte. Die Juristin hat dasselbe Problem wie die Rechtspflegerin: kein Schreiben vom Jobcenter von diesem Jahr. Wieder schiebe ich ihr unsere Mahnschreiben unter die Nase.
„Ja, Sie sind ja tätig geworden...‟, überlegt sie unsicher. „Sie hätten aber Widerspruch gegen diesen Bescheid...‟
„Wogegen sollte ich denn widersprechen? Dort steht doch, dass unserem Widerspruch in vollem Umfang stattgegeben wird! Da widerspreche ich doch nicht, ich will nur, dass sie dann auch endlich zahlen, was im Widerspruch eingefordert wurde. Ich kann doch nichts dafür, wenn das Jobcenter ein Jahr lang nicht reagiert!‟
„Ja, da haben Sie Recht‟, seufzt sie, immer noch unsicher, und dann hat sie die Erleuchtung:
„Das ist eine Untätigkeitsklage!‟ weist sie die Rechtspflegerin an. „Natürlich, Sie nehmen jetzt eine Untätigkeitsklage auf. Und Sie legen eine Kopie des Abhilfebescheids bei.‟
Nachdem sie sich verabschiedet hat und die Klage endlich aus dem Drucker raus und unterschrieben ist, frage ich die nette kleine Frau nach den Fristen, in denen das Jobcenter nun reagieren muss.
„Also, bei einer normalen Klage haben sie acht Wochen Zeit, um Stellung zu nehmen. Bei einer Untätigkeitsklage weiß ich nicht, wann das Jobcenter mal geruht...‟
„Aber es gibt doch gesetzlich vorgeschriebene Fristen, an die sich auch das Jobcenter halten muss!‟
Darauf bekomme ich keine Antwort mehr.

***

Befreit und wie auf Flügeln schwebe ich rüber in die Hobby Welt. Natürlich haben sie immer noch keine leeren Aquarellkästen.
„Weil die so teuer sind. Da kostet einer 26 Euro, das sind die einzigen von Schmincke, und einen anderen Anbieter habe ich noch nicht gefunden.‟
„Das ist allerdings ein bisschen teuer“, gebe ich zu, denke jedoch an die Kästen für 6 und 16 Euro beim Farben-Merz, deren Anbieter ich allerdings nicht kenne.
Ich packe mir einen Radiergummi und drei Knetgummis ein. An der Kasse steht eine Schlange - ein ungewohntes Bild! Als endlich der Mann vor mir dran ist, ein kleiner, gebeugter, alter Mann, der etwas Winziges gekauft hat, was die Verkäuferin immer als „Sieben‟ betitelt, findet die Kassiererin diese „Sieben‟ nicht in irgendeiner Liste. „Na, wo ist denn die blöde Sieben?‟
„Die ist nicht blöd!‟ knurrt der Mann.
„Natürlich nicht‟, beeilt sie sich zuzugeben.
Sie ist aber schon sehr locker drauf. Als ich ihr meine Radiergummis von hinten in die geöffneten Hände schütte, singt sie fast: „Ra-diiieer-gummiiieees!‟

***

Der Weg zum Farben-Merz ist wieder anstrengend, wieder ist es viel zu warm, die Sonne blendet, und auf der Reitbahnstraße gibt es keinen Schatten. Mein Gesicht brennt.
Dieses Mal ist er im Laden, es ist offen. Als er mir den Kasten zu 16 Euro zeigt, fragt er mich, ob ich eine Ausbildung oder Kurse mache.
„Nein, gar nichts‟, sage ich. „Ich wurstele mich ganz alleine durch, nur ein Forum habe ich im Internet...‟
Und schon verwickeln wir uns in eine lange Diskussion über Internetforen im Allgemeinen und das Happypainting im Besonderen. Er ist ungeheuer misstrauisch gegenüber allen Foren. „Ja, woher weiß man denn, ob die Leute, die einem da Ratschläge geben, wirklich Ahnung haben? Und wenn sie die Bilder, die sie reinstellen, gar nicht selber gemalt haben?‟ Wieder und wieder kommt er auf das Thema zurück, und als ich schon bezahlt habe und gehen will, fragt er nach der Adresse dieses Forums.
„Wenn Sie aber die Bilder sehen wollen, müssen Sie sich anmelden.‟
„Schon klar. Und was wollen die bei einer Anmeldung alles von einem wissen? Die Kontodaten?‟
Er grinst.

***

Die Stadtbibliothek nehme ich im Sturzflug. Ich packe ein Buch über Acrylmalerei ein, das endlich mal wirklich die ganze Materie abzudecken scheint, und fliege rüber zur Belletristik. Da ereilt mich eine herbe Enttäuschung: Unsere Stadtbibliothek, dieser so gut bestückte Hort der Bildung, hat nicht ein einziges Buch von Jorge Luis Borges! Ich habe im Computer nachgesucht: Nur zwei Bücher auf Spanisch haben sie von ihm, in der internationalen Abteilung, und eines, das man bestellen kann. Kein Borges?! Das ist unerhört. Das ist doch Weltliteratur!
Dafür gibt es Cortázar, drei Bücher sind gerade ausleihbar, ich nehme alle drei mit, darunter das deutsche Rayuela. Ich freue mich wie wild, denn seit ich selbst schreibe, komme ich irgendwie nicht mehr an fremdsprachige Literatur heran. Die kongeniale polnische Übersetzung von Zofia Chądzyńska, die mich jahrzehntelang so begeistert hat, hat plötzlich eine Mauer gebildet und lässt mich nicht mehr zu den Bildern durch.
Natürlich ist mein Ausweis schon wieder abgelaufen, ich muss zahlen. 18 Euro kostet ein Jahresabonnement mittlerweile! Wenn das noch teurer wird, könnte man langsam überlegen, ob man dann nicht doch die Bücher gleich selber kauft. Dabei wollte ich meine persönliche Bibliothek demnächst ganz abschaffen!

***

An der Bushaltestelle steht gerade eine 32, Fahrerwechsel. Ich springe dem einsteigenden Fahrer hinterher: „Fahren Sie jetzt gleich los?‟
„Ich denke schon...‟
„Sie denken schon?‟ lache ich. Wenn er noch fünf Minuten braucht, könnte ich nämlich auch auf die 31 warten, da hätte ich ein Stück weniger zu laufen bis nach Hause.
Zum ersten Mal seit Jahren passiert mir wieder eine Fahrscheinkontrolle. Ein gestandener Mann in den Vierzigern, und wieder einmal frage ich mich, was Menschen treibt, andere zu bespitzeln. Doch da hat sich wohl einiges geändert, wenigstens bei der CVAG.
Das jugendliche Pärchen hinter mir fährt schwarz. Als ich das mitbekomme, spitze ich die Ohren. Vor etlichen Jahren noch habe ich mehrmals miterlebt, wie fies Kontrolleure Schwarzfahrer in der Öffentlichkeit bloßstellten.
Hier höre ich jetzt: „... bekommen Sie eine Zahlungsaufforderung, und wenn Sie die haben, müssen Sie gleich reinkommen. Wir bieten ja verschiedene Vergünstigungen an, Sie müssen nicht alles auf einmal bezahlen, das geht auch in Raten. Und, ich sag mal, ein Nachlass von fünf Euro ist immer drin. Das müssen Sie aber aushandeln, dazu müssen Sie reinkommen.‟
„Wie ist das jetzt?‟ plappert der Junge unbekümmert drauf los. „Ich bin vor ein paar Monaten schon mal beim Schwarzfahren erwischt worden, da...‟
Ein paar Sätze verstehe ich nicht, dann kommt die Akustik wieder.
„Ja, das Problem ist‟, sagt der Kontrolleur gerade, „dass das dann gleich zur Anzeige kommt. Dann geht das die CVAG nichts mehr an, und dann geht es mich nichts mehr an.‟
Er spricht mit einer ruhigen, sachlichen, freundlichen Stimme. Kein Vorwurf, keine Bloßstellung. Er gibt kompetente und sogar mitfühlende Auskunft.
„Deshalb müssen Sie gleich reinkommen, wenn sie die Zahlungsaufforderung bekommen, nur so lässt sich noch etwas aushandeln.‟
Der Junge meint, er könne auch gleich bezahlen, morgen schon.
„Na ja, Sie könnten auch gleich bei mir 40 Euro bezahlen, das wäre noch eine andere Option. Wenn Sie das Geld jetzt aber nicht bei sich haben, müssen Sie reinkommen. Ich schreibe das alles auf, ich schreibe dazu, dass Sie gleich bezahlen wollen, dass sie also warten sollen mit der Anzeige...‟
„Ich komme morgen gleich rein!‟ ruft der Junge eifrig.
„Nicht so eilig‟, schmunzelt der Kontrolleur. „Morgen noch nicht gleich, das muss ja erst durchgereicht werden. Aber im Laufe der nächsten Woche...‟

Als ich beim Mittagessen P. diesen Vorfall berichte, erinnert er sich, dass sein Kollege erst vor einigen Tagen von einem ähnlichen Vorfall erzählt hat. Auch er war vor einiger Zeit beim Schwarzfahren erwischt worden und hatte dem Kontrolleur gesagt, das Jobcenter habe sein Geld noch nicht überwiesen: „Ich warte seit Wochen auf dieses Geld, ich hab's schon mehrmals angemahnt, ich kann mir zurzeit einfach keinen Fahrschein kaufen.‟
Der Kontrolleur hatte das alles aufgeschrieben, und nach ein paar Wochen hatte er von der Staatsanwaltschaft ein Schreiben erhalten, in dem man ihm mitteilte, dass die Sache zu den Akten gelegt wurde. Er brauchte gar nicht zu bezahlen.
Das nenne ich doch mal soziale Kulanz! Die Gerechtigkeit kann die CVAG nicht beeinflussen, aber wenigstens scheinen sie zu wissen, wie es vielen Menschen in dieser Region geht, und ihre praktischen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

© Angela Nowicki, 28. Juni 2013

Donnerstag, 27. Juni 2013

Wenn du nachts von Fahrrädern träumst...

Tagebucheintrag vom 27. September 2011

... und dann vom Bus aus zwei ältere, völlig verschiedene Frauen an der Haltestelle siehst, die genau die gleichen Polo-Shirts an haben - himbeerfarben mit schmalen, weißen Streifen - und sich auch noch so fern voneinander wie möglich halten, als solle niemand auf die Idee kommen, sie gehörten zusammen,
und du dann einen steilen Berg hinunter läufst, direkt auf ein riesiges, himbeerfarbenes Schild zu mit der Aufschrift „Fahrräder‟
und dir unten am Berg eine Radfahrerin mit Spitzentuch und Spitzenhaube fast über die Füße fährt , obwohl du hier noch nie Radfahrer gesehen hast, der endlose, breite Radweg ist sonst immer leer,
dann weißt du, dass dir auf der anderen Straßenseite ein ganzer Pulk Radfahrer mit Helmen und Handschuhen entgegen kommt, die dich an die Hauswand drängen, weil hier kein Radweg und der Fußweg eng ist.

Hoffnung und Unruhe.
Das Sozialgericht.
Eine junge Frau trägt Essenboxen ins Haus.
„Guten Tag, ich möchte eine Klage aufnehmen lassen gegen das Jobcenter.‟
„Eine Klage? Da müssen sie aber zum Sozialgericht.‟
„Und wo bin ich hier?‟
„Das ist das Landessozialgericht.‟
„Aber wir waren doch immer hier. Ist das erst seit kurzem so?‟
„Seit zwei Jahren.‟
„Und wo ist das Sozialgericht jetzt?‟
„In der alten Hauptpost. Wissen Sie, wo das ist?‟
„Ja. Auf Wiedersehen.‟
Eine ältere Frau zeigt dir den Weg über die Straße.
Das Landessozialgericht.
Enttäuschung und Ruhe.

Wenn das rauchende Mädchen mit dem übellaunigen Gesicht neben dir an der Haltestelle schwanger ist
und das unablässig hustende, rotblonde Mädchen im Bus mit dem geröteten, schweißnassen Gesicht und mp3-Player im Ohr, zwei Sitze vor einer jungen Frau mit mp3-Player im Ohr - die einzigen jungen Frauen, alles andere sind Männer und eine alte Frau -, sich gleich nach dem Aussteigen eine Zigarette anzündet,
dann weißt du, dass an der gegenüber liegenden Haltestelle ein Mädchen mit einem mp3-Player im Ohr steht und raucht.

© Angela Nowicki, 27. Juni 2013

Mittwoch, 26. Juni 2013

Niemand muss erwachsen werden

Traum vom 27. September 2011

Mitten im dichten Verkehr fuhren wir mit dem Fahrrad nach Hause, meine Tochter und ich. Sie fuhr vor mir. Rote Ampel hinterm Gleisdreieck vor dem ehemaligen Sporthaus. Der Wagen vor uns hielt, meine Tochter bremste - und ich konnte nicht bremsen, weil ich den falschen, den linken Fuß oben hatte - ich kann nur mit dem rechten Fuß die Rückbremse treten. Ich fuhr auf meine Tochter auf, und im selben Moment gab es einen Knall: Ich hatte sie gegen das Auto vor ihr geschoben. Auffahrtunfall.

Erst passierte gar nichts, außer dass ich herumfuchtelte, um zu zeigen, dass ich das war. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte gar keiner was gemerkt! So aber wurde nicht nur meine Tochter, sondern auch die Fahrerin des Autos aufmerksam und stieg aus. Ich sagte, ich war das, hier ich! Ich konnte nicht mehr bremsen, bin gegen das Fahrrad vor mir gefahren. Meine Tochter bestätigte das, und die Fahrerin und ihr Begleiter freuten sich: „Na, das ist ja wunderbar, dann ist ja alles klar, wenn gleich freiwillig alle Schuldbezeugungen kommen!‟
Wir schoben unsere Fahrzeuge nach links an den Straßenrand, um den Unfall aufzunehmen. In diesem Moment dachte ich schon darüber nach, was ich denn sonst hätte tun sollen. Ich war ein wenig verblüfft, dass die beiden sich so diebisch über mein Schuldeingeständnis freuten, so als sei das nicht üblich. Ich hätte es wohl abstreiten können? fragte ich mich. Was hätte ich damit gekonnt? Letztlich war ich es doch, und es wäre eh rausgekommen, nur nach sehr viel gerichtlichem Hin und Her und Streit.
Die Frau schrieb und schrieb und untersuchte und fragte... Irgendwann fragte ich, ob ihr Schaden wirklich so groß sei, dass es sich lohne, darum so einen Aufriss zu machen. Aber ich drang mit der Frage nicht durch, und mir wurde klar, dass ich hier etwas werde bezahlen müssen, vielleicht nicht zu knapp. Doch dann fiel mir ein, dass das ja unsere Versicherung bezahlt.
Sie holte ihren Versicherungsausweis hervor, und da fiel mir ein, dass sie ja auch meinen braucht und ich gar keinen bei mir habe.
„Ooops, ich habe meinen Versicherungsausweis gar nicht bei mir‟, sagte ich. „Tut mir leid, den muss ich erst von zu Hause holen.‟ Sie lächelte und nickte.

„Zu Hause‟ war gleich nebenbei. Ich musste mich nur ein paar Schritte entfernen, und ich wusste auch, in welcher Schublade der Ausweis liegt, nur: Die Schubladen waren verschlossen, und ich hatte keinen Schlüssel dazu. Nun dachte ich fieberhaft nach, wo der Schlüssel sein könnte: Ich hatte ihn jedenfalls nicht an meinem Schlüsselbund, dabei sollte ich wohl. Lag er zu Hause irgendwo, oder trug P. ihn dauerhaft an seinem Schlüsselbund? Letzteres war am wahrscheinlichsten, er trägt ja immer alles bei sich, als sei er für alles verantwortlich. Und dann ist er nicht da oder nicht dabei, so wie jetzt, und der Rest der Welt hat das Nachsehen! Ich sah den Schlüssel ganz deutlich vor mir: ein kleiner, silberner Schlüssel, wie unser Briefkastenschlüssel.
„Tut mir leid‟, wandte ich mich wieder an die Frau. „Ich komme nicht in die Schublade mit dem Ausweis rein, ich weiß nicht, wo der Schlüssel ist. Ich werde Ihnen die Ausweisdaten mailen müssen.‟
Das war ok für sie, trotzdem rannte ich - dieses Mal mit meiner Tochter - noch eine Runde, um auszuprobieren, ob die anderen Schubladenschlüssel, die sehr wohl an ihren jeweiligen Schubladen steckten, vielleicht passten, ob es vielleicht alles derselbe Schlüssel war. Das erschien mir jedoch unwahrscheinlich - wozu hätte sonst jede Schublade ihren eigenen Schlüssel? Und so war es auch.

Ich weiß nicht, ob das eine Antwort auf eine Frage der Frau war oder ob sie aus einer kurzen Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir hervorging, aber auf einmal rief ich rechtfertigend: „Weil es jetzt überall heißt: Ja, ihr müsst erwachsen werden - hier... und dort... Ihr müsst erwachsen werden!‟
Die Frau lächelte leicht spöttisch: „Quatsch, niemand muss erwachsen werden‟, und schaute mich an. Erst viel später fiel mir ein, dass ich doch 54 bin! Was hatte sie wohl gedacht, als ich das sagte? Ich war doch nur mit meiner Tochter auf einer Veranstaltung für Jugendliche gewesen, wo es hieß, wir müssten erwachsen werden, und ich hatte dort nur eine Jugendliche spielen müssen und gespielt. Allerdings hatte ich mich in dem Augenblick, als ich das jetzt zu der Frau gesagt hatte, sehr wohl mit der Jugendlichen identifiziert und mich so gefühlt. Mir waren auch noch andere Anlässe eingefallen, zu denen es hieß, wir müssten erwachsen werden, und mir war ja erst hinterher eingefallen, dass ich doch eine alte Frau bin!

© Angela Nowicki, 26. Juni 2013

Dienstag, 25. Juni 2013

Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Tagebucheintrag vom 26./27. September 2011

Früh enthusiastisch glücklich, weil endlich wieder Ruhe und allein.
Tagsüber zunehmendes Quälen.
Als P kam, schlechte Laune, Mürrischkeit.
Dann tote Verzweiflung, tote Enttäuschung über mich.
Dass ich wohl doch einer der sinnlosesten Menschen der Welt bin. Reichlich vielseitig begabt und hochintelligent vielleicht, aber daraus geht nichts hervor und kann nichts hervorgehen, weil ich alles kaputt gemacht und nichts ausgebildet habe. Achtzig Prozent der Menschheit sind auf irgendeinem Gebiet begabter und besser als ich.
Und was die Menschheit liebt, sind ohnehin nur Klischees. Klischees laufen am besten, machen die Herzen weit und werden von der überwiegenden Mehrheit als große Kunst angesehen. Wirkliche Kunst aber wird gar nicht wahrgenommen.
„den Pinsel schwingen‟
„der traurige Clown‟
„das misshandelte Kind‟
und
so
weiter
Vielleicht bin ich wirklich dazu da, all diese Schmerzen zu formulieren, meine ganz privaten Schmerzen. Aber wen wird es interessieren?
Und wenn es niemanden interessiert - wozu dann?

Abends kein Glück - seltsam, auch mal was Neues. Dafür diese Gleichgültigkeit. Diese totale innere Ruhe - eigentlich wäre das Glück, wenn es anhalten könnte. Wenn ich einfach vor mich hin machen könnte, ohne Begeisterung und ohne Schmerz und ohne Mitleid.

Ich weiß, dass ich meine emotionale Welle nie los werde, aber ich kann wissen, was ich will: Im Moment fühlt sie sich immer absolut an: Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Es sei davon auszugehen, dass das
eine ganz logische Depression nach den letzten drei Monaten Überforderung ist
hab ich vergessen...

***

Die emotionale Scheiße ist Wut! Wut ist die emotionale Scheiße, aus der ein Standbild modelliert wird!
Mit Wut aufgewacht, so eine Wut, dass mir zum Heulen war. Wut auf all das und die, die bewirken, dass ich mich ohnmächtig ausgeliefert fühle. Und denke daran: Nach dieser Großen Seelenreise vor ein paar Wochen war ich erst mal zwei Tage fest und zornig! That's the way!
Meine Sachen sind meine. Punkt. Das ist es überhaupt: Was ich überwinden muss, ist dieses Auf-Einsicht-Hoffen - und die kommt nie. Andere sehen meine Bedürfnisse nicht ein, die denken gar nicht dran. Für meine Bedürfnisse bin ich ganz allein zuständig. Und dafür ist die Wut sehr gut.

© Angela Nowicki, 25. Juni 2013