weites land
horizont schwindet
tief beugt sich gras unterm wind
graswurzelträume
trägt die nacht
© Angela Nowicki, 2. Mai 2012
Donnerstag, 3. Mai 2012
Samstag, 17. März 2012
Sisyphos
Wir alle sind Gefangene der Zeit.
Dieses idiotische Riesenbaby lauert uns am Tor des Großen Gartens auf, um jeden, der so leichtsinnig war, sich bis an die Grenzen der Ewigkeit vorzuwagen, einzufangen und unter triumphalem Gelächter zu den ungezählten anderen Figuren auf seiner Spielwiese zu schleppen.
Dort lässt uns der senile Tyrann in Reih und Glied antreten, heißt uns salutieren, essen, schlafen und kopulieren, heißt uns bis zum Umfallen Steine klopfen und daraus immer höhere Häuser bauen, die er, kaum dass sie stehen, hohnlachend mit einem Handstreich wieder zum Einstürzen bringt. Er lässt uns lieben und hassen, schaffen und vernichten, hinter bunten Fähnchen hermarschieren und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, bis er, atemlos vom hysterischen Kichern, den Schluckauf bekommt, dann wird er für gewöhnlich sentimental und räumt schon mal ein paar allzu hässliche Scherbenhaufen und ein paar gar zu verstümmelte Leichen vom Schlachtfeld, derweil wir, blicklos vor Scham, hastig unsere Wunden lecken und dankbar jedes Stück Vergessen an uns reißen, das er uns gleichgültig hinwirft. Wir vergessen gern und gründlich, denn wir ahnen, dass dies die am wenigsten schmerzhafte Möglichkeit ist, uns in unserem Kerker eine vage Illusion von Freiheit und Komfort zu erhalten. Und welcher Diktator ließe sich nicht am liebsten als der Einzig Wahre Wohltäter seiner gepeinigten, aber gehorsamen Untertanen feiern?
Und eigentlich wollen diese Sklavenseelen ja auch gar nicht wirklich frei sein. Was hieße Freiheit anderes, als sich selbst beherrschen zu müssen? Der alte Nietzsche bewahre uns vor dieser Anmaßung! Beware of the Jabberwocky, my son!
Um wie viel zufriedener könnten wir doch leben, wenn wir endlich auch diese verlogene Pose des Rebellen aufgäben und einfach nur das täten, was wir in Wahrheit wollen: uns beherrschen lassen. Die Unbelehrbaren mögen die Religionen und jede andere Art von Gläubigkeit verachten - es ist immer noch die ehrlichere Weise, sich dem Leben zu stellen, als all ihr lächerlicher Hochmut. Wer alle Herren dieser und jener Welt missachtet, bleibt dennoch bis an sein Ende ein Sklave der Zeit. Und die lässt sich nicht ungestraft missachten.
Dennoch gibt es unter uns immer wieder solche Narren, die wider bessere Vernunft glauben, nur sich selbst gehorchen zu müssen. Sie quälen sich Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang damit ab, immer neue, immer besser Fluchtwege aus Alcatraz zu finden. Sie scheuern sich die Finger blutig am Mörtel der Zeit, sie schlagen sich die Köpfe wund an den Gittern, sie entwerfen abenteuerliche Pläne, um ihren Wärter zu überlisten, und alles, was sie damit erreichen, sind nur immer grausamere Foltern nach jedem weiteren Fluchtversuch.
Würden sie nur vergessen wollen - ihr Leiden könnte ein Ende haben! Aber sie verschmähen die zynische Mildtätigkeit, sie laufen Amok gegen das Unausweichliche, denn sie wissen: Vergessen bedeutet Tod, verloren für die Ewigkeit!
Lieber zermartern sie sich Nerven und Hirn, die ehernen Gesetze der Zeit zu ergründen, denn sie glauben, die Zeit einmal mit ihren eigenen Gesetzen überlisten zu können. Sie streben danach, sich die Zeit gefügig zu machen. Sie wollen die Zeit beherrschen. Sie setzen so viel Vertrauen in ihre eigene Intelligenz, diese Toren, doch ihre Augen sind blind für die einfache Wahrheit: Die Zeit selbst ist das höchste Gesetz.
Kein verzweifeltes Aufbäumen, kein noch so klug durchdachter Plan der Gefangenen kann ihr etwas anhaben. Wer sich ihr widersetzt, wird dafür bezahlen. Und ist es denn so schlimm, was sie von uns verlangt: wieder und wieder aufzubauen, damit sie wieder und wieder zerstören kann? Den Stein den Berg hinauf zu schleppen, damit sie ihn jauchzend wieder hinunter rollen kann? Worüber sind wir so erbittert? Wer sagt, dass der Stein auf den Gipfel gehört?
Es ist ein Spiel! Also seid keine Spielverderber und lauft wieder hinunter, damit der Stein rollen kann!
Ah! Euch genügt das nicht! Ihr meint, das Leben müsse, wenn schon keinen Sinn, so doch ein Ziel haben? Ihr giert nach Dauer, nach Beständigkeit, nach Unsterblichkeit gar? Nun, so müht euch doch, den Stein festzuhalten! Ihr, die ihr in zwei Welten lebt: du verhinderter Philosoph mit einem Haushalt, einer Frau und drei Kindern! du potenzieller Landschaftsarchitekt, den die Geldsorgen ans Fließband fesseln! und du, verkannter Maler, mit dem unstillbaren Verlangen nach Geselligkeit und Schnaps - wenn ihr es nicht ertragen könnt, Verlierer zu sein, dann hört zunächst einmal auf, euch selbst zu bemitleiden! Es wird niemandem je einfallen zu zählen, wie viel Schritte ihr getan, wie viele Gedanken ihr gedacht, wie viel Kraft ihr aufgewendet habt. Was zählt - wenn denn überhaupt etwas zählt -, sind vollendete Werke und nicht die Zahl der Leichen, auf denen sie errichtet wurden.
Seid ihr bereit, zu morden für euer so hoch gepriesenes Ziel? Bereit, Liebe und Familie, Bequemlichkeit und Wohlstand, Lust und Zerstreuung hinzugeben für diese eine törichte Leidenschaft?
Nein, weicht nicht aus! Erzählt uns nicht, es sei alles nur eine Frage der Organisation (oder der sozialen Gerechtigkeit) - denn es ist eine Frage der Zeit! Eine Zeitlang mag euch das Organisieren gelingen, ihr meint, Zeit zu gewinnen - aber die nächste kleine Schwäche - eine verzeihliche Nachlässigkeit nur - und schon rollt der Stein wieder, das Spiel geht weiter, the show must go on.
Es hatte nie aufgehört. Ihr hattet nicht einmal den Schatten einer Chance.
Nein, lasst diese wichtigtuerische Geschäftigkeit! Sie passt nicht zu euch, und sie führt nur umso sicherer in die tödliche Falle. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Verzicht, die totale Verweigerung: Weigert euch konsequent, die Spielregeln einzuhalten, und versucht, euer eigenes Spiel zu spielen!
Zittert ihr nicht vor diesem Anspruch? Seid ihr tatsächlich fest entschlossen, die Hälfte eures Lebens zu opfern für die zweifelhafte Aussicht auf den Eintritt ins "Reich der Unsterblichen"? Wie groß wird eure Verzweiflung erst sein, wenn ihr erkennen müsst, dass das Opfer wertlos war, weil ihr mittelmäßiger seid, als euer Ehrgeiz wahrhaben wollte?
Vielleicht geraten euch ja eure Kinder besser als eure Bücher, werden eure bescheidenen Ersparnisse immer noch ansehnlicher sein als die von euch angelegten Gärten, wird eure Lebenslust mehr bewegen als eure Bilder? Ein halbes Leben habt ihr weggeworfen, um schließlich mitansehen zu müssen, wie euch die andere Hälfte von selbst durch die Finger rinnt. Die Zeit ist darüber hinweg gegangen.
Was ihr auch tut, woran ihr eure Hoffnung auch hängt - es gibt keinen verlässlichen Weg ans andere Ufer. Viele schon haben versucht, mit ihrer Kunst, ihrer Weisheit oder auch ihrer Liebe die rettende Brücke nach drüben zu schlagen.
Und viele werden es versuchen.
Dieses idiotische Riesenbaby lauert uns am Tor des Großen Gartens auf, um jeden, der so leichtsinnig war, sich bis an die Grenzen der Ewigkeit vorzuwagen, einzufangen und unter triumphalem Gelächter zu den ungezählten anderen Figuren auf seiner Spielwiese zu schleppen.
Dort lässt uns der senile Tyrann in Reih und Glied antreten, heißt uns salutieren, essen, schlafen und kopulieren, heißt uns bis zum Umfallen Steine klopfen und daraus immer höhere Häuser bauen, die er, kaum dass sie stehen, hohnlachend mit einem Handstreich wieder zum Einstürzen bringt. Er lässt uns lieben und hassen, schaffen und vernichten, hinter bunten Fähnchen hermarschieren und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, bis er, atemlos vom hysterischen Kichern, den Schluckauf bekommt, dann wird er für gewöhnlich sentimental und räumt schon mal ein paar allzu hässliche Scherbenhaufen und ein paar gar zu verstümmelte Leichen vom Schlachtfeld, derweil wir, blicklos vor Scham, hastig unsere Wunden lecken und dankbar jedes Stück Vergessen an uns reißen, das er uns gleichgültig hinwirft. Wir vergessen gern und gründlich, denn wir ahnen, dass dies die am wenigsten schmerzhafte Möglichkeit ist, uns in unserem Kerker eine vage Illusion von Freiheit und Komfort zu erhalten. Und welcher Diktator ließe sich nicht am liebsten als der Einzig Wahre Wohltäter seiner gepeinigten, aber gehorsamen Untertanen feiern?
Und eigentlich wollen diese Sklavenseelen ja auch gar nicht wirklich frei sein. Was hieße Freiheit anderes, als sich selbst beherrschen zu müssen? Der alte Nietzsche bewahre uns vor dieser Anmaßung! Beware of the Jabberwocky, my son!
Um wie viel zufriedener könnten wir doch leben, wenn wir endlich auch diese verlogene Pose des Rebellen aufgäben und einfach nur das täten, was wir in Wahrheit wollen: uns beherrschen lassen. Die Unbelehrbaren mögen die Religionen und jede andere Art von Gläubigkeit verachten - es ist immer noch die ehrlichere Weise, sich dem Leben zu stellen, als all ihr lächerlicher Hochmut. Wer alle Herren dieser und jener Welt missachtet, bleibt dennoch bis an sein Ende ein Sklave der Zeit. Und die lässt sich nicht ungestraft missachten.
Dennoch gibt es unter uns immer wieder solche Narren, die wider bessere Vernunft glauben, nur sich selbst gehorchen zu müssen. Sie quälen sich Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang damit ab, immer neue, immer besser Fluchtwege aus Alcatraz zu finden. Sie scheuern sich die Finger blutig am Mörtel der Zeit, sie schlagen sich die Köpfe wund an den Gittern, sie entwerfen abenteuerliche Pläne, um ihren Wärter zu überlisten, und alles, was sie damit erreichen, sind nur immer grausamere Foltern nach jedem weiteren Fluchtversuch.
Würden sie nur vergessen wollen - ihr Leiden könnte ein Ende haben! Aber sie verschmähen die zynische Mildtätigkeit, sie laufen Amok gegen das Unausweichliche, denn sie wissen: Vergessen bedeutet Tod, verloren für die Ewigkeit!
Lieber zermartern sie sich Nerven und Hirn, die ehernen Gesetze der Zeit zu ergründen, denn sie glauben, die Zeit einmal mit ihren eigenen Gesetzen überlisten zu können. Sie streben danach, sich die Zeit gefügig zu machen. Sie wollen die Zeit beherrschen. Sie setzen so viel Vertrauen in ihre eigene Intelligenz, diese Toren, doch ihre Augen sind blind für die einfache Wahrheit: Die Zeit selbst ist das höchste Gesetz.
Kein verzweifeltes Aufbäumen, kein noch so klug durchdachter Plan der Gefangenen kann ihr etwas anhaben. Wer sich ihr widersetzt, wird dafür bezahlen. Und ist es denn so schlimm, was sie von uns verlangt: wieder und wieder aufzubauen, damit sie wieder und wieder zerstören kann? Den Stein den Berg hinauf zu schleppen, damit sie ihn jauchzend wieder hinunter rollen kann? Worüber sind wir so erbittert? Wer sagt, dass der Stein auf den Gipfel gehört?
Es ist ein Spiel! Also seid keine Spielverderber und lauft wieder hinunter, damit der Stein rollen kann!
Ah! Euch genügt das nicht! Ihr meint, das Leben müsse, wenn schon keinen Sinn, so doch ein Ziel haben? Ihr giert nach Dauer, nach Beständigkeit, nach Unsterblichkeit gar? Nun, so müht euch doch, den Stein festzuhalten! Ihr, die ihr in zwei Welten lebt: du verhinderter Philosoph mit einem Haushalt, einer Frau und drei Kindern! du potenzieller Landschaftsarchitekt, den die Geldsorgen ans Fließband fesseln! und du, verkannter Maler, mit dem unstillbaren Verlangen nach Geselligkeit und Schnaps - wenn ihr es nicht ertragen könnt, Verlierer zu sein, dann hört zunächst einmal auf, euch selbst zu bemitleiden! Es wird niemandem je einfallen zu zählen, wie viel Schritte ihr getan, wie viele Gedanken ihr gedacht, wie viel Kraft ihr aufgewendet habt. Was zählt - wenn denn überhaupt etwas zählt -, sind vollendete Werke und nicht die Zahl der Leichen, auf denen sie errichtet wurden.
Seid ihr bereit, zu morden für euer so hoch gepriesenes Ziel? Bereit, Liebe und Familie, Bequemlichkeit und Wohlstand, Lust und Zerstreuung hinzugeben für diese eine törichte Leidenschaft?
Nein, weicht nicht aus! Erzählt uns nicht, es sei alles nur eine Frage der Organisation (oder der sozialen Gerechtigkeit) - denn es ist eine Frage der Zeit! Eine Zeitlang mag euch das Organisieren gelingen, ihr meint, Zeit zu gewinnen - aber die nächste kleine Schwäche - eine verzeihliche Nachlässigkeit nur - und schon rollt der Stein wieder, das Spiel geht weiter, the show must go on.
Es hatte nie aufgehört. Ihr hattet nicht einmal den Schatten einer Chance.
Nein, lasst diese wichtigtuerische Geschäftigkeit! Sie passt nicht zu euch, und sie führt nur umso sicherer in die tödliche Falle. Der einzige Weg in die Freiheit führt durch den Verzicht, die totale Verweigerung: Weigert euch konsequent, die Spielregeln einzuhalten, und versucht, euer eigenes Spiel zu spielen!
Zittert ihr nicht vor diesem Anspruch? Seid ihr tatsächlich fest entschlossen, die Hälfte eures Lebens zu opfern für die zweifelhafte Aussicht auf den Eintritt ins "Reich der Unsterblichen"? Wie groß wird eure Verzweiflung erst sein, wenn ihr erkennen müsst, dass das Opfer wertlos war, weil ihr mittelmäßiger seid, als euer Ehrgeiz wahrhaben wollte?
Vielleicht geraten euch ja eure Kinder besser als eure Bücher, werden eure bescheidenen Ersparnisse immer noch ansehnlicher sein als die von euch angelegten Gärten, wird eure Lebenslust mehr bewegen als eure Bilder? Ein halbes Leben habt ihr weggeworfen, um schließlich mitansehen zu müssen, wie euch die andere Hälfte von selbst durch die Finger rinnt. Die Zeit ist darüber hinweg gegangen.
Was ihr auch tut, woran ihr eure Hoffnung auch hängt - es gibt keinen verlässlichen Weg ans andere Ufer. Viele schon haben versucht, mit ihrer Kunst, ihrer Weisheit oder auch ihrer Liebe die rettende Brücke nach drüben zu schlagen.
Und viele werden es versuchen.
© Angela Nowicki, 1983
Montag, 13. Februar 2012
Die dritte Alternative
Einer hat überlebt.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.
Einer ist krepiert.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.
Ich schaffe das nicht.
Sagst du.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.
Einer ist krepiert.
Er hat es geschafft.
Sagen sie.
Ich schaffe das nicht.
Sagst du.
© Angela Nowicki, 13. Februar 2012
Freitag, 6. Januar 2012
Aufgetaucht im neuen Jahr
Liebe Marina,
liebe Marta,
lieber Herbert,
liebe Gegen den Wind,
lieber Norman,
liebe Hanna,
lieber Alex
und alle Ungenannten und Unbekannten,
liebe Marta,
lieber Herbert,
liebe Gegen den Wind,
lieber Norman,
liebe Hanna,
lieber Alex
und alle Ungenannten und Unbekannten,
ich wünsche uns allen ein Jahr voller Fantasie und Tatkraft, Liebe und Schöheit, in dem alles neu werden möge!
Wie schrieb mir doch kürzlich meine Geografie studierende Nichte: "Laut dem was ich bis jetzt über den Klimawandel gelernt habe, wird die Welt 2012 nicht aus diesem Grund untergehen."
Na, da können wir ja beruhigt sein.
Ich habe jetzt auf den Tag genau zwei Monate lang nichts mehr geschrieben, versunken im Strudel der Familienereignisse, als da wären Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, Besuche, Besuche, Besuche, der übliche Kreislauf, netterweise mal ohne Krankheit und Tod. Jetzt bin ich wieder aufgetaucht und gedenke, mich eine Zeitlang über Wasser zu halten. Aber der Blog gefällt mir so nicht mehr. Kraut und Rüben, und ich sehe nicht mehr ein, warum die Rübenfreunde sich erst hektarweise durch Kraut wühlen sollten. Ich glaube, ich werde ihn splitten, wahrscheinlich in Human Design, Seelenreisen und Literatur, three Earhtly Branches of one Heavenly Stem, das gebe ich dann aber rechtzeitig bekannt.
Für heute nur ein kleines Gedicht, zu dem mich Alays Bild inspirierte, das ich mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentliche:
Wie schrieb mir doch kürzlich meine Geografie studierende Nichte: "Laut dem was ich bis jetzt über den Klimawandel gelernt habe, wird die Welt 2012 nicht aus diesem Grund untergehen."
Na, da können wir ja beruhigt sein.
Ich habe jetzt auf den Tag genau zwei Monate lang nichts mehr geschrieben, versunken im Strudel der Familienereignisse, als da wären Geburten, Hochzeiten, Geburtstage, Besuche, Besuche, Besuche, der übliche Kreislauf, netterweise mal ohne Krankheit und Tod. Jetzt bin ich wieder aufgetaucht und gedenke, mich eine Zeitlang über Wasser zu halten. Aber der Blog gefällt mir so nicht mehr. Kraut und Rüben, und ich sehe nicht mehr ein, warum die Rübenfreunde sich erst hektarweise durch Kraut wühlen sollten. Ich glaube, ich werde ihn splitten, wahrscheinlich in Human Design, Seelenreisen und Literatur, three Earhtly Branches of one Heavenly Stem, das gebe ich dann aber rechtzeitig bekannt.
Für heute nur ein kleines Gedicht, zu dem mich Alays Bild inspirierte, das ich mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentliche:
Dies war: Zurückgekehrt in ihre Stadt,
Fand alle Türn verschlossen sie, ihr Haus
Bewohnt von Fremden, denen fremd auch sie.
Verlorn der Schlüssel, der nun Heimatlosen
Blieben nur Roms jahrtausendalte Straßen,
Durch die sie nächtens irrt, wie jene Falter,
Die, angelockt vom Licht, in ihm verbrennen.
Und, ungesehn von ihr und allen andern,
Im tiefen Dunkel einer Gasse,
Lehnt ein Pagliaccio müd sich an die morschen Mauern
Und streift die Maske vom Gesicht.
Palazzo von Alayna A. Groß, Acryl auf Leinen
Fand alle Türn verschlossen sie, ihr Haus
Bewohnt von Fremden, denen fremd auch sie.
Verlorn der Schlüssel, der nun Heimatlosen
Blieben nur Roms jahrtausendalte Straßen,
Durch die sie nächtens irrt, wie jene Falter,
Die, angelockt vom Licht, in ihm verbrennen.
Und, ungesehn von ihr und allen andern,
Im tiefen Dunkel einer Gasse,
Lehnt ein Pagliaccio müd sich an die morschen Mauern
Und streift die Maske vom Gesicht.
Palazzo von Alayna A. Groß, Acryl auf Leinen
© Angela Nowicki, 9. November 2011
Sonntag, 6. November 2011
Mein Lebensbaum, zweite Reise
Ich brachte mich mit Wechselatmung rein in die Reise, aber ich sah wieder nichts, nur solche LSD-Blitze, wie:
ein winziges Ehepärchen neben einem Sonnenschirmchen am Rand meines Bergplateaus.
Hulda war eigentlich schon zu sehen, als ich noch wechselatmete und sich vor meinen Augen draußen auf dem Berg Blätter und Blüten materialisierten und wieder verschwanden. Sie führte mich dann in die Unterwelt, aber auch das ging ziemlich speedy heute: ssst – waren wir durch und in der Halle. Dieses Mal sagte ich, keine Leber, mein Schatz! Guck mal, ich hab dir Löwenzahnblätter mitgebracht. Sieh da, sie schmeckten ihr auch, sie fraß sogar ziemlich lange und verlangte Nachschlag. Durch denselben Gang wieder raus, dasselbe Plateau.
Heute blieb der Baum mehr oder weniger in der gleichen Form, aber berauschend war der Anblick trotzdem nicht. Er war wesentlich kleiner als gestern, aber trotzdem bestimmt noch dreißig Meter hoch oder höher, aber er hatte fast gar keine Krone. Fast dreißig Meter schnurgerader Stamm, noch dazu ein sehr dünner, und ganz oben im Himmel eine kleine Krone.
Ich fragte: "Knickt der denn nicht bei jedem Windchen ab?"
"Kann eine Jungfrau abknicken?" gegenfragte Hulda.
Gut gekontert.
Sah aus wie ein Nadelbaum, Föhre oder so was, der Stamm fasste sich auch so an, aber später wurde es dann wieder ein Laubbaum, was weiß ich. Ich eierte blind durch die Gegend, hatte Mühe, das Bild zu halten, suchte nach den Wurzeln. Ach, die waren schon da, aber... Aber der Boden drunter war unterhöhlt.
Da sah ich zum ersten Mal etwas deutlich: einen Eingang in eine dunkle Höhle zwischen den Wurzeln. Und zum ersten Mal sagte auch Hulda etwas Vernünftiges: Ich solle da jetzt nicht reinkriechen.
Ok, ich dachte, wenn man einen Baum hat, sollte man ihn vielleicht gießen, oder? Wo ist hier Wasser, Hulda? Musst du graben. Hm, und womit? Es war, als verleiere Hulda die Augen. Na ja, was denn, soll ich etwa mit den Händen graben? Ich grub mit den Händen. Der Boden war wunderlicherweise auch unheimlich locker, wie Torf. Da war dann irgendwann Wasser. Wo finde ich ein Gefäß, Hulda, um das Wasser zu schöpfen? Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich schaute mich ewig im Kreis um, ganz sicher, dass mir gleich ein Eimer entgegenlaufen würde oder eine Blechbüchse, war aber nix. Als ich zurück blickte, war das Erdloch über einen Bewässerungsgraben mit der Wurzelzone verbunden. Super! Aber alles sackte sofort wieder in sich zusammen, und irgendwas – Hulda wohl eher nicht – sagte mir, dass mein Baum doch dafür Wurzeln habe. Wozu willst du Vollpfosten einen Baum gießen?
Na ja, und dann sah ich wieder gar nichts mehr, und wieder war es anstrengend, und überhaupt hatte ich das Gefühl, viel zu aktionistisch zu sein, als ob ich selber schon am Rad drehe – warum setze ich mich nicht einfach mal neben meinen Baum und bin still? Aber das ging auch nicht. Ging eben nicht. Ich wollte zurück, und dann sah ich gar nichts mehr, und Hulda mühte sich zwar, mir einen Abschiedskuss zu geben, kriegte das aber nicht ganz gebacken – und ich war draußen. Augen auf war eine Erleichterung!
ein winziges Ehepärchen neben einem Sonnenschirmchen am Rand meines Bergplateaus.
Hulda war eigentlich schon zu sehen, als ich noch wechselatmete und sich vor meinen Augen draußen auf dem Berg Blätter und Blüten materialisierten und wieder verschwanden. Sie führte mich dann in die Unterwelt, aber auch das ging ziemlich speedy heute: ssst – waren wir durch und in der Halle. Dieses Mal sagte ich, keine Leber, mein Schatz! Guck mal, ich hab dir Löwenzahnblätter mitgebracht. Sieh da, sie schmeckten ihr auch, sie fraß sogar ziemlich lange und verlangte Nachschlag. Durch denselben Gang wieder raus, dasselbe Plateau.
Heute blieb der Baum mehr oder weniger in der gleichen Form, aber berauschend war der Anblick trotzdem nicht. Er war wesentlich kleiner als gestern, aber trotzdem bestimmt noch dreißig Meter hoch oder höher, aber er hatte fast gar keine Krone. Fast dreißig Meter schnurgerader Stamm, noch dazu ein sehr dünner, und ganz oben im Himmel eine kleine Krone.
Ich fragte: "Knickt der denn nicht bei jedem Windchen ab?"
"Kann eine Jungfrau abknicken?" gegenfragte Hulda.
Gut gekontert.
Sah aus wie ein Nadelbaum, Föhre oder so was, der Stamm fasste sich auch so an, aber später wurde es dann wieder ein Laubbaum, was weiß ich. Ich eierte blind durch die Gegend, hatte Mühe, das Bild zu halten, suchte nach den Wurzeln. Ach, die waren schon da, aber... Aber der Boden drunter war unterhöhlt.
Da sah ich zum ersten Mal etwas deutlich: einen Eingang in eine dunkle Höhle zwischen den Wurzeln. Und zum ersten Mal sagte auch Hulda etwas Vernünftiges: Ich solle da jetzt nicht reinkriechen.
Ok, ich dachte, wenn man einen Baum hat, sollte man ihn vielleicht gießen, oder? Wo ist hier Wasser, Hulda? Musst du graben. Hm, und womit? Es war, als verleiere Hulda die Augen. Na ja, was denn, soll ich etwa mit den Händen graben? Ich grub mit den Händen. Der Boden war wunderlicherweise auch unheimlich locker, wie Torf. Da war dann irgendwann Wasser. Wo finde ich ein Gefäß, Hulda, um das Wasser zu schöpfen? Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich schaute mich ewig im Kreis um, ganz sicher, dass mir gleich ein Eimer entgegenlaufen würde oder eine Blechbüchse, war aber nix. Als ich zurück blickte, war das Erdloch über einen Bewässerungsgraben mit der Wurzelzone verbunden. Super! Aber alles sackte sofort wieder in sich zusammen, und irgendwas – Hulda wohl eher nicht – sagte mir, dass mein Baum doch dafür Wurzeln habe. Wozu willst du Vollpfosten einen Baum gießen?
Na ja, und dann sah ich wieder gar nichts mehr, und wieder war es anstrengend, und überhaupt hatte ich das Gefühl, viel zu aktionistisch zu sein, als ob ich selber schon am Rad drehe – warum setze ich mich nicht einfach mal neben meinen Baum und bin still? Aber das ging auch nicht. Ging eben nicht. Ich wollte zurück, und dann sah ich gar nichts mehr, und Hulda mühte sich zwar, mir einen Abschiedskuss zu geben, kriegte das aber nicht ganz gebacken – und ich war draußen. Augen auf war eine Erleichterung!
© Angela Nowicki, 1. August 2010
Dienstag, 25. Oktober 2011
Tanzen und springen
Eine Schauspieltruppe, vier Schauspieler, zwei junge Frauen und zwei junge Männer. Eine der Frauen war die Hauptdarstellerin. Die Frauen hatten alle Perücken mit langen, weißblonden Zöpfen auf, die ihnen auf die Brust herabhingen. Zuerst defilierte die Hauptdarstellerin, das heißt, sie tanzte defilierend oder defilierte tanzend. Dann alle! Der Rest in einer Reihe hinterher.
***
Ein Vater, der mit seinem kleinen Sohn weggehen wollte – er zur Arbeit, der Sohn in den Kindergarten – sprang mit ihm aus dem oberen Stockwerk, in dem sie wohnten, mit Sack und Pack über die Straße hinweg hinunter auf die andere Straßenseite, und sie landeten gesund und munter. Ich beobachtete das von unten und erinnerte mich, wie ich schon oft im Traum so gesprungen war. Ein harter Aufprall, aber man bricht sich nichts. Für mich war der Sprung der beiden die Bestätigung, dass das nicht nur geht, sondern sogar normal ist. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, es sei doch gefährlich. Wenn man über die Straße hinweg springt, muss man aber gut zielen und sich seiner sehr sicher sein.
© Angela Nowicki, 25. Oktober 2011
Freitag, 21. Oktober 2011
Allein
Du bist allein
Allein heißt
Die Schmerzen ausbreiten
Auf weißen Laken und sitzen
Sitzen, bis der letzte Schrei verstummt
Auch dann noch
Allein heißt
Fremd sein im eignen Heim
Fremd in bodenlosen Städten
Dieses Fremdsein in den Poren sammeln
Bis es dir selbst fremd ist
Allein heißt
Immer nur geboren werden
Und nie sterben
Immer nur ankommen
Und nie gehn
Heißt verdammt sein
Zur Frage
Mit der ewig gleichen Antwort
Du bist allein
Die Schmerzen hinterlassen Flecken
Das Heim hat keinen Namen
Das Kind ist ein Krüppel
Angekommen
Im unerbittlichen
Ich
Allein heißt
Die Schmerzen ausbreiten
Auf weißen Laken und sitzen
Sitzen, bis der letzte Schrei verstummt
Auch dann noch
Allein heißt
Fremd sein im eignen Heim
Fremd in bodenlosen Städten
Dieses Fremdsein in den Poren sammeln
Bis es dir selbst fremd ist
Allein heißt
Immer nur geboren werden
Und nie sterben
Immer nur ankommen
Und nie gehn
Heißt verdammt sein
Zur Frage
Mit der ewig gleichen Antwort
Du bist allein
Die Schmerzen hinterlassen Flecken
Das Heim hat keinen Namen
Das Kind ist ein Krüppel
Angekommen
Im unerbittlichen
Ich
© Angela Nowicki, 2002
Abonnieren
Kommentare (Atom)
