Freitag, 5. Juli 2013

Panik

Tagebucheintrag vom 21. Oktober 2011

Panik, Panik... Wie konnte sich das alles so entwickeln, als ob sich eine Schlinge um den Hals immer mehr zusammenzieht, unaufhaltsam...?
Erst war es nur meine Freundin, die im Oktober mal einen Tag kommen wollte.
Dann war es ein Missverständnis von mir, dass P. eine Woche bei seiner Mutter bleibt, woraufhin ich meine Freundin für einen Tag in dieser Woche eingeladen habe und gleich mit Übernachtung, weil ich ja allein bin.
Dann hieß es, N. spiele mit ihrer Band am 18. November zum ersten Mal wieder in unserer Stadt - ist doch super, kann P. mal hingehen und sie sich endlich mal anhören. Dass sie da mit Kind und Mann bei uns übernachten werden, war ein Begleitumstand, der auch noch keine Probleme schuf - wir haben ja drei Zimmer. Eine Nacht und zwei halbe Tage werde ich schon mal ohne Malen auskommen.
Als P. dann fragte, ob ich was dagegen habe, dass seine Mutter herkommt, habe ich zwar nicht überlegt, aber das war da auch nicht nötig, denn ich bin von maximal zwei Wochen Schwiegermutterbesuch ausgegangen, also vom 31. Oktober bis 13. November. Alles easy, Schwiegermutter bekommt eigenes Zimmer und ist ansonsten ja wirklich angenehm.

Nein, ich hätte HIER schon aufmerken und erst mal zwei Tage nachdenken müssen: In welches Zimmer packen wir sie denn? Entweder bin ich zwei Wochen in meinem Arbeitszimmer eingesperrt, wo ich weder malen noch ordentlich Yoga machen kann, oder ich muss ins Atelier ziehen, wo ich zwar angenehm leben kann, aber wieder erst großartig umräumen muss (das wäre noch das geringere Übel gewesen), vor allem aber zwei Wochen dort auf der Couch schlafen muss, auf der jeder schlecht schläft! Das geht mal zwei, drei Nächte, aber keine zwei Wochen. Ja, eigentlich hätte ich wenigstens sagen müssen, dass ich nicht einverstanden mit dem Besuch von P.s Mutter bin. Einfach, weil der zu lange dauert.

Plötzlich klärte sich mein Missverständnis auf: P. bleibt keine Woche, sondern nur drei, vier Tage weg, er kommt am Dienstag schon wieder - mit seiner Mutter. Ich muss den Besuch meiner Freundin umdisponieren, die Übernachtung ist nun allerdings schon zugesagt, die kann ich nicht zurücknehmen.

Kann ich nicht? Klar hätte ich sagen können, dass mir unter diesen Umständen die Übernachtung zu viel wird. Wurde sie aber noch nicht! Immerhin hatte ich so ja noch den Montag und den halben Dienstag für mich. An diesem Punkt war nur eine Täuschung enttäuscht worden, das kann ich noch nicht mal jemandem vorwerfen - war halt so.

Der Umschlagpunkt kam, als D. plötzlich verkündete, sie habe noch eine Woche Urlaub und käme im November zu uns. Da überschnitt sich immer noch nichts, aber es wurde schon verdammt eng. An diesem Punkt sah der Ablaufplan bereits so aus: 23./24.10. Freundin - 25.10. bis 6.11. P.s Mutter - 7. bis 13.11. D. - 18./19.11. N. mit Mann und Sohn. Das war bereits zu eng!

Weißt du, was ich hätte machen müssen? Genau an diesem Punkt mal in den Kalender gucken und hellhörig werden - und P. sagen, lad deine Mutter nächstes Jahr ein (wenn du wieder zu Hause bist, außerdem - wieso holt der die jedesmal her, wenn er gerade ausnahmsweise mal arbeiten geht??? Das ist schon das zweite Mal!), jetzt wird's zu eng nach diesem eh schon stressigen Jahr, jetzt brauche ich dringend erst mal meine Ruhe! Ein Tag und eine Nacht meine Freundin, eine Woche D. und zwei halbe Tage und eine Nacht N. mit Familie reicht mir für die kommenden anderthalb Monate völlig - zumal ja dann auch schon bald wieder Weihnachten kommt.

© Angela Nowicki, 4. Juli 2013

Mittwoch, 3. Juli 2013

Was sagt das I Ging?


Am 18. Oktober 2011 legte ich das I Ging zur Frage:

Warum halte ich insgeheim die Bedürfnisse aller Menschen für wichtiger als meine? Woher kommt diese Person in mir, die meine Individualisierung verhindert? Wieso bin ich klein und darf das nicht?

Als Ausgangssituation fiel Hexagramm 44 - Das Entgegenkommen
Das dunkle Prinzip (Yin auf Platz 1 ganz unten) drängt sich heimlich und unerwartet von innen und unten her wieder ein, nachdem es beseitigt war. Dass die fünf Yang darüber dem Yin bedingungslos vertrauen, zeigt an, dass ihre Anima beziehungslos ist, d.h. sie wissen den Wert des weiblichen Prinzips nicht einzuordnen.
--> Leichtfertigkeit: Das Gemeine kann sich nur deshalb frech eindrängen, weil das Starke, Lichte es für harmlos hält und mit ihm spielt.
--> Der schmale Grat zwischen Kompromiss und Autorität: Ein gegenseitiges Entgegenkommen der füreinander bestimmten und aufeinander angewiesenen Prinzipien ist nötig.
Rat: Stehe offen zu deinen Überzeugungen und Wünschen und vertreibe auf diese Weise zerstörerische Versuchungen!

Das Zeichen wandelt sich auf Linie 2
Das niedere Element wird hier nicht vergewaltigt, aber unter sanfter Kontrolle gehalten. Dann ist nichts Schlimmes zu befürchten. Nur muss man dafür sorgen, dass es nicht mit Fernerstehenden zusammenkommt, weil es, losgelassen, seine schlechten Seiten ungehemmt entfalten würde.
Ist es mit Fernerstehenden zusammengekommen?
„Wenn andere aufmerksam werden...‟ - Schwachpunkte, Schwächen darf man nicht erkennen lassen.
--> Ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ich klein bin. Es ist das Kind in mir, das muss ich sanft unter Kontrolle halten.
„Bewährungshelfer entlassener Sträflinge‟ - wen hat man mir da untergeschoben?
a) Die 2. Linie steht zentral im unteren Halbzeichen des Sanften, d.h. ich versuche, das Kranke am eindringenden Yin zu verstehen.
b) Sie steht auf dem milden Yin-Platz 2, weiß daher um das Schuldigwerden.

Im Human Design gehört Hexagramm 44 zum Schaltkreis des Stammes (Sippe, Familie). Außerdem sitzt es im Milzzentrum = Instinktversagen („den Braten nicht gerochen haben‟) --> führt zu Krankheit
Zellgedächtnis, (Angst vor der) Vergangenheit
Es ist das Tor der Wachsamkeit.

Die Ausgangssituation wandelt sich damit in Hexagramm 33 - Der Rückzug
Ziehe dich statt dessen zurück und suche die Befriedigung in dir selbst.
Die untersten beiden Linien hängen sich an, lassen sich mitziehen oder mitschleppen. Sie bedeuten den fatalen, dunklen und primitiv gebliebenen Saurierschwanz, den die Yang-Linien als Schattenanteil unsichtbar hinter sich her ziehen.
Rat: Aktiver Rückzug und Umwandlung einer schwachen Position in eine Stärke.

Im HD gehört Hexagramm 33 zum Kehlzentrum und zur Vergangenheit und ist damit eine Stimme, die sagt:
„Ich erinnere mich.‟
Das Kind in mir kann sich an mein Erwachsenen-Ich anhängen, kann sich aber auch an alle äußeren Autoritäten - und das sind alle Menschen - klammern!

SCHLUSSFOLGERUNG
Es ist mein schwaches und unreifes inneres Kind, das überall nach einer Autorität sucht, an die es sich klammern kann. Mein bewusstes Ich ist zu weich und zu sehr von Schuldgefühlen besetzt, um ihm eine Autorität sein zu können. Es gibt der eindringenden kindlichen Schwäche nach, die sich wiederum an äußere Autoritäten klammert --> „die Bedürfnisse aller anderen‟. Deshalb „bin ich klein und darf das nicht‟.
Das Ging rät mir nun, mich total in mich zurückzuziehen und die Vergangenheit aufzuarbeiten, damit ICH endlich zur Autorität für mein inneres Kleinkind werden kann.


© Angela Nowicki, 3. Juli 2013

: anhand der schwiegermutter :

Tagebucheintrag vom 17. Oktober 2011

P. meinte nachmittags so ganz nebenher, das seine Mutter sicher bis Ende November bleiben werde. Ich versteinerte vor Schreck. Auf meine Frage, wo dann die Leute alle schlafen sollen, wenn beide Töchter da sind plus Schwiegersohn und Enkel, verteilte er alle mit einer großzügigen Handbewegung auf die ganze Wohnung und schloss mit dem kategorischen Hinweis, bei den Schwiegereltern wäre das ja zig Jahre lang auch gegangen. Ich rannte in mein Zimmer, schmiss die Klamotten in einer Aufwallung verzweifelter Wut auf mein Sofa - und erkannte daran, dass es mir nicht egal ist, dass ich hier einschreiten muss. Als ich zurück ins Wohnzimmer ging, sagte ich ganz ruhig und freundlich, dass vier Wochen Schwiegermutter für mich zu viel seien. Irgendwie reagierte er einsichtig, aber doch mit der Bemerkung, er werde sie schließlich nicht rausschmeißen.

Es ist wirklich erstaunlich, dass außer mir alle Leute ihre Werte und Bedürfnisse mit einer überzeugten Selbstverständlichkeit in der Welt kund tun, als gebe es da gar keine Möglichkeit, jedenfalls aber kein Recht auf Widerspruch. Nur ich, ich Schaf, bin immer noch und immer immer noch tief drinnen überzeugt, dass ich „eigentlich‟ kein Recht auf meine Werte und Bedßrfnisse habe. Dass P. schließlich mal seine Mutter einladen muss (und sie schließlich nicht rausschmeißen kann), dass ich aber, wenn ich meine Freundin einlade, sie in eine noch freie Ecke quetschen muss, und wenn die Ecke nicht frei gewesen wäre, könnte sie mich selbstverständlich nicht besuchen.

WAS, ZUM TEUFEL, IST DENN DAS???!!!
Wieso bin ich überzeugt, kein Wohnrecht auf dieser Erde zu haben?

Ich habe jetzt zwei Themen wirklich dringend zu bearbeiten, und das ist dieses „fehlende Wohnrecht‟ sowie meine Verstrickung mit und meine Schuld gegenüber den Töchtern. Und vielleicht stellt sich ja heraus, dass beides das gleiche Thema ist...

© Angela Nowicki, 2. Juli 2013

Montag, 1. Juli 2013

Das Kind, die Finsternis und Tantes Gallenwerte

Traumsequenz vom 18.-20. Oktober 2011

Heute war das obligatorische Baby, von dem ich seit Jahren träume, zum ersten Mal älter geworden! Ich habe von meinem Enkel geträumt, der plötzlich anderthalb oder zwei Jahre alt war, unheimlich gewachsen und unheimlich dünn geworden, worüber ich sehr staunte.

***

Im Klo ging das Licht nicht an. Ich versuchte es mehrmals, dachte dann, die Birne sei kaputt, und wollte Licht im Flur machen, damit ich nicht ganz im Finstern auf dem Klo sitze. Das Flurlicht ging aber auch nicht an, das zweite ebenfalls nicht, und auch in der Küche tat sich nichts. Alle Birnen kaputt? Kurz zuvor hatten die Lampen noch alle gebrannt, auch die im Klo. Und plötzlich gingen sie nicht mehr. Und ich hatte wieder einmal Angst vor der Dunkelheit.

***

Ich hatte mit meiner Tante beim Abschied verabredet, dass ich sie nicht noch einmal anrufe, da es ja schon nach sieben Uhr abends war. Dann rief sie mich doch an. Meine Tochter ging ran, und ich hörte, wie meine Tante in ihrem langgezogenen, klagenden Ton sagte: „Mich hat noch gar niemand angerufen...‟ Sofort nahm ich meiner Tochter das Telefon aus der Hand und sagte laut und ärgerlich, wir hätten das doch verabredet, dass ich nicht noch mal anrufe. Sie konnte sich nicht daran erinnern, stimmte auch nicht zu, sondern schien unzufrieden zu sein. Sie fragte - und es klang leicht pikiert -, ob ich ihre Gallenwerte wissen wolle. So, als sei in den zwei, drei Stunden, seit wir uns von ihr verabschiedet hatten, etwas Wichtiges passiert und sie wolle mir Schuldgefühle machen, weil ich nicht danach fragte.
„Nein, ich will deine Gallenwerte nicht wissen!‟ entgegnete ich.
Davon wurde zwar die Tante nicht zufriedener, doch der Traum versickerte langsam wie ein Fluss in der Wüste...

© Angela Nowicki, 1. Juli 2013

Sonntag, 30. Juni 2013

Der dritte Weg

Tagebucheintrag vom 16. Oktober 2011

Diese billigen Masken. Den Schmerz zu betäuben mit dem Gedanken, dass Schmerzen nicht sein sollen, geistige Anästhesie. Natürlich, der Schmerz ist auf Dauer nicht auszuhalten, man sucht nach Lösungen, und ich glaube wirklich, dass es nicht richtig ist, sich ihm einfach hinzugeben. Einfach, weil davon nichts geheilt wird, und ich glaube an eine Heilungsmission. Ja? Und was ist mit den Depressionen von D.? Dir fallen ohnmächtig die Arme runter, und alles, was dir noch einfällt, heißt Aushalten? Es muss noch einen dritten Weg geben, der weder billig noch fatalistisch ist, aber vielleicht ist dieser dritte Weg, dieser Heilweg doch der Fatalismus? Vielleicht heilt der Schmerz, indem man ihn nicht nur aushält, sondern auch durchlebt, sich in ihn fallen lässt?

Das Fallenlassen ist gleich das nächste Thema. Was hält mich davon ab, ganz in meinem Tun zu versinken? Andere Leute? Die angekündigten Besuche der kommenden Wochen sind eigentlich eine wunderbare Chance, das mal genau zu beobachten. Hindern sie mich wirklich, d.h. ist es mir in der Gegenwart anderer, selbst wenn sie gar nichts von mir wollen, wirklich nicht möglich, in meinem Tun zu versinken, no way? Und wenn ja, warum. Und so weiter.
Termine? Ja, ich glaube, es ist eine tief sitzende Angst davor, nicht wieder rechtzeitig aufzutauchen, über die ich keine Kontrolle habe. Doch um all das ein weiteres Mal und bewusster erkunden zu können, muss ich überhaupt erst einmal - allein und ohne Termine - in der Lage sein, ganz in meinem Tun zu versinken. Was ich gerade nicht bin, allerdings hatte ich ja in den vergangenen drei Monaten ständig Termine und auch immer wieder andere Leute um mich. Das Mögliche aus der Mitte der Verhinderung heraus zu versuchen - was für hein heroischer Hakt!

Seit einigen Tagen baut sich nachts, vorwiegend beim Schlafengehen, ein immer stärkerer Druck auf, Bücher zu schreiben, wozu ich tagsüber nicht die geringste Lust habe. Und das werfe ich dann Menschen und Terminen vor. Es ist aber meine Lust, die ich wohl nicht einmal mir vorwerfen muss, denn das Tun ergibt sich erfahrungsgemäß - ja, inzwischen auch erfahrungsgemäß, hurra! - aus einem Intialdruck, der aber erst aufgebaut werden muss. Offensichtlich nachts beim Schlafengehen.

Ganz in meinem Tun versinken. Das habe ich heute getan! Es genügt doch ein Willensakt, wenigstens um erst mal reinzukommen. Ich habe - ein erstes Mal, sicher werden mehrere solcher Erfahrungen notwendig sein - erfahren, dass
ich keinen Termin verpasse, man kann schmerzlos auftauchen
ich nur so die volle Befriedigung aus meiner Tätigkeit erreiche (aber das war ja vorher schon klar)
ich effizienter arbeite!

Abends habe ich wieder wegen D. gelitten. Meine Schuldgefühle werden in letzter Zeit immer massiver, und da die Parole ja lautet „laufende Themen bearbeiten‟, werde ich damit wohl sofort etwas tun müssen.
Aber nicht nur Schuldgefühle, auch die Umkehrung: Ich erinnerte mich sofort, dass sie noch voriges Jahr im Urlaub sich so gefühllos mir gegenüber verhalten hat. Vor allem aber erinnerte ich mich, wie sie mich vor vielen Jahren einmal moralisch (durch abweisende Kälte) gezwungen hat, mit höllischer Migräne mit ihr ins Theater zu gehen, und wie ich da gelitten habe...

© Angela Nowicki, 30. Juni 2013

Samstag, 29. Juni 2013

Feuerlinien

Traum vom 2. Oktober 2011

Beim Aufwachen sah ich kurz eine Feuerlinie in der Steppe, ein niedriges Feuer, und ich wusste oder hörte oder dachte:

„Ein Gegenfeuer zur Auslöschung der Vergangenheit.‟


Tagebucheintrag vom 13. Oktober 2011

Und wieder runter... Gestern ging's mir so gut, als sei ich nach über drei Monaten des Schwimmens im Meer mit gelegentlichem Fast-Absaufen endlich mal kurz auf einer Insel gelandet. Dass das nur eine Insel war, sehe ich heute: Ich liege schon wieder im Meer...
Was mich vor allem fertig macht, ist, dass ich nach wie vor mich dafür entschuldige, rechtfertige, erkläre, klein mache, dass ich bin, wie ich bin. Die anderen rechtfertigen sich doch auch nicht dafür, dass sie Weihnachten brauchen! Für sie ist das selbstverständlich, DIE NORMALITÄT, das Richtige, und sie fühlen sich richtig, und ich bin falsch - wenn nicht, weil ich Weihnachten nicht will, dann, weil ich mir nicht einfach nehme, was ich will. Ha-ha! Was wäre denn, wenn ich sagen würde, ich hab die Schnauze voll, ich fahre über Weihnachten weg? Dann wäre ich trotz allem die Böse. Die Falsche, excusez-moi.

© Angela Nowicki, 29. Juni 2013

Freitag, 28. Juni 2013

A day in the life

He didn't notice that the lights had changed.

Tagebucheintrag vom 27. September 2011

Am Eingang des Sozialgerichts renne ich gegen zwei Justizbeamte, die Personenkontrollen durchführen, und werde zurückgeschubst zum Pförtner. Der kommuniziert mit mir über ein Mikrofon, ich wette, das ist Panzerglas zwischen ihm und mir.
„Haben Sie Ihren Widerspruchsbescheid mit?‟
„Ich habe alle Unterlagen mit.‟
„Legen Sie bitte den Widerspruchsbescheid in den Kasten.‟
„Das ist ein bisschen komplizierter...‟
„Ich brauche nur den Widerspruchsbescheid.‟
„Ja, aber hören Sie, so einfach ist das nicht, es...‟
„Nur den Widerspruchsbescheid, alles andere können Sie der Beamtin erzählen!‟
Der männliche Sicherheitsbeamte erklärt mir dasselbe von der Seite: „Geben Sie ihm nur den Widerspruchsbescheid, er braucht ihn nur zum Kopieren. Die Kopie bekommt dann die Rechtspflegerin, und der können Sie dann die ganze Geschichte erzählen.‟
Ich gebe mich geschlagen und lege nur den Abhilfebescheid in den Kasten.
Der Pförtner betrachtet ihn lange und gründlich von allen Seiten, einschließlich der angehängten Rechnungen. Schließlich meint er unsicher: „Das ist doch aber kein Widerspruchsbescheid...‟
„Doch, das ist der Abhilfebescheid für unseren Widerspruch.‟
„Hier steht aber nicht drin, dass Sie Klage erheben können...‟
„Dafür kann ich doch nichts.‟
„Dann müssen Sie erst mal Widerspruch gegen diesen Bescheid erheben.‟
„Ich will diesem Bescheid doch gar nicht widersprechen, der ist doch bestens! Ich will nur das Geld endlich haben, das mir daraus zusteht!‟
Resigniert schiebt er mir die Papiere zurück: „Erzählen Sie einfach alles der Kollegin...‟
„Ich habe Ihnen doch gesagt, es ist kompliziert!‟
Der weibliche Sicherheitsbeamte lässt mich mein Handgepäck auf den Tisch neben dem Detektorentor packen. Meine Handtasche hat sechs Reißverschlüsse, alle muss ich öffnen, überall stöbert sie herum, nur den sechsten, in dem die Zigaretten stecken, muss sie übersehen haben.
„Haben Sie Nagelfeilen, Scheren oder so was einstecken?‟
Der Foliebeutel, in dem ich meine Unterlagen mitgebracht habe, ist jetzt leer, die Dokumente liegen verstreut daneben auf dem Tisch.
„Haben Sie noch irgendwelche Metallgegenstände am Körper...‟
„Ja, meine Gürtelschnalle.‟
„... dann gehen Sie ohne Ihre Taschen durch dieses Tor. - Sauuuber!‟
(„Bist ein braves Mädchen‟, lobt Mutti.)
Ich werde ins Wartezimmer der Klagestelle, zwei Türen weiter, geschickt.

Es ist ein fast quadratischer, kleiner Raum mit vier kahlen weißen Wänden, einem kleinen Tisch und zwei Stühlen in der Mitte. Hier sitze ich und warte endlos aufs nächste Verhör, jeden Tag, immer wieder endlose Stunden in diesem kleinen kahlen Raum, in dem die Sekunden zu Gelee werden, immer fester, bis sich gar nichts mehr bewegt...
Die Erinnerung hat mit voller Wucht zugeschlagen, und ich frage mich plötzlich, ob all dies - die Personenkontrollen, die zellenähnlichen Warteräume - nicht absichtliche Taktik ist, um sensiblere Menschen vom Gang zum Sozialgericht abzuschrecken. Anders ergeben gerade die Kontrollen für mich keinen rechten Sinn. In den Jobcenters wären sie angebracht, da ja, dort wird Aggressionspotenzial geschürt, aber beim Sozialgericht? Hier wird den armen Schweinen doch geholfen. Oder sollte jedenfalls, aber manche SGs haben einen ganz guten Ruf, das hier inbegriffen. Warum sollte da jemand die kostenlose Rechtspflegerin mit einer Nagelfeile erstechen wollen?
Ich ertrage die viertelstündige Wartezeit, gefühlte drei Stunden, nur, indem ich versuche, Bilder im Überfluss an die weißen Wände zu imaginieren. Trotzdem muss ich alle zwei Minuten auf den Flur rennen. Sitzen kann ich gar nicht, keine Ahnung warum. Ich kreise wie der Tiger durch seinen Käfig und kenne nach zehn Minuten selbst die kleinsten Details auswendig: wo der Fußboden knistert, wenn man drüberläuft, aber nur einmal, wo jemand gegen die Wand getreten hat, die Nummer auf dem Rauchmelder an der Decke, die Anzahl, Ausrichtung und Form der Sonnenstrahlen, die durch die heruntergelassenen Jalousien fallen, Gitter light...
Dann klappt die Tür nebenan, und kurz danach holt mich eine kleine, ältere Frau in die Klagestelle.

Erst kommt sie ewig nicht in ihre Software rein. Ich schweige, sie fuchtelt wie eine Besessene mit der Maus über die Tischplatte. Nach fünf Minuten wird sie weich: „Ich komme einfach nicht rein...‟
„Passwortgeschützt?‟ frage ich.
„Nein. Ich komme nicht in das Aktenzeichen... Aaah, jetzt bin ich drin! Ich hatte vergessen, OK zu drücken.‟
„Ja, manchmal sind es die banalsten Sachen...‟ ‚Die dümmsten Fehler‘, hätte ich fast gesagt, konnte mir grad noch so auf die Zunge beißen.
Sie setzt erst mal die Klage auf, dabei weiß sie noch gar nicht, worum es geht, und ich habe ihr gesagt, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob es eine Klage werden kann.
Endlich erzähle ich dir die wirre Geschichte. Sie versteht sie sogar, ist aber mit ihrem Latein am Ende, weil, wie sie sagt, „gar kein Schriftstück von diesem Jahr vorliegt‟. Der Bescheid und der Widerspruch dagegen sind schon drei Jahre alt, der Abhilfebescheid gegen den Widerspruch ein Jahr. Ich habe noch zwei Schreiben mit, mit denen wir die daraus hervorgehende Zahlung angemahnt haben, eines vom vorigen Jahr, eines vom Februar dieses Jahres.
Sie gibt auf und telefoniert nun das halbe Gericht ab, um jemanden zur Hilfe anzufordern. Endlich hat sie Glück. Eine junge Juristin kommt geeilt. Zum zweiten Mal erzähle ich die wirre Geschichte. Die Juristin hat dasselbe Problem wie die Rechtspflegerin: kein Schreiben vom Jobcenter von diesem Jahr. Wieder schiebe ich ihr unsere Mahnschreiben unter die Nase.
„Ja, Sie sind ja tätig geworden...‟, überlegt sie unsicher. „Sie hätten aber Widerspruch gegen diesen Bescheid...‟
„Wogegen sollte ich denn widersprechen? Dort steht doch, dass unserem Widerspruch in vollem Umfang stattgegeben wird! Da widerspreche ich doch nicht, ich will nur, dass sie dann auch endlich zahlen, was im Widerspruch eingefordert wurde. Ich kann doch nichts dafür, wenn das Jobcenter ein Jahr lang nicht reagiert!‟
„Ja, da haben Sie Recht‟, seufzt sie, immer noch unsicher, und dann hat sie die Erleuchtung:
„Das ist eine Untätigkeitsklage!‟ weist sie die Rechtspflegerin an. „Natürlich, Sie nehmen jetzt eine Untätigkeitsklage auf. Und Sie legen eine Kopie des Abhilfebescheids bei.‟
Nachdem sie sich verabschiedet hat und die Klage endlich aus dem Drucker raus und unterschrieben ist, frage ich die nette kleine Frau nach den Fristen, in denen das Jobcenter nun reagieren muss.
„Also, bei einer normalen Klage haben sie acht Wochen Zeit, um Stellung zu nehmen. Bei einer Untätigkeitsklage weiß ich nicht, wann das Jobcenter mal geruht...‟
„Aber es gibt doch gesetzlich vorgeschriebene Fristen, an die sich auch das Jobcenter halten muss!‟
Darauf bekomme ich keine Antwort mehr.

***

Befreit und wie auf Flügeln schwebe ich rüber in die Hobby Welt. Natürlich haben sie immer noch keine leeren Aquarellkästen.
„Weil die so teuer sind. Da kostet einer 26 Euro, das sind die einzigen von Schmincke, und einen anderen Anbieter habe ich noch nicht gefunden.‟
„Das ist allerdings ein bisschen teuer“, gebe ich zu, denke jedoch an die Kästen für 6 und 16 Euro beim Farben-Merz, deren Anbieter ich allerdings nicht kenne.
Ich packe mir einen Radiergummi und drei Knetgummis ein. An der Kasse steht eine Schlange - ein ungewohntes Bild! Als endlich der Mann vor mir dran ist, ein kleiner, gebeugter, alter Mann, der etwas Winziges gekauft hat, was die Verkäuferin immer als „Sieben‟ betitelt, findet die Kassiererin diese „Sieben‟ nicht in irgendeiner Liste. „Na, wo ist denn die blöde Sieben?‟
„Die ist nicht blöd!‟ knurrt der Mann.
„Natürlich nicht‟, beeilt sie sich zuzugeben.
Sie ist aber schon sehr locker drauf. Als ich ihr meine Radiergummis von hinten in die geöffneten Hände schütte, singt sie fast: „Ra-diiieer-gummiiieees!‟

***

Der Weg zum Farben-Merz ist wieder anstrengend, wieder ist es viel zu warm, die Sonne blendet, und auf der Reitbahnstraße gibt es keinen Schatten. Mein Gesicht brennt.
Dieses Mal ist er im Laden, es ist offen. Als er mir den Kasten zu 16 Euro zeigt, fragt er mich, ob ich eine Ausbildung oder Kurse mache.
„Nein, gar nichts‟, sage ich. „Ich wurstele mich ganz alleine durch, nur ein Forum habe ich im Internet...‟
Und schon verwickeln wir uns in eine lange Diskussion über Internetforen im Allgemeinen und das Happypainting im Besonderen. Er ist ungeheuer misstrauisch gegenüber allen Foren. „Ja, woher weiß man denn, ob die Leute, die einem da Ratschläge geben, wirklich Ahnung haben? Und wenn sie die Bilder, die sie reinstellen, gar nicht selber gemalt haben?‟ Wieder und wieder kommt er auf das Thema zurück, und als ich schon bezahlt habe und gehen will, fragt er nach der Adresse dieses Forums.
„Wenn Sie aber die Bilder sehen wollen, müssen Sie sich anmelden.‟
„Schon klar. Und was wollen die bei einer Anmeldung alles von einem wissen? Die Kontodaten?‟
Er grinst.

***

Die Stadtbibliothek nehme ich im Sturzflug. Ich packe ein Buch über Acrylmalerei ein, das endlich mal wirklich die ganze Materie abzudecken scheint, und fliege rüber zur Belletristik. Da ereilt mich eine herbe Enttäuschung: Unsere Stadtbibliothek, dieser so gut bestückte Hort der Bildung, hat nicht ein einziges Buch von Jorge Luis Borges! Ich habe im Computer nachgesucht: Nur zwei Bücher auf Spanisch haben sie von ihm, in der internationalen Abteilung, und eines, das man bestellen kann. Kein Borges?! Das ist unerhört. Das ist doch Weltliteratur!
Dafür gibt es Cortázar, drei Bücher sind gerade ausleihbar, ich nehme alle drei mit, darunter das deutsche Rayuela. Ich freue mich wie wild, denn seit ich selbst schreibe, komme ich irgendwie nicht mehr an fremdsprachige Literatur heran. Die kongeniale polnische Übersetzung von Zofia Chądzyńska, die mich jahrzehntelang so begeistert hat, hat plötzlich eine Mauer gebildet und lässt mich nicht mehr zu den Bildern durch.
Natürlich ist mein Ausweis schon wieder abgelaufen, ich muss zahlen. 18 Euro kostet ein Jahresabonnement mittlerweile! Wenn das noch teurer wird, könnte man langsam überlegen, ob man dann nicht doch die Bücher gleich selber kauft. Dabei wollte ich meine persönliche Bibliothek demnächst ganz abschaffen!

***

An der Bushaltestelle steht gerade eine 32, Fahrerwechsel. Ich springe dem einsteigenden Fahrer hinterher: „Fahren Sie jetzt gleich los?‟
„Ich denke schon...‟
„Sie denken schon?‟ lache ich. Wenn er noch fünf Minuten braucht, könnte ich nämlich auch auf die 31 warten, da hätte ich ein Stück weniger zu laufen bis nach Hause.
Zum ersten Mal seit Jahren passiert mir wieder eine Fahrscheinkontrolle. Ein gestandener Mann in den Vierzigern, und wieder einmal frage ich mich, was Menschen treibt, andere zu bespitzeln. Doch da hat sich wohl einiges geändert, wenigstens bei der CVAG.
Das jugendliche Pärchen hinter mir fährt schwarz. Als ich das mitbekomme, spitze ich die Ohren. Vor etlichen Jahren noch habe ich mehrmals miterlebt, wie fies Kontrolleure Schwarzfahrer in der Öffentlichkeit bloßstellten.
Hier höre ich jetzt: „... bekommen Sie eine Zahlungsaufforderung, und wenn Sie die haben, müssen Sie gleich reinkommen. Wir bieten ja verschiedene Vergünstigungen an, Sie müssen nicht alles auf einmal bezahlen, das geht auch in Raten. Und, ich sag mal, ein Nachlass von fünf Euro ist immer drin. Das müssen Sie aber aushandeln, dazu müssen Sie reinkommen.‟
„Wie ist das jetzt?‟ plappert der Junge unbekümmert drauf los. „Ich bin vor ein paar Monaten schon mal beim Schwarzfahren erwischt worden, da...‟
Ein paar Sätze verstehe ich nicht, dann kommt die Akustik wieder.
„Ja, das Problem ist‟, sagt der Kontrolleur gerade, „dass das dann gleich zur Anzeige kommt. Dann geht das die CVAG nichts mehr an, und dann geht es mich nichts mehr an.‟
Er spricht mit einer ruhigen, sachlichen, freundlichen Stimme. Kein Vorwurf, keine Bloßstellung. Er gibt kompetente und sogar mitfühlende Auskunft.
„Deshalb müssen Sie gleich reinkommen, wenn sie die Zahlungsaufforderung bekommen, nur so lässt sich noch etwas aushandeln.‟
Der Junge meint, er könne auch gleich bezahlen, morgen schon.
„Na ja, Sie könnten auch gleich bei mir 40 Euro bezahlen, das wäre noch eine andere Option. Wenn Sie das Geld jetzt aber nicht bei sich haben, müssen Sie reinkommen. Ich schreibe das alles auf, ich schreibe dazu, dass Sie gleich bezahlen wollen, dass sie also warten sollen mit der Anzeige...‟
„Ich komme morgen gleich rein!‟ ruft der Junge eifrig.
„Nicht so eilig‟, schmunzelt der Kontrolleur. „Morgen noch nicht gleich, das muss ja erst durchgereicht werden. Aber im Laufe der nächsten Woche...‟

Als ich beim Mittagessen P. diesen Vorfall berichte, erinnert er sich, dass sein Kollege erst vor einigen Tagen von einem ähnlichen Vorfall erzählt hat. Auch er war vor einiger Zeit beim Schwarzfahren erwischt worden und hatte dem Kontrolleur gesagt, das Jobcenter habe sein Geld noch nicht überwiesen: „Ich warte seit Wochen auf dieses Geld, ich hab's schon mehrmals angemahnt, ich kann mir zurzeit einfach keinen Fahrschein kaufen.‟
Der Kontrolleur hatte das alles aufgeschrieben, und nach ein paar Wochen hatte er von der Staatsanwaltschaft ein Schreiben erhalten, in dem man ihm mitteilte, dass die Sache zu den Akten gelegt wurde. Er brauchte gar nicht zu bezahlen.
Das nenne ich doch mal soziale Kulanz! Die Gerechtigkeit kann die CVAG nicht beeinflussen, aber wenigstens scheinen sie zu wissen, wie es vielen Menschen in dieser Region geht, und ihre praktischen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

© Angela Nowicki, 28. Juni 2013