Donnerstag, 27. Juni 2013

Wenn du nachts von Fahrrädern träumst...

Tagebucheintrag vom 27. September 2011

... und dann vom Bus aus zwei ältere, völlig verschiedene Frauen an der Haltestelle siehst, die genau die gleichen Polo-Shirts an haben - himbeerfarben mit schmalen, weißen Streifen - und sich auch noch so fern voneinander wie möglich halten, als solle niemand auf die Idee kommen, sie gehörten zusammen,
und du dann einen steilen Berg hinunter läufst, direkt auf ein riesiges, himbeerfarbenes Schild zu mit der Aufschrift „Fahrräder‟
und dir unten am Berg eine Radfahrerin mit Spitzentuch und Spitzenhaube fast über die Füße fährt , obwohl du hier noch nie Radfahrer gesehen hast, der endlose, breite Radweg ist sonst immer leer,
dann weißt du, dass dir auf der anderen Straßenseite ein ganzer Pulk Radfahrer mit Helmen und Handschuhen entgegen kommt, die dich an die Hauswand drängen, weil hier kein Radweg und der Fußweg eng ist.

Hoffnung und Unruhe.
Das Sozialgericht.
Eine junge Frau trägt Essenboxen ins Haus.
„Guten Tag, ich möchte eine Klage aufnehmen lassen gegen das Jobcenter.‟
„Eine Klage? Da müssen sie aber zum Sozialgericht.‟
„Und wo bin ich hier?‟
„Das ist das Landessozialgericht.‟
„Aber wir waren doch immer hier. Ist das erst seit kurzem so?‟
„Seit zwei Jahren.‟
„Und wo ist das Sozialgericht jetzt?‟
„In der alten Hauptpost. Wissen Sie, wo das ist?‟
„Ja. Auf Wiedersehen.‟
Eine ältere Frau zeigt dir den Weg über die Straße.
Das Landessozialgericht.
Enttäuschung und Ruhe.

Wenn das rauchende Mädchen mit dem übellaunigen Gesicht neben dir an der Haltestelle schwanger ist
und das unablässig hustende, rotblonde Mädchen im Bus mit dem geröteten, schweißnassen Gesicht und mp3-Player im Ohr, zwei Sitze vor einer jungen Frau mit mp3-Player im Ohr - die einzigen jungen Frauen, alles andere sind Männer und eine alte Frau -, sich gleich nach dem Aussteigen eine Zigarette anzündet,
dann weißt du, dass an der gegenüber liegenden Haltestelle ein Mädchen mit einem mp3-Player im Ohr steht und raucht.

© Angela Nowicki, 27. Juni 2013

Mittwoch, 26. Juni 2013

Niemand muss erwachsen werden

Traum vom 27. September 2011

Mitten im dichten Verkehr fuhren wir mit dem Fahrrad nach Hause, meine Tochter und ich. Sie fuhr vor mir. Rote Ampel hinterm Gleisdreieck vor dem ehemaligen Sporthaus. Der Wagen vor uns hielt, meine Tochter bremste - und ich konnte nicht bremsen, weil ich den falschen, den linken Fuß oben hatte - ich kann nur mit dem rechten Fuß die Rückbremse treten. Ich fuhr auf meine Tochter auf, und im selben Moment gab es einen Knall: Ich hatte sie gegen das Auto vor ihr geschoben. Auffahrtunfall.

Erst passierte gar nichts, außer dass ich herumfuchtelte, um zu zeigen, dass ich das war. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte gar keiner was gemerkt! So aber wurde nicht nur meine Tochter, sondern auch die Fahrerin des Autos aufmerksam und stieg aus. Ich sagte, ich war das, hier ich! Ich konnte nicht mehr bremsen, bin gegen das Fahrrad vor mir gefahren. Meine Tochter bestätigte das, und die Fahrerin und ihr Begleiter freuten sich: „Na, das ist ja wunderbar, dann ist ja alles klar, wenn gleich freiwillig alle Schuldbezeugungen kommen!‟
Wir schoben unsere Fahrzeuge nach links an den Straßenrand, um den Unfall aufzunehmen. In diesem Moment dachte ich schon darüber nach, was ich denn sonst hätte tun sollen. Ich war ein wenig verblüfft, dass die beiden sich so diebisch über mein Schuldeingeständnis freuten, so als sei das nicht üblich. Ich hätte es wohl abstreiten können? fragte ich mich. Was hätte ich damit gekonnt? Letztlich war ich es doch, und es wäre eh rausgekommen, nur nach sehr viel gerichtlichem Hin und Her und Streit.
Die Frau schrieb und schrieb und untersuchte und fragte... Irgendwann fragte ich, ob ihr Schaden wirklich so groß sei, dass es sich lohne, darum so einen Aufriss zu machen. Aber ich drang mit der Frage nicht durch, und mir wurde klar, dass ich hier etwas werde bezahlen müssen, vielleicht nicht zu knapp. Doch dann fiel mir ein, dass das ja unsere Versicherung bezahlt.
Sie holte ihren Versicherungsausweis hervor, und da fiel mir ein, dass sie ja auch meinen braucht und ich gar keinen bei mir habe.
„Ooops, ich habe meinen Versicherungsausweis gar nicht bei mir‟, sagte ich. „Tut mir leid, den muss ich erst von zu Hause holen.‟ Sie lächelte und nickte.

„Zu Hause‟ war gleich nebenbei. Ich musste mich nur ein paar Schritte entfernen, und ich wusste auch, in welcher Schublade der Ausweis liegt, nur: Die Schubladen waren verschlossen, und ich hatte keinen Schlüssel dazu. Nun dachte ich fieberhaft nach, wo der Schlüssel sein könnte: Ich hatte ihn jedenfalls nicht an meinem Schlüsselbund, dabei sollte ich wohl. Lag er zu Hause irgendwo, oder trug P. ihn dauerhaft an seinem Schlüsselbund? Letzteres war am wahrscheinlichsten, er trägt ja immer alles bei sich, als sei er für alles verantwortlich. Und dann ist er nicht da oder nicht dabei, so wie jetzt, und der Rest der Welt hat das Nachsehen! Ich sah den Schlüssel ganz deutlich vor mir: ein kleiner, silberner Schlüssel, wie unser Briefkastenschlüssel.
„Tut mir leid‟, wandte ich mich wieder an die Frau. „Ich komme nicht in die Schublade mit dem Ausweis rein, ich weiß nicht, wo der Schlüssel ist. Ich werde Ihnen die Ausweisdaten mailen müssen.‟
Das war ok für sie, trotzdem rannte ich - dieses Mal mit meiner Tochter - noch eine Runde, um auszuprobieren, ob die anderen Schubladenschlüssel, die sehr wohl an ihren jeweiligen Schubladen steckten, vielleicht passten, ob es vielleicht alles derselbe Schlüssel war. Das erschien mir jedoch unwahrscheinlich - wozu hätte sonst jede Schublade ihren eigenen Schlüssel? Und so war es auch.

Ich weiß nicht, ob das eine Antwort auf eine Frage der Frau war oder ob sie aus einer kurzen Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir hervorging, aber auf einmal rief ich rechtfertigend: „Weil es jetzt überall heißt: Ja, ihr müsst erwachsen werden - hier... und dort... Ihr müsst erwachsen werden!‟
Die Frau lächelte leicht spöttisch: „Quatsch, niemand muss erwachsen werden‟, und schaute mich an. Erst viel später fiel mir ein, dass ich doch 54 bin! Was hatte sie wohl gedacht, als ich das sagte? Ich war doch nur mit meiner Tochter auf einer Veranstaltung für Jugendliche gewesen, wo es hieß, wir müssten erwachsen werden, und ich hatte dort nur eine Jugendliche spielen müssen und gespielt. Allerdings hatte ich mich in dem Augenblick, als ich das jetzt zu der Frau gesagt hatte, sehr wohl mit der Jugendlichen identifiziert und mich so gefühlt. Mir waren auch noch andere Anlässe eingefallen, zu denen es hieß, wir müssten erwachsen werden, und mir war ja erst hinterher eingefallen, dass ich doch eine alte Frau bin!

© Angela Nowicki, 26. Juni 2013

Dienstag, 25. Juni 2013

Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Tagebucheintrag vom 26./27. September 2011

Früh enthusiastisch glücklich, weil endlich wieder Ruhe und allein.
Tagsüber zunehmendes Quälen.
Als P kam, schlechte Laune, Mürrischkeit.
Dann tote Verzweiflung, tote Enttäuschung über mich.
Dass ich wohl doch einer der sinnlosesten Menschen der Welt bin. Reichlich vielseitig begabt und hochintelligent vielleicht, aber daraus geht nichts hervor und kann nichts hervorgehen, weil ich alles kaputt gemacht und nichts ausgebildet habe. Achtzig Prozent der Menschheit sind auf irgendeinem Gebiet begabter und besser als ich.
Und was die Menschheit liebt, sind ohnehin nur Klischees. Klischees laufen am besten, machen die Herzen weit und werden von der überwiegenden Mehrheit als große Kunst angesehen. Wirkliche Kunst aber wird gar nicht wahrgenommen.
„den Pinsel schwingen‟
„der traurige Clown‟
„das misshandelte Kind‟
und
so
weiter
Vielleicht bin ich wirklich dazu da, all diese Schmerzen zu formulieren, meine ganz privaten Schmerzen. Aber wen wird es interessieren?
Und wenn es niemanden interessiert - wozu dann?

Abends kein Glück - seltsam, auch mal was Neues. Dafür diese Gleichgültigkeit. Diese totale innere Ruhe - eigentlich wäre das Glück, wenn es anhalten könnte. Wenn ich einfach vor mich hin machen könnte, ohne Begeisterung und ohne Schmerz und ohne Mitleid.

Ich weiß, dass ich meine emotionale Welle nie los werde, aber ich kann wissen, was ich will: Im Moment fühlt sie sich immer absolut an: Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Es sei davon auszugehen, dass das
eine ganz logische Depression nach den letzten drei Monaten Überforderung ist
hab ich vergessen...

***

Die emotionale Scheiße ist Wut! Wut ist die emotionale Scheiße, aus der ein Standbild modelliert wird!
Mit Wut aufgewacht, so eine Wut, dass mir zum Heulen war. Wut auf all das und die, die bewirken, dass ich mich ohnmächtig ausgeliefert fühle. Und denke daran: Nach dieser Großen Seelenreise vor ein paar Wochen war ich erst mal zwei Tage fest und zornig! That's the way!
Meine Sachen sind meine. Punkt. Das ist es überhaupt: Was ich überwinden muss, ist dieses Auf-Einsicht-Hoffen - und die kommt nie. Andere sehen meine Bedürfnisse nicht ein, die denken gar nicht dran. Für meine Bedürfnisse bin ich ganz allein zuständig. Und dafür ist die Wut sehr gut.

© Angela Nowicki, 25. Juni 2013

Montag, 24. Juni 2013

Meine Familie verzeiht keine Fehler

Traum vom 24. September 2011

Ich hatte meine normale Arbeit, nahm aber nebenbei noch einen Job bei Großvater Paul an. So, wie mir die Arbeit erklärt wurde, hatte ich keine Probleme damit, ich war überzeugt, alles ganz locker zu schaffen. Dann aber machte ich einen entscheidenden Fehler, für den ich überhaupt nichts konnte - ich hatte das nicht wissen können, niemand hatte mir etwas gesagt. Doch anstatt abzuwinken und ihn einfach auszubügeln - ich war ja nur freiwillige Helferin, so etwas wie eine Praktikantin -, regte sich mein Großvater furchtbar auf und sagte, der Kunde werde dann ein Wörtchen mit mir reden wollen.

Das geschah auch. Der Kunde rief mich auf dem Handy an. Erst konnte ich ihn kaum verstehen, weil es so laut im Raum war, daher bat ich ihn zu warten, damit ich das Fenster schließen könne. Dann zog er übergangslos über mich her, regte sich über meinen Fehler auf, aber das hätte ich noch klären können - wenn nicht Großvater Paul dazu gekommen wäre. Er legte sich rechts von mir auf eine Holzbank und begann, dem Kunden am Telefon Recht zu geben und mich niederzumachen.

Das war zu viel für mich. Auch hinterher noch löste keine Entschuldigung von mir das erwartete Abwinken: „Ist schon in Ordnung...‟ aus, sondern nur vorwurfsvolles Befremden. Ich geriet nach und nach in Wut und Verzweiflung, bis mir die Tränen kamen. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz, dass ich das doch nicht wissen konnte, dass keiner mir etwas gesagt habe. Paul warf mir vor, ich habe ganz am Anfang gesagt, ich schaffe das alles mit links. Ja, sagte ich, das war ja auch wahr, ich konnte doch am Anfang nicht wissen, was da auf mich zukommt, mir hätte jemand Bescheid sagen müssen, wenn etwas Ungewohntes verlangt wird, woher sollte ich das denn wissen? Außerdem, sagte ich, hat mich furchtbar verletzt, dass du mich direkt vor dem Kunden niedermachst, wie kannst du nur? Und schließlich heulte ich, wozu ich überhaupt diesen Job angenommen habe, ich habe meinen Job, ich habe das freiwillig getan, ich müsse gar nicht bei ihm hier arbeiten, wozu mache ich das überhaupt noch!

Nichts, nichts, nichts fruchtete. Und das Fruchten hätte so ausgesehen, dass Großvater Paul mir verziehen hätte. Aber meine Familie verzeiht mir wohl nicht - die Fehler, an denen ich gar nicht schuldig bin.

© Angela Nowicki, 24. Juni 2013

Sonntag, 23. Juni 2013

Vaterklärung

Traum vom 18. September 2011

Ich saß mit meiner Familie zu Tisch wie bei einer Feier. Mein Vater saß an der Stirnseite, mein Bruder links neben ihm.
Ich erzählte meinem Bruder von unserer verstorbenen Mutter. Er oder auch alle anderen hatten behauptet, sie sei so angepasst und unterwürfig gewesen, und ich musste dem im Grunde zustimmen, doch: „Manchmal war sie auch sehr eigenwillig. Zum Beispiel bei der Feststellung ihrer Pflegebedürftigkeit, da hat sie sofort und mit Spaß mitgespielt, als ich ihr einschärfte, wie sie sich verhalten solle...‟
Das erzählte ich meinem Bruder, der dazu aufgestanden war. Sofort fiel mir mein Vater ins Wort und belehrte mich scharf, dass ich sie in solchen Situationen dazu hätte anhalten müssen, sich den gesellschaftlichen Regeln anzupassen. Er putzte mich vor versammelter Mannschaft runter, dass ich meine Mutter hätte davon abbringen müssen, sich individualistisch zu verhalten. Im lauten Befehlston. Mir schwoll der Kamm.

Da schrie ich meinen Vater an, dass das alles eine große Lüge und absolut falsch sei, dass Individualismus das Beste sei, was der Mensch hervorbringen könne und so weiter. Meine Tante wand sich und versuchte, zu beschwichtigen, und mein Vater wurde auf einmal ganz still.

© Angela Nowicki, 23. Juni 2013

Samstag, 22. Juni 2013

Wie man zur Dissidentin wird

Traum vom 14. September 2011

Es war ein öffentliches Spiel, wie im Fernsehen „Wer wird Millionär?‟ oder so. Es gab mehrere Resultate, und wenn der Kandidat verlor, wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Ich hatte nicht geglaubt, dass das ernst gemeint sei. Kandidatin war ein junges, hübsches Mädchen, die ich Berenice genannt hätte, mit kinnlangem, glattem, schwarzbraunem Haar. Sie hatte verloren, und nun hieß es: „Exekution!‟
Die Verantwortlichen überlegten noch, ob sie eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren sollten oder etwas Humaneres, und ich hoffte sehr, sie würden sich für letzteres entscheiden. Sie fragten herum, wer zur Exekution käme. Die Zuschauer waren angeordnet wie ein Passbildbogen, ein großes Quadrat oder Rechteck aus lauter kleinen Feldern, in denen je ein Zuschauer saß. Es waren Fotos und gleichzeitig lebendige Menschen. Die meisten sagten ja, sie kämen, nur um sich konform zu verhalten; niemand hatte die Courage, sich zu widersetzen. Nur die eine ganz unten rechts in der Ecke, sie war entsetzt, sie schien außer mir die Einzige zu sein, die wahrnahm, was hier gleich geschehen sollte. Sie war sehr sensibel und regte sich furchtbar auf, stand auf und ging.

Und ich. Ich war schon mehrmals als Rebellin aufgefallen, als eine, die sich nicht einordnet. Auch ich sagte: „Seid ihr wahnsinnig? Ihr könnt doch nicht einfach einem Menschen den Kopf abschlagen!‟
Ich ging zu einer der Verantwortlichen hin, packte sie bei der Gurgel und rief: „Wie wäre es, wenn ich dich einfach erwürge, weil du mir nicht passt?‟
Und doch verstand niemand, was ich sagte. Es sei schließlich so üblich, und die Kandidatin sei schließlich mit dieser Möglichkeit von vornherein einverstanden gewesen, niemand werde gezwungen, an diesem Spiel teilzunehmen.
Ich sagte: „Wenn ihr sie wirklich umbringen wollt und das auch noch öffentlich, dann weiß ich nicht, was das für Menschen sind, die dabei zuschauen! Ich werde jedenfalls nicht dabei sein!‟

Ich ging weg und erfuhr im gleichen Moment, dass die Geheimpolizei mich und nun auch die andere Zuschauerin, die bereits gegangen war, sorgfältig observierte und meine Wohnung durchsuchte. Ich hörte, wie mein Partner auf die Palme ging wegen dieser Verletzung des Rechts auf die Privatsphäre und überlegte einen Moment, ob ich mich nicht auch wehren sollte. Dann aber dachte ich: ‚Das bringt überhaupt nichts. Alle finden das in Ordnung, alle halten mich für eine Verräterin, nun schon mehrfach, eine, die immer querschlagen muss. Dann sollen sie halt meine Wohnung durchsuchen, ich habe nichts zu verbergen.‘

Sehr fest und stolz, in einsamer Größe schritt ich von dannen.

© Angela Nowicki, 22. Juni 2013

Freitag, 21. Juni 2013

Absturz und Aufstieg und alles nur im Kopf

Tagebucheintrag vom 14. September 2011

Liebe als Pflicht.
Ich fühle mich von Familie, Bekannten, Job und Alltag dauernd unter Druck gesetzt.
Ich bin im falschen Leben. Am falschen Ort. In der falschen Gruppe. Im Joch.
Mein Seelenhaus steht über einem Abgrund und hat ein völlig zerstörtes Dachgeschoss.
Wiederkehrende Träume: Babys (extrem oft). Verstorbene Eltern. Liebe zu einem Fremden.

Heute kam die totale Krise. Augenmigräne, Ischialgie. Abends in einer regelrechten Zwangsjacke aus Nervosität, Anspannung und Ablehnung. Das erreichte seinen Gipfel, als ich überlegte, was ich tun könnte, und nur Lust hatte, meine Träume und Seelenreisen auf Symbole hin zu analysieren. Da bin ich schon nach kurzer Zeit fast ausgeflippt vor Nervosität und Unerträglichkeit des Immergleichen. Ich hätte gern geschrieben, doch mir fiel einfach nichts ein! Ja, zum ersten Mal seit Beginn des Schreibens hatte ich das totale Gefühl, nicht wirklich schreiben zu können und nie etwas zu Stande zu bringen. Die totale Blockade. Ich klopfte mir drei Runden lang kräftig die Meridiane auf der Suche nach Inspiration. Anschließend wurde ich ganz allmählich immer ruhiger, und das war ein gutes Gefühl.

Und nachts wurde ich um 3 Uhr wach und explodierte vor Sinnlichkeit, Lebenslust und Spielfreude, der totale Künstler, der Mercurius, brach aus! Ich haute mir Alan Price auf dem mp3-Player rein und tanzte auf dem Küchenbalkon! Dabei stellte ich mir vor, wie ich Theater spiele, Theater schaffe - es war aber ein inhaltsloser Druck, nur die Form drückte wie wild, so dass es mich fast zerriss, ohne dass ich auch nur die leiseste Idee bekommen hätte, WAS ich eigentlich darstellen möchte. Die Form drückte derart, dass ich mich in einen anderen Menschen verwandelte, einen bunten, tanzenden, über alles lachenden, alles verspottenden, auf jedem Schritt Kunst zaubernden, selbst im tiefsten Alltag völlig aus dem Alltag ausgeflippten. Das bin ich! So will ich sein! Ja, das wurde dann aber schnell richtig schmerzhaft, richtig unerträglich, dieser Druck, ich dachte, ich explodiere, weil ich eben keine Ideen dazu hatte. Da suchte ich etwas, was mich wieder runterbringen könnte, und das war Borges. Ich las mehrere Erzählungen von ihm, bevor ich einschlief, und fand diesen Schriftsteller genial. So genial, dass ich wieder das Gefühl bekam, nichts zu können...

Das Ganze war vor einer Woche losgegangen, und zwar witzigerweise nicht auf der geistigen, sondern der körperlichen Ebene. Alles war wunderbar gewesen, bis mein Ischiasnerv sich aus unerfindlichen Gründen einklemmte und nicht wieder los kam. Ein glatter Beweis dafür, dass wir alle nur Spielfiguren sind, wir setzen niemals Ursachen, können wir gar nicht. Wie literarische Figuren denken, reden und handeln nach dem Willen ihres Autors. Und auf die körperliche Verkrampfung folgte am Abend und am nächsten Tag erst die geistige: Ich begann, seit langer Zeit wieder zu powern. Fünf Tage lang, bis gestern. Litt dabei furchtbar und brach gestern Abend völlig zusammen. Körperlich und geistig.
Darauf folgte rasch die wunderbare Heilung, die aber nur eine Verlagerung auf der körperlichen Ebene zu sein schien: Heute hatte ich dann Augenmigräne. Lag den ganzen Tag erschöpft unter einem Berg von Schutt und glaubte, erst morgen wieder zu leben anfangen zu können. Ein Tag Aufschub. Als die Migräne nachließ, rasselte erst der ganze Schutt, die ganzen Trümmer runter auf meine Nerven und meine Seele. Als hätte die Migräne noch eine Art Schutzschild gebildet. Der war dann weg, und ich lag mehrere Stunden lang verschüttet und brüllend vor Seelenschmerz. Oder Geistesschmerz. Und mit der Erinnerung daran, dass ich nur eine Geschichtenfigur bin, löste sich der ganze Schutt auf und ich stieg steil in den Himmel wie ein Heliumballon, dem in der Nacht plötzlich ein versiegelter Motor platzte, so dass er zu rasen begann und mich außerhalb jeder Kontrolle in einer derart wilden Jagd über die Himmel jagte, dass ich schließlich nur noch runter wollte. Da kam ich runter, sicher, sanft, aber doch schmerzhaft. Unten war auch nicht das Ziel, auch wieder nur eine Ruhepause.

Und jetzt hoppele und holpere ich mit stotterndem, erschöpftem Motor über den Acker und weiß nicht, wo ich bin und wie es weitergehen soll...

© Angela Nowicki, 21. Juni 2013