Dienstag, 25. Juni 2013

Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Tagebucheintrag vom 26./27. September 2011

Früh enthusiastisch glücklich, weil endlich wieder Ruhe und allein.
Tagsüber zunehmendes Quälen.
Als P kam, schlechte Laune, Mürrischkeit.
Dann tote Verzweiflung, tote Enttäuschung über mich.
Dass ich wohl doch einer der sinnlosesten Menschen der Welt bin. Reichlich vielseitig begabt und hochintelligent vielleicht, aber daraus geht nichts hervor und kann nichts hervorgehen, weil ich alles kaputt gemacht und nichts ausgebildet habe. Achtzig Prozent der Menschheit sind auf irgendeinem Gebiet begabter und besser als ich.
Und was die Menschheit liebt, sind ohnehin nur Klischees. Klischees laufen am besten, machen die Herzen weit und werden von der überwiegenden Mehrheit als große Kunst angesehen. Wirkliche Kunst aber wird gar nicht wahrgenommen.
„den Pinsel schwingen‟
„der traurige Clown‟
„das misshandelte Kind‟
und
so
weiter
Vielleicht bin ich wirklich dazu da, all diese Schmerzen zu formulieren, meine ganz privaten Schmerzen. Aber wen wird es interessieren?
Und wenn es niemanden interessiert - wozu dann?

Abends kein Glück - seltsam, auch mal was Neues. Dafür diese Gleichgültigkeit. Diese totale innere Ruhe - eigentlich wäre das Glück, wenn es anhalten könnte. Wenn ich einfach vor mich hin machen könnte, ohne Begeisterung und ohne Schmerz und ohne Mitleid.

Ich weiß, dass ich meine emotionale Welle nie los werde, aber ich kann wissen, was ich will: Im Moment fühlt sie sich immer absolut an: Dieser Schmerz jetzt ist wahr.

Es sei davon auszugehen, dass das
eine ganz logische Depression nach den letzten drei Monaten Überforderung ist
hab ich vergessen...

***

Die emotionale Scheiße ist Wut! Wut ist die emotionale Scheiße, aus der ein Standbild modelliert wird!
Mit Wut aufgewacht, so eine Wut, dass mir zum Heulen war. Wut auf all das und die, die bewirken, dass ich mich ohnmächtig ausgeliefert fühle. Und denke daran: Nach dieser Großen Seelenreise vor ein paar Wochen war ich erst mal zwei Tage fest und zornig! That's the way!
Meine Sachen sind meine. Punkt. Das ist es überhaupt: Was ich überwinden muss, ist dieses Auf-Einsicht-Hoffen - und die kommt nie. Andere sehen meine Bedürfnisse nicht ein, die denken gar nicht dran. Für meine Bedürfnisse bin ich ganz allein zuständig. Und dafür ist die Wut sehr gut.

© Angela Nowicki, 25. Juni 2013

Montag, 24. Juni 2013

Meine Familie verzeiht keine Fehler

Traum vom 24. September 2011

Ich hatte meine normale Arbeit, nahm aber nebenbei noch einen Job bei Großvater Paul an. So, wie mir die Arbeit erklärt wurde, hatte ich keine Probleme damit, ich war überzeugt, alles ganz locker zu schaffen. Dann aber machte ich einen entscheidenden Fehler, für den ich überhaupt nichts konnte - ich hatte das nicht wissen können, niemand hatte mir etwas gesagt. Doch anstatt abzuwinken und ihn einfach auszubügeln - ich war ja nur freiwillige Helferin, so etwas wie eine Praktikantin -, regte sich mein Großvater furchtbar auf und sagte, der Kunde werde dann ein Wörtchen mit mir reden wollen.

Das geschah auch. Der Kunde rief mich auf dem Handy an. Erst konnte ich ihn kaum verstehen, weil es so laut im Raum war, daher bat ich ihn zu warten, damit ich das Fenster schließen könne. Dann zog er übergangslos über mich her, regte sich über meinen Fehler auf, aber das hätte ich noch klären können - wenn nicht Großvater Paul dazu gekommen wäre. Er legte sich rechts von mir auf eine Holzbank und begann, dem Kunden am Telefon Recht zu geben und mich niederzumachen.

Das war zu viel für mich. Auch hinterher noch löste keine Entschuldigung von mir das erwartete Abwinken: „Ist schon in Ordnung...‟ aus, sondern nur vorwurfsvolles Befremden. Ich geriet nach und nach in Wut und Verzweiflung, bis mir die Tränen kamen. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz, dass ich das doch nicht wissen konnte, dass keiner mir etwas gesagt habe. Paul warf mir vor, ich habe ganz am Anfang gesagt, ich schaffe das alles mit links. Ja, sagte ich, das war ja auch wahr, ich konnte doch am Anfang nicht wissen, was da auf mich zukommt, mir hätte jemand Bescheid sagen müssen, wenn etwas Ungewohntes verlangt wird, woher sollte ich das denn wissen? Außerdem, sagte ich, hat mich furchtbar verletzt, dass du mich direkt vor dem Kunden niedermachst, wie kannst du nur? Und schließlich heulte ich, wozu ich überhaupt diesen Job angenommen habe, ich habe meinen Job, ich habe das freiwillig getan, ich müsse gar nicht bei ihm hier arbeiten, wozu mache ich das überhaupt noch!

Nichts, nichts, nichts fruchtete. Und das Fruchten hätte so ausgesehen, dass Großvater Paul mir verziehen hätte. Aber meine Familie verzeiht mir wohl nicht - die Fehler, an denen ich gar nicht schuldig bin.

© Angela Nowicki, 24. Juni 2013

Sonntag, 23. Juni 2013

Vaterklärung

Traum vom 18. September 2011

Ich saß mit meiner Familie zu Tisch wie bei einer Feier. Mein Vater saß an der Stirnseite, mein Bruder links neben ihm.
Ich erzählte meinem Bruder von unserer verstorbenen Mutter. Er oder auch alle anderen hatten behauptet, sie sei so angepasst und unterwürfig gewesen, und ich musste dem im Grunde zustimmen, doch: „Manchmal war sie auch sehr eigenwillig. Zum Beispiel bei der Feststellung ihrer Pflegebedürftigkeit, da hat sie sofort und mit Spaß mitgespielt, als ich ihr einschärfte, wie sie sich verhalten solle...‟
Das erzählte ich meinem Bruder, der dazu aufgestanden war. Sofort fiel mir mein Vater ins Wort und belehrte mich scharf, dass ich sie in solchen Situationen dazu hätte anhalten müssen, sich den gesellschaftlichen Regeln anzupassen. Er putzte mich vor versammelter Mannschaft runter, dass ich meine Mutter hätte davon abbringen müssen, sich individualistisch zu verhalten. Im lauten Befehlston. Mir schwoll der Kamm.

Da schrie ich meinen Vater an, dass das alles eine große Lüge und absolut falsch sei, dass Individualismus das Beste sei, was der Mensch hervorbringen könne und so weiter. Meine Tante wand sich und versuchte, zu beschwichtigen, und mein Vater wurde auf einmal ganz still.

© Angela Nowicki, 23. Juni 2013

Samstag, 22. Juni 2013

Wie man zur Dissidentin wird

Traum vom 14. September 2011

Es war ein öffentliches Spiel, wie im Fernsehen „Wer wird Millionär?‟ oder so. Es gab mehrere Resultate, und wenn der Kandidat verlor, wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Ich hatte nicht geglaubt, dass das ernst gemeint sei. Kandidatin war ein junges, hübsches Mädchen, die ich Berenice genannt hätte, mit kinnlangem, glattem, schwarzbraunem Haar. Sie hatte verloren, und nun hieß es: „Exekution!‟
Die Verantwortlichen überlegten noch, ob sie eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren sollten oder etwas Humaneres, und ich hoffte sehr, sie würden sich für letzteres entscheiden. Sie fragten herum, wer zur Exekution käme. Die Zuschauer waren angeordnet wie ein Passbildbogen, ein großes Quadrat oder Rechteck aus lauter kleinen Feldern, in denen je ein Zuschauer saß. Es waren Fotos und gleichzeitig lebendige Menschen. Die meisten sagten ja, sie kämen, nur um sich konform zu verhalten; niemand hatte die Courage, sich zu widersetzen. Nur die eine ganz unten rechts in der Ecke, sie war entsetzt, sie schien außer mir die Einzige zu sein, die wahrnahm, was hier gleich geschehen sollte. Sie war sehr sensibel und regte sich furchtbar auf, stand auf und ging.

Und ich. Ich war schon mehrmals als Rebellin aufgefallen, als eine, die sich nicht einordnet. Auch ich sagte: „Seid ihr wahnsinnig? Ihr könnt doch nicht einfach einem Menschen den Kopf abschlagen!‟
Ich ging zu einer der Verantwortlichen hin, packte sie bei der Gurgel und rief: „Wie wäre es, wenn ich dich einfach erwürge, weil du mir nicht passt?‟
Und doch verstand niemand, was ich sagte. Es sei schließlich so üblich, und die Kandidatin sei schließlich mit dieser Möglichkeit von vornherein einverstanden gewesen, niemand werde gezwungen, an diesem Spiel teilzunehmen.
Ich sagte: „Wenn ihr sie wirklich umbringen wollt und das auch noch öffentlich, dann weiß ich nicht, was das für Menschen sind, die dabei zuschauen! Ich werde jedenfalls nicht dabei sein!‟

Ich ging weg und erfuhr im gleichen Moment, dass die Geheimpolizei mich und nun auch die andere Zuschauerin, die bereits gegangen war, sorgfältig observierte und meine Wohnung durchsuchte. Ich hörte, wie mein Partner auf die Palme ging wegen dieser Verletzung des Rechts auf die Privatsphäre und überlegte einen Moment, ob ich mich nicht auch wehren sollte. Dann aber dachte ich: ‚Das bringt überhaupt nichts. Alle finden das in Ordnung, alle halten mich für eine Verräterin, nun schon mehrfach, eine, die immer querschlagen muss. Dann sollen sie halt meine Wohnung durchsuchen, ich habe nichts zu verbergen.‘

Sehr fest und stolz, in einsamer Größe schritt ich von dannen.

© Angela Nowicki, 22. Juni 2013

Freitag, 21. Juni 2013

Absturz und Aufstieg und alles nur im Kopf

Tagebucheintrag vom 14. September 2011

Liebe als Pflicht.
Ich fühle mich von Familie, Bekannten, Job und Alltag dauernd unter Druck gesetzt.
Ich bin im falschen Leben. Am falschen Ort. In der falschen Gruppe. Im Joch.
Mein Seelenhaus steht über einem Abgrund und hat ein völlig zerstörtes Dachgeschoss.
Wiederkehrende Träume: Babys (extrem oft). Verstorbene Eltern. Liebe zu einem Fremden.

Heute kam die totale Krise. Augenmigräne, Ischialgie. Abends in einer regelrechten Zwangsjacke aus Nervosität, Anspannung und Ablehnung. Das erreichte seinen Gipfel, als ich überlegte, was ich tun könnte, und nur Lust hatte, meine Träume und Seelenreisen auf Symbole hin zu analysieren. Da bin ich schon nach kurzer Zeit fast ausgeflippt vor Nervosität und Unerträglichkeit des Immergleichen. Ich hätte gern geschrieben, doch mir fiel einfach nichts ein! Ja, zum ersten Mal seit Beginn des Schreibens hatte ich das totale Gefühl, nicht wirklich schreiben zu können und nie etwas zu Stande zu bringen. Die totale Blockade. Ich klopfte mir drei Runden lang kräftig die Meridiane auf der Suche nach Inspiration. Anschließend wurde ich ganz allmählich immer ruhiger, und das war ein gutes Gefühl.

Und nachts wurde ich um 3 Uhr wach und explodierte vor Sinnlichkeit, Lebenslust und Spielfreude, der totale Künstler, der Mercurius, brach aus! Ich haute mir Alan Price auf dem mp3-Player rein und tanzte auf dem Küchenbalkon! Dabei stellte ich mir vor, wie ich Theater spiele, Theater schaffe - es war aber ein inhaltsloser Druck, nur die Form drückte wie wild, so dass es mich fast zerriss, ohne dass ich auch nur die leiseste Idee bekommen hätte, WAS ich eigentlich darstellen möchte. Die Form drückte derart, dass ich mich in einen anderen Menschen verwandelte, einen bunten, tanzenden, über alles lachenden, alles verspottenden, auf jedem Schritt Kunst zaubernden, selbst im tiefsten Alltag völlig aus dem Alltag ausgeflippten. Das bin ich! So will ich sein! Ja, das wurde dann aber schnell richtig schmerzhaft, richtig unerträglich, dieser Druck, ich dachte, ich explodiere, weil ich eben keine Ideen dazu hatte. Da suchte ich etwas, was mich wieder runterbringen könnte, und das war Borges. Ich las mehrere Erzählungen von ihm, bevor ich einschlief, und fand diesen Schriftsteller genial. So genial, dass ich wieder das Gefühl bekam, nichts zu können...

Das Ganze war vor einer Woche losgegangen, und zwar witzigerweise nicht auf der geistigen, sondern der körperlichen Ebene. Alles war wunderbar gewesen, bis mein Ischiasnerv sich aus unerfindlichen Gründen einklemmte und nicht wieder los kam. Ein glatter Beweis dafür, dass wir alle nur Spielfiguren sind, wir setzen niemals Ursachen, können wir gar nicht. Wie literarische Figuren denken, reden und handeln nach dem Willen ihres Autors. Und auf die körperliche Verkrampfung folgte am Abend und am nächsten Tag erst die geistige: Ich begann, seit langer Zeit wieder zu powern. Fünf Tage lang, bis gestern. Litt dabei furchtbar und brach gestern Abend völlig zusammen. Körperlich und geistig.
Darauf folgte rasch die wunderbare Heilung, die aber nur eine Verlagerung auf der körperlichen Ebene zu sein schien: Heute hatte ich dann Augenmigräne. Lag den ganzen Tag erschöpft unter einem Berg von Schutt und glaubte, erst morgen wieder zu leben anfangen zu können. Ein Tag Aufschub. Als die Migräne nachließ, rasselte erst der ganze Schutt, die ganzen Trümmer runter auf meine Nerven und meine Seele. Als hätte die Migräne noch eine Art Schutzschild gebildet. Der war dann weg, und ich lag mehrere Stunden lang verschüttet und brüllend vor Seelenschmerz. Oder Geistesschmerz. Und mit der Erinnerung daran, dass ich nur eine Geschichtenfigur bin, löste sich der ganze Schutt auf und ich stieg steil in den Himmel wie ein Heliumballon, dem in der Nacht plötzlich ein versiegelter Motor platzte, so dass er zu rasen begann und mich außerhalb jeder Kontrolle in einer derart wilden Jagd über die Himmel jagte, dass ich schließlich nur noch runter wollte. Da kam ich runter, sicher, sanft, aber doch schmerzhaft. Unten war auch nicht das Ziel, auch wieder nur eine Ruhepause.

Und jetzt hoppele und holpere ich mit stotterndem, erschöpftem Motor über den Acker und weiß nicht, wo ich bin und wie es weitergehen soll...

© Angela Nowicki, 21. Juni 2013

Donnerstag, 20. Juni 2013

Leben über dem Abgrund

Seelenreise vom 10. September 2011

Klaus kam zuerst ganz frei heute, ohne irgendwelches Geschirr, er war ein ganz freies, wildes, stolzes Pferd. Und er kam nicht allein, ein anderes Pferd lief neben ihm auf mich zu, vielleicht eine Stute, doch als sie sich näherten, zog sie sich zurück und verschwand. Ich freute mich so, dass Klaus frei ist, ich freute mich so über die endlose Steppe mit ihrem weichen Gras, über das immer der Wind weht, und ich begrüßte Klaus und begann, laut nachzudenken, wie das war mit der Zähmung der Pferde und wie das war mit meiner Zähmung.

Die Menschen haben die Pferde also mit Gewalt eingefangen und ins Joch gespannt, weil sie so viel schneller waren als sie und ihnen als Fahrzeuge und später als Arbeitstiere nützen konnten, und dann haben sie sie über Jahrtausende hinweg so gezüchtet, dass sie weniger aggressiv und anhänglicher wurden und ganz stockbrav und treu und die Menschenstämme als ihre Herde ansahen.

Sie haben mich also mit Gewalt eingefangen und unters Joch gestellt, weil ich Eigenschaften hatte, die für sie sehr wertvoll waren, um sie auszunutzen, und dann haben sie mich im Laufe der Zeit so konditioniert oder gezüchtet, dass ich freiwillig bei ihnen blieb, in der Gruppe, die eigentlich mein Leben ist, aber in der falschen Gruppe, in der Gruppe der falschen Wesen, ja - aber wo sind meine Gefährten? Und dann stand eine ganze Herde Pferde vor mir, und sie schauten mich an.
Ich fragte ergriffen: „Seid ihr meine Seelengefährten?‟ und dabei lief mir ein Schauer über den Körper.
Da drehte sich eine Stute enttäuscht zu den anderen um und sagte: „Sie erkennt uns nicht.‟
„Ja, wie soll ich euch denn erkennen‟, rief ich verzweifelt, als ein Pferd nach dem anderen sich umdrehte und mich nicht mehr beachtete. „Ich bin doch kein Pferd. Ich habe zwar dieselbe Seele und dasselbe Schicksal, aber ich war doch kein Pferd? Ich bin doch ein Mensch!‟

Dann hatte Klaus wieder sein Zaumzeug am Kopf, und ich rief: „Warum hast du jetzt das wieder?‟
Doch er sagte: „Das brauche ich jetzt noch, um dich führen zu können, du musst dich doch an mir festhalten können.‟

Dann passierte lange Zeit nichts, ich saß nur da, und Klaus lief und tänzelte umher. Auf einmal kam er zu mir und sagte: „Komm mit‟, und dieses Mal lief ich an seiner rechten Seite, und er ging mit mir nach rechts.
Wir liefen lange. Unterwegs meinte ich einmal, links Menschen zu sehen, die schwer mit Stricken arbeiteten. Sie hielten jeder mindestens zwei Taue in beiden Händen und zogen damit an irgendetwas, doch ich konnte nicht erkennen woran. Es schienen große, senkrecht stehende Korbplatten zu sein, dann wieder ein wildes Pferd, das sich nicht einfangen ließ...

Endlich bemerkte ich, dass ich in einem Haus angekommen war, aber das war kein europäisches Haus, sondern so eines auf Stelzen, ganz aus Holz, ganz leer, ich glaube, solche Häuser gibt es in Afrika, ich sah den trockenen Bretterfußboden und eine große, breite Tür, die ins Freie führte.
„Ah, eine Terrasse‟, rief ich und ging hinaus. Es war eine große Terrasse, auch ganz aus Holzbrettern und hoch über dem Erdboden, mit einem Holzgeländer. Sie verlief ein ganzes Stück nach vorn und dann links um die Ecke, und dort reichte sie über die ganze Breitseite des Hauses. Ich lief über die ganze Terrasse bis zum Ende, immer die Holzbretter unter mir im Blick.
An ihrem Ende ging die Terrasse in einen schmaleren Weg über, der mitten durch einen hohen Bambuswald führte und mit Stroh- oder Korbmatten auslegt war - ja, wahrscheinlich war es eher Asien, die haben dort auch manchmal solche Häuser. Der Weg führte geradeaus bis zu einer Gabelung, und ich nahm spontan den Abzweig scharf nach links (und dachte im nächsten Moment, das war vielleicht der falsche, vielleicht hätte ich auf dem Hauptweg bleiben sollen, der leicht nach rechts abgebogen war), doch es war zu spät, ich war auf diesem Weg, der noch schmaler war und plötzlich in einer nicht enden wollenden Linkskurve anstieg und...
Na, ich weiß nicht, ob der Weg zu rennen anfing oder Klaus, der vor mir lief, und ich, jedenfalls rannten wir, und das lag an dem Weg, wir liefen weit, weit bis nach oben, und ich hörte, wie eine Frau links neben mir fragte: „Macht er Bodybuilding?‟ Und ein Mann antwortete: „Nein.‟
Im selben Moment stand vor mir ein großer, kräftiger Mann, der ein bisschen dumm, aber gutmütig wirkte. Er hatte beide Arme erhoben und grinste töricht, und eine schöne, klug aussehende Frau schmiegte sich an seine rechte Seite und schnüffelte an seiner Achsel. Dann ging sie um ihn herum, und dem Mann wuchsen immer mehr Haare am Körper, und er stand unverwandt mit erhobenen Armen da und grinste dümmlich.

Wir liefen weiter und mitten in eine riesige Herde Pferde hinein, die uns entgegengaloppierten, lauter kräftige, dunkle Pferde. Wir kamen da nicht mehr raus und wurden von den Pferden mitgezogen und um unsere eigenen Achsen gewirbelt und schwammen im Pferdestrom. Auf einmal war da ein Baby, ein ganz properes, nacktes, rosiges und süßes Baby von vielleicht zwei Monaten, das näherte sich einer Stute und dockte an ihre Zitzen an. Ein Baby wurde von einer Stute genährt. Doch plötzlich schüttelte die Stute das Baby richtig derb ab, so dass ihm die Zitze entwischte und sein Köpfchen nach hinten fiel.

Da richtete ich mich auf und sagte zu Klaus: „Ich will nicht mehr, es werden zu viele Bilder, die ich alle nicht verstehe. Aber ich wollte heute unbedingt noch mein Seelenhaus besuchen. Kannst du mich zu meinem Seelenhaus bringen?‟

Seelenhaus
Im selben Augenblick stand ich vor meinem Seelenhaus. Aber ich stand so dicht dran, dass ich es gar nicht anschauen konnte, und sofort ging die Haustür auf, und ich trat ein. Immer die Augen am Boden, immer am Boden, da sah ich ganz deutlich helle, trockene Holzdielen, sehr sauber und natürlich, angenehm - nein, es war eher eine Art Parkett, aber in Längsscheiten, wie kurze Dielenbretter. Es war ein schmaler, langer Hausflur, der in seiner Schlichtheit durchaus einladend wirkte, und heute war er auch endlich richtig hell.
Dann kam links eine offene Tür. Ich schaute in den Raum hinein und sah am Boden dieses Mal richtiges Fischgrätenparkett, helles, schönes Parkett. Ich wollte da gar nicht hinein, aber ich wurde irgendwie hineingezogen, ich musste da reinlaufen. Ich sah mich nun in dem Raum um, aber da sah ich wieder nichts, hier war - außer dem kleinen Bereich an der offenen Tür - wieder alles ziemlich dunkel.
Villa in Wernigerode. Foto und Bearbeitung: Angela Nowicki

„Klaus‟, sagte ich. „Nicht hier rein, ich muss auf den Dachboden. Bitte bring mich auf den Dachboden.‟

Wenn man von der Tür aus nach rechts ging, ging es in der rechten hinteren Ecke des Raumes wieder hinaus in den Flur, und dort führte eine steile, schmale Holztreppe nach oben. Die stieg ich hinauf, sie war ziemlich lang und machte oben eine Biegung nach rechts - und ich stand im Obergeschoss. Es war ein einziger riesiger Raum, sehr luftig, alles aus Holz, sehr viel freier Platz, kaum Möbel, mit vielen Fenstern. Ich lief nach rechts, also in die linke Haushälfte hinüber, da trat ich am Ende in einen kleinen quadratischen Raum auf der Rückseite des Hauses, der fast nur aus zwei Fenstern bestand und zwei schmucklosen Holzbänken über Eck und Holzdielen.
Ich wollte mich setzen. Plötzlich stand ein großer, schlanker Schwarzafrikaner auf und ging hinaus. Ich war völlig perplex. Ich fragte Klaus: „Was macht der denn hier?‟ Und als ich mich wieder umdrehte, ging es los: Das ganze Obergeschoss war voller Schwarzafrikaner, ein ganzer Stamm schien hier zu wohnen, Männer und noch mehr Frauen, alle halbnackt und in starkfarbigen Stoffen und Schmuck und massenhaft kleine Kinder. Das wuselte umher, dass ich gar nicht mehr durchblickte, ein richtiges Wuhling war hier im Gange, und ich lief völlig geplättet und auch entsetzt durch den ganzen großen Raum und fragte nur immer wieder, wo all die Leute herkommen und was sie hier machen, aber ich erhielt keine Antwort.
Auf einmal rannte ich gegen einen alten Schreibtisch mitten im Raum, daran saß ein weißer Mann und schrieb ein Buch. Als ich näher hinsah, sah ich, dass der Mann schon alt war und etwas verwahrlost, seine Haare waren schütter und fast schulterlang und ungekämmt, und er hatte einen schütteren, ungepflegten Bart, und auf einmal fing er an, ganz breit zu grinsen, immer mit den Augen auf seinem Buch, grinste so, dass es fast hämisch oder gehässig wirkte.
„Klaus, bitte, ich will auf den Dachboden!‟
Wir gingen noch ein Stück weiter durch den Raum zur rechten Haushälfte hinüber, und dort sah ich eine Stange, an der sich eine Wendeltreppe in mehrfachen Spiralen ins Dachgeschoss hoch wand.
„Natürlich‟, sagte ich und war schon völlig fertig. „Es musste ja eine Wendeltreppe sein, was sonst.‟

Als ich jedoch die Wendeltreppe hinaufsteigen wollte, wurde sie immer enger, bis sie nur noch wie ein Strick um den Pfahl gewunden war, und ich rief immer verzweifelter: „Soll ich jetzt den Pfahl hochklettern oder was?‟ Da entfaltete sich die Treppe zum Glück wieder, und ich stieg langsam hinauf und versuchte, die Stufen zu zählen. Ich kam bis vierzehn, aber es müssten eigentlich viel mehr gewesen sein, denn die Treppe wand sich doch mindestens vier oder fünf Mal um den Pfahl. Allerdings waren die Stufen auch sehr weit voneinander entfernt, und im Übrigen war die Treppe eher wie eine Leiter. Bei vierzehn stieg ich also oben raus und dachte, das kann jetzt nicht wahr sein! Als Erstes sah ich Schlamm, und in dem Matsch mittendrin saß ein Jugendlicher in Expeditionskleidung mit einem Käppi und schaute hinaus, und er saß mitten in einem riesigen Schlammbecken. Es sah aus, als fänden auf meinem Dachboden archäologische Ausgrabungen statt! Der Jugendliche war ein Freiwilliger, ein Helfer bei den Ausgrabungen. Und das ganze Dachgeschoss war ein einziges Chaos und völlig kaputt. Mindestens die Hälfte des Daches fehlte, die Sparren lagen in der freien Luft, und beide Längswände fehlten, deshalb konnte der Junge auch einfach im Schlamm sitzen und rausschauen - da war keine Wand! Er schaute zur Rückseite des Hauses hinaus, aber die Vorderseite war auch offen, und auf dem ganzen großen Dachboden ging alles drunter und drüber, es sah aus wie auf einer Baustelle, die seit Jahren Baustopp hat. Als hätte eine Bombe eingeschlagen: Bretter, Zementsäcke, Ziegel, Dämmmaterial und das ganze Baumaterial - alles lag wüst durcheinander, alles alt und verstaubt. Hier passierte nichts. Hier liefen zwar ein paar junge Männer sinnlos durch die Gegend, aber es konnte nicht gebaut werden, alles war kaputt, und entweder warteten sie auf die Freigabe oder auf Material, oder die ganze Baustelle war schon ein Investitionsgrab, keine Ahnung. Als ich nach vorn zum fehlenden Dach rausblickte, sah ich vom First oben einen Ziegel runterfliegen. Ich war völlig fertig.
Ich dachte, ok, du bist jetzt aber auf der rechten Seite, die Ischialgie war auf der linken, ich will zur linken Hausseite rüber, aber da ging es nicht durch. Sie war abgesperrt oder so was. Da waren die hölzernen Stützbalken und dazwischen so eine provisorische Absperrung, aus Dämmmatten oder Pappe, keine Ahnung.
„Ich will hier runter, Klaus, ich will hier raus, bitte komm!‟
Ich lief zur Wendeltreppe und eilte die vierzehn (ja, es waren vierzehn) Stufe wieder ins Obergeschoss, und das war jetzt noch voller.

Ein Stammesmeeting aller Schwarzafrikaner oder was. Ich muss aber sagen, unter den Schwarzen hier, das war zwar total chaotisch und wuselig, aber die Atmosphäre war eigentlich angenehm. Fröhlich und entspannt, nicht bedrohlich. Oben die Atmosphäre war schrecklich gewesen, allerdings auch nicht bedrohlich, eher trostlos und vor allem völlig verwirrend, als hätte ich eins über die Rübe gekriegt. Hier war ich auch verwirrt, und natürlich wollte ich keine fremden Leute im Haus haben, aber es war trotzdem irgendwie nett, wie wenn die Eltern von einer Reise vorzeitig nach Hause kommen und die Bude voller Teenies vorfinden, die Tochter feiert heimlich Party, und die Teenies sind aber alle ganz lieb und nett. So war das hier. So sah ich auch am Rand der Treppe, die ins Untergeschoss führte, jetzt eine lange Bank, auf der ganz viele saßen und fröhlich quatschten, und davor einen kleinen Pool mit türkisfarbenem Wasser, in dem ein Mann und ein paar Kinder schwammen und badeten. Das war auch alles sehr rein irgendwie, das sah sehr schön aus. Dann drängte sich eine große Gruppe Frauen mit ganz vielen kleinen Kindern die Treppe hinunter und ich hinterher.
Mir schien die Treppe dieses Mal länger als beim Aufstieg, doch endlich war ich wieder im Hausflur angelangt und lief Richtung Haustür. Das konnte aber nicht der Hausflur sein. Es war kein Stäbchenparkett mehr auf dem Fußboden, sondern große, alte Holzschindeln, ganz grau, die waren so alt und vergammelt, dass sie sich an beiden Seiten nach oben bogen, und sie waren so morsch, dass urplötzlich die Schindelreihe ganz rechts an der Wand, wo ich entlang lief, einbrach und einen Spalt im Fußboden frei gab, so dass ich regelrecht auf der Tapetenleiste balancieren musste, denn nach links wagte ich nun nicht mehr auszuweichen, weil dort garantiert die nächste Lage eingebrochen wäre.

Und da begann das finale Grauen: Durch den Spalt im Fußboden blickte ich ins Nichts hinein, ins schwarze Nichts. Da war gar kein Erdboden! Mein Haus steht offensichtlich über einem Abgrund! Es gähnte unter ihm eine bodenlose Grube, die Bodenlosigkeit und Schwärze selbst! Und ich klemmte auf der Tapetenleiste, klebte an der Wand und drohte, jeden Moment abzurutschen in diese verschimmelte Bodenlosigkeit hinein, die sich immer mehr ausweitete, bis nichts mehr zu sehen war als diese Bodenlosigkeit und meine mickrige Tapetenleiste unter meinen Füßen.
Da fing ich an zu schreien: „Klaus! Klaus!! Hol mich hier weg, bitte hilf mir Klaus, rette mich, bitte, bitte, hol mich hier weg!!!‟
Ich schlotterte am ganzen Körper und heulte vor Todesangst, aber da war kein Klaus, und da war keine Ausweichmöglichkeit. Ganz vorsichtig, aber schreiend vor Angst und Entsetzen, robbte ich an der Wand rückwärts, dort musste doch die Tür in den Raum mit dem Fischgrätenparkett sein, und sie hatte offen gestanden - aber da kam einfach keine Tür, nur diese verdammte, uralte, vergammelte, graue Natursteinwand! Ich schrie und heulte, ich war kurz vorm Überschnappen, ich dachte, das kann doch nicht sein, dass du auf einer Seelenreise... du brauchst doch nur die Augen aufzumachen, aber das hätte nichts geholfen, das wusste ich ganz klar, es hätte nichts geholfen, ich hätte nur diesen Albtraum in die Realität mit rübergenommen. Ich musste erst hier raus, irgendwie, es gab keinen Realitätsbonus.

Endlich, nach einer kleinen Unendlichkeit, fühlte ich, wie mich Klaus von hinten packte und irgendwo reinzog, ich glaubte, in den Raum, den ich gesucht hatte, er war es aber nicht. Nachdem Klaus mich längere Zeit gezogen und geschleppt hatte - und es war, als verfolge mich der Abgrund! -, stand ich endlich wieder im Hausflur direkt vor der Haustür und sah auch wieder die Parkettleisten, keine Schindeln. Ich stürzte hinaus, völlig außer mir, sah noch einmal am Haus hinauf aus nächster Nähe, nur an der linken Ecke: Ja, es war eine schmucke Natursteinvilla von außen, sogar ziemlich trutzig, wie ein kleines Schloss, ich sah einen Erker und ein Türmchen... und wimmerte, Klaus möge mich sofort von hier weg in die Steppe bringen, ich will in meine Steppe, meine geliebte Steppe!

Dort landete ich dann auch. Mit Klaus. Völlig aufgelöst und atemlos fragte ich ihn, was das gewesen war, was das bedeuten sollte, aber er sagte nur:
„Tja, so sieht das nun mal aus, aber es nützt ja nichts wegzulaufen. Du musst da wieder hin, da muss was gemacht werden. Ist nun mal so: Sie haben dich einfach ins Bodenlose geschmissen. Sie haben dein Haus überm Abgrund gebaut.‟
„Um Gottes Willen, Klaus, wer sind SIE?!‟
Doch das sagte er mir nicht mehr.

© Angela Nowicki, 20. Juni 2013

Mittwoch, 19. Juni 2013

Liebe als Pflicht

Seelenreise vom 7. September 2011

„Liebe als Pflicht. Sagt dir das etwas?‟ fragte ich Klaus. „Was ist das und woher kommt das?‟

Klaus erschien mit einem Kummet zusätzlich zu seinem Zaumzeug.
„Wer hat dir das angetan?‟ rief ich. „Wo kommt das her? Warum trägst du das?‟
Es störte mich ungeheuer, am liebsten wäre ich gleich wieder gegangen, ich wollte Klaus so nicht sehen.
„Nimm es mir ab, bitte, nimm es mir ab!‟ bettelte Klaus.
Ich versuchte es.
„Wer hat dir das denn angelegt?‟
„Du‟, rief Klaus schließlich.
„Ich?‟
Ich war entsetzt. Ich kämpfte weiter mit dem Teil und glaubte schon, es abgenommen zu haben, da sah ich ihn wieder eingeschirrt. Es gelang mir nicht, Klaus zu befreien.

Und da begriff ich. Klaus zeigte mir meinen Zustand! Ich war ein freier Mensch, und ich habe mir selbst so ein Geschirr angelegt, das ich nun nicht wieder ab bekomme.

„Komm mit.‟
Klaus führte mich geradeaus. Nach einigen Minuten liefen wir einen Hohlweg entlang. Rechts eine gras- und strauchbewachsene Böschung. Klaus lief nicht neben mir. Ich hatte ihn schon vorher vor mir laufen sehen. Jetzt lief er immer noch vor mir, aber er war vor einen Bauernwagen gespannt! Er ging und zog voller Mühe, müde und schwitzend, einen schweren Bauernwagen. Es schmerzte mich immer mehr.
Da drehte er sich um und fragte: „Wie sind die Pferde in solch eine Situation gekommen?‟


Rumak
© Angela Nowicki. Rumak. Digital bearbeitete Zeichnung. 2008.
Die Pferde.
Freie, stolze Tiere. Kraftvolle Tiere. Schnelle Tiere.
Das ist eine ganz andere Geschichte als bei Hunden und Katzen. Letztere haben sich von selbst in die Gesellschaft des Menschen begeben, weil es dort leichteres Futter gab. Aber Pferde? Soweit ich weiß, wurden Pferde von den Menschen mit Gewalt gezähmt. Noch heute gibt es wilde Pferde, vor allem in Amerika, die mit dem Lasso eingefangen werden - es wird regelrecht Jagd auf sie gemacht - und dann „zugeritten‟. Jedes Pferd muss zugeritten werden. Kein Pferd wird - auch heute nicht - als Arbeitstier geboren. Es sind immer noch freie Tiere, die sich nie freiwillig in Gefangenschaft begeben würden. Jedenfalls, soweit ich weiß. Jetzt muss ich mich unbedingt genauer darüber informieren, denn es betrifft MICH.
Aber wenn ein Pferd einmal in der Gefangenschaft ist, ist es ebenso treu wie ein Hund. Es macht keine Ausbruchsversuche mehr, sondern schickt sich in sein Schicksal, läuft von allein selbst aus weiter Entfernung wieder in seinen Stall, lässt sich ergeben reiten und vor den Wagen spannen... Wo sollte es auch hin? Pferde sind freie Herdentiere, aus einer Herde der Freien. Ein Pferd allein würde untergehen, es lebt ja auch fast nirgendwo mehr in der Nähe seiner Heimat, denn Pferde sind Steppentiere - STEPPENtiere! Daher meine Steppe! Daher Klaus! ...

© Angela Nowicki, 19. Juni 2013