Donnerstag, 20. Juni 2013

Leben über dem Abgrund

Seelenreise vom 10. September 2011

Klaus kam zuerst ganz frei heute, ohne irgendwelches Geschirr, er war ein ganz freies, wildes, stolzes Pferd. Und er kam nicht allein, ein anderes Pferd lief neben ihm auf mich zu, vielleicht eine Stute, doch als sie sich näherten, zog sie sich zurück und verschwand. Ich freute mich so, dass Klaus frei ist, ich freute mich so über die endlose Steppe mit ihrem weichen Gras, über das immer der Wind weht, und ich begrüßte Klaus und begann, laut nachzudenken, wie das war mit der Zähmung der Pferde und wie das war mit meiner Zähmung.

Die Menschen haben die Pferde also mit Gewalt eingefangen und ins Joch gespannt, weil sie so viel schneller waren als sie und ihnen als Fahrzeuge und später als Arbeitstiere nützen konnten, und dann haben sie sie über Jahrtausende hinweg so gezüchtet, dass sie weniger aggressiv und anhänglicher wurden und ganz stockbrav und treu und die Menschenstämme als ihre Herde ansahen.

Sie haben mich also mit Gewalt eingefangen und unters Joch gestellt, weil ich Eigenschaften hatte, die für sie sehr wertvoll waren, um sie auszunutzen, und dann haben sie mich im Laufe der Zeit so konditioniert oder gezüchtet, dass ich freiwillig bei ihnen blieb, in der Gruppe, die eigentlich mein Leben ist, aber in der falschen Gruppe, in der Gruppe der falschen Wesen, ja - aber wo sind meine Gefährten? Und dann stand eine ganze Herde Pferde vor mir, und sie schauten mich an.
Ich fragte ergriffen: „Seid ihr meine Seelengefährten?‟ und dabei lief mir ein Schauer über den Körper.
Da drehte sich eine Stute enttäuscht zu den anderen um und sagte: „Sie erkennt uns nicht.‟
„Ja, wie soll ich euch denn erkennen‟, rief ich verzweifelt, als ein Pferd nach dem anderen sich umdrehte und mich nicht mehr beachtete. „Ich bin doch kein Pferd. Ich habe zwar dieselbe Seele und dasselbe Schicksal, aber ich war doch kein Pferd? Ich bin doch ein Mensch!‟

Dann hatte Klaus wieder sein Zaumzeug am Kopf, und ich rief: „Warum hast du jetzt das wieder?‟
Doch er sagte: „Das brauche ich jetzt noch, um dich führen zu können, du musst dich doch an mir festhalten können.‟

Dann passierte lange Zeit nichts, ich saß nur da, und Klaus lief und tänzelte umher. Auf einmal kam er zu mir und sagte: „Komm mit‟, und dieses Mal lief ich an seiner rechten Seite, und er ging mit mir nach rechts.
Wir liefen lange. Unterwegs meinte ich einmal, links Menschen zu sehen, die schwer mit Stricken arbeiteten. Sie hielten jeder mindestens zwei Taue in beiden Händen und zogen damit an irgendetwas, doch ich konnte nicht erkennen woran. Es schienen große, senkrecht stehende Korbplatten zu sein, dann wieder ein wildes Pferd, das sich nicht einfangen ließ...

Endlich bemerkte ich, dass ich in einem Haus angekommen war, aber das war kein europäisches Haus, sondern so eines auf Stelzen, ganz aus Holz, ganz leer, ich glaube, solche Häuser gibt es in Afrika, ich sah den trockenen Bretterfußboden und eine große, breite Tür, die ins Freie führte.
„Ah, eine Terrasse‟, rief ich und ging hinaus. Es war eine große Terrasse, auch ganz aus Holzbrettern und hoch über dem Erdboden, mit einem Holzgeländer. Sie verlief ein ganzes Stück nach vorn und dann links um die Ecke, und dort reichte sie über die ganze Breitseite des Hauses. Ich lief über die ganze Terrasse bis zum Ende, immer die Holzbretter unter mir im Blick.
An ihrem Ende ging die Terrasse in einen schmaleren Weg über, der mitten durch einen hohen Bambuswald führte und mit Stroh- oder Korbmatten auslegt war - ja, wahrscheinlich war es eher Asien, die haben dort auch manchmal solche Häuser. Der Weg führte geradeaus bis zu einer Gabelung, und ich nahm spontan den Abzweig scharf nach links (und dachte im nächsten Moment, das war vielleicht der falsche, vielleicht hätte ich auf dem Hauptweg bleiben sollen, der leicht nach rechts abgebogen war), doch es war zu spät, ich war auf diesem Weg, der noch schmaler war und plötzlich in einer nicht enden wollenden Linkskurve anstieg und...
Na, ich weiß nicht, ob der Weg zu rennen anfing oder Klaus, der vor mir lief, und ich, jedenfalls rannten wir, und das lag an dem Weg, wir liefen weit, weit bis nach oben, und ich hörte, wie eine Frau links neben mir fragte: „Macht er Bodybuilding?‟ Und ein Mann antwortete: „Nein.‟
Im selben Moment stand vor mir ein großer, kräftiger Mann, der ein bisschen dumm, aber gutmütig wirkte. Er hatte beide Arme erhoben und grinste töricht, und eine schöne, klug aussehende Frau schmiegte sich an seine rechte Seite und schnüffelte an seiner Achsel. Dann ging sie um ihn herum, und dem Mann wuchsen immer mehr Haare am Körper, und er stand unverwandt mit erhobenen Armen da und grinste dümmlich.

Wir liefen weiter und mitten in eine riesige Herde Pferde hinein, die uns entgegengaloppierten, lauter kräftige, dunkle Pferde. Wir kamen da nicht mehr raus und wurden von den Pferden mitgezogen und um unsere eigenen Achsen gewirbelt und schwammen im Pferdestrom. Auf einmal war da ein Baby, ein ganz properes, nacktes, rosiges und süßes Baby von vielleicht zwei Monaten, das näherte sich einer Stute und dockte an ihre Zitzen an. Ein Baby wurde von einer Stute genährt. Doch plötzlich schüttelte die Stute das Baby richtig derb ab, so dass ihm die Zitze entwischte und sein Köpfchen nach hinten fiel.

Da richtete ich mich auf und sagte zu Klaus: „Ich will nicht mehr, es werden zu viele Bilder, die ich alle nicht verstehe. Aber ich wollte heute unbedingt noch mein Seelenhaus besuchen. Kannst du mich zu meinem Seelenhaus bringen?‟

Seelenhaus
Im selben Augenblick stand ich vor meinem Seelenhaus. Aber ich stand so dicht dran, dass ich es gar nicht anschauen konnte, und sofort ging die Haustür auf, und ich trat ein. Immer die Augen am Boden, immer am Boden, da sah ich ganz deutlich helle, trockene Holzdielen, sehr sauber und natürlich, angenehm - nein, es war eher eine Art Parkett, aber in Längsscheiten, wie kurze Dielenbretter. Es war ein schmaler, langer Hausflur, der in seiner Schlichtheit durchaus einladend wirkte, und heute war er auch endlich richtig hell.
Dann kam links eine offene Tür. Ich schaute in den Raum hinein und sah am Boden dieses Mal richtiges Fischgrätenparkett, helles, schönes Parkett. Ich wollte da gar nicht hinein, aber ich wurde irgendwie hineingezogen, ich musste da reinlaufen. Ich sah mich nun in dem Raum um, aber da sah ich wieder nichts, hier war - außer dem kleinen Bereich an der offenen Tür - wieder alles ziemlich dunkel.
Villa in Wernigerode. Foto und Bearbeitung: Angela Nowicki

„Klaus‟, sagte ich. „Nicht hier rein, ich muss auf den Dachboden. Bitte bring mich auf den Dachboden.‟

Wenn man von der Tür aus nach rechts ging, ging es in der rechten hinteren Ecke des Raumes wieder hinaus in den Flur, und dort führte eine steile, schmale Holztreppe nach oben. Die stieg ich hinauf, sie war ziemlich lang und machte oben eine Biegung nach rechts - und ich stand im Obergeschoss. Es war ein einziger riesiger Raum, sehr luftig, alles aus Holz, sehr viel freier Platz, kaum Möbel, mit vielen Fenstern. Ich lief nach rechts, also in die linke Haushälfte hinüber, da trat ich am Ende in einen kleinen quadratischen Raum auf der Rückseite des Hauses, der fast nur aus zwei Fenstern bestand und zwei schmucklosen Holzbänken über Eck und Holzdielen.
Ich wollte mich setzen. Plötzlich stand ein großer, schlanker Schwarzafrikaner auf und ging hinaus. Ich war völlig perplex. Ich fragte Klaus: „Was macht der denn hier?‟ Und als ich mich wieder umdrehte, ging es los: Das ganze Obergeschoss war voller Schwarzafrikaner, ein ganzer Stamm schien hier zu wohnen, Männer und noch mehr Frauen, alle halbnackt und in starkfarbigen Stoffen und Schmuck und massenhaft kleine Kinder. Das wuselte umher, dass ich gar nicht mehr durchblickte, ein richtiges Wuhling war hier im Gange, und ich lief völlig geplättet und auch entsetzt durch den ganzen großen Raum und fragte nur immer wieder, wo all die Leute herkommen und was sie hier machen, aber ich erhielt keine Antwort.
Auf einmal rannte ich gegen einen alten Schreibtisch mitten im Raum, daran saß ein weißer Mann und schrieb ein Buch. Als ich näher hinsah, sah ich, dass der Mann schon alt war und etwas verwahrlost, seine Haare waren schütter und fast schulterlang und ungekämmt, und er hatte einen schütteren, ungepflegten Bart, und auf einmal fing er an, ganz breit zu grinsen, immer mit den Augen auf seinem Buch, grinste so, dass es fast hämisch oder gehässig wirkte.
„Klaus, bitte, ich will auf den Dachboden!‟
Wir gingen noch ein Stück weiter durch den Raum zur rechten Haushälfte hinüber, und dort sah ich eine Stange, an der sich eine Wendeltreppe in mehrfachen Spiralen ins Dachgeschoss hoch wand.
„Natürlich‟, sagte ich und war schon völlig fertig. „Es musste ja eine Wendeltreppe sein, was sonst.‟

Als ich jedoch die Wendeltreppe hinaufsteigen wollte, wurde sie immer enger, bis sie nur noch wie ein Strick um den Pfahl gewunden war, und ich rief immer verzweifelter: „Soll ich jetzt den Pfahl hochklettern oder was?‟ Da entfaltete sich die Treppe zum Glück wieder, und ich stieg langsam hinauf und versuchte, die Stufen zu zählen. Ich kam bis vierzehn, aber es müssten eigentlich viel mehr gewesen sein, denn die Treppe wand sich doch mindestens vier oder fünf Mal um den Pfahl. Allerdings waren die Stufen auch sehr weit voneinander entfernt, und im Übrigen war die Treppe eher wie eine Leiter. Bei vierzehn stieg ich also oben raus und dachte, das kann jetzt nicht wahr sein! Als Erstes sah ich Schlamm, und in dem Matsch mittendrin saß ein Jugendlicher in Expeditionskleidung mit einem Käppi und schaute hinaus, und er saß mitten in einem riesigen Schlammbecken. Es sah aus, als fänden auf meinem Dachboden archäologische Ausgrabungen statt! Der Jugendliche war ein Freiwilliger, ein Helfer bei den Ausgrabungen. Und das ganze Dachgeschoss war ein einziges Chaos und völlig kaputt. Mindestens die Hälfte des Daches fehlte, die Sparren lagen in der freien Luft, und beide Längswände fehlten, deshalb konnte der Junge auch einfach im Schlamm sitzen und rausschauen - da war keine Wand! Er schaute zur Rückseite des Hauses hinaus, aber die Vorderseite war auch offen, und auf dem ganzen großen Dachboden ging alles drunter und drüber, es sah aus wie auf einer Baustelle, die seit Jahren Baustopp hat. Als hätte eine Bombe eingeschlagen: Bretter, Zementsäcke, Ziegel, Dämmmaterial und das ganze Baumaterial - alles lag wüst durcheinander, alles alt und verstaubt. Hier passierte nichts. Hier liefen zwar ein paar junge Männer sinnlos durch die Gegend, aber es konnte nicht gebaut werden, alles war kaputt, und entweder warteten sie auf die Freigabe oder auf Material, oder die ganze Baustelle war schon ein Investitionsgrab, keine Ahnung. Als ich nach vorn zum fehlenden Dach rausblickte, sah ich vom First oben einen Ziegel runterfliegen. Ich war völlig fertig.
Ich dachte, ok, du bist jetzt aber auf der rechten Seite, die Ischialgie war auf der linken, ich will zur linken Hausseite rüber, aber da ging es nicht durch. Sie war abgesperrt oder so was. Da waren die hölzernen Stützbalken und dazwischen so eine provisorische Absperrung, aus Dämmmatten oder Pappe, keine Ahnung.
„Ich will hier runter, Klaus, ich will hier raus, bitte komm!‟
Ich lief zur Wendeltreppe und eilte die vierzehn (ja, es waren vierzehn) Stufe wieder ins Obergeschoss, und das war jetzt noch voller.

Ein Stammesmeeting aller Schwarzafrikaner oder was. Ich muss aber sagen, unter den Schwarzen hier, das war zwar total chaotisch und wuselig, aber die Atmosphäre war eigentlich angenehm. Fröhlich und entspannt, nicht bedrohlich. Oben die Atmosphäre war schrecklich gewesen, allerdings auch nicht bedrohlich, eher trostlos und vor allem völlig verwirrend, als hätte ich eins über die Rübe gekriegt. Hier war ich auch verwirrt, und natürlich wollte ich keine fremden Leute im Haus haben, aber es war trotzdem irgendwie nett, wie wenn die Eltern von einer Reise vorzeitig nach Hause kommen und die Bude voller Teenies vorfinden, die Tochter feiert heimlich Party, und die Teenies sind aber alle ganz lieb und nett. So war das hier. So sah ich auch am Rand der Treppe, die ins Untergeschoss führte, jetzt eine lange Bank, auf der ganz viele saßen und fröhlich quatschten, und davor einen kleinen Pool mit türkisfarbenem Wasser, in dem ein Mann und ein paar Kinder schwammen und badeten. Das war auch alles sehr rein irgendwie, das sah sehr schön aus. Dann drängte sich eine große Gruppe Frauen mit ganz vielen kleinen Kindern die Treppe hinunter und ich hinterher.
Mir schien die Treppe dieses Mal länger als beim Aufstieg, doch endlich war ich wieder im Hausflur angelangt und lief Richtung Haustür. Das konnte aber nicht der Hausflur sein. Es war kein Stäbchenparkett mehr auf dem Fußboden, sondern große, alte Holzschindeln, ganz grau, die waren so alt und vergammelt, dass sie sich an beiden Seiten nach oben bogen, und sie waren so morsch, dass urplötzlich die Schindelreihe ganz rechts an der Wand, wo ich entlang lief, einbrach und einen Spalt im Fußboden frei gab, so dass ich regelrecht auf der Tapetenleiste balancieren musste, denn nach links wagte ich nun nicht mehr auszuweichen, weil dort garantiert die nächste Lage eingebrochen wäre.

Und da begann das finale Grauen: Durch den Spalt im Fußboden blickte ich ins Nichts hinein, ins schwarze Nichts. Da war gar kein Erdboden! Mein Haus steht offensichtlich über einem Abgrund! Es gähnte unter ihm eine bodenlose Grube, die Bodenlosigkeit und Schwärze selbst! Und ich klemmte auf der Tapetenleiste, klebte an der Wand und drohte, jeden Moment abzurutschen in diese verschimmelte Bodenlosigkeit hinein, die sich immer mehr ausweitete, bis nichts mehr zu sehen war als diese Bodenlosigkeit und meine mickrige Tapetenleiste unter meinen Füßen.
Da fing ich an zu schreien: „Klaus! Klaus!! Hol mich hier weg, bitte hilf mir Klaus, rette mich, bitte, bitte, hol mich hier weg!!!‟
Ich schlotterte am ganzen Körper und heulte vor Todesangst, aber da war kein Klaus, und da war keine Ausweichmöglichkeit. Ganz vorsichtig, aber schreiend vor Angst und Entsetzen, robbte ich an der Wand rückwärts, dort musste doch die Tür in den Raum mit dem Fischgrätenparkett sein, und sie hatte offen gestanden - aber da kam einfach keine Tür, nur diese verdammte, uralte, vergammelte, graue Natursteinwand! Ich schrie und heulte, ich war kurz vorm Überschnappen, ich dachte, das kann doch nicht sein, dass du auf einer Seelenreise... du brauchst doch nur die Augen aufzumachen, aber das hätte nichts geholfen, das wusste ich ganz klar, es hätte nichts geholfen, ich hätte nur diesen Albtraum in die Realität mit rübergenommen. Ich musste erst hier raus, irgendwie, es gab keinen Realitätsbonus.

Endlich, nach einer kleinen Unendlichkeit, fühlte ich, wie mich Klaus von hinten packte und irgendwo reinzog, ich glaubte, in den Raum, den ich gesucht hatte, er war es aber nicht. Nachdem Klaus mich längere Zeit gezogen und geschleppt hatte - und es war, als verfolge mich der Abgrund! -, stand ich endlich wieder im Hausflur direkt vor der Haustür und sah auch wieder die Parkettleisten, keine Schindeln. Ich stürzte hinaus, völlig außer mir, sah noch einmal am Haus hinauf aus nächster Nähe, nur an der linken Ecke: Ja, es war eine schmucke Natursteinvilla von außen, sogar ziemlich trutzig, wie ein kleines Schloss, ich sah einen Erker und ein Türmchen... und wimmerte, Klaus möge mich sofort von hier weg in die Steppe bringen, ich will in meine Steppe, meine geliebte Steppe!

Dort landete ich dann auch. Mit Klaus. Völlig aufgelöst und atemlos fragte ich ihn, was das gewesen war, was das bedeuten sollte, aber er sagte nur:
„Tja, so sieht das nun mal aus, aber es nützt ja nichts wegzulaufen. Du musst da wieder hin, da muss was gemacht werden. Ist nun mal so: Sie haben dich einfach ins Bodenlose geschmissen. Sie haben dein Haus überm Abgrund gebaut.‟
„Um Gottes Willen, Klaus, wer sind SIE?!‟
Doch das sagte er mir nicht mehr.

© Angela Nowicki, 20. Juni 2013

Mittwoch, 19. Juni 2013

Liebe als Pflicht

Seelenreise vom 7. September 2011

„Liebe als Pflicht. Sagt dir das etwas?‟ fragte ich Klaus. „Was ist das und woher kommt das?‟

Klaus erschien mit einem Kummet zusätzlich zu seinem Zaumzeug.
„Wer hat dir das angetan?‟ rief ich. „Wo kommt das her? Warum trägst du das?‟
Es störte mich ungeheuer, am liebsten wäre ich gleich wieder gegangen, ich wollte Klaus so nicht sehen.
„Nimm es mir ab, bitte, nimm es mir ab!‟ bettelte Klaus.
Ich versuchte es.
„Wer hat dir das denn angelegt?‟
„Du‟, rief Klaus schließlich.
„Ich?‟
Ich war entsetzt. Ich kämpfte weiter mit dem Teil und glaubte schon, es abgenommen zu haben, da sah ich ihn wieder eingeschirrt. Es gelang mir nicht, Klaus zu befreien.

Und da begriff ich. Klaus zeigte mir meinen Zustand! Ich war ein freier Mensch, und ich habe mir selbst so ein Geschirr angelegt, das ich nun nicht wieder ab bekomme.

„Komm mit.‟
Klaus führte mich geradeaus. Nach einigen Minuten liefen wir einen Hohlweg entlang. Rechts eine gras- und strauchbewachsene Böschung. Klaus lief nicht neben mir. Ich hatte ihn schon vorher vor mir laufen sehen. Jetzt lief er immer noch vor mir, aber er war vor einen Bauernwagen gespannt! Er ging und zog voller Mühe, müde und schwitzend, einen schweren Bauernwagen. Es schmerzte mich immer mehr.
Da drehte er sich um und fragte: „Wie sind die Pferde in solch eine Situation gekommen?‟


Rumak
© Angela Nowicki. Rumak. Digital bearbeitete Zeichnung. 2008.
Die Pferde.
Freie, stolze Tiere. Kraftvolle Tiere. Schnelle Tiere.
Das ist eine ganz andere Geschichte als bei Hunden und Katzen. Letztere haben sich von selbst in die Gesellschaft des Menschen begeben, weil es dort leichteres Futter gab. Aber Pferde? Soweit ich weiß, wurden Pferde von den Menschen mit Gewalt gezähmt. Noch heute gibt es wilde Pferde, vor allem in Amerika, die mit dem Lasso eingefangen werden - es wird regelrecht Jagd auf sie gemacht - und dann „zugeritten‟. Jedes Pferd muss zugeritten werden. Kein Pferd wird - auch heute nicht - als Arbeitstier geboren. Es sind immer noch freie Tiere, die sich nie freiwillig in Gefangenschaft begeben würden. Jedenfalls, soweit ich weiß. Jetzt muss ich mich unbedingt genauer darüber informieren, denn es betrifft MICH.
Aber wenn ein Pferd einmal in der Gefangenschaft ist, ist es ebenso treu wie ein Hund. Es macht keine Ausbruchsversuche mehr, sondern schickt sich in sein Schicksal, läuft von allein selbst aus weiter Entfernung wieder in seinen Stall, lässt sich ergeben reiten und vor den Wagen spannen... Wo sollte es auch hin? Pferde sind freie Herdentiere, aus einer Herde der Freien. Ein Pferd allein würde untergehen, es lebt ja auch fast nirgendwo mehr in der Nähe seiner Heimat, denn Pferde sind Steppentiere - STEPPENtiere! Daher meine Steppe! Daher Klaus! ...

© Angela Nowicki, 19. Juni 2013

Dienstag, 18. Juni 2013

Es ist das Kind

Seelenreise vom 4. September 2011
 
Nachdem ich auf meinen Seelenreisen zwei Krafttiere „verschlissen‟ hatte („Ich werde auch wieder gehen‟, hatte meine Schildkröte Hulda gesagt. „Du änderst dich.‟), bin ich eines Abends Anfang September 2011 den Pferden begegnet. Erst mal einem Pferd, das sich Klaus nannte und später Lukas (ein Anagramm, ja, ja).
Pferde sind keine eigentlichen Krafttiere. „Ich bin ein Tier, und ich habe Kraft‟, hatte Lukas irgendwann auf meine Frage geantwortet. „Aber ich bin kein Krafttier. Ich bin dein Lehrer.‟ (Noch lange vor der Big Bang Theory und Sheldons Running Statement: „Amy ist weiblich, und wir sind befreundet. Aber sie ist nicht meine Freundin.‟ *lol*)
Also, Lukas ist mein Lehrer, und durch ihn habe ich die mir verwandte Seelengruppe gefunden: die Pferde. Aber das ist eine andere Geschichte. Am nächsten Abend jedenfalls ging ich wieder zu - damals noch - Klaus...

... schmiegte mich an ihn und fragte ihn dann, was er mir zeigen möchte, denn er war schon wieder gekommen, um mich abzuholen.
„Du dachtest doch, du hättest einen Teil von dir abgespalten‟, sagte er, während wir wieder nach links liefen. Rechts von Klaus fiel die Wiese von allen Seiten in eine spitze Senke ab, die in einen Waldweg mündete. „Ich zeige dir jetzt, wie es wirklich ist. Mal sehen, ob du es verstehen kannst.‟
Als wir schließlich aus der Steppenlandschaft hinaus an einem langen Foliezelt rechterhand entlang liefen, sagte er: „Es ist das Kind aus deinen Träumen.‟
„Es ist das Kind? Mein abgespaltener Seelenanteil?‟
„Es ist anders, aber es ist das Kind, ja.‟
Am Ende des Foliezeltes begann ein großer Gewächshauskomplex, rechts und links längs zu uns lange Gewächshäuser, und wir liefen und liefen. Dabei hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr im Freien sind: All diese kilometerlangen Gewächshäuser schienen sich in einem riesigen, übergeordneten Gewächshaus oder einer Halle zu befinden. Was in den Gewächshäusern war, erkannte ich nicht, man sah nur verschwommene Pflanzenschemen.
Die links hörten nun auf, und die rechts gingen in ebenfalls kilometerlange Regale über, die mit Anzuchten vollgestopft zu sein schienen, und es sah aus, als ob diese Unter-Glas-Kulturen und Anzuchttöpfchen Menschenbabys enthalten könnten.
Klaus wandte sich nach links, einer alten und großen, weiß gestrichenen Tür zu, von der die Farbe abblätterte. Es sah aus wie eine Bürotür in der Gärtnerei, bestimmt saß hier die Buchhaltung. Die Tür öffnete sich, und wir traten in einen Hausflur ein. Links war eine Wohnungstür, geradeaus führte eine Treppe nach oben, doch wir stiegen nicht die Treppe hinauf, sondern blieben rechts daneben stehen, wo es eigentlich in den Keller und in den Hof gehen müsste. Dort war aber alles dunkel, das heißt, es stand dort so etwas wie ein großer, dunkler Stein. Vor dem blieben wir stehen und schauten, und nach einiger Zeit erkannte ich ein Baby, einen Jungen, der auf dem Stein auf dem Bauch lag, mit den Beinchen zu uns, und augenscheinlich wegzurobben versuchte.

Er zog uns nach sich in eine Stadt. Ich stand auf einmal in einer Straßenflucht, wie ich sie auf meinen Seelenreisen noch nie gesehen habe. Die Häuser waren alt und schön, mit vielen Verzierungen, alte Jugendstilhäuser.
Dann Szenenwechsel, und ich schwebte mit Klaus gleichsam in der Luft und blickte über einen Platz auf ein Gebäude hinunter, in das ein riesiges rundes Tor hineinführte, ein klassizistischer Bau, der aussah wie der Eingang zu einer Galerie oder einem Museum.
Und nun geriet endgültig alles durcheinander. Es waren so viele, so deutliche Bilder und Szenen, dass ich bestimmt die Hälfte schon wieder vergessen habe und die Reihenfolge sowieso. Immer wieder tauchte mein acht Monate alter Enkel vor meinen Augen auf, wie er isst, wie er sich etwas in den Mund steckt, seinen Finger in den Mund steckt, immer sein Mund.
Irgendwann nach dieser Stadt, in der ich nur kurz war, blickte ich, ebenfalls von oben, über eine sehr detaillierte Landschaft, die mich an das Erzgebirge erinnerte: Hügel, Berge, Wiesen, Waldgruppen... Ich weiß es nicht mehr genau, aber sie war mir sehr vertraut.

Verzaubertes Kind
Und irgendwann trat oder fiel ein Baby heraus, und das, aus dem es herauskam, war eine riesige Hülle von der Gestalt eines Menschen, und diese Hülle war ich. Diese Hülle war dunkel, alt und morsch, und während das Baby - oder die Babys? ich glaube, es waren mehrere - herauskam, begann diese morsche, alte Hülle zu bröckeln und zerfiel ganz langsam. Und da sagte Klaus: „Du musst die Alten das Kind gebären lassen‟ - oder so ähnlich. Er sagte nicht, dass ich etwas gebären müsse, er sprach in der dritten Person: „die Alten‟ oder „die Eltern‟ oder „die Erzieher‟, aber er identifizierte mich damit. Es war klar, dass ich damit gemeint war, aber mit den Babys, den Kindern auch, auch ich, und er sagte, es sei meine Aufgabe. Es sei dringend, höchste Zeit, dass die alte Hülle die Kinder zur Welt bringe.

© Angela Nowicki. Verzaubertes Kind. Mandelbulb 3D & Grafiktablett. 2012

Flöha
Wir schwebten oder standen dann wieder auf einer Anhöhe über einem schmalen, flachen Fluss, und ich war mir sicher, dass das die Flöha sei. Der Fluss wurde immer schmaler und wurde schließlich zu einem fußbreiten Grat an einem fast senkrechten Bergabhang. Der Berg wurde zum nackten Fels, und dieser Fels war sehr, sehr hoch, und wir schwebten oben an dem Fels, etwas oberhalb des fußbreiten Grats, der vorher ein Fluss, die Flöha, gewesen war und sahen, wie links ein breiter Wasserfall über mehrere Stufen in die Tiefe stürzte. Der Grat war so schmal, dass ich mir sicher war, darauf nicht gehen zu können, und doch bewegten wir uns auf ihm entlang nach rechts, immer hart an der nackten Felswand über dem schwindelnden Abgrund. Es wuchsen aber auch Bäume und Sträucher, verkrüppelte Bäume an dem Felshang, es war alles grün und feucht und durchaus lebendig. Ich wunderte mich nur, dass wir nicht abstürzten, denn eigentlich war es menschenunmöglich, auf diesem fußbreiten Grat quer am Felsen entlang zu kriechen. Dann kamen wir auf der rechten Seite
an einen ähnlichen Wasserfall wie am Anfang, ungeheuer breit, sehr viel Wasser.
André Karvath. Flöha. 2008. Quelle: Wikipedia


Und dann kamen noch viele Szenen und Bilder, ich weiß das alles nicht mehr, und immer wieder mein Enkel mit seinem Mund dazwischen, in den er irgendetwas hineinsteckte. Die Szenen waren ja auch so verschieden, das weiß ich noch: Von der Stadt ohne Übergang in eine Landschaft, von dort wieder woandershin, alles fast ohne Übergang, ich reiste nicht, ich tauchte in einer Szene oder einem Bild auf und dann im nächsten; einen logischen Zusammenhang konnte ich nicht erkennen. Aber die Bilder waren ungewöhnlich deutlich.
Ich sah auch einmal ganz deutlich ein Pferdegebiss vor mir, und ich dachte, das sei Klaus, aber es war kein typisches Pferdemaul mit seinen Lefzen, sondern ein großes, weit aufgerissenes Maul mit einem Pferdegebiss, und drin war alles schwarz, und es war, als wolle es mich verschlingen oder in sich hineinschauen lassen.

Und einmal, und das war sehr beeindruckend und wirkte in mir noch lange nach, sah ich die „Blaupause eines Menschen‟, einen „negativen Menschen‟: Lichtstrahlen umgaben ein schwarzes Loch von der Form eines Menschen. Der Mensch wurde geschaffen als Abfall des Lichtes, als Nichtlicht.

Und aus irgendeiner Szene rutschte ich, ohne es richtig zu merken, ins Finale hinein. Es war die Wiederholung der heutigen realen Abschiedsszene in Leipzig: Mein Partner und ich standen auf der Straße vor unserem Auto, und unsere Tochter lief mit dem Enkel im Kinderwagen nach vorn, zum Ende des Blocks hin... Ich schrak fast zusammen, als mir plötzlich einfiel, dass sie wirklich nach vorn gelaufen war - so, als hätte ich das in der Realität gar nicht bewusst wahrgenommen - wieso nach vorn? Ihr Hauseingang lag ein Haus hinter uns? Wollte sie noch weiter mit dem Kleinen spazieren gehen, weil ihr unser Spaziergang zu kurz gewesen war, während mein Partner und ich schon erschöpft schwitzten? Natürlich nicht! Da fiel es mir wieder ein: Sie kann mit dem Kinderwagen nicht zum Vordereingang rein, sie muss noch einmal ums ganze Karree laufen, damit sie durch das Tor an der Seite in den Hof rein kann. In der Realität musste sie gar nicht ums ganze Karree laufen, sondern nur um die Ecke, denn der Hof hat von beiden Seiten je ein Tor, und mir wurde das auch auf der Seelenreise gleich klar. Aber für die Botschaft der Seelenreise war es wichtig, dass sie ums ganze Karree herum musste. Diese Botschaft übermittelte mir Klaus, und sie lautete in etwas wie folgt:

„Du musst dich von deinen Eltern verabschieden und mit deinem Kind noch einmal den weiten Weg um alles herumlaufen, um nach Hause zu kommen.‟

Als wir dann endlich erschöpft wieder auf unsere Steppenwiese sanken, in unsere Savanne, in die Prärie, saß ich links neben Klaus, und Klaus legte sich hin, er schien sehr erschöpft zu sein, er lag, und sein schöner Kopf sank langsam auf die Vorderbeine, und ich schmiegte mich an seinen Hals und sagte: „Ich weiß nicht, ob ich es verstanden habe, aber es war sehr intensiv und ist tief in mich eingedrungen.‟ Und Klaus sagte: „Das ist schön, so soll es sein.‟ Ich sagte: „Das arbeitet jetzt in mir.‟ Und Klaus sagte wieder: „Das ist schön.‟

Noch einmal sah ich ein Baby vor mir in der Luft sitzen, aber dieses Mal war es nicht mein Enkel, sondern ein sehr alter, hässlicher, verschrumpelter Mann, ein Babygreis.

Später fragte ich ihn, ob ich denn wirklich so einseitig auf meinen Verstand, meine geistige Intelligenz fixiert sei. Er sagte: „Auf dieser Welt ist alles einseitig, aber so muss es sein. Du bist nicht nur auf deinen Intellekt fixiert, nein, du hast sehr viele Kräfte. Mach dir mal keine Gedanken, es ist schon alles richtig so.‟
Noch später fragte ich ihn, ob ich immer noch am Falschen arbeite, oder ob das Schreiben jetzt das Richtige sei, und er sagte: „Das, woran du arbeitest, ist immer das Richtige.‟

Es kamen dann immer wieder einzelne, intensive Bilder, die mir direkt schon ein bisschen lästig wurden, weil ich sie in keinen Zusammenhang mehr bringen konnte und die Reise ja eigentlich auch schon abgeschlossen und rund war.
Ich musste einmal kurz aufstehen, um das Fenster wieder zu öffnen, weil das Gewitter abgezogen war. Dabei fühlte ich, dass ich mich verändert haben muss. Ich fühlte mich wie ein anderer Mensch. Als sei ich in eine andere Seele hinein gewechselt, oder als sei ein neues Seelenstück in mir hinzugekommen, so dass man auf einmal ein anderes Selbstgefühl hat. Beschreiben kann ich es schwer: Ich fühlte mich in mir fest und ruhig - nicht mehr so flatterig und getrieben - so, als habe ich mich innerlich hingesetzt und an etwas gebunden, sehr konzentriert. Es war ein verdammt gutes Gefühl, auch wenn es keine Vielseitigkeit mehr zu beinhalten schien, aber ich weiß jetzt wirklich nicht mehr genau, wie sich das anfühlte.
Als ich wieder im Bett lag und die Augen schloss, senkte sich auf einmal ganz sanft und leicht ein Schleier vor die innere Welt, in der ich gerade gewesen war, wie ein heller Musselinschleier, über das ganze Bild, verdeckte alles, wie im Theater, wenn der Vorhang fällt.

© Angela Nowicki, 18. Juni 2013

Montag, 17. Juni 2013

Die Befreiung

Ich werde jetzt in straffer Folge von einer bemerkenswerten Entwicklung berichten, die ihren unmittelbaren Anfang mit einer Seelenreise vor fast zwei Jahren nahm. Ich habe nach und nach herausgefunden, welche Lasten ich von meinen Vorfahren übernommen habe, und ich bin gerade dabei, die letzten davon zurückzugeben und mich von meinen Ahnen abzulösen, um endlich mein eigenes, freies Leben führen zu können.

Entwicklung ist ein Grundgesetz des Lebens. Wenn unsere Seele ins Leben eintritt, ist sie kein unbeschriebenes Blatt. Wir bringen ungelöste Erfahrungen aus dem universellen Bewusstsein mit, die aus vielen anderen individuellen Leben dort gespeichert wurden, und fast jeder von uns schleppt Lasten seiner Vorfahren, die diese wiederum über Generationen weitergegeben haben. Wie in einer endlosen Fuge sind alle Seelen, die je gelebt haben, leben und je leben werden, miteinander verflochten. Ein ewiger Fackellauf.
Die Lasten der Ahnen gehören uns nicht. Es sind fremde Lasten, die wir auf einer zutiefst unbewussten Ebene bereits bei unserer Zeugung, im Mutterleib und in der frühen Kindheit auf uns nehmen, weil wir uns schuldig fühlen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, denn Leben heißt Schuldigwerden, dem kann sich niemand, wirklich niemand entziehen. Wer lebt, wirkt, und wer wirkt, lädt Schuld auf sich. Das ist die eigentliche Erbsünde des Alten Testaments: Wir erben das Leben und damit auch den Zwang, Ursachen zu setzen, deren Wirkung wir nicht einmal ansatzweise überblicken können.
Unser seelischer Entwicklungsprozess im physischen Körper verlangt nun aber von uns, dass wir uns dieser Zusammenhänge auf die eine oder andere Art bewusst werden. Es geht nicht ums Handeln. Bewusstsein ist alles - das Handeln folgt dann ganz von selbst, ohne gezielte Anstrengung. Wenn wir uns der familiären Lasten bewusst werden, können wir sie an den oder die Vorfahren, denen wir sie abgenommen haben, zurückgeben. Das kann auf Seelenreisen geschehen oder mithilfe der Methoden von Phyllis Krystal, die letztlich nichts anderes als methodisch ausgearbeitete Seelenreisen sind.

Eines muss klar sein: Wenn ich von Schuld spreche, so meine ich damit keine persönliche Verfehlung! Leider ist der Schuldbegriff von den Kirchen der Welt über Jahrhunderte hinweg personalisiert, kriminalisiert und damit moralisch absolut negativ besetzt worden. Es geht hier aber nicht um Moral. Schuld ist nichts Falsches oder Böses, es ist nichts, was wir absichtlich tun oder lassen können, sondern eine immanente Eigenschaft des Lebens. Diese objektive Bedeutung ist heute noch im Begriff des vertraglichen oder gesetzlichen Schuldverhältnisses begreifbar: Der Schuldner hat nichts Schlimmes getan, sondern einfach etwas erhalten, was ihm im Gegenzug eine Leistungspflicht auferlegt. Das ist in etwa inhaltsgleich mit dem hinduistischen Begriff Karma, der leider im populären Verständnis ähnlich moralisch missverstanden wird.

Skuld (Schuld) ist auch der Name einer der drei Nornen in der nordischen Mythologie. Es ist die Norne, die in die Zukunft blickt, denn die Zukunft ist „das der Vergangenheit Geschuldete‟. Das ist laut Wikipedia „das Geschehen, das noch zu geschehen hat, weil es auf Grund des Vergangenen nicht anders geschehen kann‟.

Somit sind weder unsere Vorfahren die Täter noch wir die Opfer. Es ist, wie es ist: Kraft unserer Geburt stehen wir in ihrer Schuld, nämlich in der Pflicht, das erhaltene Leben weiterzugeben. Wenn wir heil und ganz wären, würden wir unsere Inkarnation nutzen, um hervorzubringen, was in uns einzigartig ist, und diesen Schatz an andere weiterzugeben, bevorzugt an unsere Kinder. Das ist der gesunde und natürliche Lauf der Dinge; Entwicklung geht immer vorwärts, nie rückwärts. Aber wenn wir heil und ganz wären, bräuchten wir erst gar nicht zu inkarnieren, jedenfalls nicht in der irdischen Welt. Jede im Zuge der Bewusstwerdung eintretende Umkehr unserer Schuld aus der Orientierung auf die Vergangenheit in die Orientierung auf die Zukunft jedoch ist ein Schritt hin zur Heilung und zur Ganzheit.

Diesen Weg bin ich gegangen und habe dabei Erstaunliches erfahren. Und ich werde von Tag zu Tag freier und komme der Person näher, als die ich gedacht bin.

© Angela Nowicki, 17. Juni 2013

Samstag, 15. Juni 2013

Chemnitz, Sonnenberg

Das Chemnitzer Stadtviertel Sonnenberg war seit der Industrialisierung eines der drei Arbeiterviertel der Stadt. Die aus dem umliegenden Erzgebirge und den ländlichen Gebieten im Norden zuströmenden Menschen, die hofften, hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wurden in schmucklose, vier- bis fünfgeschossige Mietskasernen mit Trockenklo auf halber Treppe gepfercht. Sie lebten in Armut und Elend, in düsteren, feuchten, viel zu engen Wohnungen. Der Sonnenberg war der Stadtteil mit der größten Einwohnerdichte und, damit einhergehend, einer hohen Säuglingssterblichkeit und grassierender Schwindsucht.
Die heute trotz allem besseren Lebensbedingungen sind nicht dem gesellschaftlichen System zu verdanken, sondern dem allgemeinen Fortschritt. Zu DDR-Zeiten war am „oberen‟ Ende des Sonnenbergs die Sowjetarmee in den alten Kasernengebäuden des 15. Königlich Sächsischen Regiments No. 181 einquartiert. In den Wohnhäusern auf der anderen Seite der damaligen Leninallee wohnten die Familien der Rotarmisten. Es gab mehrere „Russenläden‟, die wegen ihrer zum Teil exotischen Waren auch von den deutschen Einwohnern gern besucht wurden.
Von der Leninallee, die heute Heinrich-Schütz-Straße heißt, verläuft die Zietenstraße, damals Dimitroffstraße, quer über den Sonnenberg bis hinunter zur Augustusburger Straße. Dort unten begann sich Ende der 1980er Jahre etwas zu tun: Die verfallenden Mietskasernen wurden eingerüstet, und Tag für Tag machten sich mehr Bauarbeiter dort zu schaffen, als wir je an einem Fleck gesehen hatten. Der Grund war bald bekannt: Zum Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt 1989 mussten in aller Eile noch ein paar Potemkinsche Dörfer hochgezogen werden. An öffentlichen Toiletten, Papierkörben und Parkbänken fehlte es jedoch selbst bei Margots Besuch wie eh und je.
Heute ist der Sonnenberg immer noch das am meisten sanierungsbedürftige Stadtviertel. In den nicht erst seit der Wende leer stehenden Bruchbuden hat sich schnell die Chemnitzer Alternative angesiedelt: Künstler, Sozialarbeiter, Aussteiger. Eine Chemnitzer Variante der Bunten Republik Neustadt ist es trotzdem nicht geworden. Als Kontrastprogramm zu den Hochglanzbildchen im Sonnenberg-Artikel der Wikipedia hier ein paar ausgewählte Schnappschüsse, die ich heute am unteren Ende der Zietenstraße gemacht habe.
 




 
© Angela Nowicki, 15. Juni 2013

Mittwoch, 5. Juni 2013

Barockgarten Schloss Lichtenwalde

Ausgewählte Impressionen aus dem Barockgarten Lichtenwalde. Heute kostete der Eintritt nur 1,50 Euro, weil durch das Hochwasser nicht alle Wasserspiele in Betrieb waren.
 
 
© Angela Nowicki, 5. Juni 2013

Montag, 3. Juni 2013

Hochwasser 2013

Ein paar aktuelle Fotos vom Hochwasser in Chemnitz, aufgenommen im Stadtpark am Südring. Das Schlimmste haben wir wohl hinter uns, die sonst so brave, kleine Chemnitz tobt zwar noch, aber wieder im (künstlichen) Flussbett. Auf ein paar Fotos sieht man, wo gestern noch Land unter war.
Soweit ich gesehen habe, steht die Annaberger Straße zwischen Zentrum und Treffurthbrücke noch unter Wasser, und überall wird abgepumpt.
Die Enten und die Vögel freuen sich.
 
 
© Angela Nowicki, 3. Juni 2013